ugenblick   Epiphanie, Erscheinung ... bezieht sich zunächst auf ein äußeres Erscheinungsbild, auf die Registrierung der Oberfläche. Was durch die Sinne in einem bestimmten, konzentrierten Moment wahrgenommen wird, nimmt als Erscheinung Umrisse an. Im gleichen Vorgang aber wird Epiphanie als wahrgenommener Moment auch schon Erscheinung = Vision, vorgestellter Moment, der die einzelne Wahrnehmung von einem anvisierten Ganzen her aufleuchten, 'strahlen' läßt. Erinnerung und Erwartung verknüpfen die äußere Erscheinung mit den ältesten Menschheitserfahrungen und -träumen und den jüngsten vortastenden Entdeckungsversuchen. Augenblick und Einzelding werden so, wie bisher kaum je, betont." - Walter Höllerer, Die Epiphanie als Held des Romans. Akzente H. 2/3 1961

Augenblick (2) Stephan zeigte auf einen Korb, den sich ein Metzgerjunge über den Kopf gestülpt hatte.

»Besieh dir den Korb«, sagte er. »Ich sehe ihn«, sagte Lynch.

»Um diesen Korb zu sehen«, sagte Stephan, »trennt dein Geist zuerst den Korb von allem anderen des sichtbaren Universums, welches der Korb nicht ist. Die erste Phase der Apprehension besteht darin, daß eine Grenzlinie um den Gegenstand gezogen wird, der betrachtet werden soll. Ein ästhetisches Bild zeigt sich uns entweder im Raum oder in der Zeit. Das Hörbare erscheint in der Zeit, das Sichtbare im Raum. Das ästhetische Bild sei es nun zeitlich oder räumlich, wird zuerst als ein durchaus begrenztes Ganzes auf dem unermeßlichen Hintergrund von Zeit und Raum geschaut, der dieses Bild nicht ist. Du schaust es als eins. Du siehst es als ein Ganzes. Du schaust seine Vollständigkeit. Das ist die integritas

»Ins Zentrum getroffen!« sagte Lynch lachend. »Fahre fort.«

»Dann«, sagte Stephan, »gehst du von Punkt zu Punkt weiter, seine Linien führen dich; du schaust es als durchaus im Gleichgewicht innerhalb seiner Grenzen; du fühlst den Rhythmus seiner Struktur. In anderen Worten: auf die Synthese der unmittelbaren Perzeption folgt die Analyse der Apprehension. Hast du es aber als ein Ding empfunden, empfindest du es jetzt als ein Ding. Du schaust es als Komplex, als vielfach, teilbar, trennbar, als aus seinen Teilen bestehend, als das Resultat seiner Teile und deren Summe, als harmonisch. Das ist die consonantia

»Wieder ins Schwarze getroffen«, sagte Lynch witzig. »Sage mir jetzt noch, was die claritas ist, und du kriegst eine Zigarre.«

»Der Inhalt des Wortes«, sagte Stephan, »ist ziemlich vage. Aquino gebraucht einen Ausdruck, der ungenau zu sein scheint. Ich habe mich lange damit herumgeschlagen. Man könnte wohl glauben, er hätte damit Symbolismus oder Idealismus gemeint, da ja die höchste Eigenschaft des Schönen ein Licht aus irgendeiner anderen Welt ist, die Idee, deren Substanz nur der Schatten ist, die Wirklichkeit, deren Symbol sie nur ist, Ich dachte weiter, claritas wäre nach seiner Auffassung die künstlerische Entdeckung, die Darstellüng des göttlichen Zweckes in allem, wäre eine Kraft der Generalisation, die aus dem ästhetischen Bild ein universelles machte, daß es über seine eigenen Grenzen hinausstrahlte. Aber das ist literarisches Geschwätz. Ich verstehe es so: Wenn du den Korb als ein Ding be-griffen und ihn dann bezüglich seiner Form analysiert und ihn als Ding begriffen hast, so ist dies die logisch und ästhetisch einzig zulässige Synthese. Du siehst, daß er nur das Ding ist und kein anderes. Die claritas, von der er spricht, ist die scholastische quidditas, das Wesen des Dinges. Diese höchste Eigenschaft wird vom Künstler empfunden, wenn das ästhetische Bild zuerst in seiner Imagination konzipiert wird. Den Geisteszustand in diesem geheimnisvollen Augenblick hat Shelly so schön mit einer erlöschenden Kohle verglichen. Der Augenblick, in dem diese höchste Eigenschaft der Schönheit das klare Leuchten des ästhetischen Bildes, leuchtend vom Geiste erschaut wird, der vor seiner Vollständigkeit halt machte und durch seine Harmonie gefesselt wurde, ist die leuchtend-stille Stasis des ästhetischen Wohlgefallens, ist ein geistiger Zustand, der viel Ähnlichkeit mit jener Anlage des Herzens hat, die der italienische Physiologe Luigi Galvani mit einem Ausdruck bezeichnet, der ebenso schön ist wie der Shellys: die Verzauberung des Herzens.« - James Joyce, Jugendbildnis des Dichters. Frankfurt am Main 1967 (zuerst 1916)

Augenblick (3) Was in den letzten Jahren verlorengegangen ist oder sich verwischt hat, ist die Klangfarbe der Ereignisse, der kleine, einzigartige und wunderbare Effekt, der bei einigen von ihnen eine paradoxe und originelle, wenn nicht gar explosive Situation herstellte. ... Der Mai '68 war ein Ereignis dieser Art - Jean Baudrillard

Augenblick (4)

JENNY
    Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
PAUL
    Die Wolken, welche ihnen beigegeben
JENNY
    Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
PAUL
    Aus einem Leben in ein andres Leben
JENNY
    In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
BEIDE
    Scheinen sie alle beide nur daneben.

JENNY
    Daß so der Kranich mit der Wolke teile
    Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
PAUL
    Daß also keines länger hier verweile
JENNY
    Und keines andres sehe als das Wiegen
    Des andern in dem Wind, den beide spüren
    Die jetzt im Fluge beieinander liegen
PAUL
    So mag der Wind sie in das Nichts entführen
    Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
JENNY
    Solange kann sie beide nichts berühren

PAUL
    Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben
    Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
JENNY
    So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
    Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
PAUL
    Wohin ihr?
JENNY
        Nirgendhin.
PAUL
            Von wem davon?
JENNY
                        Von allen.

PAUL
    Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
JENNY
    Seit kurzem.
PAUL
        Und wann werden sie sich trennen?
JENNY
                Bald.
BEIDE
    So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
 

- Bertolt Brecht, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

 Augenblick (5) Kann es nicht sein, daß die Mythen zwar noch wirken, aber zugleich verballhornt, verderbt, verdorben sind?

Vielleicht möchte ich sie endlich los sein, damit sie, mit denen ich mich nur noch verirre, nicht gefährlich werden, möchte sie zum Verschwinden bringen, und warum nicht durch die Praxis täglicher Aufzeichnungen, Register, Tabellen? Ja, manchmal kommt mir inzwischen vor, das Sagenhafte locke aus der Ferne wohl immer noch, entpuppe sich aber in seinem Innern als ausgangsloses Labyrinth.

Und so möchte ich dagegen die bloße Gegenwart, den Tag jetzt, den mythenfreien Augenblick gelten lassen, eben in der Chronistensprache festhalten und begleiten; meine Sagensucht aus mir herausschwefeln. - Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Frankfurt am Main 1994

Augenblick (6)  Ich übte mich nun darin, auf alles, was mir zustieß, sofort mit Sprache zu reagieren, und merkte, wie im Moment des Erlebnisses gerade diesen Moment lang auch die Sprache sich belebte und mitteilbar wurde; einen Moment später wäre es schon wieder die täglich gehörte, vor Vertrautheit nichtssagende, hilflose, privatisierende ›Du weißt schon, was ich meine‹-Sprache des Kommunikations-Zeitalters gewesen. Einen Moment lang wurde der Wortschatz, welcher mich Tag und Nacht durchquerte, gegenständlich, auf eine (mich und andere) erlösende Weise. Was auch immer ich privat erlebte, erschien in diesem ›Augenblick der Sprache‹ von jeder Privatheit befreit und allgemein. - (han)

Augenblick (7) Der Relativitätstheorie zufolge gibt es so etwas wie das "Jetzt" eigentlich überhaupt nicht. Am nächsten kommt diesem Begriff der "gleichzeitige Raum" eines Beobachters in der Raum-Zeit, aber dies hängt vom Bewegungszustand des Beobachters ab! Das „Jetzt” eines Beobachters stimmt in der Regel nicht mit dem „Jetzt” eines anderen Beobachters überein. Bezüglich zweier Raum-Zeit-Ereignisse A und B ist ein Beobachter U vielleicht der Ansicht, daß B zur feststehenden Vergangenheit und A zur ungewissen Zukunft gehört, während für einen zweiten Beobachter V vielmehr A zur fixierten Vergangenheit und B zur unsicheren Zukunft gehören könnte (siehe Bild 7.1)!

Es hat keinen Sinn, zu behaupten, eines der beiden Ereignisse A und B bleibe ungewiß, solange das jeweils andere definitiv feststeht.

7.1     Kann die Zeit tatsächlich  „fließen”? Für den Beobachter U kann das Ereignis B in der „festgelegten” Vergangenheit ruhen, während A in der „ungewissen” Zukunft liegt. Der Beobachter V sieht das umgekehrt! 

- Aus: Roger Penrose, Computerdenken. Des Kaisers neue Kleider oder Die Debatte um Künstliche Intelligenz, Bewußtsein und die Gesetze der Physik. Heidelberg 1991, zuerst 1989

Augenblick (8)  Büsche, Bäume, Wolken des Himmels, selbst der Asphalt der Straße zeigten einen Schimmer, der weder vom Licht jenes Tages noch von der Jahreszeit kam. Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne (doch ohne deren das Äußerste oder das Letzte ankündigende Bedrohlichkeit), und der Nunc stans genannt worden ist: Augenblick der Ewigkeit. — Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire. Frankfurt am Main 1984 (zuerst 1980)

Augenblick (9) Sehnte sie sich nach ihren Ahnen? Ja, aber nicht mit ihnen zu sein, sondern bloß so einen Augenblick bei ihnen vorbeischauen zu können, sie zu trösten, sich bei ihnen zu bedanken und, mit einem Schritt zurück in den gebührenden Abstand, sie anzubeten. - Peter Handke, Der Bildverlust. Frankfurt am Main 2002

Augenblick (10)

Augenblick (11)  Es ist die Haltung des Haiku-Künstlers (mit dem Ozu viel zu tun hat), der in äußerster Ruhe sitzt, mit geradezu schmerzvoller Genauigkeit die Dinge und ihre Wirkung beobachtet und Wesentliches durch äußerste Vereinfachung erreicht. Untrennbar von buddhistischen Vorstellungen wird die Welt in die Distanz gerückt und wird der Zuschauer zu einem Empfänger von Eindrücken, die ihn nicht persönlich einbeziehen. Ozus Kamera ist Leonardos Spiegel im Orient. Was bleibt, nachdem man einen Ozu-Film gesehen hat, ist das Gefühl — vielleicht nur für ein oder zwei Stunden —, die Güte und die Schönheit alltäglicher Dinge und Menschen erlebt zu haben; ist das Gefühl, unbeschreibliche Erfahrungen gemacht zu haben, weil nur der Film und nicht Worte sie beschreiben können; ist schließlich das Gefühl, man habe einige kleine, denkwürdige, unvergeßliche Ereignisse gesehen, die schön, weil ernst sind und die gleichzeitig traurig stimmen, weil man sie nie wieder sehen wird; sie sind schon Vergangenheit. Ozus Welt mit ihrer Ruhe, ihrem Heimweh, ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrem Ernst und ihrer Schönheit ist in der Tat sehr japanisch, aber eben deswegen sind seine Filme wichtig für den Westen. Ruhe ist weder Glück noch Verzweiflung, Begrenzungen mögen verengen, aber sie bereichern auch. - Donald Richie, nach: Arsenal-Programmheft Berlin 02/2003

Augenblick (12) «All dies zeigt deutlich, daß das bewußte Jetzt sprach- und kulturunabhängig etwa drei Sekunden zu betragen scheint», glaubt die Physikerin und Philosophin Eva Ruhnau, die mit Pöppel am Münchner Institut für medizinische Psychologie zusammenarbeitete. «Das Jetzt ist kein Punkt, sondern besitzt eine Ausdehnung.» Eben darin unterscheiden sich biologische und physikalische Zeit. Denn in der Physik ist das Jetzt ein Punkt ohne Ausdehnung, ein nicht faßbares Abstraktum. Die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft hat keine Dimension. Lebende Organismen schaffen sich, so scheint es, die Dimension der Gegenwart in ihrer Wahrnehmung selbst, geben ihr Dauer und Richtung. Folgen und Rhythmen ordnen und gliedern das Unfaßbare und machen es so dem Erleben zugänglich. - (zeit)

Augenblick (13) Sie wollte spüren, daß sie lebendig ware. Mit ihren blauen Augensternen suchte sie die Horizonte der Tage und Wochen nach Befriedigung ab. Ihr Leben ist eine Rotte, ein Räuberhaufen von Anfängen. Jeder davon enthält die Erinnerung an einen geglückten Moment. In der Praxis der Tage sind kurze Gewohnheiten versteckt, die sie nicht aufgeben wird. Könnte man, sagte ihr Vater, der sich um diese Tochter Sorgen machte, diese Vorräte an unbestimmten Aussichten Wurzeln nennen, so hätte sie überall eine.

Sie lehnte es ab, prinzipiell zu werden. Das hieße nämlich, sich zu einer Art »Erwachsensein« zusammenzufassen und dadurch, nicht faßbar, Lebenspraxis mitsamt versteckten Aussichten zu opfern. Der Vater, dachte sie, will mich teuer verkaufen, Sie hätte ihren Beitrag dazu leisten können, wenn er ihr etwas versprochen hätte, einen Ausgleich.

Der Mann, an den der Vater die Tochter schließlich verkauft hatte, litt unter deren Suchbewegung nach allen Seiten. Sie wäre ja bereit gewesen, sich Mühe zu geben. Schließlich waren in dieser Praxis, in der sie zwischen Tagen einer dienstwilligen Sklavin und den Tagen einer Herrin hin- und herschwankte, eine Reihe gelungener Momente versteckt. Die wollte sie nicht opfern, aber sie wurde auch nicht gefragt, was sie denn wollte. Ihr Ehemann hielt ihren sog. Willen für etwas, das sie willentlich einsetzen könnte. Er begriff nicht (und sie war nicht bereit, darüber nachzusinnen, da das die Praxis stört), daß sie so wenig bestimmen konnte, was ihr Wille im gegebenen Moment wäre, wie sie sich nicht vornehmen konnte, in einem bestimmten Moment Lust zu empfinden. Das ergab sich.

Tatsächlich, der Vater erkannte es zu spät, konnte der Schwiegersohn sie nicht überzeugen, so wenig wie es zuvor der Vater gekonnt hatte. Was diese GESCHAFTSMÄNNER IHRES KURZEN LEBENS als Willen bezeichneten, war FEST VERANKERT in einer Folge von GELEGENHEITEN, die allerdings nie zueinander gepaßt hatten. Sie war sozusagen ein FESTER CHARAKTER. - (klu)

Augenblick (14)  Nur junge Menschen haben solche Augenblicke. Ich meine nicht die ganz jungen. Nein. Die ganz jungen haben keine Augenblicke. Es ist das Vorrecht der frühen Jugend, ihren Tagen voraus zu leben, in der schönen Beständigkeit der Hoffnung, die keine Pausen und kerne Selbstbetrachtung kennt.

Man schließt die kleine Pforte der Kindheit hinter sich und tritt in einen verzauberten Garten ein, in dem selbst die Schatten verheißungsvoll glühen. Jede Wendung des Pfades hat  ihren verführerischen Reiz. Nicht weil es noch unentdecktes Land ist. Man weiß sehr wohl, daß alle Menschen den gleichen Weg gegangen sind. Es ist vielmehr der Zauber allgemeiner Erfahrung von dem man einen außergewöhnlichen oder persönlichen Eindruck, kurzum etwas Eigenes, erwartet.

Man geht dahin und erkennt die Wahrzeichen seiner Vorgänger erregt, belustigt nimmt man zugleich Unglück wie auch Glück hin — Lob und Schläge, wie man sagt — das allen gemeinsame, bunte Los, das so viele Möglichkeiten dem Verdienstvollen oder vielleicht dem vom Glück Begünstigten gewährt. Ja, so geht man dahin. Und auch die Zeit geht dahin - bis man voraus eine Schattenlinie wahrnimmt, eine Warnung, daß man auch das Reich der unbeschwerten Jugend hinter sich lassen muß.

In diesen Lebensabschnitt fallen gewöhnlich die Augenblicke, von denen ich eingangs gesprochen habe. Was für Augenblicke? Nun, die der Langeweile, des Überdrusses, der Unzufriedenheit. Augenblicke der Unbesonnenheit. Ich meine Augenblicke, in denen die Jugend geneigt ist, übereilte Handlungen zu begehen, wie sich plötzlich zu verheiraten oder ohne Grund eine Stellung aufzugeben.

Dies ist keine Ehegeschichte. So schlimm stand es nun doch nicht um mich. Meine Handlung, wie unbesonnen sie auch hatte mehr den Charakter einer Scheidung — beinah einer Flucht. Kein vernünftiger Mensch hätte auch nur den geringsten Grund dafür angeben können, warum ich meine Arbeit hinwarf - meine Stellung aufgab und das Schiff verließ, dem man nichts Ärgeres nachsagen konnte, als daß es ein Dampfer war und deshalb vielleicht keinen Anspruch auf die unbedingte Treue erheben konnte, die ...  Wie dem auch sei, es hat keinen Zweck, eine Handlung beschönigen zu wollen, die ich damals selbst schon im stillen für eine Laune hielt.

Es war in einem Hafen des Ostens. Und es war ein Schiff des Ostens, insofern, als es dort beheimatet war. Auf einer blauen, von Riffs starrenden See legte es seine Reisen zwisdien unbekannten Inseln zurück. Am Heck führte es die britische Handelsflagge und im Großtopp die Reedereiflagge, die auch rot war, jedoch einen grünen Rand hatte und einen weißen Halbmond führte, da der Eigner ein Araber und dazu von fürstlichem Geblüt war. Daher der grüne Rand der Flagge. Er war das Oberhaupt eines großen arabischen Fürstenhauses, aber man hätte keinen treueren Untertan des Britischen Weltreiches östlich des Suezkanals finden können. Um die hohe Politik kümmerte er sich nicht im geringsten, aber über seine Stammesgenossen übte er eine geheinmisvolle Macht aus.

Uns war es gleich, wem das Schiff gehörte. Der Eigner mißte in der Sdiiffahrtsabteilung seines Geschäftes Weiße beschäftigen, und viele von denen, die hier angestellt waren, hatten ihn vom ersten bis zum letzten Tag nicht zu Gesicht bekommen. Ich selbst sah ihn nur einmal, und das ganz zufällig am Kai — einen alten, schweigsamen, kleinen Mann, der auf einem Auge erblindet war, in einem schneeweißen Gewand und gelben Pantoffeln. Eine Schar malaiischer Pilger, denen er etwas hatte zugute kommen lassen — Lebensmittel und Geld —, küßte ihm gerade inbrünstig die Hände. Seine Almosenspenden, hörte ich, waren sehr zahlreich und erstreckten sich fast über den ganzen Archipel. Denn heißt es nicht: »Der Wohltätige ist der Freund Allahs«? Ein ausgezeichneter (und pittoresker) arabischer Reeder, um den man sich nicht zu kümmern brauchte, ein ganz vorzügliches schottisches Schiff — denn das war es vom Kiel aufwärts —, ein vortreffliches Seeschiff, das leicht sauberzuhalten und in jeder Hinsicht handlich war, kurzum ein Schiff, das von seiner aus dem Inneren kommenden Antriebskraft abgesehen, wohl der Liebe eines Mannes würdig war — bis auf den heutigen Tag gedenke ich seiner in aufrichtiger Verehrung. Was die Fahrt betraf, in der es eingesetzt war, und den Charakter meiner Bordkameraden, so hätte ich nicht glücklicher sein können, wenn mir ein wohlwollender Zauberer Leben und Menschen nach meiner Anweisung beschert hätte.

Und dies alles gab ich plötzlich auf. Ich verließ es in jener uns so inkonsequent erscheinenden Weise, in der ein Vogel von einem bequemen Ast fortfliegt. Es war, als ob ich unbewußt  ein Flüstern gehört oder etwas gesehen hätte. Nun — vielleicht! Am Tage vorher war alles noch in schönster Ordnung, und am nächsten Tage war alles fort — der Reiz des Lebens, seine  Würze, das Interesse, die Zufriedenheit — alles. Es war einer  jener Augenblicke, verstehen Sie. Wie eine Kinderkrankheit, die einen in späteren Jugendjahren befällt, ergriff es mich und raffte mich fort, von jenem Schiff, meine ich. -   Joseph Conrad, Die Schattenlinie Frankfurt an Main 1973 (Fischer-Tb. 1355, zuerst 1917)

Augenblick (15) Es giebt Augenblicke im Leben, da, ohne besondern äußern Anlaß, vielmehr durch eine von innen ausgehende und wohl nur physiologisch erklärbare Erhöhung der Empfänglichkeit, die sinnliche Auffassung der Umgebung und Gegenwart einen höhern und seltenen Grad von Klarheit annimmt, wodurch solche Augenblicke nachher dem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt bleiben und sich in ihrer ganzen Individualität konserviren, ohne daß wir wüßten weswegen, noch warum aus so vielen Tausenden ihnen ähnlicher gerade nur sie; vielmehr ganz so zufällig, wie die in den Steinschichten aufbehaltenen, einzelnen Exemplare ganzer untergegangener Thiergeschlechter, oder wie die, beim Zuschlagen eines Buches, einst zufällig erdrückten Insekten. Die Erinnerungen dieser Art sind jedoch stets hold und angenehm.

  Wie schön und bedeutsam manche Scenen und Vorgänge unsers vergangenen Lebens sich in der Erinnerung darstellen, obwohl wir sie damals ohne besondere Werthschätzung haben vorübergehn lassen! Aber vorübergehn mußten sie, geschätzt oder nicht: es sind eben die Musaiksteine, aus denen das Erinnerungsbild unsers Lebenslaufes zusammengesetzt ist. - (schop)

Augenblick (16)  Sieh ein Versammlungslokal an, ein Gerichtshaus, ein Gefängnis, einen Laden oder ein Wohnhaus und sage, was das Ding vor dem Blick der Wahrheit wirklich ist — und alles zerfällt bei deinem Bericht in Stücke. Die Menschen achten die Wahrheit, wenn sie in weiter Ferne ist, in den Vorstädten des Weltsystems, hinter dem fernsten Stern, vor Adam und nach dem letzten Menschen. In der Ewigkeit ist fürwahr etwas Wahres und Erhabenes. Aber alle diese Zeiten, Orte und Gelegenheiten sind jetzt und hier. Gott selbst kulminiert im gegenwärtigen Augenblick und wird nicht göttlicher sein im Verlaufe aller Äonen. Wir sind nur dann imstande, alles Edle und Erhabene aufzufassen, wenn wir stets die uns umgebende Wirklichkeit in uns aufnehmen, uns von ihr ganz durchdringen lassen. Das Weltall entspricht beständig und gehorsam unseren Vorstellungen; ob wir langsam oder schnell reisen, der Weg ist uns vorgezeichnet. So laßt uns also unser Leben begreifend verbringen. Kein Dichter oder Künstler hatte je einen so schönen und erhabenen Plan, daß es nicht einem seiner Nachkommen gelungen wäre, ihn auszuführen.

Laßt uns unsern Tag mit soviel Überlegung verleben wie die Natur und uns nicht von jeder Nußschale, jedem Moskitoflügel, der auf unsern Pfad fällt, davon abbringen. Laßt uns früh aufstehen und fasten oder die Fasten brechen und frühstücken, ruhig und ohne Hast; laßt Besuch kommen, laßt Besuch gehen, die Glocken läuten und die Kinder schreien — wir wollen uns unseres Tages freuen. - Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich 1979 (zuerst 1854)

Augenblick (17) Ein Urerlebnis ist für einen Schriftsteller ja ebenso Ort wie Drang seines Schreibens, genauer: der ewig quälende Drang, jenen Ort in der Sprache zurückzugewinnen, den das Leben ihm unwiederbringlich verlor. - Einen Augenblick lang ist er dort gewesen, einen lang anhaltenden Augenblick Lust, der, und selbst als Lust eines Grauens, tiefe, tiefe Ewigkeit will. Doch die Dauer auch dieses Augenblicks ist bemessen; sie endet, da man nicht mehr mit ihm eins ist und ihm als Subjekt gegenübertritt, das nur darum Lust empfinden konnte, da es sie nicht als Ewigkeit hat. - Was das Paradies gewesen, weiß man erst, nachdem man es verlor. - Was bleibt, ist die Erinnerung, und die faßt jenes Erlebnis nie wieder, denn ein Urerlebnis ist eben etwas, das schon im ersten Fassensversuch, dem sich ihm Entgegen-Stellen, endet. - Das Unmittelbare faßt man nicht; man lebt es, oder vielmehr: es lebt einen, und tritt man aus diesem Verhältnis heraus, beginnt ein quälender Prozeß, den unerfüllbare Sehnsucht antreibt. Man will ihm, diesem Unmittelbaren, auch vom Ich her Dauer verleihen, die Gabe des Wortes bietet sich an, solch ein Bleibendes zu stiften, doch da man sich anschickt, Worte zu suchen, hat man das Unmittelbare schon nicht mehr, und das als sein Andauern Ersehnte, das ins Wort Gebrachte, hat man noch nicht. Im Gegensatz zum Urerlebnis ist dies Wort etwas, das gefaßt werden muß, und solches Fassen braucht seine Zeit. - Franz Fühmann, Im Berg. Rostock 1991

Augenblick (18) Sowenig das Individuum in der Gruppe und eine Gesellschaft unter den anderen allein ist, sowenig auch ist der Mensch allein im Universum. Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird, dann wird - solange wir bestehen und solange es eine Welt gibt - jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei herausführt und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade, nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Niveau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muße, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht - lebt wohl. Wilde! lebt wohl, Reisen! -, in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick - schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen -, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.  - (str2)

Augenblick (19) Es war in Alaska, in jenen gefährlichen Momenten bei Sonnenuntergang, wenn das Licht kurz so hell wurde, daß es töten konnte. Alle Leute flüchteten sich schnell in die Hütte, wo er war, und als jenes Licht aufblitzte, warfen sie ihn Ahnungslosen zu Boden - (bleist)

Augenblick (20) Der sphairos ist, nach Empedokles, jener nur einen Moment dauernde Zustand, in welchem dank der völligen Übermacht der Liebe sämtliche Urteilchen der Elemente unterschiedslos zu einer Kugel zusammengeballt sind - und das Gegenstück dieser vollkommenen Kugel der Liebe ist die akosmia  - (bleist)

Augenblick (21) In einer Taschenbuchausgabe von Tristram Shandy, die ich im Bücherantiquariat in Alice kaufte, war folgendes auf das Vorsatzpapier gekritzelt: »Einer der wenigen Augenblicke des Glücks, die ein Mann in Australien erlebt, ist der Moment, in dem er den Augen eines anderen Mannes über dem Rand zweier Biergläser begegnet.« - (chatw)

Augenblick (22) Ich habe die Sache folgendermaßen im Gedächtnis. An dem Abend, der dieser Nacht vorausging, war ich in Barracas, einem Ort, zu dem mich der Weg sonst nicht führt und dessen räumliche Entfernung von den Stadtteilen, die ich später durchwanderte, diesem Tag bereits einen eigenartigen Geschmack gab. Für den Abend hatte ich nicht das geringste vor; da schönes Wetter war, ging ich nach dem Essen aus, um mich zu bewegen und nachzudenken. Ich wollte diesem Spaziergang keine besondere Richtung vorschreiben; ich, sorgte für eine möglichst breite Skala zufallender Möglichkeiten, um nicht den Zustand der Erwartung durch den zwangsläufigen Vorausblick auf eine einzige unter ihnen zu erschöpfen. Ich verwirklichte im schlechten Umfang des Möglichen das, was man aufs Geratewohl dahinschlendern nennt; ich hielt mich ohne ein anderes bewußtes Vorurteil, als es in dem Vermeiden der Avenidas und der breiten Straßen zum Ausdruck kam, den dunkelsten Einladungen des Zufalls geöffnet. Trotz allem trieb mich etwas wie eine heimlich vertraute Schwerkraft in die Richtung jener Viertel, an deren Namen ich mich immer erinnern will und die meiner Brust Ehrfurcht gebieten. Nicht mein Viertel, den klar umgrenzten Umkreis meiner Kindheit, will ich so nennen, sondern seine noch immer geheimnisvolle angrenzende Umgebung: einen Grenzbezirk, den ich ganz in Worten, in Wirklichkeit dagegen nur wenig innehatte, nah und mythologisch zugleich. Die Kehrseite des Bekannten, sein Rücken, sind für mich jene vorletzten Straßen: mir in der Tat fast so unbekannt wie der unterirdische Zementsockel unseres Hauses oder unser unsichtbares Skelett. Unversehens geriet ich an die Ecke einer Straße. Ich atmete Nacht ein, in heiterster Gedankenlosigkeit. Die Vision war gewiß nicht kompliziert, erschien jedoch vereinfacht infolge meiner Ermüdung. Gerade ihr typischer Charakter verschob sie ins Unwirkliche. Die Straße bestand aus niedrigen Häusern, und obwohl deren Grundbedeutung auf ›Armut‹ lautete, war die zweite sicher ›Glück‹. Sie war das Ärmste und zugleich das Anmutigste. Kein Haus verwandte einen Blick auf die Straße; der Feigenbaum dunkelte über dem Eingang; die kleinen Portale, höher als die gestreckten Linien der Mauern, schienen aus dem gleichen unendlichen Stoff gebildet wie die Nacht. Der Bürgersteig überragte hochkantig die Straße, die Straße war Schlamm, noch uneroberter Urschlamm Amerikas. Das Gäßchen am Ende schlängelte sich schon ländlich zum Maldonado hin. Über der trüben und chaotischen Erde schien eine blaßrosa Lehmwand nicht Mondschein zu beherbergen, sondern von innen heraus Licht zu verströmen. Die Zärtlichkeiten beim Namen zu nennen, kann es nichts Besseres geben als diese Rosenfarbe.

Ich verweilte in Betrachtung dieser Schlichtheit. Ich dachte, bestimmt laut: ›Dies hier ist dasselbe wie vor dreißig Jahren.‹ Eine willkürlich genannte Zahl, die in anderen Ländern eine erst jüngst vergangene Zeit bezeichnet, hier jedoch — auf dieser wandlungssüchtigen Seite der Welt — eine ferngerückte. Vielleicht sang ein Vogel, und ich empfand für ihn eine kleine Liebe von dem Umfang eines Vogels; doch am sichersten ist anzunehmen, daß in dieser schon schwindelerregenden Stille kein anderer Laut zu hören war als der gleichfalls zeitlose der Grillen. Der vorschnelle Gedanke: Ich bin im Jahr achtzehnhundertsoundsoviel, war nicht mehr nur eine annähernde Umschreibung, sondern vertiefte sich zu Wirklichkeit. Ich fühlte mich tot, ich fühlte mich als abstraktes Wahrnehmungsorgan der Welt: unbestimmte Furcht, durchtränkt von Wissen, das beste Licht der Metaphysik. Ich glaubte keineswegs, ich sei die sogenannten Wasser der Zeit hinauf geschwommen; eher hatte ich mich im Verdacht, als sei ich Inhaber der entgleitenden oder abwesenden Bedeutung des unfaßbaren Wortes Ewigkeit. Erst danach gelang es mir, diese Imagination zu definieren.

Ich schreibe sie heute so nieder: Diese reine Vorstellung gleichartiger Tatsachen — Nachtstille, durchsichtig helle Mäuerchen, dörflicher Geruch nach Geißblatt, urhafter Schlamm — ist nicht bloß identisch mit jener, die vor soundsoviel Jahren an dieser Straßenecke bestand; sie ist, ohne Gleichklang und Wiederholungen, ein und dieselbe. Die Zeit, sofern es uns gelingt, diese Identität zu schauen, ist eine Täuschung. - (bo2)

Augenblick (23)  Das Leben scheint an der Epidermis des Körpers immer voll und ganz präsent zu sein: Vitalität, die nur darauf wartet, ganz und gar herausgedrückt zu werden, als festgehaltener Moment, als Aufzeichnung eines kurzen, gequälten Lächelns, eines Zuckens der Hand, eines flüchtig durch die Wolken dringenden Sonnenstrahls. Und kein Instrument, mit Ausnahme der Kamera, ist imstande, solch komplexe, kurzlebige Reaktionen zu registrieren und der ganzen Herrlichkeit des Augenblicks Ausdruck zu verleihen. Keine Hand kann das zum Ausdruck bringen, weil das Gedächtnis nicht imstande ist, die unverfälschte Wahrheit eines Augenblicks so lange festzuhalten, bis die langsamen Finger die Vielzahl der übermittelten Einzelheiten aufzeichnen können. Die Impressionisten haben sich vergeblich um diese Aufzeichnung bemüht. Was sie, bewußt oder unbewußt, mit ihren Lichteffekten darstellen wollten, war ja eben die Wahrheit des Augenblicks; der Impressionismus war stets bestrebt, das Wunder des Jetzt und Hier festzuhalten. Aber während sich die Impressionisten mit dem Ausdeuten beschäftigten, entfiel jener momentane Lichteffekt ihrem Gedächtnis; so bleibt ihre »Impression« meist nur eine Reihe von übereinandergelagerten Eindrücken. Stieglitz war besser beraten. Er bediente sich sofort des Instruments, das für ihn geschaffen war. - Paul Rosenfeld, nach: Susan Sontag, Über Fotografie. Frankfurt am Main 2003 (Fischer-Tb. 3022, zuerst 1977)

Augenblick (24) Der Greis macht einem keine Sorge mehr, weil er alt ist; der Tote nicht, weil er tot ist; leid tut einem nur der, der sich dem Alter nähert, dem Tod. Vierzig Jahre! Bei Volksfesten sehen wir Vehikel, die auf Schienen einen steilen Hang hinaufjagen, dem ein Abhang folgt und wieder ein Aufstieg; auf der Höhe der Steigung, vielmehr noch einen Meter vor dem höchsten Punkt, verlangsamt das Fahrzeug, das bei der Steigung die ganze gesammelte Energie fast verbraucht hat, zögernd seine Schnelligkeit, als sei der Gipfel unerklimmbar und als fürchte es den Sturz in den Abgrund. Der Mensch von vierzig Jahren befindet sich in diesem Augenblick der Unsicherheit, der Furcht: sein Lauf verlangsamt sich, der Gipfel und damit der Abstieg, den er nicht sieht, aber errät, lähmt ihn. - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

Augenblick (25)   Alle Geräusche waren verschwunden. Einen Augenblick war es völlig still. Es fiel ihm deutlich auf, als er von neuem einen Wagen irgendwo herankommen hörte, und plötzlich wußte er, daß er dies alles haßte, hier die Straße, die Wagen, die da hintereinander parkten, die abgestellten Taxis auf dem Platz, immer das Hochhaus, die Fenster gegenüber, dahinten die Bude mit der Fotografie eines Mannes im Sonntagsanzug und mit dem schwarzen Seidenbändchen um eine Ecke gelegt, die Taxifahrer, die Taxifahrer, die Taxifahrer, die Stadt hier, auf diese Art, hier, mit ihnen darin in einer Wohnung, hier, in dieser Straße, in die ein Taxi einbog und mit abgedrosseltem Motor auf die breite Fahrbahn links zufuhr, die es mit einem raschen neuen Start gerade überquerte, um hinter den anderen auf dem Platz aufzufahren und zu halten. Die Wagenlichter verlöschten. Wie bei den vier, fünf anderen Wagen, die schon dort hielten, blieb nur oben auf dem Dach das kleine Kästchen angeschaltet mit den gelben Buchstaben Taxi, Taxi, Taxi, Taxi. - (brink)

Augenblick (26)  Allerlei Momente: Nur aus solchen setzte sich's also zusammen; häufte sich an, lagerte sich ab, sammelte sich an ... Und was wirst du in dreißig Jahren davon wissen? Hoffentlich alles bis in jede Einzelheit... Denn solche Einzelheiten schärften das Gemüt? auf die kam es ihm an.

Schon lange schrieb er nichts mehr in sein Tagebuch und dachte: weil so viel eindringt und weil du dazugehörst und nicht mehr nur zuschauen kannst ... Und er hoffte, daß in ihm ein andrer säße, der trotzdem alles registrierte, was es hier an Neuem und Anderem gab.  - Hermann Lenz, Neue Zeit. Frankfurt am Main 1979 (st 505, zuerst 1975)

Augenblick (27)  Einer der typischen Irrtümer all derer, die versuchen, einen beliebigen Streifen ihrer eigenen Kontinuität zu sagen, zu schreiben, zu erinnern oder zu lesen, besteht im Vergessen dessen, daß Kontinuität nur als Fiktion der Einbildung kontinuierlich ist, als Widerstand gegen die Anstrengung, jeden Moment einzeln, einen nach dem anderen aufschreiben zu müssen. Aber warum nicht ab eventu erklären, daß Diskontinuität wesentlich ist für die Idee der Kontinuität, die uns einen Streifen Wir abzuwickeln gestattet? Einen Streifen Ich müßte ich sagen. - Giorgio Manganelli, Unschluß. Berlin 1978 (zuerst 1976)

Augenblick (28)   Es fiel mir in »Tausendundeiner Nacht« eine Erzählung auf, in der ein Zauberer einen Sultan bei Tisch in einen Wasserkessel treten läßt. Unter dem Banne der Magie scheint sich diesem der Kessel unermeßlich auszudehnen und zu einem Meere anzuschwellen, in das er versinkt, um lange Zeit auf seinem Grunde entlangzuwandern, bis er an einer fremden Küste ans Land geworfen wird. Dort nehmen ihn die Einwohner einer Stadt als Schiffbrüchigen auf. Er beginnt Handel zu treiben, erwirbt Vermögen, verheiratet sich, zeugt Kinder und wird endlich in ein Gerichtsverfahren verstrickt, um zum Tode verurteilt zu werden. Er wird gehängt, und wie ihn der Henker in die Höhe zieht, sieht er sich langsam aus ebendemselben Kessel herausgezogen, in den er vor Jahren getreten war. Es ist aber während dieser Geschehnisse kaum eine Sekunde verstrichen, und die Tischgenossen sitzen noch in der gleichen Haltung da.  - (ej)

Augenblick (29)   Wenn alles vor mir und hinter mir versinkt - die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein Reich der Versteinerung hinter mir liegt - wenn die Zukunft mir nichts bietet - wenn ich meines Daseins ganzen Kreis im schmalen Raume der Gegenwart beschlossen sehe - wer verargt es mir, daß ich dieses magre Geschenk der Zeit, feurig und unersättlich wie ein Freund, den ich zum letzten Male sehe, in meine Arme schließe? Wenn ich mit diesem flüchtigen Gute zu wuchern eile, wie der achtzigjährige Greis mit seiner Tiare? - O ich hab schätzen lernen den Augenblick! Der Augenblick ist unsre Mutter, und wie eine Mutter laßt uns ihn lieben! - Friedrich Schiller, Das philosophische Gespräch aus dem Geisterseher

 Augenblick (30)   Die Tautropfen näßten nicht, sondern rollten sich zu Kügelchen zusammen und lagen obenauf. War mit dem ersten Schritt zum Stollen hinaus das Steingewicht von den Schultern und das Metallgefühl aus den Zähnen verschwunden, so wurden mir jetzt die Augen gewaschen, nicht von der Flüssigkeit, vielmehr deren so eigentümlichem Anblick. In mich aufgenommen hatte ich die Einzelheiten des Tals auch zuvor, nun aber erschienen sie mir in ihrer Buchstäblichkeit, eine im nachhinein, mit dem grasrupfenden Pferd als dem Anfangsbuchstaben, sich aneinanderfügende Letternreihe, als Zusammenhang, Schrift. Und diese Landschaft vor mir, diese Horizontale, mit ihren, ob sie lagen, standen oder lehnten, daraus aufragenden Gegenständen, diese beschreibliche Erde, die begriff ich jetzt als »die Welt«; und diese Landschaft, ohne daß ich damit das Tal der Save oder Jugoslawien meinte, konnte ich anreden als »Mein Land!«; und solches Erscheinen der Welt war zugleich die einzige Vorstellung von einem Gott, welche mir über die Jahre geglückt ist.  - Peter Handke, Die Wiederholung. Frankfurt am Main 1992 (zuerst 1986)

 Augenblick (31) Die Ladenglocke war keine gewöhnliche. Röhren aus Leichtmetall hingen hinter der Tür. Wenn man öffnete, schlugen die Röhren gegeneinander, und eine Melodie erklang.

Einst, als Maigret noch ein Junge war, hatte es in seinem Dorf bei dem Metzger ein ähnliches Glockenspiel gegeben.

Und so kam es, daß dieser Augenblick so lange zu dauern schien. Eine Zeitlang, es ließ sich nicht sagen, wie lange, stand Maigret außerhalb der Szene, die sich abspielte, erlebte sie, als steckte er nicht in der  Haut des dicken Kommissars, den Félicie hinter sich herzog.

Er schien der Junge von einst zu sein, der sich dort irgendwo versteckt hatte und zusah, wobei er ein unwiderstehliches Verlangen hatte, zu lachen.

War das alles ernst? Was tat dieser seriöse, gewichtige Herr in einer Umgebung, die aus einer Spielzeugschachtel hervorgeholt zu sein schien? Was  tat er hinter dieser  Félicie mit dem lächerlichen roten Hut, die man eher in einer Kinderzeitschrift gesucht hätte?

Eine Untersuchung? Befaßte er sich mit einem Mord? Suchte er einen Schuldigen? Und unterdessen sangen die kleinen Vögel, war das Gras von einem unschuldigen Grün, blühten überall Frühlingsblumen, und selbst die Porreestangen in der Auslage sahen wie Blumen aus.

Ja, er sollte sich später an jenen Augenblick erinnern, und nicht immer in guter Stimmung. Jahrelang sollte man später am Quai des Orfèvres an manchem heiterem Prühlingsmorgen zu ihm sagen:

»Hören Sie, Maigret...«

»Was?«

» Félicie ist da!«

Und er sollte diese schmale Gestalt in der komischen Kleidung, diese großen kurzsichtigen Augen, diese Nase, die ihn herausforderte, und vor allem diesen Hut, der hoch oben auf dem Kopf saß, diesen grellroten Hut mit einer grünen Feder daran, wieder vor sich sehen.

» Félicie ist da!«

Ein Brummen. Man wußte genau, daß Maigret jedesmal, wenn man ihn an  Félicie erinnerte, wie ein Bär zu brummen begann. Sie hatte ihm mehr zu schaffen gemacht als die ausgekochten Verbrecher, die er ins Zuchthaus gebracht hatte.

An diesem Maimorgen stand  Félicie dort vor der Ladentür, über der in gelben Buchstaben geschrieben waren: Melanie Chochoi, Lebensmittelgeschäft. Sie wartete darauf, daß der Kommissar endlich aus seinem Traum erwachte.

Schließlich tat er einen Schritt, fand sich wieder im wirklichen Leben und nahm den Faden seiner Untersuchung wieder auf, die den Mord an Jules Lapie, genannt Holzbein, betraf. - Georges Simenon, Maigret und das Dienstmädchen. München 1971 (Heyne Simenon-Kriminalromane 100, zuerst 1941)

Augenblick (32)  Es geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Torweg, wo wir hielten.

„Siehe diesen Torweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die ging noch niemand zu Ende.

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus - das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf: - und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: "Augenblick".

Aber wer einen von ihnen weiter ginge - und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, daß diese Wege sich ewig widersprechen?" -  

„Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg.  „Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis."

„Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuß, - und ich trug dich hoch!

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Torwege Augenblick läuft eine lange ewige Gasse rückwärts: hinter uns liegt eine Ewigkeit.

Muß nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Muß nicht, was geschehen kann von allen Dingen, schon einmal geschehn, getan, vorübergelaufen sein?

Und wenn alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem Augenblick? Muß auch dieser Torweg nicht schon - dagewesen sein?

Und sind nicht solchermaßen fest alle Dinge verknotet, daß dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? Also - - sich selber noch?

Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinaus - muß es einmal noch laufen! -

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd,- müssen wir nicht alle schon dagewesen sein? - und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse - müssen wir nicht ewig wiederkommen? - Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (zuerst 1885)

Augenblick (33)  Ich beobachtete die Vögel und hatte den Eindruck, daß sie mich suchten. Vielleicht übrigens glaubten das alle. Mit Neugier, ohne mich zu rühren oder zu verstecken, wartete ich, ob sie mich finden würden. Als sie fort waren, bedauerte ich beinahe, nicht gerufen zu haben: Hier bin ich! Es herrschte eine unbeschreibliche Stille während dieser zeitlosen Pause. Wo der Schatten eines dieser Vögel hinfiel, duckte sich alles Leben. Jetzt hinterher weiß ich, daß es so still war, wie ich es später bei meinem einsamen Gang durch die Stadt so schmerzhaft spürte. Es gab natürlich auch viele, die die Erscheinung nicht gesehen hatten, weil sie in geschlossenen Räumen ihrer Beschäftigung nachgingen. Aber es ist auffallend, daß auch sie unter dem Eindruck standen, daß etwas Außerordentliches geschähe, und daß sie, wie sie nachher aussagten, sich endlos lange nicht zu bewegen wagten. Man hatte an Hunden das gleiche bemerkt, und etliche behaupteten, die Blumen hätten die Köpfe sinken lassen, um sie dann allerdings gleich wieder zu heben. - Hans Erich Nossack, Nekyia. Bericht eines Überlebenden. Frankfurt am Main 1961 (BS 72, zuerst 1947)

Augenblick (34)  Zweifellos war Sagawa von diesen bösen Wesen aufgegessen worden, die sich überall im Busch aufhielten. Er sah Sagawa vor sich, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, auf dem schmalen Pfad, wo er kurz zuvor enthauptet worden war, des Gewehrs wie auch der Naturforscherausrüstung seines Herrn beraubt. Ja, innerhalb einer Minute hatte sich diese Sache ereignet. Innerhalb einer Minute — Bassett hatte gerade vorher zurückgeblickt und ihn geduldig unter seiner Last dahintrotten sehen. Dann kamen Bassett seine eigenen Sorgen zu Bewußtsein. Er besah seine grausig verheilten Stümpfe des ersten und zweiten Fingers seiner linken Hand und strich mit ihnen dann vorsichtig über die Vertiefung am hinteren Schädel. Wie blitzschnell der langstielige Tomahawk auch geflogen kam, er war doch schnell genug gewesen, seinen Kopf zu ducken und mit seiner hochschnellenden Hand den Schlag teilweise abzuwehren. Zwei Finger und eine böse Wunde am Schädel waren der Preis für sein Leben gewesen. Mit dem einen Lauf seines zehnkalibrigen Schrotgewehrs hatte er den Buschmann, der ihn um Haaresbreite erwischt hätte, niedergestreckt, aus dem anderen feuerte er auf den Buschmann, der sich gerade über Sagawa beugte, und es war ihm eine Genugtuung, zu wissen, daß der größte Teil der Ladung den Mann getroffen hatte, der mit Sagawas Kopf davonsprang.   - Jack London, Der Rote. In: J.L.: Phantastische Erzählungen. Berlin 1988 (zuerst 1918)

Augenblick (35)  Viele Schatten der Abgeschiedenen beschäftigen sich nur damit, die Fluten des Totenflusses zu belecken, weil er von uns herkommt und noch den salzigen Geschmack unserer Meere hat. Vor Ekel sträubt sich dann der Fluß, nimmt eine rückläufige Strömung und schwemmt die Toten ins Leben zurück. Sie aber sind glücklich, singen Danklieder und streicheln den Empörten. Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Ruckkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.

Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen Bewegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären, im Recht, denn es ist noch nichts geschehen.  - (hochz)

Augenblick (36)    Erlesene Gefühlsqualitäten rufen nach dem elementaren Wutrausch des Viehs. Der Held Byrons, zur Liebe unfähig oder nur zu einer unmöglichen Liebe fähig, leidet am Spleen. Er ist allein, ausgelaugt, sein Zustand erschöpft ihn. Will er sich leben fühlen, muß es im schrecklichen Überschwang einer kurzen und verzehrenden Tat geschehen. Lieben, was man nicht zweimal sehen wird, heißt im Feuer und Aufschrei lieben, um sich darauf in den Abgrund zu stürzen. Man lebt nur noch im und durch den Augenblick, für «jene kurze und lebensvolle Vereinigung eines aufgerührten Herzens mit dem Aufruhr» (Lermontow). - Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Reinbek bei Hamburg  1969 (zuerst 1951)

Augenblick (37)   Man kann von etwas Alltäglichem ausgehen: ein vergessenes Taschentuch kann für den Dichter der Auslöser sein, mit dem er ein ganzes Universum emporheben wird. Man weiß, was der herunterfallende Apfel, den Newton gesehen hatte, für diesen Gelehrten bedeutete, den man einen Dichter nennen kann. Deshalb mißachtet der Dichter von heute nicht eine Bewegung der Natur, und sein Geist verfolgt die Entdeckungen in den breitesten und unfaßbarsten Synthesen - Massen, Sternennebel, Ozeane, Nationen - ebenso wie die offenbar einfachsten Erscheinungen: eine Hand, die in einer Tasche kramt; ein Streichholz, das sich durch Reibung entzündet; der Schrei der Tiere; der Duft der Gärten nach einem Regen; eine Flamme, die in einem Herd entfacht wird. Die Dichter sind nicht nur Menschen des Schönen. Sie sind auch in erster Linie Menschen des Wahren, sofern es erlaubt ist, in das Unbekannte einzudringen, so daß die Überraschung, das Unerwartete eine der wesentlichsten Grundlagen der Poesie von heute ist. - (apol)

Augenblick (38)   Wenn der Meister fischte - nur mit der Angel, nie mit einem Netz. Schoß er auf Vögel - nie, wenn sie zur Ruhe sich gesetzt. - (kung)

Augenblick (39)   Im Märchen genügt  dem Zauberer ein Wasserbottich; sie lassen den Sultan, bei dem sie zu Gast sind, den Kopf hineintauchen. Dieser hört dann ein Brausen, als ob er in ein Meer versänke, auf dessen Grund er eine Wanderung beginnt, die ihn an eine ferne Küste führt. Dort steigt er als Bettler zu ferner Stadt empor. Er sucht die Moschee auf, und es trifft sich, daß vor ihr eine Dame auf den ersten wartet, der dort eintritt - denn diesen, so verpflichtet sie ein Gesetz oder ein Gelüde, soll sie heiraten. Der Fremdling wird also in das Bad und dann in reicher Kleidung zum Hochzeitsmahl geführt. Er beginnt mit dem Vermögen der Dame Handel zu treiben, zeugt mit ihr Kinder, erwirbt Häuser, Gärten, Sklaven und steigt im Verlauf der Jahre in Ämter und Würden auf. Indessen ist sein Glück nicht beständig; er wird in gefährliche Händel verwickelt, ins Gefängnis geworfen und soll des Lebens beraubt werden. Man führt ihn zum Richtplatz; der Henker steckt ihm den Hals in die Schlinge und zieht ihn empor. Er hört es brausen wie eine Brandung, dann zieht ihn der Strick aus den Wirbeln heraus. Es ist nicht das Wasser des Meeres, aus dem er den Kopf hebt, sondern das des Bottichs, in den er nicht länger als einen Augenblick eintauchte.

Die großen Herren sind nicht durchweg von diesen Traumwelten erbaut. Einer von ihnen, ich glaube, ein Sultan von Ägypten, erzürnt sich sogar derart über seine imaginären Qualen, daß er dem Zauberer den Kopf abschlagen läßt. - Ernst Jünger, Annäherungen. Drogen und Rausch. Frankfurt am Main u.a. 1980 (zuerst 1970)

Augenblick (40)  Den Himmel auf ebener Erde zu finden, einem Augenblick, den man in voller Bewußtheit erlebt hat, den Wert der Unvergänglichkeit zuzusprechen, das sind die Freuden, die der moderne Dämon der Verneinung demjenigen gönnt, der Windmühlen nicht für Riesen hält und nur mehr auf das Gegenwärtige zählt- auf das Direkte, Unmittelbare, die Dinge ohne Erwartung und ohne Erinnerung - und nur in dem Erfüllung zu finden vermag, was ihm ohne jeden Kalkül und unvorherberechnet das blitzartige Gefühl seiner Präsenz vermittelt, nicht die Präsenz von irgendetwas, was für gewöhnlich nicht wahrnehmbarwäre und sich plötzlich in der Erscheinung offenbart, sondern die Präsenz eben dieser Erscheinung selbst, die nichts anderes nötig hat als ihren eigenen Glanz, um zu blenden. Ich glaube nicht, daß es heißt, in eitles Wortgeplänkel zu verfallen, wenn man von einer »diabolischen Schönheit« spricht in bezug auf jene Ausschnitte von Gegenwart, die als atemberaubende Augenblicke nicht nur die Präsenz selber sind - makelloser Zauber, Pulsieren des Hier und Jetzt -, sondern uns umso stärker berühren, als wir um die Unmöglichkeit ihrer Dauer wissen.

Im übrigen genügt es, um zu vermuten, der Teufel zeige da die Spitze seines Horns, an das Paradox, ja an die Sünde zu denken, die - ein Strohfeuer, das aber als solches nicht minder heftig lodert - unsere jeweilige Wertschätzung dieser Art von Geschenken darstellt: zu wissen, daß sie sich fast so schnell verflüchtigen, wie sie uns zuteil geworden sind, und ihnen trotzdem eine Vorrangstellung einzuräumen, zeigt sich darin nicht eine sträfliche Anfälligkeit für die Nichtigkeit des Ephemeren, wie tief und edel auch immer uns unser Gefühl unmittelbar dann vorgekommen sein mag, als jene seltenen und völlig unverdienten Glücksfälle sich ereigneten? - (leiris2)

Augenblick (41)

Frederico Borell García,
"Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes" (5. September 1936)

- Robert Capa

Augenblick (42) Abstrakt erscheint ihr die Frage nach der Freude, die sie empfindet, wenn ein weiteres mathematisches Rätsel gelöst ist. "Es ist ein kurzes, aber sehr intensives Gefühl. Wenn etwas klappt, ist es ein gewaltiger Augenblick der Selbstbehauptung. Wenn du fühlst: I got it! Dies ist ein Moment, wo deine Kraft getestet wurde und du weißt, dass du es kannst." - Olga Holtz, taz vom 7. Juli 2007

Augenblick (43)

Diese Siebenjährige auf ihrem Trampolin,
wie sie mühelos und mit fliegenden Haaren
die Schwerkraft besiegt;

der Koch, der gespannt, den hölzernen Löffel im Mund,
leckt, lauscht, wartet, bis der Geschmack
hinter dem Geschmack durch seine Nüstern strömt;

der hoffnungslos verkannte Tonsetzer,
wie er mit affenartiger Lust
seine Kadenz in die Tasten hämmert;

das geistesabwesend inmitten von Spritzen und Bierdosen
auf der klammen Parkbank
ineinander vergrabene Paar;

der Mörder, der, außer sich vor Freude
über den idealen Elfmeter, seinen Auftrag,
sein Alibi, seinen Tatort vergißt;

oder auf ihrem Badetuch die blinzelnde dicke Alte da,
wie sie sich kratzt, wie sie entrückt
mit ihren sandigen Zehen spielt;

und der gebückte Schuhputzer, wie er sich sonnt
im Spiegel des Glanzes, den er mit seiner Spucke
auf die lederne Kappe gehext hat:

diese bis zur Bewußtlosigkeit glücklichen Lebewesen —
einen Augenblick lang können sie nichts dafür,
daß sie keine gewöhnlichen Tiere sind.

 - Hans Magnus Enzensberger, Kiosk. Neue Gedichte. Frankfurt am Main 1997 (zuerst 1995)

Augenblick (44)  ›Die Augen zudrücken‹ ist in Paris nichts anderes als ein bildhafter Ausdruck; hier ist es ein Akt wirklicher Menschlichkeit. Meine Schwester erzählte mir gestern, einmal habe ein Sohn am Bett seines sterbenden Vaters geglaubt, es sei Zeit, ihm diesen letzten Dienst zu erweisen. Er täuschte sich. Der Vater spürte die Hand, öffnete die Augen noch einmal und sagte zu ihm: »Mein Sohn, noch einen Augenblick.« - (sop)

Augenblick (45)   »Die Zukunft ist ohne Belang. In sie zu sehen ist eine Rechenaufgabe, die vielleicht später einmal drankommt. Ich interessiere mich ausschließlich für die Gegenwart und die Vergangenheit - für diese rasche, kaum merkliche Bewegung, mit der ein Augenblick aus der Gegenwart zur Vergangenheit zurückmuß,  kaum daß er noch war, und doch seine Spuren jetzt und jetzt und hier hinterläßt. Diese Bewegung!« rief der Einarmige wieder.   »Die Spur des  Wurmes,   der dort drüben kriecht, sie aber hier hinterläßt.« Er klopfte mit dem Zeigefinger wieder auf seinen Bauch. »Der Lichtabdruck der Glühbirne hier an der Wand, wenn ich die Augen wieder aufmache. Das Wissen darum, was jetzt - aber dort passiert!« Er wies mit seinem Kopf zur Eingangstüre und durch sie hinaus in die Dunkelheit. »Alles, was für unser Leben Bedeutung hat, passiert in unserer Abwesenheit, habe ich gesagt - sagen die Schriften!« korrigierte er sich. »Und es ist gut so. - Das Geschehen selbst, die Fliege des Augenblicks, wie wir es nennen, ist ohne Belang. Es ist nicht gut und nicht böse, denn in ihm sind, wie man sagt, alle Kräfte freigesetzt und ohne Schuld. Was interessiert ist die Schleifspur aus Blut und Sekreten, die zurückbleibt, auch wenn die Fliegenreste selbst längst weggekehrt sind.«  - Klaus Hoffer, Bei den Bieresch. Frankfurt am Main  1986 (zuerst 1979/1983)

Augenblick (46)  Statt die Ewigkeit des Dings an sich zu »momentanisieren« (wäre denn Gott selber dazu imstande, o hochfahrender Francis, Du mit dem sublimen Ausruf, daß die Kiefern Dir etwas schuldig sind, weil sie von Dir bemerkt wurden!?), kann, so glaube ich, der Künstler einzig darauf abzielen, den gemeinsamen Moment der Sache und seines Ich zu verewigen. - G. A. an Francis Ponge, in: F.P., Das Notizbuch vom Kiefernwald und La Mounine. Frankfurt am Main  1982 (zuerst 1952)

Augenblick (47)   Er haßte ihn, weil er ungebildet war, weil er keine Bücher las und keine Gedichte im Radio hörte und die Farbwerte und Nuancen auf Bildern nicht wahrnahm. Er haßte ihn: den Philister, den eigensinnigen starken Stier, den machtvollen Manns-Kerl, der ihn einhändig spielend hätte erledigen können.

Der Mann legte sich zu Nicky's Füßen auf den Boden und hielt sein Ohr an ein Kaninchenloch. Das Gewehr zeigte ihm genau ins Genick. Ich braucht bloß abzudrücken, dachte er. Niemand würd wissen, daß es kein Unfall war. Ich könnt sagen, der Abzug war an einem Zweig hängengeblieben. Bei Jungens kommen solche Unfälle häufig vor. Ich brauch mich bloß dummzustellen. Und minderjährig bin ich auch noch. Minderjährige können sie nicht hängen. Ich könnte tatsächlich mit einem Zweig abdrücken, oder mit dem Knopf an meinem Jacken-Ärmel. Lance hat mal in den Boden geschossen, als er grad sein Gewehr geladen hat. Die glauben doch alle, daß Jungens immerfort Unfälle bauen. Er legte seinen Finger an den Abzug.  - T. H. White, Kopfkalamitäten. Franfurt am Main 1987 (S.Fischer, Bibliothek der phantastischen Abenteuer)

Augenblick (48)

Augenblick (49)  Die Tat ist eine kurze Tollheit. Das Kostbarste des Menschen ist eine kurze Epilepsie.

Das Genie hängt an einem Augenblick. Liebe entsteht auf einen Blick; und ein Blick genügt, ewigen Haß zu erzeugen. Und wir sind nichts, wenn wir nicht imstande waren und imstande wären, einen Augenblick außer uns zu sein.

Dieser kurze Moment, da ich außer mir bin, ist ein Keim oder drängt wie ein Keim hervor. Die übrige Zeit läßt ihn sich entwickeln oder zugrunde gehen. Eine zum Erstaunen mächtige Spannkraft drängt sich in den Samen und in einzelnen Minuten zusammen. Es gibt Teilchen der Zeit, die sich voneinander wie ein Pulverkorn von einem Sandkorn unterscheiden. Nach außen sehen sie fast gleich aus, doch ihre Bahnen sind nicht zu vergleichen.  - (pval)

Augenblick (50)  

MonoLogisches Gedicht No. 5

Seltsam was mich noch immer
umhaut ist diese Plötz-

lichkeit mancher Augenblicke.
Z. B. das helle Blinken der

Bauchseite wenn ein Delphin
sich herumwirft und durch den

hochgehaltenen Reifen am Arm
der Dompteuse springt. Oder

der kalte Sekundenbruchteil

wenn eine 61er Bildröhre auf
einen Schlag implodiert und

dir erst über den Splittern
klarwird daß da immer schon

kein Gedächtnis war (was also
sollte verlöschen?). Vermutlich

kommt alles von dieser feind-
lichen Lichtung in deinen

Träumen dem schiefen Tableau
aller toten lebendigen Dinge

tagsüber abgedrängt in jene
diapositiven Regionen wo
jedes so unabänderlich wirkt

nicht wahr und trotz allem
kaum länger dauert als ein

paar tausend REM.

- Durs Grünbein, Von der üblen Seite. Gedichte 1985 - 1991. Frankfurt am Main 1995

Augenblick (51)  Es gibt Momente, und es sind nur fünf oder sechs Sekunden, da fühlst du die Gegenwart der ewigen Harmonie. Es ist furchtbar, mit welch schrecklicher Klarheit sich diese Harmonie einstellt und mit welch überschwenglicher Freude sie dich erfüllt. Dauerte dieser Zustand länger als 5 Sekunden, die Seele könnte ihn nicht ertragen und müßte verbrennen. In diesen fünf Sekunden durchlebe ich eine volle menschliche Existenz, und ich würde mein ganzes Leben dafür hergeben und glaubte nicht, zu teuer dafür bezahlt zu haben.  - Dostojewski, nach: Der Rabe 35. Zürich 1993

Augenblick (52)

Augenblick (53)   Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel an - und draus wird ein Mensch, und der Mensch war gewiß das letzte, woran bei der ganzen Herkulesarbeit gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an - und dran krepiert ein Mensch, und gewiß ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bei seinem Entstehen war - Hängt nicht das Dasein der meisten Menschen mehrenteils an der Hitze eines Juliusmittags, oder am anziehenden Anblick eines Bettuchs, oder an der waagrechten Lage einer schlafenden Küchengrazie, oder an einem ausgelöschten Licht? - Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der Verneinung seier Geburt sich einkommen lassen, an ein bedeutendes Etwas zu denken? Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere Phantasie mit schrecklichen Märchen verderben, und gräßliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkürliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsternis legen - Mord! wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert - die Natur vergaß, einen Mann mehr zu machen - die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden - der Vater hat in der Hochzeitnacht glatten Leib bekommen - und die ganze  Schattenspielerei ist verschwunden. Es war etwas und wird nichts - Heißt es nicht ebenso viel als: es war nichts und wird nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt - der Mensch entstehet aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast,  und gart wieder zusammen in Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt. Das ist das Ende vom Lied!  - der morastige Zirkel der menschlichen Bestimmung, und somit - glückliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige, podagrische Moralist von einem Gewissen mag runzligte Weiber aus Bordellen jagen, und alte Wucherer auf dem Todesbett foltern - bei mir wird  er nimmermehr Audienz bekommen!   - Friedrich Schiller, Die Räuber (1781)

Augenblick (54)   Das willkührlichste Vorurtheil ist, daß dem Menschen das Vermögen außer sich zu seyn, mit Bewußtseyn jenseits der Sinne zu seyn, versagt sey. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnliches Wesen zu seyn. Ohne dies wäre er nicht Weltbürger, er wäre ein Thier. Freylich ist die Besonnenheit, Sichselbstfindung, in diesem Zustande sehr schwer, da er so unaufhörlich, so nothwendig mit dem Wechsel unsrer übrigen Zustände verbunden ist. Je mehr wir uns aber dieses Zustandes bewußt zu seyn vermögen, desto lebendiger, mächtiger, genügender ist die Überzeugung, die daraus entsteht; der Glaube an ächte Offenbarungen des Geistes. Es ist kein Schauen, Hören, Fühlen; es ist aus allen dreyen zusammengesetzt, mehr als alles Dreyes: eine Empfindung unmittelbarer Gewißheit, eine Ansicht meines wahrhaftesten, eigensten Lebens. Die Gedanken verwandeln sich in Gesetze, die Wünsche in Erfüllungen. Für den Schwachen ist das Faktum dieses Moments ein Glaubensartikel. Auffallend wird die Erscheinung besonders beym Anblick mancher menschlichen Gestalten und Gesichter, vorzüglich bey der Erblickung mancher Augen, mancher Minen, mancher Bewegungen, beym Hören gewisser Worte, beym Lesen gewisser Stellen, bey gewissen Hinsichten auf Leben, Welt und Schicksal. Sehr viele Zufälle, manche Naturereignisse, besonders Jahrs- und Tageszeiten, liefern uns solche Erfahrungen. Gewisse Stimmungen sind vorzüglich solchen Offenbarungen günstig. Die meisten sind augenblicklich, wenige verweilend, die wenigsten bleibend.  - Novalis, Blüthenstaub (1798)

Augenblick (55)  Um originelle, außerordentliche, vielleicht gar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, daß Einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt. Das hier Geforderte ist aber nicht etwan schwer; sondern es steht gar nicht in unserer Gewalt und ist eben das Walten des Genius.  - (schop)

Augenblick (56)

Augenblick (57)  

Augenblick (58)   Für meinen Nonkonformisten ist das fröhliche Basteln eines Drachens, den er zur Freude der Kinder aufsteigen läßt, keine geringe Beschäftigung (gering im Vergleich zu hoch, wenig im Hinblick auf viel etc.), sondern ein Zusammentreffen mit reinen Elementen, und von daher eine Augenblicksharmonie, eine Befriedigung, die ihm hilft, den Rest zu ertragen. Ebenso stellen die Augenblicke des Erstaunens, des glücklichen Wahnsinns, die ihn für Bruchteile von Sekunden mit etwas in Berührung bringen, das vielleicht sein Paradies sein könnte, keine höhere Erfahrung für ihn dar als das Basteln eines Drachens; es ist wie ein Endzweck, aber niemals höher als oder jenseits von. Und es ist auch kein Endzweck im zeitlichen Sinn, kein Aufstieg, in dem ein Prozeß bereichernder Entsagung gipfelt; er kann ihn erreichen, wenn er auf dem Klo sitzt, und vor allem erreicht er ihn zwischen den Schenkeln einer Frau, in Wolken von Qualm und mitten in einer Lektüre, die in den gebildeten Wochenendbeilagen der Zeitungen für gewöhnlich nicht hoch im Kurs steht.

Auf der Ebene des Alltags äußert sich die Haltung meines Nonkonformisten als Ablehnung von allem, was nach überkommenen Ideen, nach Tradition, nach Massenstruktur riecht und auf Furcht und vermeintlich gegenseitigem Vorteil beruht. Er könnte ohne weiteres Robinson sein. Er ist kein Misanthrop, aber er akzeptiert von Männern und Frauen nur diejenigen, die noch nicht durch die gesellschaftliche Suprastruktur verbildet worden sind; er selbst steckt noch mit halbem Körper in der Gußform, und er weiß es, aber dieses Wissen ist aktiv und nicht die Resignation dessen, der auf der Stelle tritt. Mit seiner freien Hand ohrfeigt er sich den größten Teil des Tages, und in den freien Momenten ohrfeigt er die anderen, die es ihm dreifach heimzahlen.  - (ray)

Augenblick (59)  Auf den letzten Seiten der Tagebücher schreibt unsere Schwester, daß sie manchmal am Morgen beim Aufwachen von ihrer Baracke aus sehen konnte, daß jedes Ding und jede Person oder jedes Tier draußen in seinem eigenen Raum war, und daß es keinen Raum im allgemeinen gibt, sondern nur Punkte, durch die der Geist des Zaubers hindurchgeht, der alles nach unten zieht. Wenn sie dann draußen am Rand eines Grats entlangging, einem Hirten mit seinen Schafen begegnete oder an einer Stelle vorbeikam, wo sich Schotter und Trümmer breitmachten, spürte sie, wie die Füße ihr ta, das »Dies« des »Hier und Jetzt« suchten. Die Füße suchen ihren Raum, in dem sie sich bewegen können, gelenkt vom bleischweren Zauber, immer in der Anziehung, die zur Bewegung drängt. Und wenige Seiten später: »Jetzt weiß ich, es existiert nur das Dies, das Hier, das Jetzt, der Augenblick und der Ort, die Gegenwart, und das alles bildet die unberechenbare Außenwelt. Alles andere ist die Wolke der Gespenster, die jedes Ding umgibt, ist das Irisieren der Augenblicke, ist die Vorstellung, mit der das ta jedem die Illusion gibt, er sei etwas anderes als ein Strauch, als ein Stein, als der Schatten an einer Wand ... Das für ...« (Ende der Tagebücher).  - (fata)

Augenblick (60)  

"Der Augenblick der Geburt"

- Alfred Kubin

Augenblick (61)  Jedes Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag, besteht in Wirklichkeit aus einem einzigen Augenblick; dem Augenblick, in dem der Mensch für immer weiß, wer er ist. Es wird erzählt, daß Alexander von Makedonien seine eherne Zukunft in der sagenhaften Geschichte des Achilles gespiegelt sah; Karl XII. von Schweden die seine in der Geschichte Alexanders. Tadeo Isidoro Cruz, der nicht lesen konnte, wurde diese Erkenntnis nicht in einem Buch offenbart; er sah sich selbst in einem Gefecht und einem Mann. Die Sache spielte sich folgendermaßen ab:

In den letzten Junitagen des Jahres 1870 erhielt er den Befehl, einen Übeltäter festzunehmen, der der Gerichtsbarkeit zwei Tode schuldete. Dieser Mann war ein Deserteur der Streitkräfte, die Oberst Benito Machado an der Südgrenze befehligte; im Rausch hatte er in einem Bordell einen Schwarzen getötet; in einem anderen Rausch einen Nachbarn aus der Gegend von Rojas;der Steckbrief besagte außerdem, daß er von der Lagune Colorado her unterwegs sei. An derselben Stelle hatten sich vor vierzig [ahren die Freischärler zu jenem Unglückszug gesammelt, der ihr Fleisch den Vögeln und Hunden preisgab; von dort kam Manuel Mesa, der auf der Plaza de la Victoria hingerichtet wurde, während man die Trommel rührte, damit man seinen Zorn nicht hörte; von dort der Unbekannte, der Cruz zeugte und in einem Wassergraben verendete, den Schädel gespalten von einem Säbel aus den Schlachten gegen Peru und Brasilien. Cruz hatte den Namen des Orts vergessen; mit leiser, aber unerklärlicher Beunruhigung erkannte er ihn wieder... Der Verbrecher, von den Soldaten gehetzt, wob zu Pferd ein Riesenlabyrinth aus Hin-und Rückwegen; sie stellten ihn trotzdem in der Nacht des 12. Juli. Er hatte sich in einem Sumpffeld versteckt. Die Dunkelheit war fast undurchdringlich; Cruz und seine Leute schlichen behutsam und zu Fuß-auf das Gesträuch zu, in dessen schauernder Tiefe der versteckte Mann lauerte oder schlief. Ein chajá schrie: Tadeo Isidoro Cruz hatte das Gefühl, diesen Augenblick schon einmal gelebt zu haben. Der Verbrecher trat aus seinem Schlupfwinkel hervor, um mit ihnen zu kämpfen. Cruz sah ihn in seiner Furchtbarkeit; die wuchernde Mähne und der graue Bart schienen sein Gesicht aufzuzehren. Ein notorischer Grund verbietet mir die Schilderung des Kampfes. Ich will nur daran erinnern, daß der Deserteur mehrere Männer von Cruz verwundete oder tötete. Dieser, während er da im Dunkeln kämpfte (während sein Leib im Dunkeln kämpfte), begann zu begreifen. Er begriff, daß ein Schicksal nicht besser ist als das andere, aber daß der Mensch zu dem, was er in sich trägt, stehen muß. Er begriff, daß ihn die Tressen und die Uniform schon behinderten. Er begriff seine innere Bestimmung zum Wolf, nicht zum Herdenhund; er begriff, daß der andere er selbst war. Über der ungeheuren Ebene tagte es; Cruz schleuderte das Käppi zu Boden, schrie, er werde das Verbrechen nicht zulassen, daß man einen tapferen Mann umbringe, und stellte sich zum Kampf gegen die Soldaten an die Seite des Deserteurs Martín Fierro.   - Jorge Luis Borges, Biographie von Tadeo Isidoro Cruz (1829 - 1874) . Nach (bo3)

Augenblick (62)  Der Leser weiß, wie er selbst vor zwanzig Jahren war, und im Geiste sieht er den, der er eines Tages sein wird. Ja - eines Tages! Aber eins weiß er nicht und wird er nie und nimmer zu wissen wagen: wer er jetzt ist, in ebendie-sem Augenblick. Und genau dieser Augenblick ist das einzige, wofür ich mich interessiere. Ergo, wen schert es, was ich tue? Und was schert es mich?

Ich liebe meinen Nächsten. Und, Jesus, wie ich ihn liebe! Von hinten, von der Seite, von vorne. Aber es gibt den Nächsten nicht. Und auch nicht die Nächste. Aber mich gibt es, auf irgendeine hundsföttische, üble Weise.

An wen soll ich mich also wenden? An die Imagination. Eigentlich hat bis heute - um auf mein Thema zurückzukommen - fast alles Schreiben, wenn nicht überhaupt alle Kunst, nur den einen Zweck, die Schranke zwischen dem Verstand und jener nebelhaften Zone aufrechtzuerhalten, die unsere Aufmerksamkeit von ihren verzweifelten Annäherungen an den Augenblick ablenkt. Es war immer nur die Suche nach ›dem schönen Schein‹. Na gut! Ich jedenfalls bin nicht auf der Suche nach ›dem schönen Schein‹.

Und wenn ich nun feierlich verkünde, daß ich mich der Imagination verschrieben habe, und Sie darum glauben, ich sagte mich auf diese Weise vom Leben los und verfehlte so meine ureigenste Absicht, antworte ich: Um jenen immerwährenden Augenblick, in dem allein wir leben, zu läutern, zu klären, zu steigern, gibt es nur eine einzige Kraft - die Imagination. Dies ist ihr Buch. Ich für mein Teil lade Sie ein, zu lesen und zu sehen.   - William Carlos Williams: Frühling und Alles, nach (wcw)

Augenblick (63)  

Augenblick (64)

Augenblick (65)  Ein inbrünstiges Erpichtsein auf die einzige Linie, die eine Gestalt endgültig ausdrückt; aber eine Gestalt, die im gewöhnlichen Leben, auf der Straße, im Opernhaus, bei der Putzmacherin, ja selbst an noch anderen Orten ausfindig gemacht wurde; eine Gestalt ferner, die in ihrer bezeichnendsten Gebärde, in einem bestimmten Augenblick überrascht worden ist, nie anders als handelnd, immer ganz Ausdruck —: das ist für mich, schlecht und recht mit ein paar Stichwörtern abgetan, Degas. Er hat den Versuch gewagt und unternommen, das Momentbild und die endlose Arbeit im Atelier zu vereinigen; den Eindruck in tiefer reichenden Studien zu verwahren; das Unmittelbare hinüber zuretten in die Dauer bewußten Wollens.  - (deg)

Augenblick (66)  Erinnerungen an das, was ich in meinem Leben getan und gesehen hahe.  Jetzt, da Ich dieses schreibe, habe ich vierundsiebzig Jahre hinter mir, ein recht langes Leben also. Lang? ach, da täusche ich mich, genau genommen lebe ich erst in diesem Augenblick jetzt; er geht vorüber, es kommt ein anderer, der schon vorbei ist, in dem ich zwar gelebt habe, doch in dem ich nicht mehr bin, und daher ist es ebenso, als wäre ich nicht gewesen. Könnte ich also nicht sagen, daß mein Leben keine Dauer hat, daß es immer neu beginnt? Auf diese Weise wären wir alle, Junge und Alte, gleich alt. Ein Kind wird in dem Augenblick geboren, in dem ich schreibe, und in meinem Sinn, so alt ich auch bin, ist es bereits ebenso alt wie ich: so scheint es mir jedenfalls, und was ist, so betrachtet, dann das Leben? ein fortwährender Traum, von dem Augenblick abgesehen, den man genießt, und der seinerseits Traum wird. Ich kenne einen armen Mann, der dreißig Jahre lang sehr viel gelitten hat; ich kenne einen großen Herrn, der die gleiche Zeit mit Lust und Freude verbracht hat; welcher von beiden waren Sie lieber gewesen, der arme Mann oder der große Herr? Welches Los Sie auch wählten, Sie fühlten sich jetzt nicht besser oder schlechter; denn alles Glück oder Unglück des Lebens führt dahin: vergangene Mühen, vergangene Freuden, alles vermischt sich, alles ist gleich. Die Könige sollten den Augenblick, den sie genießen, nützen, nur in diesem Moment sind sie glücklich, und es liegt bei ihnen, die Art dieses kurzen Glücks zu bestimmen; so kurz es auch ist, es hat ewige Folgen.  - (mariv)

Augenblick (67)  »In einem Jahr wird sie tot sein oder in 'nem Irrenhaus, so wie er und sie das treiben oben in dem Zimmer. Irgendwas ist komisch an der Geschichte, wo ich noch nicht richtig hintergekommen bin. Vielleicht liegt es an ihr. Sie ist nicht geboren für diese Art Leben. Man muß für sowas geboren sein, wie man als Metzger geboren wird oder als Friseur, finde ich. Das wird man beides auch nicht bloß für Geld oder zum Vergnügen.«

Es wäre besser für sie, wenn sie heute nacht schon tot wäre, dachte Horace und ging davon. Auch für mich. Er dachte über sie nach, über Popeye, die Frau, das Kind, über Goodwin, sie alle in eine kleine kahle Kammer gesteckt, zu tödlichem Ende, das jählich kam und tief: ein kurzer, tilgender Augenblick zwischen dem Unmut und der Überraschung. Und ich auch dabei, dachte er; das wäre die einzige Lösung. Beseitigt, ausgebrannt aus der alten und leidvollen Flanke der Welt. Und ich auch, jetzt, wo wir alle allein sind; und er dachte an einen sanften, dunklen Wind, der durch die langen Flure des Schlafes strich, an ein Liegen unter niedrigem, kuschligem Dach im langen Rauschlaut des Regens: des Bösen, der Ungerechtigkeit, der Tränen. In einer Gassenmündung standen zwei Gestalten, Gesicht zu Gesicht, doch ohne Berührung; der Mann sprach mit leiser Stimme undruckbares Wort um undruckbares Wort, in zärtlichem Flüstern; die Frau stand reglos vor ihm, wie in einem sinnenden Taumel wollüstiger Ekstase. Vielleicht kommt der Tod in dem Augenblick über uns, wo wir erkennen, wo wir uns eingestehen, daß es ein logisches Muster des Bösen gibt, dachte er, und er dachte an den Ausdruck, den er einmal in den Augen eines toten Kindes gesehen hatte und in denen anderer Toter: den erkaltenden Unmut, die langsam wegblassende Verzweiflung, bis schließlich nur noch zwei leere Kugeln übrig blieben, in denen die reglose Welt tief innen lauerte, verkleinert, wie eine Miniatur.  - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981 (zuerst 1931)

Augenblick (68)  »Ich glaube ich an zwei Dinge, die doch ein und dasselbe sind, daß etwas ist, und daß ich bin. Ich glaube an die Materie, die gleichzeitig Kraft und Masse ist, ein unvorstellbares All und eine Kugel, die man umschreiten kann, abtasten wie einen Kinderball, auf der wir leben und durch die abenteuerliche Leere des Raums fahren; ich glaube an eine Materie (wie schäbig und leer ist es daneben, zu sagen: >Ich glaube an einen Gott<), die greifbar als Tier, als Pflanze oder als Kohle und ungreifbar, kaum berechenbar, als Atom ist; die keinen Gott braucht, oder was man auch immer hinzuerfindet, deren einziges unbegreifliches Mysterium ihr Sein ist. Und ich glaube, daß ich bin, als ein Teil dieser Materie, Atom, Kraft, Masse, Molekül wie Sie, und daß mir meine Existenz das Recht gibt, zu tun, was ich will. Ich bin als Teil nur ein Augenblick, nur Zufall, wie das Leben in dieser ungeheuren Welt nur eine ihrer unermeßlichen Möglichkeiten ist, ebenso Zufall wie ich - die Erde etwas näher bei der Sonne, und es wäre kein Leben -, und mein Sinn besteht darin, nur Augenblick zu sein. O die gewaltige Nacht, da ich dies begriff! Nichts ist heilig als die Materie: der Mensch, das Tier, die Pflanze, der Mond, die Milchstraße, was auch immer ich sehe, sind zufällige Gruppierungen, Unwesentlichkeiten, wie der Schaum oder die Welle des Wassers etwas Unwesentliches sind: es ist gleichgültig, ob die Dinge sind oder nicht sind; sie sind austauschbar. Wenn sie nicht sind, gibt es etwas anderes, wenn auf diesem Planeten das Leben erlischt, kommt es, irgendwo im Weltall, auf einem anderen Planeten hervor: wie das große Los immer einmal kommt, zufällig, durch das Gesetz der großen Zahl. Es ist lächerlich, dem Menschen Dauer zu geben, denn es wird immer nur die Illusion einer Dauer sein, Systeme an Macht zu erfinden, um einige Jahre an der Spitze irgendeines Staates oder irgendeiner Kirche zu vegetieren. Es ist unsinnig in einer Welt, die ihrer Struktur nach eine Lotterie ist, nach dem Wohl der Menschen zu trachten, als ob es einen Sinn hätte, wenn jedes Los einen Rappen gewinnt und nicht die meisten nichts, wie wenn es eine andere Sehnsucht gäbe als nur die, einmal dieser einzelne, einzige, dieser Ungerechte zu sein, der das Los gewann.

Es ist Unsinn, an die Materie zu glauben und zugleich an einen Humanismus, man kann nur an die Materie glauben und an das Ich. Es gibt keine Gerechtigkeit - wie könnte die Materie gerecht sein -, es gibt nur die Freiheit, die nicht verdient werden kann - da müßte es eine Gerechtigkeit geben -, die nicht gegeben werden kann -wer könnte sie geben -, sondern die man sich nehmen muß. Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist.«

»Ich verstehe«, rief der Kommissär, zusammengekrümmt, ein verendendes Tier, auf seinem weißen Laken liegend wie am Rande einer endlosen, gleichgültigen Straße. »Sie glauben an nichts als an das Recht, den Menschen zu foltern!«

»Bravo«, antwortete der Arzt und klatschte in die Hände. »Bravo! Das nenne ich einen guten Schüler, der es wagt, jenen Schluß zu ziehen, nach dem ich lebe. Bravo, bravo.« (Immer wieder klatschte er in die Hände). »Ich wagte es, ich selbst zu sein und nichts außerdem, ich gab mich dem hin, was mich frei machte, dem Mord und der Folter; denn wenn ich einen anderen Menschen töte - und ich werde es um sieben wieder tun -, wenn ich mich außerhalb jeder Menschenordnung stelle, die unsere Schwäche errichtete, werde ich frei, werde ich nichts als ein Augenblick, aber was für ein Augenblick! An Intensität gleich ungeheuer wie die Materie, gleich mächtig wie sie, gleich unberechtigt wie sie, und in den Schreien und in der Qual, die mir aus den geöffneten Mündern und aus den gläsernen Augen entgegenschlägt, über die ich mich bücke, in diesem zitternden, ohnmächtigen, weißen Fleisch unter meinem Messer spiegelt sich mein Triumph und meine Freiheit und nichts außerdem.« - Friedrich Dürrenmatt, Der Verdacht. [Mit: Der Richter und sein Henker] Zürich 1978

Augenblick (69)  Er ging ruhig die Zufahrt hinauf und spürte den Duft der Heckenkirsche vom Zaun. Das Haus war dunkel, still, als sei es von der Ebbe aller Zeit im Raum ausgesetzt worden. Das Insektengeschwirr war zu einem tiefen, monotonen Summen abgesunken, überall, nirgends, erschöpft, als sei dieser Laut der chemische Todeskampf einer Welt, die starr und sterbend zurückgeblieben war über der Flutgrenze des Fluidums, darin sie gelebt und geatmet. Der Mond stand hoch, doch ohne Licht; die Erde darunter lag ohne Dunkelheit da. Er öffnete die Tür und tastete sich ins Zimmer und zum Licht. Die Stimme der Nacht - Insekten, was immer es war - folgte ihm nach ins Haus; er wußte plötzlich, es war die Reibung der Erde an ihrer Achse, der Erde, die sich dem Augenblick näherte, da sie entscheiden mußte, ob sie sich weiterdrehen oder für immer stillstehen wollte: ein regloser Ball im erkaltenden Raum, über dem ein dichter Duft von Heckenkirsche sich krümmte wie kalter Rauch. - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981  (zuerst 1931)

Augenblick (70)  Wir haben uns zum Gehen gezwungen, und plötzlich höre ich den Hahn krähen. Guillaumet hatte mir seinerzeit auch erzählt: „Gegen Ende hörte ich in meinen Anden die Hähne. Ich hörte auch die Eisenbahn." Das fällt mir im Augenblick ein, und ich sage mir: „Erst täuschen einen die Augen. Das macht der Durst. Die Ohren haben länger gehalten."

Aber Prévot faßt mich am Arm: „Hören Sie!" „Was denn?" „Den Hahn!" Ja aber —ja aber...

Ja aber, das hieße Leben — du Dummkopf! Noch eine Täuschung sucht mich heim. Ich sehe drei Hunde herumjagen. Prevot sieht hin und kann nichts wahrnehmen. Aber nun strecken wir beide die Arme dem Beduinen entgegen, beide holen wir den letzten Atem aus unserer Brust und beide lachen wir vor Glück. Aber unsere Stimmen tragen keine dreißig Meter mehr. Die Stimmbänder sind vertrocknet. Wir hatten miteinander nur noch geflüstert, und das nicht einmal bemerkt. Der Beduine und sein Kamel, die hinter dem Hügel hervorgekommen sind, wollen sich entfernen. Langsam, langsam ziehen sie weiter. Vielleicht ist er allein! Vielleicht hat ein grausamer Teufel uns diesen Menschen gezeigt, um ihn uns wieder zu nehmen.

Und wir können nicht mehr rennen! Da erscheint ein anderer Araber auf der Düne, mit der linken Seite uns zugewandt. Wir schreien — aber ganz leise. Wir schwenken die Arme und erfüllen nach unserer Meinung den Himmel mit riesigen Signalen. Aber der Beduine sieht immer nach rechts.

Jetzt aber, ganz langsam, macht er eine Viertelwendung links. Sobald er das Gesicht uns zugewendet hat, ist es auch schon geschehen: Durst, Tod und Luftspiegelungen sind verwischt in dem Augenblick, in dem er uns erblickt. Eine kleine Viertelwendung verwandelt unsere Welt. Eine Bewegung des Körpers, ein rascher Blick schaffen Leben, und er scheint mir nicht von dieser Welt. Ein Wunder! Ein Wunder! Er kommt auf uns zu wie ein Gott über das Meer! - Antoine de Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne. Düsseldorf 1976 (zuerst 1939)

Augenblick (71)  Vor einem mächtigen Buchenstamme, den vielleicht vor Jahren die Holzfahrer vergessen hatten, machte ich halt. Seine aufgesprungene Borke war dicht mit Moos und weißgrauen Flechten überzogen, und aus seinen verwitterten Schnittflächen streckten sich flache Schwämme wie rote, giftige Zungen hervor. Die wie von Schrotschüssen durchlöcherte Rinde verriet, daß unter ihr an geheimen Bewohnern kein Mangel war. Ich suchte also mit erwartungsfreudiger Umständlichkeit die Rindenaxt mit der breiten, meißeiförmigen Klinge aus dem Rucksack hervor, das Mulmsieb, Glasröhren und die Pinzette aus Uhrfederstahl, mit der man die feinen, flüchtigen Wesen ergreift, die so leicht zu zerdrücken sind. Vielleicht würde ich hier dem Cucujus begegnen, jenem scharlachroten, seidenglänzenden Einsiedler, den zu erbeuten schon früh ein Ziel meiner Wünsche war. Gar oft war er mir im Traume erschienen, herrlich leuchtend und ganz greifbar — doch dies kann nur der Sammler verstehen.

Doch nicht der rote Cucujus sollte mir in dieser Einsamkeit zur Beute fallen, sondern ein Augenblick, der freilich in seiner Art ganz unvergeßlich war. Bereits beim ersten Schlage sprang mir ein Holzsplitterchen in die linke Hand, das ich in ihrer hohlen Fläche liegen ließ, um es zu betrachten, wie wir zuweilen gedankenlos auf ein Stückchen Substanz zu starren pflegen. Es schien schon recht morsch, und der Schimmel hatte seine gelblichen Fäden vielfach hindurchgeschnürt. Aber wie erstaunte ich, als dieses Krümelchen plötzlich mit zwei zierlichen Fühlern zu spielen begann, als es sechs feine Beinchen von sich streckte und sich in einen kleinen Gesellen verwandelte, der einen schwarzen, mit weißgelben Silberschuppen tauschierten Panzerrock trug.

Freilich ist solch ein Wesen nicht so groß wie ein Elefant, aber wenn es sich so vorstellt, in einem sehr empfänglichen Augenblick und gleichsam aus dem Nichts heraus, werden wir durch eine vollkommene Idee des Lebens beglückt. In solchen Erscheinungen liegt ein großer Triumph; das Tier stimmt heiter, und oft werden wir auf Leute stoßen, die bei seinem überraschenden Anblick ein Gelächter überfällt.  - (ej)

Augenblick (72)  

Augenblick (73)  

L'instant est une particule concedée par le temps et enflammée par nous. C'est un renard étranglé par un lacet de fer. C'est ineffaçable, une tache de vin sur la joue d'un enfant, don du jeu des roseaux qu'agite la memoire.

Der Augenblick ist ein Teilchen, von der Zeit bewilligt und von uns entflammt. Ist ein Fuchs, von einer Eiscnschlinge erdrosselt. Ist, unentfernbar, ein Rotweinfleck auf der Wange eines Kindes, Geschenk vom Spiel des Schilfrohrs, das vor Erinnerung wogt.

- René Char, Vertrauen zum Wind. Waldbrunn 1984

Augenblick (74)  

Augenblick (75) »Halt den Mund!« wiederholte Lupin. »Kein Wort   ...   keine Bewegung.«

Er selbst blieb kaltblütig, sein Gesicht war völlig ruhig, seine Haltung so nachdenklich wie die eines Menschen, der Zeit genug hat, um eine delikate Situation unter allen Gesichtspunkten zu prüfen. Er erlebte einen jener Augenblicke, die er >die bedeutendsten des Lebens< nannte, die allein dem Leben seinen Wert und seinen Preis geben. In so einem Fall begann er, wie groß die drohende Gefahr auch immer war, im Stillen und langsam zu zählen: eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs, bis sein Herzschlag normal und gleichmäßig wurde. Dann erst dachte er nach -und wie scharf! Mit was für einer ungeheuren Konzentration! Mit welch einer tiefen Intuition für die möglichen Ereignisse! Alle Gegebenheiten des Problems tauchten in seinem Geist auf. Er sah alles voraus, er bedachte alles. Und er faßte seinen Entschluß mit absoluter Logik und Sicherheit.  - Maurice Leblanc, Der Kristallstöpsel oder Die Mißgeschicke des Arsène Lupin. Frankfut am Main 1973 (zuerst ca. 1910)

Mystik
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