eben  Wenn mein ruheloser Geist in die Verachtung aller Dinge und Menschen zurücksinkt, berauscht sich mein tierischer Leib an allen Trunkenheiten des Lebens. Ich liebe den Himmel wie ein Vogel, die Wälder wie ein schweifender Wolf, die Felsen wie eine Gemse, das hohe Gras, um mich darin zu wälzen, um mich wie ein Pferd darin zu tummeln, und das klare Wasser, um wie ein Fisch darin zu schwimmen. In mir schauert etwas von allen Tieren, von allen Instinkten, von allen dumpfen Begierden der niederen Geschöpfe. Ich liebe mit einer tierischen, tiefen, heiligen und erbärmlichen Liebe alles, was lebt, was wächst, was man sieht. - Guy de Maupassant

Leben (2) Dort, wo man unzufrieden, wo man in Gefahr ist, da kann man sich nicht mehr darauf beschränken, um die berühmte Fingerbreite vom rechten Wege abzuweichen, sondern man kehrt ihm völlig den Rücken, um auf den Schleichpfaden des Lebens voranzugehen. In Zeiten der Krankheit, der Niederlage werden die Gifte zum Medikament, und wenn man nicht zu einer der Quacksalbersekten gehört, die das Land mit unerträglichem Geschrei erfüllen, kann man diesem Prozeß nur mit einem Gefühl der Bewunderung gegenüberstehen. Die Not macht das Leben tief, sie ist die Mutter des Notwendigen, und es gehört zu den erstaunlichsten Augenblicken, wie, wenn sich ihr Damm vor einem Leben aufwirft, alle Wässerchen an die Arbeit gehen, damit er überklettert werden kann.

Wenn das Leben ins Gefecht tritt, entfaltet es aus seiner Einheit Reserven wunderbarer Art; und wo es vor seinen Hemmungen steht, beginnt es, an tausend Pünktchen zu glühen — es setzt sich unter Temperatur, um zu intensiverer Arbeit fähig zu sein. Wenn man in solche Manöver hineingezogen wird, muß man auch dankbar sein, indem man die Normalmaße zu Hause läßt. - (ej)

Leben (3)

einer sitzt nervös auf dem abtritt rafft
die hose auf den dürren knien quält sich
mit seinem stuhlgang der andere lehnt lässig
am pfosten der offnen tür raucht und während
er halblaut einspricht auf den sitzenden schiebt er
mit dem fuß zerstreut einen fetzen zeitungspapier
hin und her durch die pfützen auf dem steinboden
während nebenan ein dritter seinen harn ins becken
läßt deutlich hörbar überm geräusch
der defekten wasserspülung

nun? wirst du fragen — nichts
nichts als dies das ist leben was glaubtest du sonst —

- Wolfgang Hilbig, nach: Franz Fühmann, Praxis und Dialektik der Abwesenheit. Eine imaginäre Rede (1982) Nach: F.F., Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. München 1988 (dtv 10844)

Leben (4) Es gibt ein Spiel, erfanden von John Horton Conway, das "Life" heißt. Es wird gespielt auf einem, dem "Rechenpapier" unserer Schulzeit ähnlichen Spielfeld. Es ist ein Eroberungsspiel. Ziel der Spieler ist es, möglichst große Gebiete zu besetzen. Wie im "real life" sind sie dabei unumstößlichen Regeln unterworfen:

Ist ein Feld von zuwenig Nachbarn (bereits besetzten Feldern) umgeben, wird der ins leere Feld ausgesetzte Siedler sich nicht "fortpflanzen" können. Ist ein Feld andererseits von zu vielen Nachbarn umgeben, wird der Übersiedler "verhungern", da die Ressourcen im Gebiet nun mal begrenzt sind. So darf jeder Spieler seine "Pioniere" nur dort aussetzen, wo sie auch überleben werden.

Das Spielfeld

Dieses einfache Regelwerk läßt sich etwa so in eine Anweisung für "sture" Rechner übersetzen.

1.      Nimm Feldnummer.
2.      Zähle die in der Nachbarschaft bereits besetzten Felder.
3.      Lösche das Feld, wenn die Zahl der Nachbarn zu klein ist, und gehen dann wieder zu 1.
4.      Lösche das Feld, wenn die Zahl der Nachbarn zu groß ist, und gehe dann wieder zu 1.
5.      Besetze das Feld und gehe zu 1.

- Aus: Christian Bender, Simulationen mit Life. In: Tohuwabohu. Chaos und Schöpfung. Hg. Klaus Meier u. a. Berlin 1991 (atv 46)

Leben (6)  So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden - man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.

Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache. - Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Fankfurt am Main 2000 (it 2691, zuerst 1910)

Leben (6)

des lebens bittere füße setzen
mich ins benehmen wenn du fragst:
ich seh? nur, wenn du frägst
dann sägen sie: du saßest (oder
sahst) auf testen wie der laster
rast - und esther läßt dir hinter
lange fetzen (die mehlige ver-
festigung beim radeln): externer
lernschutz sozusagen (oder fast
food) - vertretbar eine schlange

- (vok)

Leben (7) Wie soll man da leben? Man soll ja auch nicht. Vasomotorisch labil, neurotisch inkontinent, ecce am Kadaver und ecce an der Apokalypse, Schizothymien statt Affekte, statt Fruchtbarkeit Aborte in alle Himmelsstriche, autopsychisch solitär, faulig monokol, polyphemhaft an den Hammelstücken, die ihre Beute unten tragen: am Bauch, nicht an den absoluten Graten; siebenunddreißig Jahre und total erledigt, ich schreibe nichts mehr - man müßte mit Spulwürmern schreiben und Koprolalien; ich lese nichts mehr - wen denn? die alten ehrlichen Titaniden mit dem Ikaridenflügel im Stullenpapier? ich denke keinen Gedanken mehr zu Ende, rührend das Bild des Abendländers, der immer noch und immer wieder, und bis der Okzident in Schatten sinkt, dem Chaos gegenübertritt mit seiner einzigen Waffe, dem Begriff, der Schleuder, davidisch, mit der er um sein Leben kämpft, - aber Dämmerung über die formalen Methoden, ich streife die Vorstellung einer Funktion außerhalb der Psychologie ewig latenter Antithesen - syndikalistisch-metaphys. - Gottfried Benn, Epilog und lyrisches Ich, zuerst ca. 1922

Leben (8) Das Leben des Menschen, treulich aufgezeichnet, stellt sich nie als ein Ganzes dar; den herrlichsten Anfängen folgen kühne Fortschritte, dann mischt sich der Unfall drein, der Mensch erholt sich, er beginnt, vielleicht auf einer höheren Stufe, sein altes Spiel, das ihm gemäß war, dann verschwindet er, entweder frühzeitig, oder schwindet nach und nach, ohne daß auf jeden geknüpften Knoten eine Auflösung erfolgte. - Goethes Vorwort zu: Johann Christoph Sachse, Der Deutsche Gil Blas. Hg. Jochen Golz.  Nördlingen 1987 (greno 10/20, zuerst 1822)

Leben (9) Überall sprudelt das Leben, bewegt sich hierhin und dorthin, sucht einen Durchschlupf und findet ihn. Dennoch glaubte man, es sei bestens verwahrt, gleichsam mit mehreren Schlössern, deren Schlüssel gut versteckt seien. Prionen, Spirillen, Bazillen, Viren und Vibrionen haben die meisten unserer Schutzwälle längst überwunden. Keine Abwehr ist auf Dauer erfolgreich; immer wieder überraschen sie uns mit ihrem Listenreichtum. Dabei handelt es sich nur um winzige Gebilde aus relativ wenigen Molekülen, die für sich genommen so zerbrechlich sind, dass man sie eigentlich für ungefährlich halten sollte. Was auf dieser elementarsten Ebene des Lebens für Kohäsion, Ordnung und eine von Generation zu Generation fortschreitende Vervollkommnung sorgt, die sogar die sichersten Barrieren zu überwinden vermag, ist eine faszinierende Frage und wartet geradezu auf Klärung.    - (thes)

Leben (10)
Das Leben ist
Ein Laub, das grünt und falbt geschwind.
Ein Staub, den leicht vertreibt der Wind.
Ein Schnee, der in dem Nu vergehet.
Ein See, der niemals stille stehet.
Die Blum, so nach der Blüt verfällt.
Der Ruhm, auf kurze Zeit gestellt.
Ein Gras, das leichtlich wird verdrücket.
Ein Glas, das leichter wird zerstücket.
Ein Traum, der mit dem Schlaf aufhört.
Ein Schaum, den Flut und Wind verzehrt.
Ein Heu, das kurze Zeite bleibet.
Die Spreu, so mancher Wind vertreibet.
Ein Kauf, den man am End bereut.
Ein Lauf, der schnaufend schnell erfreut.
Ein Wasserstrom, der pfeilt geschwind.
Die Wasserblas' , so bald zerrinnt.
Ein Schatten, der uns macht schabab.
Die Matten, so gräbt unser Grab.

- (hofm)

Leben (11)

DEin Leben / dessen end vns plaget /
War wie ein Tag schön vnd nicht lang /
Wie ein Stern vor des Tags auffgang /
Die Röhtin wehrend weil es taget /
Ein Seufz auß einer edlen brust /
Ein klag auß lieb nicht auß vnlust /
Ein Nebel den die Sonn verjaget.

Ein Staub der mit dem Wind entstehet /
Ein Thaw an einer hitz anbruch /
Ein Luft mit lieblichem geruch /
Ein Schnee der frühlings zeit abgehet /
Ein Blum die frisch vnd welck zugleich /
Ein Regenbog von farben reich /
Ein Zweig den bald der Wind vmbwehet.

Ein Schawr in Sommers zeit vergossen /
Ein Eyß an heissem Sonnen schein /
Ein Glaß so brüchig als es rein /
Ein Wasser über nacht verflossen /
Ein Plitz zu mahl geschwind vnd hell /
Ein Strahl abschiessend klar vnd schnell /
Vnd ein Gelächter bald beschlossen.

Ein Stim die lieblich dahin fähret /
Ein Widerhall der Stim in eyl /
Ein Zeit vertriben mit kurtzweil /
Ein Traum der mit dem schlaf auffhöret /
Ein Flug des Vogels mit begihr /
Ein Schat / wan die Sonn sticht herfür /
Ein Rauch von starckem Wind zustöret.

Also dein Leben (schnell verflogen)
Hat sich nicht anderst dan ein Tag /
Stern / Morgenröht / Seufz / Nebel / Klag /
Staub / Thaw / Luft / Schnee / Blum / Regenbogen /
Zweig / Schaur / Eyß / Glaß / Plitz / Wasserfall /
Strahl / Stim / Gelächter / Widerhall /
Zeit / Traum / Flug / Schat / vnd Rauch verzogen.

- Georg Rodolf Weckherlin (Lyrik des Barock I, Hg. Marian Szyrocki. rk 538, Reinbek bei Hamburg 1971)

Leben (12)  Leben ist leben: wer es nicht kennt, dem ist es nicht zu beschreiben. Es ist Freundschaft und Feindschaft, Begeisterung und Ernüchterung, Peristaltik und Ideologie. Das Denken hat neben anderen Zwecken den, geistige Ordnungen darin zu schaffen. Auch zu zerstören. Aus vielen Erscheinungen des Lebens macht der Begriff eine, und ebensooft macht eine Erscheinung des Lebens aus einem Begriff viele neue. Bekanntlich wollen unsere Dichter nicht mehr denken, seit sie von der Philosophie gehört zu haben glauben, daß man Gedanken nicht denken darf, sondern sie leben muß.

Das Leben ist an allem schuld.

Aber um Gottes willen: was ist leben? - (nach)

Leben (13)   Gelebt hat Caligula 29 Jahre und regiert drei Jahre, zehn Monate und acht Tage. Seine Leiche wurde heimlich in die Gärten der Familie Lamia1 geschafft, dort auf einem eilig zusammengeschichteten Scheiterhaufen nur halb verbrannt und dann unter dem Rasen leicht eingescharrt. Später erst ließen ihn seine Schwestern nach ihrer Rückkehr aus dem Exil wieder ausgraben, ordnungsgemäß verbrennen und bestatten. Allgemein bekannt ist, daß, bevor dies geschah, die Gartenwächter von Gespenstern beunruhigt wurden und daß auch in dem Hause, in dem er ums Leben kam, keine Nacht ohne Spuk verging, bis das Haus selbst bei einem Brande vernichtet wurde. Zugleich mit ihm starb seine Gemahlin Cäsonia, die ein Centurio mit seinem Schwert durchbohrte, und seine Tochter, der man den Kopf an einer Mauer zerschmetterte. - (sue)

Leben (14) Das Leben. Was für ein großes Wort! Ich stell mir das Leben als eine Kellnerin vor, die mich fragt, was ich zu den Wursteln dazu wolle, Senf, Kren oder Gurken? Die Kellnerin heißt Thekla.   - Albert Ehrenstein, Tubutsch, nach  A.E.: Gedichte und Prosa. Neuwied u.a. 1961

Leben (15) Das Leben des Menschen ist nichts anderes als ein astralischer Balsam, eine balsamische Wirkung, ein himmlisches und unsichtbares Feuer, eine eingeschlossene Luft und ein durchdringender („tingierender") Salzgeist. Anders und deutlicher kann man es nicht nennen. Obwohl es mit vielen und mehr Namen benannt werden könnte, wollen wir, da die besten und vortrefflichsten von uns hier angezeigt sind, die anderen weniger guten verschweigen.

Das Leben der Metalle ist ein verborgenes irdisches Fett („Feistigkeit"), daß sie vom Sulfur empfangen haben und das sie durch ihren Fluß beweisen. Denn alles was im Feuer fließt, fließt wegen seines verborgenen Fettes. Wenn das nicht vorhanden wäre, könnte kein Metall flüssig gemacht werden. Dies sehen wir beim Eisen und Stahl. Sie haben am wenigsten Fett von allen anderen Metallen in sich, daher sie von härterer und trockener Natur als jedes andere Metall sind.

Das Leben des Quecksilbers ist nichts anderes als eine innerliche Hitze und eine äußerliche Kälte. Das heißt innen im Körper erhitzt und wärmt es, aber außen kühlt es. Es mag wohl und billig mit einem Pelz verglichen werden, der auch wie der Mercurius in gleicher Weise wärmt und kühlt. Wenn ein Pelz am bloßen Leib getragen wird, wärmt er und ist gut gegen Frost und Kälte. Wenn aber sein Fell am bloßen Leib getragen wird, kühlt es und ist gut gegen die zu starke Hitze. Vor alten Zeiten bestand der Brauch, und er besteht noch heute an vielen Orten, daß man den Pelz im Sommer und Winter trägt gegen Hitze und Kälte oder Frost. Wenn es Sommer ist, kehrt man die rauhe Seite des Pelzes nach außen und die glatte oder das Fell nach innen Wenn es aber Winter und kalt ist, wendet man die rauhe Seite oder den Pelz nach innen und die glatte oder das Fell nach außen. Wie ihr es nun vom Pelz gehört habet, so kann auch Mercurius vivus gebraucht werden.

Das Leben des Sulfur ist ein verbrennbares stinkendes Fett. Da Sulfur stinkt und brennt oder brennbar ist, kann er als lebend bezeichnet werden etc.

Das Leben aller Salze ist nichts anderes als ein Spiritus der Säure. Denn wenn ihr Wasser von ihnen abdestilliert wird, wird das, was am Boden zurückbleibt, Terra mortua oder totes Erdreich genannt.

Das Leben der Edelsteine und Korallen ist nur ihre Farbe, die ihnen durch Weingeist genommen und ausgezogen werden kann.

Das Leben der Perlen ist nichts anderes als ihr Glanz, den sie bei der Kalzination verlieren.

Das Leben des Magneten ist ein Spiritus des Eisens, der mit rektifiziertem Branntwein oder Weingeist ausgezogen und genommen werden kann.

Das Leben der Quarze und Kieselsteine ist eine schleimige Materie.

Das Leben der Marcasitae, Cachimiae, des Talk, Kobalt, Zink, Granat, Zwitter, Wismut, Antimonium ist ein tingierender metallischer Spiritus.

Das Leben der Arsenicalia, Auripigmente, Oppermente, Realgare und ähnlicher Materien ist ein merkurialisches und koagulierendes Gift.

Das Leben der undosischen Dinge, als da ist jedes Kotes, der von Menschen und Tieren geht, ist sein übler und böser Geruch und Gestank. Denn wo es diesen verliert, ist das Ding tot. - (par)

Leben (16) Der urbildliche Körper des Leben, ein geschnäbelter fleischfressender Trieb, von sich selbst getragen auf sturmweiten Schwingen: aber die Augen waren bluttriefende Öffnungen; die Augen waren ausgehackt; dunkles Blut rann von den zerstörten Augenhöhlen auf den Haken des Schnabels und regnete auf die weiten Räume von leerem Himmel. Dennoch setzte sich das große Leben fort; dennoch war das große Leben schön und verschlang seinen Hunger als Speise. - Robinson Jeffers, nach: Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten.  Frankfurt am Main 1978 (st 424, zuerst 1949)

Leben (17)

Ja, in der Jugend steht das Leben still,
im Mannesalter strömt es weich im Takt.
Doch naht es sich dem Abgrund, seinem Ziel,
dann bricht es los als wilder Katarakt!

Zwei sind der Tode. Tode, die wir sehen,
sind wie das Laub, wenn es im Spätjahr fällt,
doch unser eigner Tod kann nur geschehen
als letzter Schluß, als Jüngster Tag der Welt.

Wir leben mit Verbrechern und mit Narren,
dem Leben halb und halb dem Tod geweiht,
der eine wird im Tod uns rasch verscharren,
der andre hat im Sterben für uns Zeit.

Und - Gott erbarm - wir konnten's kaum studieren,
da naht uns schon des Lebens letzte Stunde,
das Schicksal ruft, die Bücher einzuschnüren,
und was wir lernten, geht mit uns zugrunde.

Wir haben kaum gelernt das Schwert zu halten,
da wird die Hand schon ungelenk und steif,
wenn Geistesflug und Phantasie erkalten,
sind wir noch kaum für erste Worte reif.

Kaum finden wir den Weg zu rechter Liebe,
uns selbstvergessend selber aufzuheben,
macht dunkler Argwohn schon die Herzen trübe,
was männlich in uns ist, hört auf zu leben:

Wir steigen kaum zu der Erkenntnis Höhen
und schauen auf die grüne weite Plan,
wir spüren kaum den Hauch von Himmelswehen,
kaum dringen Sphärenklänge an uns ran;

da prescht das weit ausgreifende Kamel,
der Todesbote, durch die wüste Leere
und hebt den Stab zu flüchtigem Befehl,
wer grad noch lebte, eilt zum Totenheere.

 - Sir Richard Francis Burton, nach: Ilija Trojanow, Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton. München 2008 (zuerst 2007)

Leben (18) Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde. - Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich 1979 (zuerst 1854)

Leben (19)  Das Leben, wie ein Kommentar zu etwas anderem, das wir nicht erreichen, und es liegt da in Reichweite des Sprungs, den wir nicht machen.

Das Leben, ein Ballett über ein geschichtliches Thema, eine Geschichte über ein Erlebnis, Erlebnis einer wirklichen Tatsache.

Das Leben, Fotographie des Numen, Besitznahme in der Finsternis (Frau, Ungeheuer?), das Leben, Kupplerin des Todes,   glänzendes   Kartenspiel,   Tarock mit vergessenen Schlüsseln, das von gichtigen Händen zu einer tristen Patience degradiert wird. - (ray)

Leben (29)  Sie hatten eben wieder ein Wohnviertel hinter sich gelassen, da sahen sie plötzlich gar nichts mehr, sie mußten auf freiem Feld sein, denn sie gingen über gefrorene Felder und ringsum war alles weiß: einen so weißen Nebel hatten sie noch nie gesehen, und er war so dicht, daß sie mit der Fußspitze vorfühlen mußten, bevor sie einen Schritt machten, weil sie über ihre Nasen hinaus nichts sahen.

Sie mußten stehenbleiben. Als sie sich im Nebel drehten, sahen sie um sich auf allen Seiten eine große weiße Wand, in der es ihnen nicht mehr gelang, einander wieder zu finden, ihren eigenen Körper zu sehen oder einen Zuruf deutlich zu vernehmen. Sie froren und fühlten sich allein, aber sie konnten weder vor noch zurück und mußten stehenbleiben an dem wunderlichen Ort, wo sie sich verirrt hatten.

Einen so langen Weg von so weit waren sie gekommen, weil sie etwas suchten, das nicht langweilig war, hatten es nicht gefunden und mußten jetzt noch, wer weiß wie lange, frierend und melancholisch im Nebel stehn, bevor sie zu ihren Eltern nach Hause zurückkehren konnten. Da kam ihnen der Verdacht, daß das ganze Leben so sein könnte.  - (gcel)

Leben (21)  Leben heißt das Vermögen einer Substanz, sich aus einem inneren Princip zum Handeln, einer endlichen Substanz, sich zur Veränderung, und einer materiellen Substanz, sich zur Bewegung oder Ruhe als Veränderung ihres Zustandes zu bestimmen. Nun kennen wir kein anderes inneres Princip einer Substanz, ihren Zustand zu verändern, als das Begehren und überhaupt keine andere innere Thätigkeit als Denken mit dem, was davon abhängt, Gefühl der Lust oder Unlust und Begierde oder Willen. Diese Bestimmungsgründe aber und Handlungen gehören gar nicht zu den Vorstellungen äußerer Sinne und also auch nicht zu den Bestimmungen der Materie als Materie. Also ist alle Materie als solche leblos. - Immanuel Kant, nach (lte)

Leben (22)

Philosphischer Bademeister

- Thomas Körner

Leben (23)

Leben (24)

Leben (25)  Es schien mir ganz natürlich, daß jedermann, egal ob Mensch oder Tier, sein Vergnügen miteinander hatte. Wenn man Hunde auseinanderbringen wollte, begoß man sie mit heißem Wasser, und das schien mir grausam genug. Aber soweit ich es beurteilen konnte, bestand das Leben darin, Fohlen und Kälber, Hühner und Enten zu produzieren. Die beiden großen Säue, die wir mit unserem Abfall fütterten, hätten regelmäßig ihre Jungen aufgefressen, wenn wir sie ihnen nicht vorher weggenommen hatten. Sie selbst waren nur Speckfabriken. Und wenn ich ein Dutzend oder mehr kleiner Ferkel an den Zitzen der Muttersau hängen und saugen sah, erschien mir -wenn ich darüber nachdachte, aber ich tat es selten - das ganze Königreich der Tiere als ein einziges sabberndes Zeugen ohne Ende. Und es unterschied sich nicht viel von dem, was mein Vater im Bett tat.   - Nell Kimball, Madame - Meine Mädchen, meine Häuser. Hg. Stephen Longstreet. Frankfurt am Main, Wien und Berlin 1982 (entst. ca. 1917-1932)

Leben (26)  Das Leben ist ein Schlaf: die Greise sind die Menschen, die den längsten Schlaf getan haben; sie beginnen erst zu erwachen, wenn es ans Sterben geht. Wenn sie dann auf die ganze Kette ihrer Jahre zurückblicken, so finden sie oft keine Tugenden und lobenswerten Handlungen, die jene voneinander unterschieden; sie verwechseln die Lebensalter, weil nichts sich abhebt, womit sie die durchlebte Zeit messen und gliedern könnten. Ein wirrer, gestaltloser Traum ohne Sinn ist an ihnen vorübergezogen: sie fühlen nur wie Erwachende, daß sie lange Zeit geschlafen haben.

Nur drei Ereignisse bestimmen das Dasein des Menschen: er wird geboren, lebt und stirbt. Von seiner Geburt weiß er nichts, er erleidet den Tod, und er vergißt zu leben.  - (bru)

Leben (27)  Betrachten wir eine Kultur oder ihren lebendigen Träger, das Volk, als ständig wachsende Kugel, so ist der Wille, der unbedingte und rücksichtslose Wille, zu wahren und zu mehren, das heißt: der Wille zum Kampf, das magnetische Zentrum, durch das ihre Struktur gefestigt wird. Verliert dieses Zentrum seine Kraft, so muß sie in Atome zerrieseln.

Beispiele aus der Geschichte sind billig. Bei jedem Zusammenbruch sehen wir Schwäche, die ein Stoß von außen plötzlich offenbart Dieser Stoß kommt jedesmal mit unfehlbarer Sicherheit; das liegt in der Einrichtung der Welt. Die Sucht, zu zerstören, ist tief im menschlichen Wesen verwurzelt; alles Schwache fällt ihr zum Opfer. Was hatten die Peruaner den Spaniern getan? Wer Ohren dafür hat, dem singen die Urwaldkronen, die heute über den Ruinen ihrer Sonnentempel federn, die Antwort. Es ist das Lied vom das sich selbst verschlingt. Leben heißt töten. - Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis. Stuttgart 1980 (zuerst 1922)

Leben (28)  Spontan ordnen wir die Dinge unserer Umgebung zwei klar unterschiedenen Kategorien zu: den Lebewesen und der unbelebten Materie. Ist die Grenze zwischen beiden jedoch tatsächlich so klar definiert, wie wir meinen?

Es genügt der Hinweis auf die Viren, um eine Schwierigkeit aufzuzeigen. Sie bestehen , entweder aus einem DNA- oder einem RNA-Molekül, das von einer Proteinhülle umgeben ist, und haben keinen eigenen Stoffwechsel. Isoliert zeigen sie keinerlei Leben; in einer Wirtszelle kann ein Virus jedoch praktisch deren Selbstmord provozieren. Er benutzt das Material der Wirtszelle, um mehrere dutzend Kopien des ursprünglichen Virus hervorzubringen. In diesem Prozess stellt die infizierte Zelle die gesamte erforderliche Energie bereit, während der Virus passiv bleibt. Lebt der Virus also oder ist er lediglich eine Art Droge, die den Zelltod hervorruft?

Die Definitionen, die in Lexika zu finden sind, spiegeln diese Schwierigkeit wider: Für manche ist das Leben die Spanne zwischen Geburt und Tod; für andere manifestiert es sich in bestimmten Vorgängen wie Atmung, Verdauung und Fortpflanzung. Im Allgemeinen scheint das Leben, bezeugt durch eine materielle Struktur, implizit als eine zusätzliche Gabe zu gelten, die sich den von der Natur empfangenen stofflichen Elementen hinzugesellt.

So formuliert mündet die Frage, was das Leben sei, in andere, häufig gestellte Fragen: Wie, wann und wo ist es auf der Erde entstanden? Die Antworten hierauf sind genau so zahlreich wie die Mythen, die die Erschaffung der Welt erklären. Statt Antworten auf diese Fragen zu suchen, ist es auch möglich, ihre Bedeutung zu bestreiten, indem man einen fließenden Übergang zwischen den Kategorien der belebten und der unbelebten Natur annimmt. Damit ist die Entstehung des Lebens kein punktuelles Ereignis mehr, das in Zeit und Raum lokalisierbar wäre. Vielmehr ist sie Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses, der zunehmend komplexere und daher mit immer weitreichenderen Möglichkeiten ausgestattete Strukturen hervorbringt.

Das Wesen dieses Prozesses besteht im Auftauchen unvorhersehbarer Fähigkeiten, wenn mehrere Elemente sich zu einem integrierten Ganzen zusammentun, das sich nicht als Summe seiner Bestandteile beschreiben lässt. Die Natur kennt keine Addition: Sobald sie etwas zusammensetzt, bringt sie etwas völlig Neues hervor. Dieses Phänomen ist festzustellen, wenn Quarks sich zu einem Nukleon zusammentun, Nukleonen zu einem Atomkern, Atome zu einem Molekül. Dieses sukzessive, zunehmend reichhaltigere Zusammensetzspiel von interaktiven Elementen vollzieht sich bis hin zur Bildung von Zellen, die sich zusammentun und einen Organismus bilden, oder bis hin zu den Individuen, die ein Kollektiv bilden. In jedem Stadium manifestieren sich Eigenschaften, die umso unerwarteter sind, je stärker die Merkmale jeder Untereinheit durch ihre Zugehörigkeit zum Ganzen modifiziert werden.

Dieses Fortschreiten zu immer größerer Komplexität und somit zu neuen Leistungen ist ein Merkmal unseres Universums. Allerdings ist einzuräumen, dass es sich überaus langsam vollzieht, da eine materielle Struktur, die durch Zufall mit bemerkenswerten Fähigkeiten ausgestattet ist, per Unglück eines Tages auch wieder zerstört werden kann. Die Zeit zerstört das, was sie hat entstehen lassen. Jeder Fortschritt ist provisorisch.  - (thes)

Leben (29)

Leben (30)  Wie wollen Sie überhaupt die Erscheinungen des Lebens beurteilen, sein Bogen ist so weit gespannt. Er reicht von einem Morgen in Sumatra, wenn sich die fliegenden Hunde in den Schlafbaum hangen und der Orang auf seinem Ast mit spitzen Fingern zwei Stacheln aus dem Kranz der Durianfrucht reißt, um den Saft zu schlürfen, über die Frühlinge anderer Länder, die mit weißen Reihern kommen, die Teesträucher duften und der Reis schießt auf, und dann der Herbst mit den Taifunen. Ein amerikanischer Statistiker urteilt, das Leben besteht aus Orgasmen und aus Handlungen, die sie vorbereiten, während Pascal meinte, die Liebe sei nur erlaubt, um Heilige zu erzeugen; ein Dritter schrieb, der Sexualverkehr mit Tieren sei für Landbewohner naheliegend, Die Europäer sind verpflichtet, um jedes Leben zu kämpfen, auch um seine armseligste Frist, um jede Stunde mit Spritzen und Sauerstoffgebläse - bei gewissen Nomadenstämmen steckt der älteste Sohn den Speer durch die Zeltwand und der Alte wirft sich von innen mit dem Herzen dagegen - - Gewohnheiten, Notwendigkeiten, Urreste, Kausalitäten - das Mittelmeer ist eine Faser im Holz, aber der Bogen ist sehr weit gespannt.  - Gottfried Benn, Drei alte Männer. In: G. B., Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962

Leben (31)  Ich lächelte ihn mit gutgelaunter Bestürzung an und sagte: »Durchtrieben aussehender Mann, Sie sind schwer einzuordnen, und es ist nicht leicht, Ihren Stand zu erraten. Einerseits kommen Sie mir sehr zufrieden vor, und andererseits scheinen Sie überhaupt nicht befriedigt zu sein. Was haben Sie gegen das Leben?«

Er blies kleine Rauchschwaden zu mir herüber und musterte mich sorgfältig durch die Haarbüschel, die ihm um die Augen wuchsen.

»Ist es das Leben?« gab er zurück. »Ich wäre gern damit verschont«, sagte er, »denn es ist von nur sehr wenig Nutzen. Man kann es nicht essen oder trinken oder in der Pfeife rauchen, es schützt nicht vor Regen, und im Dunkeln ist es eine schwache Gefährtin, wenn man es auszieht und nach einer Nacht voller Porter mit ins Bett nimmt, weil man von roter Leidenschaft geschüttelt ist. Es ist ein großer Fehler, und ohne es ist man besser dran, und dasselbe gilt für Bettpfannen und importierten Schinken.«   - (obr)

Leben (32)  »Es ist schwer, seine wahre Gestalt zu erfassen«, sagte ich zu dem durchtriebenen Mann, »oder das Leben überhaupt zu definleren, aber wenn man Leben mit Vergnügen gleichsetzt, so habe Ich gehört, daß es in der Stadt eine bessere Sorte Leben geben soll als auf dem Lande, und in gewissen Teilen Frankreichs sogar eine ganz ausgezeichnete Sorte. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, daß Katzen eine Menge davon besitzen, wenn sie noch sehr jugendlich sind?«

Er blickte verdrossen in meine Richtung. »Das Leben? Mancher Mann hat hundert Jahre damit verbracht, seine Dimensionen zu erfassen, und wenn er es schließlich versteht und ein gewisses Muster davon im Kopf hat, dann trollt er sich - beim Geier auch! - ins Bett und stirbt! Stirbt wie ein vergifteter Hütehund. Nichts ist so gefährlich, man kann es nicht rauchen, niemand gibt Ihnen zweieinhalb Pence für ein halbes, und zum Schluß bringt es einen um. Es ist eine üble Einrichtung, sehr gefährlich, eine tödliche Falle. Das Leben?«   - (obr)

Leben (33)  Das Leben«, murmelte Kiki, »ist au fond so begrenzt, so ohne Möglichkeit zu neuen Frivolitäten, so diabolique« - sie hebt ihre Mandarinaugen, mit Kohlestift abgeschrägt -»daß man im Besitz einer Maus sein muß, einer kleinen weißen Maus, n'est-ce pas, um sie zwischen Cocktails und thé umherlaufen zu lassen.«

Das meistbegehrte Modell vom Montparnasse hält das kleine, warme, flinke Etwas, das sie auf ihren rotlackierten Fingern trägt, in Richtung Boulevard Raspail, wo es ohne Vorurteile und ohne etwas über die Annehmlichkeiten von >Gut und Böse< zu wissen, mit aufmerksamen, funkelnden Augen alle Menschen anstarrt. - (barn)

Handeln

 

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