egenwart  Hieß das aber nicht, daß er die Jukeboxen aufsuchte, um sich, wie man so sagte, aus der Gegenwart wegzustehlen? — Vielleicht. Das Gegenteil war jedoch dann in der Regel der Fall: Neben seinem Ding bekam, was sonst noch herumwar, eine ganz eigene Gegenwärtigkeit. Wenn möglich, nahm er in jenen Lokalen seinen Sitz dort ein, wo er den ganzen Raum und noch einen Ausschnitt von draußen im Auge hatte. Da kam es nun, im Verein mit der Jukebox, zusammen mit dem  Dahinphantasieren, ohne das ihm so zuwidere Beobachten, oft zu einem Sich-Verstärken, oder eben Gegenwärtigwerden, auch der anderen Anblicke. Und was sich an ihnen vergegenwärtigte, waren weniger die Auffälligkeiten oder die Reize als die Üblichkeiten, auch nur die gewohnten Formen oder Farben, und solche verstärkte Gegenwart erschien ihm dabei als etwas Wertvolles — nichts Kostbareres und Überlieferungswürdigeres als sie; eine Art des Gewärtigwerdens wie sonst nur bei einem die Bedachtsamkeit weckenden Buch.

Es besagte dann etwas, einfach, wenn ein Mann ging, ein Strauch sich bewegte, der Obus gelb war und zum Bahnhof abbog, die Straßenkreuzung ein Dreieck bildete, die Kellnerin an der Tür stand, die Kreide auf dem Rand des Billardtisches lag, es regnete, und, und, und.  

Ja, das war es, der Gegenwart wurden die Gelenke eingesetzt!  - Peter Handke, Versuch über die Jukebox, Frankfurt am Main 1990

Gegenwart (2) (7. Karte):L. M., 23. 11. 72:& dann kommt die Gegenwart, sowas wie Sinnesverschlampung, die diese Karte ist./(Bist Du auf dem Ausflug bisher gefolgt?)/(& Du merkst plötzlich, in was für Szenen wir gestellt sind, jeder für sich, mit lebendigen, pulsierenden Körpern & weichem, verletzlichem, schönen Fleisch, mit weichen, sanften Körpern & Formen, steif & weich, offen & zu, & man sieht die Parasiten deutlich!)/(: man sieht sie, sobald man 1 längere Zeit, die Zeit unseres Bewußtseins erblickt!)!: als ich dastand, durch die steinerne Kulisse ging, dachte ich: "schnell weg!" (Alles an diesem Tag erinnerte mich an das Glück, an der See zu sitzen, in 1 Sandloch vor Wind geschützt, & für sich)! "Der Norden!" das ist es für mich immer weiter! (Den Süden gibt es nicht!)/warum hat der südliche Raum soviel Todessymbole aufgespeichert?/Fragen, wissen!

D.      R./: Gehe in 1 großen Fremdheit des Verstandes hier durch!/(&: dieses ist nach 3 Tausend Jahren Kultur & Abendland & Dichten, Empfinden, Denken, Sehen, Spüren: die Gegenwart!)  - (rom)

Gegenwart (3)
 

Die Zukunft ist eine Ziege
Die Vergangenheit ist ein Tiger
Du bist zwischen den beiden
Die Ziege läuft schnell
Sie peitscht dein Gesicht mit ihrem Schwanz
Sie bricht dein Knie mit ihren Hufen
Sie beschmutzt dein Gesicht mit ihrem Kot
Aber du läufst ihr nach
Weil dir der Tiger seinen Atem in den Nacken bläst
Weil seine Klauen deinen Rücken zerfetzen
Weil seine Zähne deinen Hintern zerbeißen
Und die Gegenwart?
Wo ist die Gegenwart?
Das ist der Atem des Tigers
Und der Furz der Ziege

- Roland Topor, Die Bar der Zukunft. Aus: Tintenfass 11. Zürich 1984

Gegenwart (4) Es ist ein Verbrechen ohne Vergangenheit, weil das Opfer keine Vergangenheit hat, weil es keine Vergangenheit haben will. Sie sagt, daß sie in der Gegenwart lebe, nie an die Zukunft denke und beständig ihre Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis auslösche. Nach Jahren der Bemühungen, der Versuche, der Niederlagen und der Ausdauer hat sie es geschafft, die Tränen in ihren geschminkten Augen zu trocknen und ein Standardlächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, das, je nachdem, wie es die Umstände verlangen, glücklich oder provozierend oder sarkastisch wirkt. Ihr Leben ist die Gegenwart, und die Gegenwart ist der Ny-lonbody, der die Brüste betont, die eng anliegenden Hot pants, die Schuhe mit den Pfennigabsätzen, die Gänsehaut, denn es ist lausekalt, das ungeduldige Auf- und Abspazieren, das unentwegte Kauen eines Kaugummis, der längst keinen Geschmack mehr hat. Die Gegenwart ist der Wunsch, so schnell wie möglich Feierabend zu machen, die Gier auf einen Kunden, auf einen Freier, egal wer, um nach Hause rennen und sich einen Schuß setzen zu können, der die unmittelbare Vergangenheit, die unnötigen Erinnerungen auslöscht, die Füße auf den abgenutzten Treppenstufen der Pension, das Lächeln, mit dem der Sheriff das Geld entgegennimmt, die verdammte, verfluchte Übergabe der Geldscheine, die immer alles kaputtgemacht hat, ein Schuß, und alles wird aus ihrem Gedächtnis gelöscht, die grauen Zellen werden gereinigt, und unter der Dusche wird sie ihr Lachen wiederfinden, ihr wirkliches Lachen, das Lachen ihrer Kindheit, die es nie gegeben hat, glücklich und zufrieden, rein an Körper und Seele, fleckenlos sauber, und dann wird sie wieder sagen können, mit Recht, daß sie das beste aller Leben lebt, weil sie frei ist, kapierst du, frei, weil sie macht, wonach ihr der Kopf steht, oder die Möse, das hat sie immer schon gemacht, und deshalb kann sie es sich leisten, ihre Freier zu verachten, und deshalb ist ihr völlig schnuppe, was die Freier von ihr verlangen, so sonderbar ihre Wünsche auch immer sein mögen („Jetzt steck dir das rein"), sie ist abgebrüht, sie kann so leicht nichts mehr erschüttern.

Ihr rechter Unterarm juckt. Sie kratzt sich. Sie geht unruhig auf und ab. Ihr jucken die Waden, der Hals, sogar ihre Muskeln jucken, aber nicht vor Lust. So fängt es immer an. Und jeden Tag geht der Juckreiz früher los, du lieber Himmel, jeden Tag früher.  - Andreu Martín, Die Stadt, das Messer und der Tod. Bühl-Moos, Baden-Baden  1994

Gegenwart (5)  Die Gegenwart eines Gedankens ist wie die Gegenwart einer Geliebten. Wir meinen, diesen Gedanken werden wir nie vergessen und diese Geliebte könne uns nie gleichgültig werden. Allein aus den Augen, aus dem Sinn! Der schönste Gedanke läuft Gefahr, unwiederbringlich vergessen zu werden, wenn er nicht aufgeschrieben, und die Geliebte, von uns geflohen zu werden, wenn sie nicht angetraut worden.    - (schop)

Gegenwart (6)  Das Substrat, oder die Ausfüllung, oder der Stoff der Gegenwart ist durch alle Zeit eigentlich der selbe. Die Unmöglichkeit, diese Identität unmittelbar zu erkennen, ist eben die Zeit, eine Form und Schranke unsers Intellekts. Daß, vermöge derselben, z. B. das Zukünftige noch nicht ist, beruht auf einer Täuschung, welcher wir inne werden, wann es gekommen ist. Daß die wesentliche Form unsers Intellekts eine solche Täuschung herbeiführt, erklärt und rechtfertigt sich daraus, daß der Intellekt keineswegs zum Auffassen des Wesens der Dinge, sondern bloß zu dem der Motive, also zum Dienst einer individuellen und zeitlichen Willenserscheinung, aus den Händen der Natur hervorgegangen ist *.

Wenn man die uns hier beschäftigenden Betrachtungen zusammenfaßt, wird man auch den wahren Sinn der paradoxen Lehre der Eleaten verstehn, daß es gar kein Entstehn und Vergehn gebe, sondern das Ganze unbeweglich feststehe: Parmenides und Melissos leugneten das Entstehen und Vergehen, weil sie das All für unbeweglich hielten (nach Stobäus). Imgleichen erhäit hier auch die schöne Stelle des Empedokles Licht, welche Plutarch uns aufbehalten hat, im Buche Adversus Coloten:

Toren sind sie, ermangelnd des weitausblickenden Denkens,
Die da wähnen, es könne entstehen, was nicht schon gewesen,
Oder es könne vergehen und gänzlich werden zu nichte.
Niemals wird in den Sinn dergleichen kommen dem Weisen,
Daß wir, solange wir leben, - was man so als Leben bezeichnet -
Nur so lange auch seien behaftet mit Schlimmem und Gutem,
Und daß wir vor der Geburt und nach dem Tode ein Nichts sind.

* Es giebt nur Eine Gegenwart, und diese ist immer: denn sie ist die alleinige Form des wirklichen Daseyns, Man muß dahin gelangen einzusehn, daß die Vergangenheit nicht an sich von der Gegenwart verschieden ist, sondern nur in unserer Apprehension, als weiche die Zeit zur Form hat, vermöge welcher allein sich das Gegenwärtige als verschieden vom Vergangenen darstellt. Zur Beförderung dieser Einsicht denke m#n sich alle Vorgänge und Scenen des Menschenlebens, schlechte und gute, glückliche und unglückliche, erfreuliche und entsetzliche, wie sie im Laufe der Zeiten und Verschiedenheit der Oerter sich successiv in buntester Mannigfaltigkeit und Abwechselung uns darstellen, als auf ein Mal und zugleich und immerdar vorhanden, im Nunc stans [beharrenden Jetzt], während nur scheinbar jetzt Dies, jetit Das ist; - dann wird man verstehn, was die Objektivation des Willens zum Leben eigentlich besagt. - Auch unser Wohlgefallen an Genre-Bildern beruht hauptsächlich darauf, daß sie die flüchtigen Scenen des Lebens fixiren. - Aus dem Gefühl der ausgesprochenen Wahrheil ist das Dogma von der Metempsychose [Seelenwanderung] hervorgegangen.  - (wv)

Zeit
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