ote   In reichlich ästhetischer Weise wird das Problem von jenen gesehen, die meinen, daß die Toten in den Tönen hocken: sobald sie einen erlauschen, sei es ein stimmlicher oder instrumentaler Ton, packen sie blitzartig zu und dringen ein, wie der Akrobat es mit dem ihm vorausfliegenden Trapez macht; und kaum daß das phonetische Trittbrett sich auflöst, flitzen sie auf einen anderen und bleiben dort weiter wohnen; weshalb denn unsere Welt ganz mit Toten bestickt ist, die von Laut zu Laut springen; und das wäre die Erklärung, so wagen sich einige vor, für den Rhythmus, der so anmutig zugleich Ächzen und Dröhnen, Arien und Getöse regiert; und so würden also die Toten zwischen unseren Dingen wie ein Nähfaden sich bewegen, der verbindet und sie zusammenhält.

Manche wollen diese Behausungen in den Regentropfen erkennen, und die Schauer wären nichts anderes als Totenbänke, die wir durchkreuzen, mehr oder weniger dicht, je nachdem sie nieseln oder prasseln. Jene behaupten, daß die fallenden Tropfen ein Brausen oder ein Raunen von Worten erzeugen, einzeln oder im Chor ausgesprochen, die nur von den Toten kommen können, die darin wohnen. Und sie fügen gewisse Tonaufzeichnungen bei, die eher hübsch als überzeugend wirken.

Wieder andere schlagen den Schnee vor und erblicken in den zerbrechlichen Kristallen Einzimmerwohnungen und keusche Sarkophage; aber dann hätten die Lebenden nur im Winter Umgang mit den Toten. Und das wäre eher unwahrscheinlich. - Giorgio Manganelli, Diskurs über die Schwierigkeit, mit den Toten zu sprechen. In: G. M., An künftige Götter. Sechs Geschichten. Berlin 1983 (Wagenbach Quartheft 123, zuerst 1972)

Tote (2) Immer wenn ich in meinen Träumen die Toten sehe, erscheinen sie schweigsam, besorgt und seltsam bedrückt, ganz anders als ihr eigentliches, geliebtes, strahlendes Selbst. Ohne das mindeste Erstaunen gewahre ich sie in einer Umgebung, die sie in ihrem irdischen Leben niemals aufgesucht, im Hause irgendeines meiner Freunde, den sie nie gekannt hatten. Sie sitzen jeder für sich und starren finster auf den Fußboden, als wäre der Tod ein dunkler Makel, ein beschämendes Familiengeheimnis. Gewiß nicht in solchen Augenblicken - nicht in Träumen -, sondern im Zustand heller Wachheit, in Momenten der Erfüllung und in denen starker Freude, auf der höchsten Terrasse des Bewußtseins hat Sterbliches eine Chance, über seine Grenzen hinwegzuspähen: vom Mastkorb aus, von der Vergangenheit und ihrem Bergfried. Und wenn auch durch den Nebel hindurch nicht viel zu erkennen ist, hat man doch irgendwie das selige Gefühl, in die richtige Richtung zu blicken.  - (nab)

Tote (3) Ich war bei den Toten zu Gast. Es war eine große reinliche Gruft, einige Särge standen schon dort, es war aber noch viel Platz, zwei Särge waren offen, es sah in ihnen aus wie in zerwühlten Betten, die eben verlassen worden sind. Ein Schreibtisch stand ein wenig abseits, so daß ich ihn nicht gleich bemerkte, ein Mann mit mächtigem Körper saß hinter ihm. In der rechten Hand hielt er eine Feder, es war, als habe er geschrieben und gerade jetzt aufgehört, die linke Hand spielte an der Weste mit einer glänzenden Uhrkette und der Kopf war tief zu ihr hinabgeneigt. Eine Bedienerin kehrte aus, doch war nichts auszukehren.

In irgendeiner Neugierde zupfte ich an ihrem Kopftuch, das das Gesicht ganz verschattete. Jetzt erst sah ich sie. Es war ein Judenmädchen, das ich einmal gekannt hatte. Sie hatte ein üppiges weißes Gesicht und schmale dunkle Augen. Als sie mich jetzt anlachte, mitten aus ihren Fetzen, die sie zu einer alten Frau machten, sagte ich: »Dir spielt hier wohl Komödie?« »Ja«, sagte sie, »ein wenig. Wie du dich auskennst!« Dann aber zeigte sie auf den Mann beim Schreibtisch und sagte: »Nun geh und begrüße den dort, er ist hier der Herr. Solange du ihn nicht begrüßt hast, darf ich eigentlich nicht mit dir reden.« »Wer ist er denn?« fragte ich leiser. »Ein französischer Adeliger«, sagte sie, »de Poitin heißt er.« »Wie kommt er denn her?« fragte ich. »Das weiß ich nicht«, sagte sie, »es ist hier ein großer Wirrwarr; Wir warten auf einen, der Ordnung macht. Bist du es?« »Nein, nein«, sagte ich. »Das ist sehr vernünftig«, sagte sie, »nun geh aber zu dem Herrn.«

Ich ging also hin und verbeugte mich. Da er den Kopf nicht hob — ich sah nur sein wirres weißes Haar -, sagte ich guten Abend, aber er rührte sich noch immer nicht, eine kleine Katze umlief den Rand des Tisches, sie war förmlich aus dem Schoß des Herrn emporgesprungen und verschwand dort wieder, vielleicht blickte er gar nicht auf die Uhrkette, sondern unter den Tisch hinab. Ich wollte nun erklären, auf welche Weise ich hergekommen war, aber meine Bekannte zupfte mich hinten am Rock und flüsterte: »Das genügt schon.«  - (hochz)

Tote (4)

Die Kinder der Toten gehen spielen
Auf dem Friedhof mit Marmor und Zypressen.
Die alten Frauen
Kommen hierhin um zu weinen.
Das ist der Tag der Toten und aller ihrer Seelen.
Die Kinder und die alten Frauen
Zünden Talglichter und Kerzen an
Auf jedem katholischen Grab.
Die Kopftücher der Alten
Die Wolken am Himmel
Sind wie Ziegenbärte
Die warme Luft lässt den Horizont des Friedhofs zittern
Wo frische Blumenbestecke heute jeden Stein schmücken
Die Luft zittert von Flamen und Gebeten.
Ah! dass es heute regnet
Die Tränen dieser Toten
Um die Flammen auszulöschen.
Dass doch diese Toten wiederkehren
Und ihr Totentanz
Um die Frauen zum Lachen zu bringen.
Dass sie alle von Ihren Bahren steigen:
Die Kluge Jungfrau und die Hure,
Die Bettler im Bierrausch verschieden,
Die Blinden blind wie das Schicksal
Und die hübschen jungen Gefallenen
Und die Kinder beim Beten gestorben,
Die Bürgermeister, die Schiffer
Und die Regierungsräte
Und die Zigeuner ohne Papiere.
Das Leben verfault ihnen im Bauch
Das Kreuz wächst zwischen ihren Füßen
Dass sie doch alle im Tanz wiederkehren.
Der Wind braust um die unbewegten Zypressen.
Die Kinder zünden die ausgelöschten Kerzen wieder an.
Und welke Blätter
Bedecken jetzt die Toten.
Der Wind vom Rhein heult zusammen mit dem Käuzchen.
Tote Kinder sprechen manchmal mit ihren Müttern
Und Tote möchten manchmal gerne zurückkehren.
– Oh! ich möchte nicht dass du herauskommst
Der Herbst ist voller abgeschlagener Hände
– Nein, nein das sind doch welke Blätter
– Das sind die Hände der lieben toten Frauen
Das sind deine Hände, deine abgeschlagenen Hände.
Die Flammen zittern auf dem Friedhof bis in die Nacht.
Wir haben heute so viel geweint
Mit diesen Toten, ihren Kindern und den alten Frauen,
Unter dem sonnenlosen Himmel
Auf dem Friedhof voller Flammen.
Im Wind sind wir dann von dort zurückgegangen.
Die Kastanien rollten unter unseren Füßen
Wie Herzen toter Frauen.
Die Stachelschalen der Kastanien
Waren wie das verwundete Herz der Muttergottes
Von der man nicht weiß ob ihre Haut
Die Farbe der Kastanien im Herbste hatte.
Mit sieben Schmerzen sind Schalen und Herzen gespickt.
Die Herzen der Frauen und der Männer,
Herzen mit Versen bespickt die sich im Faulen vereinen
O Herz der Toten.

- Guillaume Apollinaire 1909

Tote (5)  Ich frage Vallette, wie Dumur ausgesehen habe. Er antwortet: «Wütend, empört — anders läßt es sich nicht sagen. Er sah aus wie ein Mann, der auf den Tod nicht gefaßt war und das Ganze ein reichlich starkes Stück fand. Einfach wütend. Er hatte den Gesichtsausdruck, den wir oft an ihm gesehen haben, wenn ihm etwas mißfiel. Nichts von der Gelöstheit, die man im allgemeinen an Toten beobachten kann. Ein verbissenes Gesicht: wie jemand, dem etwas überhaupt nicht paßt.» Er fügte hinzu: «Blutleer. Weiß, weiß!...» - (leau)

Tote (6) Jäcki sieht zum ersten Mal nackte Tote. Er kann nicht schnell genug denken, für alles das, was er empfindet, hört und sieht, riecht, nicht riecht.

- Vielleicht sehen sie wirklich aus, wie welche, die nackt schlafen. Es bewegt sich nichts. An keiner Öffnung bewegt sich was. Auch die Haare starr. Diese Öffnung, die er bei Liana Pozzi beobachtete, als sie sich zu erinnern versuchte. Die eine Öffnung Irmas. Genauso

- aber bewegungslos.

- Daraus kam eben noch das Kind.

- Wo wohnt die Seele jetzt, denkt Jäcki.

Sitzt sie in Gestalt einer unsichtbaren Amsel unter den Leuchtstäben

und sieht Jürgens Kotzen zu? Von einem kleinen, unsichtbaren, nackten Amselchen begleitet?

Jäcki geht in die Palette. Jürgen holt ihn ein.

- Das ist nicht das erste Mal, daß ich Tote sehe. Einer starb mir in den Armen. Als ich bei der Bundeswehr war. Als ich bei der Samenprüfstelle arbeiten mußte. Wir fuhren alle im Taxi. Der Kopf prallte gegen den Brückenpfeiler. Er starb in meinen Armen. Mein ganzer Sonntagsanzug voller Blut. - (fich)

Tote (verkrachte und ausgewiesene)   Laut Aussage einiger, die keineswegs zu den Schlechtinformierten gehören, ist das Sterben nicht ein abschließender Vorgang, sondern ein vorbereitender; und die Eigenschaft »tot« ist nicht etwa ein naturgegebener Zustand, sondern ein Adelsbrief, ein Titel, ein Privileg, das verdient sein will. Sterben ist nicht mehr als das Ausfüllen eines Antragsformulars für die Zulassung zum Toten-Vorbercitungskurs. Der kürzlich Verstorbene wird zu verschiedenen Gehorsamspflichten angehalten, muß gewisse Materien studieren, Rituale ausführen, sich gewisser Arten von Umgang enthalten.

Die Nichtzugelassenen werden draußen vor den Toren des Styx gelassen; manche von ihnen versinken dort in Trübsinn, andere vagabundieren, andere kehren zurück und treiben sich unter den Lebenden herum. Streitsüchtig, verbiestert, zetteln diese Lumpenverstorbenen nicht selten Aufruhr vor den Toren des Empyreums an; von dort vertrieben, rotten sie sich mit den Phasmaten zusammen und stiften diese Dummköpfe zu Schlechtigkeiten an; oder sie liefern den Langlebigen Bettelideologien und den infantilen Meta-Strolchen aufrührerische Ordnungsparolen. - Giorgio Manganelli, Diskurs über die Schwierigkeit, mit den Toten zu sprechen. In: G. M., An künftige Götter. Sechs Geschichten. Berlin 1983 (Wagenbach Quartheft 123, zuerst 1972)

Tote (8)  Nachdem ich Dutzende von Ermordeten gesehen habe, die, besudelt von ihrem eigenen, mit Dreck vermischten Blut und abscheulich stinkend, neugierigen oder professionell gleichgültigen Blicken ausgesetzt und wie gefährlicher Unrat gemieden oder von herzzerreißenden Schreien begleitet waren, habe ich nur eine einzige Gewißheit, einen in seiner Einfachheit an Schwachsinn grenzenden Gedanken gewonnen: der Tod ist widerlich. - Roberto Saviano, Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. München 2006

Tote (9)   Die Toten, was denken die über die Begonien. Sie gehen umher in einer undurchdringlichen Nacht, sie sehen nichts, sie hören eine ferne Stimme, ein Gemur-mel, ein Geflüster, das ihnen Folterqualen auferlegt, die zu schnell verflogene Vergangenheit, die Freude, die entschwunden ist und nicht mehr wiederkehrt, und diese Drohung eines noch erbarmungsloseren Todes, und noch eines weiteren, und noch eines . . .

Sie gehen umher mit Regenschirmen gegen das Geschmeiß des Himmels, sie tragen falsche Nasen um nicht erkannt zu werden, sie wechseln die Kleider, verändern ihre Stimmen, sie sprechen schwierige Wörter aus, aber ihre Sprache trügt, der Feind folgt ihnen auf dem Fuß.

Ein Riß in der Mauer vergrößert sich, er sieht wie er sich ausdehnt, er erreicht den Sockel des Turmes, der plötzlich auseinanderbricht, in zwei Teile zerfällt, er stürzt zwischen die Brennesseln, ein blutiger Kopf taucht aus den Trümmern und steigt auf bis zur Höhe der verschwundenen Turmspitze, er kichert spöttisch, es ist eine Hyäne, er will sie mit seinem Revolver erschießen aber der Schuß trifft ins Leere, er schießt erneut, der Kopf ist seinem eigenen Gesicht gewichen, bleich mit eingesunkenen Augenhöhlen, offenem Mund, verfaulten Zähnen.

Die klapperdürren Tiere wimmeln jetzt zwischen den Ruinen umher, sie verschlingen sich gegenseitig in einem entsetzlichen Lärm, fette Schlangen fressen sich an den Überresten voll. - (apok)

Tote (10)  Da sind sie, sie sind es, die Verstorbenen, einer nach dem andern kommen sie durch die Ritzen, durchs Schlüsselloch, durch die Wasserröhren, sie schleichen sich in die Rohre des Betts, in die Matratze, rennen die Lichtleitungen entlang. Ich hätte es mir vorstellen können, und ich hatte es mir in der Tat vorgestellt. Was für eine Unordnung in meinem Zimmer.

Man sagt, die Verstorbenen könnten die Glühlampen mit einem Blick zerstören, das Waschbecken verstopfen, die Gasleitungen undicht machen, die Kanalisation zum Überlaufen und die Abwasserleitungen zum Platzen bringen, an den Rolläden rütteln, auf den Dachtraufen gehen, auf die Fernsehantennen hüpfen und auf den Wellen Marconis reisen. Ich bin dieser Belagerung müde. - Luigi Malerba, Die Schlange. München 1992 (zuerst 1966)

Tote (11)   Sie reißen den Mund auf, strecken die Zunge weit heraus, fassen ihre Ohrläppchen und ziehen sie weit ab, sperren die Augen auf und schauen uns unheimlich an. Ihr Blick ist flackernd, die Augenlider flimmern. Sie heben die Hände in Augenhöhe und halten die Finger wie zum Greifen gekrümmt. Sie wollen uns mit sich fortholen.  - Hans-Jürg Braun, Das Jenseits. Die Vorstellungen der Menschheit über das Leben nach dem Tod. Frankfurt am Main 2000 (it 2516, zuerst 1996)

Tote (12)   Man muß aufhören. Man muß endlich mit dieser Welt brechen, die ein Wesen in mir, dieses Wesen, das ich nicht mehr nennen kann, da ich, wenn es kommt, in die Leere stürze, dieses Wesen immer schon verweigert hat. Es ist getan. Ich bin wirklich in die Leere gestürzt, seitdem alles -- was diese Welt ausmacht -- aufgehört hat, mich zur Verzweiflung zu bringen. Es ist ein wahrhaft Verzweifelter, der zu Ihnen spricht und der das Glück, auf der Welt zu sein, erst jetzt erkannt hat, da er diese Welt verlassen hat und da er von ihr absolut getrennt ist.

Tot sind die anderen nicht getrennt. Sie kreisen noch um ihre Kadaver. Ich bin nicht tot, aber ich bin getrennt.  - Antonin Artaud,  Die neuen Offenbarungen des Seins (1937)

Tote (13)

- Otto Dix

Tote (14)

DER FREUDIGE TOTE

In einer fetten Erde voller Schnecken will ich mir selber eine tiefe Grube graben, wo ich meine alten Knochen gemächlich strecken kann und im Vergessen schlafen wie ein Hai im Meer.

Ich hasse die Testamente, und ich hasse die Gräber; lieber will ich, statt die Welt um eine Träne anzuflehen, bei lebendigem Leibe die Raben zu Gaste bitten, daß sie mein scheußliches Gerippe allerenden schröpfen.

O Würmer! schwarze Freunde, ohr- und augenlos, seht einen frei und frohen Toten zu euch kommen! Wohlweise Prasser, Söhne der Fäulnis,

Kriecht unbesorgt durch meine Reste hin und sagt mir: blieb eine Marter noch für diesen alten Leib, den seelenlosen und toten unter Toten schon?


- Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen (zuerst 1857). Übs. Friedhelm Kemp Frankfurt am Main 1966 (Fischer Tb. 737)

Tote (15) Lauter Tote - der erste Lebendige, der in die Höhle kommt, weckt sie - dann fallen sie über ihn her.   - Friedrich Hebbel

Tod Unterwelt
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Totensprache
Verwandte Begriffe
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Synonyme