eit  Herr Keuner war nicht für Abschiednehmen, nicht für Begrüßen, nicht für Jahrestage, nicht für Feste, nicht für das Beenden einer Arbeit, nicht fiir das Beginnen eines neuen Lebensabschnittes, nicht für Abrechnungen, nicht für Rache, nicht für abschließende Urteile. - (keu)

Zeit (2)  Auf den ersten Blick vermittelt das Buch von Tausendundeiner Nacht den Eindruck von zügelloser Phantasie; kaum machen wir uns jedoch an die Erforschung dieses Labyrinths, so wird uns, wie auch in anderen Fällen, deutlich, daß wir kein verantwortungsloses Chaos vor uns haben, keine Orgie der Einbildungskraft: Der Traum hat seine Gesetze. Immer wieder stoßen wir auf bestimmte Symmetrien: Die Wiederholung der Dreizahl, die Verstümmelungen oder Verwandlungen menschlicher Körper in Tiere, die Schönheit der Prinzessinnen, die Pracht der Herrscher, magische Talismane, allmächtige Geister, die zu Sklaven der Willkür eines Menschen werden. Diese wiederkehrenden Motive bilden den Faden und den persönlichen Stil dieses im wahrsten Sinne des Wortes unpersönlichen gewaltigen Gemeinschaftswerkes. Ohne zu übertreiben können wir sagen, daß es zweierlei Zeit gibt: Die eine ist die historische Zeit, in der sich unser Schicksal vollzieht, die andere ist die von Tausendundeiner Nacht. Zeitlos wartet sie auf unsere Hand. Ungeachtet der Widerwärtigkeiten und Zufälligkeiten, der Verwandlungen und Dämonen hinterläßt uns Schehrezads Zeitenstrom einen Duft, der in Büchern nicht weniger selten vorkommt als im Leben: den Duft der Glückseligkeit. Das Werk strotzt von Fabeln und Lehrstücken, aber deren Nutzanwendung zählt nicht; es strotzt von Grausamkeiten und Erotik, aber in ihnen steckt die Einfalt unvollendeter Gestaltungen in einem Spiegel. - Jorge Luis Borges, Vorwort zu Tausendundeine Nacht nach Galland (Die Bibliothek von Babel 25). Stuttgart 1984

Zeit (3)  Der Begriff ‹Traumzeit› bezieht sich auf keine graue Vorzeit, in die der Australier glaubte zurückgehen zu können, die sich «vergegenwärtigen» ließe, die man «wiederholen» oder «nachahmen» könne, die «andauerte», die ‹parallel› zur gewöhnlichen Zeit verliefe oder auf die sich die gegenwärtige Zeit «projizieren» ließe. Die Traumzeit ist keine vergangene, keine gegenwärtige und keine künftige Zeit: sie hat überhaupt keinen ‹Ort› im Kontinuum der Zeit. - Hans Peter Duerr, Traumzeit. Über die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt am Main 1983

Zeit (4) - Durch Zeit wird der Seeigel zum Beispiel.

- Es ist Zeit.

- Die Zeit in Schweden ist vorbei.

- Die eine Zeit.

- Die andre Zeit.

- Die Zeit in Pierrevert ist vorbei.

- Für die anderen in Pierrevert geht die Zeit weiter.

- Meine Zeit in Sesimbra ist noch nicht zu Ende.

- Kommt Zeit, kommt Rat, sagt Jäckis Oma. Timelessness gibt es in der Encyclopaedia Britannica.

- Zeitlosigkeit.

-Wie?

Zur gleichen Zeit, als Jäckis Oma in Glogau geboren wurde, erschien in Leipzig eine Encyclopädie des allgemeinen Wissens.

- Ewigkeit.

- Die Vermeinung der Zeit, zunächst vorgestellt als Zeit nach und hinter der Zeit, dann auch als Zeit vor der Zeit, als anfangs- und endlose Zeit. DIE ZEIT ist eine Zeitung. Sie erscheint jede Woche. In ihr werden Zeitfragen behandelt. Computer zum Beispiel. Eine Zeitung enthält die Rubrik: Wandel der Zeit.

- Sich wandelnde.

- Wandelnde.

- Und Handel.

Die Zeit wandelt von der Eibchaussee zum Gänsemarkt und vom Gänsemarkt zum elterlichen Haus in Lokstedt.

Zeit ist vergangen - hat sich weggewandelt zwischen dem vierten Besuch mit den dünnen Sohlen und dem Besuch, den ich als nächsten aufschreiben werde. Eine ZEIT ist inzwischen erschienen. Im Schaufenster gegenüber von Springer gibt es eine Datenverarbeitungsmaschine. Eine Datumsgrenze gibt es auf dem Grad.

In Berzay-la-Ville leuchtet die Sonne dem majestätischen Christus auf das Gesicht. Jäcki sah mit den Sonnenstrahlen Zeit verschwinden. Jäcki dachte, daß er nie wieder neben Eberhardt Draheim sitzen würde und versuchen würde, während der Chemiestunde mit Eberhardts Zirkel die Zeichnungen für Matte zu erledigen. In Berzay-la-Ville verlor Jäcki mit siebzehn seine Kindheit. Kinderzeit.

Die nächst kleineren Zeiten: Foetuszeit, Embryozeit, Gastrulazeit, Fur-chungszeit.

Gegenüber dem Essohaus hält sich in der Straßenuhr eine andre Zeit, die acht vor fünf ist, wenn es am Stephansplatz siebzehn nach elf Uhr abends ist, das heißt: acht vor fünf Uhr morgens ist, wenn es siebzehn nach dreiundzwanzig Uhr ist oder auch acht vor siebzehn Uhr ist gegenüber dem Essohaus. Es ergibt verschiedene Differenzen. Volle Stunden und halbleere Stunden.

- Die Zeit ist ein Gelee in Jäckis Omas Bonzenschrank.

- Das kann man nicht behaupten, sagt Frau Schwerdtner.

- Warum kann man das nicht behaupten, sagt Guilleaume Schwerdtner, der einige Jahre in Japan gelebt hat.

-Das kann man nicht sagen, sagt der RockandRoller. Er studiert die Geschichte der Mathematik.

Die Quitte wächst seit Jäckis Geburt. Sie wölbt sich neben dem Rhabarber hoch. Spät brechen die Knospen an dem Baum auf. Rosa. Die Blütenblätter lösen sich vom Blütenkelch und schweben im Zickzack auf den Rasen herab.

Jäckis Opa pflückte die Quitten. Die Oma kochte Quittengelee. Das Gelee gefriert in Omas Bonzenschrank.

In St. Etienne-les-Orgues werden die Quitten blutrot gekocht. Quitten dauern.

Die Zeit glasiges Eis?

Die Zeit an der Holstenstraße ist beim Terrorangriff stehengeblieben auf viertel nach vier. Die Zeit brannte mit der Uhr und der Holsten-straßenkirche auf. Die Handwerker nehmen die Zeiger ab. Auf dem Zifferblatt bleibt gar keine Zeit mehr zurück.

- Timelessness.

- Ist die Ewigkeit die Kirchturmuhr an der Holstenstraße, nachdem die Handwerker, die Zeiger im Arm, wieder auf der Erde sind?

- Oder alle Zeit bleibt auf dem Zifferblatt zurück. Die ganze Zeit. Auch eine Ewigkeit?

Kann man die Zeit in Scheiben schneiden wie Fische, fett machen wie Säue, der Zeit mehr Milch abmelken oder weniger? Eiweißhaltigere Zeit? Die Zeit der Mutterschaft. Heidis. In der ZEIT keine Todesanzeigen.

Zeit - ein Riff aus den Schalen der gestorbenen Augenblicke? Geschliffen um den Hals zu tragen? Zeit - aus allen möglichen Toden?

Für jeden in der Palette, nach jedem Bier, jedem Rum, auch nach Cola, nach jedem Stoß, nach jeder Party, nach jedem Besuch jeder unversicherte Tod möglich.

Jäckis Opas Opas Achtzehnhunderteinundsiebzigertod. Jäckis Opas miterlebte Neunzehnhundertvierzehnachtzehnertode. Jäckis Vaters Ungefähr-neunzehnhundertfünfunddreißigertod, neben Hundertfünfundsiebzigertoden. Neununddreißiger-bis-fünfundvierzigertoden. Nachfünfundvierziger.

Zeit aus den Kalkschichten zwischen den Knochen? Nagasaki. Ein Blitz.

Aus Zeit wird Ewigkeit. Aus Sonne wird Schnee. Zeit geliert in Jäckis Omas Bonzenschrank.

Die HHA braucht in Lokstedt ihre Zeit, um mit dem Tunnel voranzukommen, auf Hagenbeck zu.

Es hat in Lokstedt seine Zeit gebraucht, bis die russisch-orthodoxe Kirche fertig war. Wäre die Zeit wirklich ein Gelee in Jäckis Omas Bonzenschrank, könnte Jäcki sie herausnehmen, in die Palette tragen und verteilen. Er würde sie auf Brot streichen und Heidi mit ihren Monaten Zeit im Bauch würde davon abbeißen können und sich vernünftig davon ernähren. Wäre die Zeit kein Quittengelee, weil Frau Schwerdtner diesen Vergleich für unpassend hält, wäre Zeit das sich verstärkende Eis auf der Pfütze vor dem Campari-Treff, könnte Jäcki sie hochnehmen und als eine Fensterscheibe vor sich hertragen - an ihr kleben keine Halme und keine Algen. Sie ist durchsichtig.

- Luft verdichtet sich zu Wasser. Wasser gefriert zu Eis.

- Die Anomalie des Wassers. Auf Grund der Anomalie des Wassers zerspringen die Steine in der Wüste. Was ist die Zeit wirklich?

- Für einen Gefangenen dehnt sich die Zeit ewig aus.

- Im Flugzeug vergeht die Zeit wie im Fluge. Der zum Begräbnis abflog, kommt vor dem Tode des Vaters an. Daten.

Guilleaume Schwerdtner fuhr über die Datumsgrenze. Er fuhr vom Sonnabend in den Montag. Die anglikanischen, die katholischen - die Pfarrer, die Pastoren, die Missionare wußten nicht, wo den Gottesdienst hintun für den Sonntag, wo den Sonntag hernehmen für die Messe. Nachts, wenn die Plastikbabybadewanne über dem Gänsemarkt schwarz wird und die Sterne unter ihrer Kuppel glänzen, fällt das Licht auch vom Reiterchen - es benötigt seine Lichtzeit - und fallen die Tropfen auf den Quittenbaum und hüllen ihn in Eis. Die Pfützen vor Jäcki sind zugefroren.

Die Ewigkeit ist die Verneinung des Quittengelees zunächst vorgestellt als Quittengelee nach und hinter dem Quittengelee, dann auch als Quittengelee vor dem Quittengelee, als anfangs- und endloses Quittengelee. Zwischen den einzelnen Besuchen Jäckis in der Palette vergeht Zeit. Jäcki beobachtete den Schaumstreifen hinter dem Schiff. Er versuchte den Punkt zu bestimmen, an dem sich das Schiff befand, als er ein Stück Brot mit echtem Lachs im Bauch des Schiffes aß. Er sah das Schiff unendliche Male zwischen sich und Malmö, sah sich selbst über den Schaumstreifen unendliche Male durch die Zeit vom Lachsbrot weg hochfließen an die fließende Reling des fließenden Schiffes.

Er beschließt: Zeit ist flüssiges eisernes Eis, ist unterschiedliche Entfernung, setzt sich aus unendlich vielen Fährschiffen zusammen - länger her, weiter weg. Welche Breite? Höhe?

- Was für Zeit werde ich in der Palette verbringen, denkt Jäcki in Gedankenzeit.

- Was kann man mit seiner Zeit besseres anfangen, als in die Palette gehen? denkt Jäcki.

Zeit ist also der Gischtstreifen im Sund und das Passieren aller Besuche Jäckis, Eisnadeln um die Quitte, ein flüssiges Schiff.

Für die Leute in der Palette ist Zeit nicht, was danach ist.

Das Eis auf der Pfütze vor dem Campari-Treff.

In der ZEIT stand von Real Zeit.

Zwischen dem vierten Besuch mit den dünnen Sohlen, dem Weg zu dem Computerschaufenster und dem Besuch, den ich als nächsten aufschreiben werde, ist Handlung vergangen, Handlung von Handlungen. Zeit gefriert in Frostzeit, in Schluckzeit, Stoßzeit, Furchungszeit zeigerlos, zifferlos aufgeschichtet in den drei Palettenräumen. Ort ist Palette. - (fich)

Zeit (5)  Wolltest du dich von hier bis zum Bosporus aufmachen, von Gasse zu Gasse, so könntest du, von Datum zu Datum, alle Zeiten eines Jahres aneinanderreihen - doch sind nicht jedem von uns alle Zeiten des menschlichen Lebens, Herbst und Frühling, zu gleicher Zeit gegeben, da niemand an jedem Tag gleichermaßen alt ist und jung -, und es ließe sich ein ganzes Leben zusammenfügen, wie ein Feuer aus Kerzen, ohne daß zwischen Geburt und Tod ein Atemzug bliebe, um es auszulöschen. Und wenn du genau wüßtest, wohin du dich wenden solltest, du würdest noch in dieser Nacht jemanden finden, an dem sich deine zukünftigen Tage und Nächte ereignen, jemanden, der deine Mittagsmahlzeit von morgen verspeist, einen zweiten, der deine Verluste von vor acht Jahren beweint oder deine zukünftige Frau küßt, und einen dritten, der genau den gleichen Tod stirbt, den auch du sterben wirst. Würdest du schneller gehen und tiefer und weiter greifen, du würdest sehen, daß sich eine ganze Ewigkeit an Nächten heute nacht mit einem Male ereignet auf riesigem Raum. Zeit, die in dereinen Stadt bereits abgelaufen, beginnt in einer anderen, so daß ein Mensch zwischen diesen beiden Städten durch die Zeit hin- und herreisen kann. In der Stadt Adams könnt ihr eine Frau am Leben treffen, die in der Stadt Evas schon tot ist, und umgekehrt. Nicht nur einzelne Leben, alle künftigen und vergangenen Zeiten, alle Ärmel der Ewigkeit sind schon da, zerstückelt in winzige Bissen und aufgeteilt unter die Menschen und ihre Träume. Der riesige Körper des Urmenschen Adam bewegt sich im Schlaf und atmet. Die Menschheit kaut die Zeit ganz, mit einem Mal, und wartet nicht auf morgen. Die Zeit also gibt es hier nicht. Sie kommt und überspült diese Welt von irgendeiner anderen Seite her... - (pav)

Zeit (6)  Diese alte Frau reizt mich. Sie trippelt eigensinnig daher, mit verlorenem Blick. Manchmal bleibt sie verschreckt stehen, als hätte eine unsichtbare Gefahr sie gestreift. Jetzt ist sie unter meinem Fenster, der Wind preßt ihre Röcke gegen ihre Knie. Sie bleibt stehen, sie rückt ihr Tuch zurecht. Ihre Hände zittern. Sie geht weiter: jetzt sehe ich sie von hinten. Alte Kellerassel! Ich vermute, sie wird rechts in den Boulevard Noir einbiegen. Das sind ungefähr hundert Meter, die sie zurücklegen muß: bei ihrem Tempo wird sie dafür gut zehn Minuten brauchen, zehn Minuten, in denen ich sie so weiter beobachten werde, die Stirn an die Scheibe gepreßt. Sie wird zwanzigmal stehenbleiben, weitergehen, stehenbleiben ...

Ich sehe die Zukunft. Sie ist da, auf die Straße gestellt, kaum blasser als die Gegenwart. Was braucht sie sich zu verwirklichen? Was bringt ihr das zusätzlich ein? Die Alte entfernt sich humpelnd, sie bleibt stehen, sie zieht an einer grauen Haarsträhne, die unter ihrem Tuch hervorkriecht. Sie geht, sie war dort, jetzt ist sie hier ... ich weiß nicht mehr, woran ich bin: sehe ich ihre Bewegungen, sehe ich sie voraus ? Ich unterscheide die Gegenwart nicht mehr von der Zukunft, und trotzdem: das dauert, das verwirklicht sich nach und nach; die Alte kommt in der verlassenen Straße voran, sie bewegt ihre plumpen Männerschuhe vorwärts. So ist sie, die Zeit, die nackte Zeit, das kommt langsam zur Existenz, das läßt auf sich warten, und wenn es kommt, ist man angeekelt, weil man merkt, daß es schon lange da war. Die Alte nähert sich der Straßenecke, sie ist nur noch ein Häufchen schwarzer Stoffe. Gut, ja, meinetwegen, das ist neu, eben war sie nicht da. Aber dieses Neue ist matt, defloriert, es kann einen nie überraschen. Sie wird um die Straßenecke biegen, sie biegt um die Ecke - eine Ewigkeit lang. - Jean-Paul Sartre, Der Ekel. Reinbek bei Hamburg 2004 (zuerst 1938)

Zeit (7)  Es wehte plötzlich an seinem Gesicht, es zog ihm an den Ohren vorbei, er fühlte es an den Händen. Er riß die Augen auf. Das Fenster war fest verschlossen. Und wie er da so mit weiten Augen im dunkeln Zimmer saß, da begann er zu verstehen, daß das, was er nun verspürte, die wirkliche Zeit sei, die vorüberzog. Er erkannte sie förmlich, alle diese Sekündchen, gleich lau, eine wie die andere, aber schnell, aber schnell. Weiß der Himmel, was sie noch vorhatten. Daß gerade ihm das widerfahren mußte, der jede Art von Wind als Beleidigung empfand. Nun würde man dasitzen, und es würde immer so weiterziehen, das ganze Leben lang. Er sah alle die Neuralgien voraus, die man sich dabei holen würde, er war außer sich vor Wut. Er sprang auf, aber die Überraschungen waren noch nicht zu Ende. Auch unter seinen Füßen war etwas wie eine Bewegung, nicht nur eine, mehrere, merkwürdig durcheinanderschwankende Bewegungen. Er erstarrte vor Entsetzen: konnte das die Erde sein? Gewiß, das war die Erde. Sie bewegte sich ja doch. In der Schule war davon gesprochen worden, man war etwas eilig darüber weggegangen, und später wurde es gern vertuscht; es galt nicht für passend, davon zu sprechen. Aber nun, da er einmal empfindlich geworden war, bekam er auch das zu fühlen. Ob die anderen es fühlten? Vielleicht, aber sie zeigten es nicht. Wahrscheinlich machte es ihnen nichts aus, diesen Seeleuten. Nikolaj Kusmitsch aber war ausgerechnet in diesem Punkt etwas delikat, er vermied sogar die Straßenbahnen. Er taumelte im Zimmer umher wie auf Deck und mußte sich rechts und links halten. Zum Unglück fiel ihm noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein. Nein, er konnte alle diese Bewegungen nicht vertragen. Er fühlte sich elend. Liegen und ruhig halten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Und seither lag Nikolaj Kusmitsch. - Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Fankfurt am Main 2000 (it 2691, zuerst 1910)

Zeit (8)

Zeit (9)  Es ist nicht ohne Grund und Sinn, daß der Mythos den Kronos Steine verschlingen und verdauen laßt: denn das sonst ganz Unverdauliche, alle Betrübniß, Aerger, Verlust, Kränkung, verdaut allein die Zeit. - (schop)

Zeit (10)   Im antiken Griechenland waren gleich drei Zeitbegriffe verbreitet: kairos, der Augenblick, der über Glück oder Unglück entscheidet, aeon, die ewig dahinfließende Zeit, und chronos, die gemessene Zeit. Die Wissenschaft der Gegenwart hat die antiken Vorstellungen kaum präzisieren können. Zwar gehen die Atomuhren immer genauer, doch ist das Phänomen Zeit dadurch nicht greifbarer geworden. Mag die klassische physikalische Zeit auch seit Isaac Newton gleichförmig dahinfließen, Einstein scheint nicht nur in der modernen Physik recht zu behalten: Zeit ist hier gedehnt, dort gestaucht, und andernorts gehen oft auch die Uhren anders. - (kopf)

Zeit (11) ROSALINDE Sagt mir doch, was ist die Glocke?
ORLANDO Ihr solltet mich fragen, was ists an der Zeit; es gibt keine Glocke im Walde.
ROSALINDE So gibts auch keinen rechten Liebhaber im Walde, sonst würde jede Minute ein Seufzen und jede Stunde ein Ächzen den trägen Fuß der Zeit so gut anzeigen wie eine Glocke.
ORLANDO Und warum nicht den schnellen Fuß der Zeit? Wäre das nicht ebenso passend gewesen?
ROSALINDE Mitnichten, mein Herr! Die Zeit reiset in verschiednem Schrittmit verschiednen Personen.Ich will Euch sagen, mit wem die Zeit den Paß geht, mit wem sie trabt, mit wem sie galoppiert und mit wem sie still steht.
ORLANDO Ich bitte Euch, mit wem trabt sie?
ROSALINDE Ei, sie trabt hart mit einem jungen Mädchen zwischen der Verlobung und dem Hochzeittage. Wenn auch nur acht Tage dazwischen hingehn, so ist der Trab der Zeit so hart, daß es ihr wie acht Jahre vorkommt.
ORLANDO Mit wem geht die Zeit den Paß?
ROSALINDE Mit einem Priester, dem es an Latein gebricht, und einem reichen Manne, der das Podagra nicht hat. Denn der eine schläft ruhig, weil er nicht studieren kann, und der andre lebt lustig, weil er keinen Schmerz fühlt; den einen drückt nicht die Last dürrer und auszehrender Gelehrsamkeit, der andre kennt die Last schweren mühseligen Mangels nicht. Mit diesen geht die Zeit den Paß.
ORLANDO Mit wem galoppiert sie?
ROSALINDE Mit dem Diebe zum Galgen; denn ginge er auch noch so sehr Schritt vor Schritt, so denkt er doch, daß er zu früh kommt. ORLANDO Mit wem steht sie still?
ROSALINDE Mit Advokaten in den Gerichtsferien; denn sie schlafen von Session zu Session und werden also nicht gewahr, wie die Zeit fortgeht. - Shakespeare, Wie es euch gefällt

Zeit (12)

Zeit (13)  Die Zeit sei ein Bild der Ewigkeit, und die Welt bleibe immerdar bestehen, die Zeit aber sei der Umschwung des Himmels; denn Nacht, Tag, Monat und was dahin gehört, seien alles Teile der Zeit. Ohne die natürliche Ordnung der Welt gebe es also keine Zeit; denn nur mit dem Eintritt ihres Bestehens sei auch die Zeit gegeben. Um die Zeit entstehen zu lassen, seien Sonne, Mond und Wandelsterne erschaffen worden. Um aber die Zahl der Jahreszeiten dem Auge deutlich erkennbar und die lebenden Wesen der Zahl teilhaftig zu machen, habe Gott das Licht der Sonne angezündet. Zunächst über dem Erdkreis habe der Mond seine Bahn, in dem dann folgenden Kreis die Sonne und in den darüber hinaus liegenden die Planeten. Die Welt sei durchweg beseelt, denn es sei eine beseelte Bewegung, an die sie gebunden sei. Um aber die Welt vollkommen zu machen durch Angleichung an die nur dem Denken zugängliche, übersinnliche, lebendige Welt, seien auch die übrigen lebenden Wesen in ihrer natürlichen Eigenart erschaffen worden, denn da jene Welt sie habe, so müsse auch unsre Welt sie haben. Die Götter in ihr seien überwiegend feuerartiger Natur. Der sonstigen Geschlechter seien drei: Vögel, Wassertiere, Landtiere. Die Erde sei unter allen Gottheiten in unserem Himmelsbau die älteste; sie sei gegründet worden, um den Wechsel von Nacht und Tag zu bewirken. In die Mitte gestellt, bewege sie sich um die Mitte.   - (diol)

Zeit (14)  Die Zeit, sagte Newton, sei unabhängig vom Menschen; sie fließe von selbst.

Aber nein, das stimmt nicht, sagte dagegen im achtzehnten Jahrhundert Immanuel Kant, ein großer Bewunderer Newtons. Wenn die Zeit unabhängig vom Menschen wäre, sollte es möglich sein, auf einige grundlegende Fragen nach der Natur der Zeit widerspruchsfreie Antworten zu erhalten, also zum Beispiel auf die Frage, ob die Zeit einen Anfang hat oder nicht. Aber es ist unmöglich, solche Antworten zu bekommen.

Denn nehmen wir an, die Zeit hätte keinen Anfang. Ich kann die Worte sagen, aber was bedeuten sie? Es ist unmöglich, sich keinen Anfang der Zeit vorzustellen. Nehmen wir deshalb an, sie hätte einen Anfang. Aber was kann ich damit meinen, wenn ich sage: „Es gab eine Zeit, als es keine Zeit gab?" Offensichtlich führt die Annahme, daß Zeit irgendwie von selbst fließt, zu Widersprüchen. Aber die Natur kann sich nicht widersprechen. Kant schließt daraus: Die Zeit ist eine Form der menschlichen Verständigung.

Die Vorstellung der Zeit entspringt nicht aus den Sinnen, sondern wird von ihnen vorausgesetzt... Die Zeit ist nicht etwas Objektives und Reales, wedereine Substanz noch ein Akzidenz, noch eine Relation, sondern eine subjektive, durch die Natur des Geistes notwendige Bedingung, beliebige Sinnendinge nach einem bestimmten Gesetze miteinander zusammen zuordnen, und eine reine Anschauung... (Dissertatio, Sectio III.14)

Mit anderen Worten, die Zeit ist Teil unseres Verstandes. Aber wir müssen annehmen, daß sie real ist, weil wir nur dann der Welt einen Sinn geben können. In der Sprache unserer eigenen, von Darwin veränderten Welt bedeutet Kants Haltung, daß die Zeit eine Art der Welt-Wahrnehmung ist, weil diese Wahrnehmungsweise in den Genen verankert ist. Sie stellt eine Entwicklung von Gedanken und Verhaltensweisen dar, die sich in unserem Überlebenskampf als nützlich herausgestellt hat.

Kantisch gedacht ist es bedeutungslos zu fragen, ob die Zeit sozusagen in Wirklichkeit wirklich sei, ob es in der Welt etwas gibt, dem diese Idee entspricht. Die menschliche Zeit (Noozeitlichkeit) ist intersubjektiv. Die Zeit ist also für jeden Menschen subjektiv, aber da das Zeitbewußtsein für das Überleben notwendig ist, wird die Zeit damit auch etwas Objektives.  - (zeit)

Zeit (15)  

 Platons Geometrisierung der Natur: Zeit ist ein Trugbild.

Die fünf regelmäßigen platonischen Körper stehen in bestimmten mathematischen Beziehungen zueinander. Platon behauptete, die Beziehung zwischen den vier von den Griechen anerkannten Elementen (Feuer, Erde, Luft und Wasser) und die Beziehung zwischen ihnen (insgesamt) und der Welt seien implizit in den mathematischen Beziehungen zwischen den Körpern enthalten. Die Art, wie unsere Sinne diese vier Elemente der physikalischen Welt wahrnehmen, ist zeitlich, sagte er, und deshalb sind sie ungenügende Kopien der entsprechenden bleibenden geometrischen Ideen. Die moderne Physik druckt das, was unsere Sinne als physikalische Beziehung wahrnehmen, in mathematischen Symbolen aus: die Idee dazu stammt von Platon. In der platonischen Struktur der heutigen Physik wird die Zeit oft für eine geistige Vorstellung gehalten, die in der wirklichen Welt keine Entsprechung hat.   - (zeit)

Zeit (16)  Die Zeit sei ein Bild der Ewigkeit, und die Welt bleibe immerdar bestehen, die Zeit aber sei der Umschwung des Himmels; denn Nacht, Tag, Monat und was dahin gehört, seien alles Teile der Zeit. Ohne die natürliche Ordnung der Welt gebe es also keine Zeit; denn nur mit dem Eintritt ihres Bestehens sei auch die Zeit gegeben. Um die Zeit entstehen zu lassen, seien Sonne, Mond und Wandelsterne erschaffen worden. Um aber die Zahl der Jahreszeiten dem Auge deutlich erkennbar und die lebenden Wesen der Zahl teilhaftig zu machen, habe Gott das Licht der Sonne angezündet. Zunächst über dem Erdkreis habe der Mond seine Bahn, in dem dann folgenden Kreis die Sonne und in den darüber hinaus liegenden die Planeten, Die Welt sei durchweg beseelt, denn es sei eine beseelte Bewegung, an die sie gebunden sei. Um aber die Welt vollkommen zu machen durch Angleichung an die nur dem Denken zugängliche, übersinnliche, lebendige Welt, seien auch die übrigen lebenden Wesen in ihrer natürlichen Eigenart erschaffen worden, denn da jene Welt sie habe, so müsse auch unsre Welt sie haben. Die Götter in ihr seien überwiegend feuerartiger Natur.  - Platon, nach (diol)

Zeit (17)   »Der Garten der Pfade, die sich verzweigen,« sagte Albert, »ist ein ungeheures Ratespiel oder eine Parabel, deren Thema die Zeit ist; dieser tiefverborgene Grund verbietet ihm die Erwähnung ihres Namens. Ein Wort immer auszulassen, sich mit untauglichen Metaphern und offenkundigen Umschreibungen zu helfen, ist vielleicht die betonteste Art, darauf hinzudeuten. Es ist die gewundene Art, die in jedem einzelnen der Mäander seines unermüdlichen Romans der indirekte Ts'ui Pen bevorzugte. Ich habe Hunderte von Handschriften miteinander verglichen, habe die Fehler korrigiert, die sich durch die Nachlässigkeit der Abschreiber eingeschlichen haben; ich habe den Plan dieses Chaos erschlossen, habe die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt oder glaubte, sie wiederhergestellt zu haben; ich habe das ganze Werk übersetzt: Ich verbürge mich dafür, daß kein einziges Mal das Wort Zeit darin vorkommt. Die Erklärung liegt auf der Hand: Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, ist ein zwar unvollständiges, aber kein falsches Bild des Universums, so wie Ts'ui Pên es auffaßte. Im Unterschied zu Newton und Schopenhauer hat Ihr Ahne nicht an eine gleichförmige, absolute Zeit geglaubt. Er glaubte an unendliche Zeitreihen, an ein wachsendes, schwindelerregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebender und paralleler Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, die sich einander nähern, sich verzweigen, sich scheiden oder einander jahrhundertelang ignorieren, umfaßt alle Möglichkeiten. In der Mehrzahl dieser Zeiten existieren wir nicht; in einigen existieren Sie, nicht jedoch ich; in anderen ich, aber nicht Sie; in wieder anderen wir beide. In dieser Zeit nun, die mir ein günstiger Zufall beschert, sind Sie in mein Haus gekommen. In einer anderen haben Sie mich. da Sie den Garten durchschritten, tot angetroffen; in wieder einer anderen sage ich dieselben Worte, aber ich bin ein Trug, ein Phantasma.«

»In allen«, sagte ich, nicht ohne zu schaudern, »danke und ehre ich Ihre Wiedererschaffung des Gartens von Ts'ui Pên.«

»Nicht in allen«, murmelte er lächelnd. »Die Zeit verzweigt sich beständig zahllosen Zukünften entgegen. In einer von ihnen bin ich Ihr Feind.«  - (bo3)

Welt
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