aum  Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit. - Hegel

Raum (2) Früher wurde der Raum als eine Art Schachtel ohne Wände betrachtet. Als das, worin alles ist. Die neueren Mathematiker betrachten den Raum nur als die Ausdehnung der Materie. Die Materie hängt also nicht mehr im Nichts, sondern ist selber alles. Nur die Materie ist etwas, aber außer ihr ist nichts, auch nicht der leere Raum. Das Nichts der alten Metaphysiker ist wirklich nichts und im Nichts kann nichts sein. So ist der Raum ein Raum für mögliche Bewegungen geworden, welche die Materie ausführen kann, ihr Weg sozusagen. Dieser Weg nun ist gekrümmt, denn gerade Bewegungen können von Materie nicht ausgeführt werden, wie die Erfahrung zeigt. - Bertolt Brecht, Me-ti

Raum (3) Die Flucht der Zimmer, das Haus selbst überwindet die traditionelle Zäsur der Wand, die einzelne Refugien aussparte. Die Räumlichkeiten öffnen sich, alles tritt miteinander in Verbindung und gestaltet sich zu diffusen Wohnbereichen, Ecken und Winkeln. Sie liberalisieren sich. Die Fenster sind nicht mehr die Öffnungen, durch die sich von außen Licht und Luft über die Gegenstände ergießen, um sie »wie von innen her« zu beleuchten. Es gibt einfach keine Fenster mehr: Das Licht interveniert überall frei und ist zur universellen Funktion der Existenz der Dinge geworden. Gleicherweise haben die Gegenstände die Substanz, durch die sie begründet, und die Form, durch die sie abgegrenzt wurden und durch die der Mensch sie nach seinem Bilde in Besitz nahm, nun eingebüßt: Jetzt ist es der Raum selbst, der zwischen ihnen frei sein Spiel treibt und zur universellen Funktion ihrer Beziehungen und ihrer »Werte« wird. - (baud)

Raum (4) Viele Regisseure haben ihre ganze Dekoration im Kopf und die Atmosphäre, die beim Drehen herrscht. Dabei sollten sie nur an eins denken: Was kommt auf der Leinwand? Wie Sie wissen, schaue ich nie durch den Sucher, aber mein Kameramann weiß genau, daß ich weder Luft noch Raum um die Personen herum haben möchte und daß die Zeichnungen, die wir gemeinsam angefertigt haben, ganz genau reproduziert werden müssen. Man darf sich nie von dem Raum vor der Kamera beeindrucken lassen. Man muß sich vorstellen, daß man, um das gewünschte Bild zu bekommen, eine Schere nimmt und das Überflüssige, den unnötigen Raum wegschneidet.

Ein anderer Aspekt dieser Frage ist, daß man den Raum nie verschwenden sollte, weil man sich seiner immer dramaturgisch bedienen kann. Zum Beispiel in The Birds, wenn die Vögel das verbarrikadierte Haus angreifen und Melanie sich in die Sofaecke drückt, habe ich die Kamera ziemlich weit ihr entfernt postiert, da habe ich mich des Raums um sie herum bedient, um die Leere, das Nichts zu suggerieren, vor dem sie zurückweicht. Das habe ich dann, wenn ich auf sie zurückgehe, variiert und die Kamera ziemlich hoch plaziert, um den Eindruck zu vermitteln, daß die Angst in ihr hochsteigt. Und schließlich gab es noch eine dritte Bewegung, nach oben und um sie herum. Aber das Entscheidende war der weite Raum am Anfang. Wenn ich gleich zu Anfang ganz nah bei dem Mädchen begonnen hätte, wäre der Eindruck entstanden, sie wiche zurück vor einer Gefahr, die sie, nicht aber das Publikum sähe. Ich wollte dagegen zeigen, daß sie vor einer Gefahr zurückweicht, die es gar nicht gibt, deshalb diese Verwendung des Raums vor ihr.

Die Regisseure, die die Schauspieler nur in die Dekoration stellen und die Kamera mehr oder weniger weit entfernt plazieren, je nachdem ob ihre Personen sitzen, stehen oder liegen, die denken falsch und leisten keine richtige Arbeit, die etwas ausdrückt. - Alfred Hitchcock, in: François Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973 (zuerst 1966)

Raum (5)  Raum ist die vermittlungslose Gleichgültigkeit des Außer-Sich-Seins der Natur. Der Raum ist das unterschiedslose Auseinander der Punktmannigfaltigkeit. - Hegel, Enzyklopädie 2. Teil, Die Philosophie der Natur, 1. Abschnitt, Par. 254, nach (klu)

Raum (6)

Raum (7)  Ich glaube, für einen guten Idealismus ist der Raum nur eine der Formen, aus denen sich der befrachtete Fluß der Zeit bildet. Er ist eine der Episoden der Zeit und befindet sich, entgegen dem natürlichen Konsensus der Ametaphysiker, innerhalb der Zeit, nicht umgekehrt. Mit anderen Worten: Die räumliche Relation — höher, links, rechts — ist eine Spezifizierung wie viele andere, aber keine Kontinuität.

Im übrigen ist die Anhäufung von Raum nicht das Gegenteil der Anhäufung von Zeit; sie ist nur eine der Arten, diese allein uns vorbehaltene Operation durchzuführen. Die Engländer, als sie, dem beiläufigen oder genialen Impuls des Schreibers Clive oder Warren Hastings' folgend, Indien eroberten, häuften nicht nur Raum an, sondern Zeit: das heißt Erfahrungen, Erfahrungen von Nächten und Tagen, Ödstrecken, Gebirgen, Städten, Kriegslisten, Heldentaten, Verrätereien, Schmerzen, Schicksalen, Todesfällen, Seuchen, wilden Tieren, Glückseligkeiten, Riten, Kosmogonien, Dialekten, Göttern, Kulten.

Ich kehre zur metaphysischen Betrachtung zurück. Der Raum ist ein Ereignis in der Zeit, nicht aber eine universale Anschauungsform, wie Kant betonte. Es gibt ganze Provinzen des Seins, die ohne ihn auskommen: die des Geruchs und des Gehörs. Spencer, in seiner Strafuntersuchung der Gedankengänge der Metaphysiker (Principles of Psychology, VII, 4), hat diese Unabhängigkeit sauber durchdacht und verleiht ihr nach zeilenlangen Ausführungen mit folgender reductio ad absurdum Nachdruck: »Wer meinen sollte, daß Geruch und Ton als intuitive Anschauungsform den Raum haben, kann sich von seinem Irrtum leicht überzeugen, indem er lediglich nach der linken oder rechten Seite eines Tons sucht oder sich die Rückseite eines Geruchs vorstellt.«   - Jorge Luis Borges, Kabbala und Tango. Essays. Frankfurt am Main 1991 (Fischer-Tb., zuerst 1931)

Raum (8)  Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere Stelle der Wand treffen.

    Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst, willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen.

    Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es willkürlich hinverlegst, überall--nirgends. - Omar Al Raschid Bey, Das hohe Ziel der Erkenntnis (Helene Böhlau 1912)

Raum (9)

Poincaréscher Raum

Poincarés dodekaedrischer Raum. Verbinden Sie die einander
gegenüberliegenden Flächen nach einer Zehntel Drehung gegen den Uhrzeigersinn.

  - Donal O'Shea, Poincarés Vermutung. Frankfurt am Main 2007

Raum (10)  Der Raum, in dem wir uns bewegten, war ganz ausgezackt und durchlöchert, mit Zinnen und Türmen versehen, die nach allen Seiten strebten, mit Kuppeln und Balustraden und Peristylien, mit zweibogigen und dreibogigen und kreisrunden Lichtöffnungen, und während wir glaubten, geradeswegs nach unten zu fallen, glitten wir am Rande unsichtbarer Gesimse und Verzierungen dahin, wie Ameisen, die, um eine Stadt zu durchqueren, nicht Bahnen folgen, die auf dem Straßenpflaster vorgezeichnet sind, sondern an Wänden und Decken und Rahmen und Lampenschirmen entlang. Wenn man Stadt sagt, bedeutet dies, daß man noch einigermaßen regelmäßige Figuren im Kopf hat, mit rechten Winkeln und symmetrischen Proportionen, während wir uns doch immer vor Augen halten müßten, wie der Raum sich um jeden Kirschbaum teilt und um jedes Watt eines jeden Astes, der sich im Winde bewegt, und um Jeden gezahnten Rand eines jeden Blattes, und doch formt er sich an jeder Blattäderung, an jeder Blattrippe und an dem Geäder im Blattinnern und an den Stichen, mit denen die Lichtpfeile die Blätter jeden Augenblick durchbohren, all dies ist negativ eingedrückt in den Brei der Leere, und zwar in dem Sinne, daß es nichts gibt, was nicht eine Spur darauf hinterließe, jede mögliche Spur eines jeden möglichen Dinges, und zugleich jede Verwandlung dieser Spuren, Augenblick um Augenblick, so daß der Karbunkel, der auf der Nase eines Kalifen wächst, oder die Seifenblase, die sich auf der Brust einer Wäscherin niederläßt, die allgemeine Form des Raumes in all seinen Dimensionen wandelt. - Italo Calvino, Kosmokomische Geschichten. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1965)
 

 

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