unkt    Der Punkt spreizt sich auf, ist nur Jetzt und sonst nichts. Der Punkt ist Jetzt-Punkt.« - Heidegger, nach (klu)

Punkt  (2) »Was soll ich jetzt machen?« fragte Castaing und war überrascht, daß der Kommissar so schläfrig und unentschlossen war.

»Was du magst, mein Sohn. Suche weiter. Ich weiß nicht wo. Vielleicht könntest du den Doktor noch einmal aufsuchen.«

»Doktor Jolly?«

»Ja. Und die Leute. Egal wen! Auf gut Glück! Das alte Fräulein Seuret langweilt sich allein und ist sicher zu einem Schwatz aufgelegt.«

»Soll ich Sie irgendwo absetzen?«

»Danke.«

Er wußte, daß ein solcher Punkt bei jedem Fall zu überwinden war, und daß er dann - zufällig oder instinktiv - jedesmal ein bißchen zuviel getrunken hatte.

Jedesmal, wenn, wie er es nannte, ›die Sache ins Rollen kam‹. Anfangs kannte er nur die nüchternen Fakten, wie sie in den Berichten festgehalten werden. Dann traf er Leute, die er nie zuvor gesehen hatte, die er tags zuvor noch nicht kannte, und er schaute sie an wie Fotos in einem Album.

Man mußte den anderen so schnell wie möglich durchschauen, Fragen stellen, den Antworten glauben oder nicht und dabei vermeiden, vorschnelle Ansichten zu entwickeln.

In dieser Phase behielten die Leute und die Dinge noch ihre klaren Konturen, blieben noch unzugänglich, anonym und unpersönlich.

In einem ganz bestimmten Augenblick und scheinbar ohne Grund kam die Sache ins Rollen. Die Personen verloren ihre scharfen Umrisse und bekamen gleichzeitig menschlichere Züge; sie wurden vor allem komplizierter, und dann hieß es aufpassen.

Kurz, er begann dann ihr Wesen zu sehen, tastete sich vor, fühlte sich dabei unbehaglich in der Vorstellung, daß es nur noch einer kleinen Anstrengung bedürfe, um klar zu sehen und die Wahrheit ans Licht zu ziehen.- Georges Simenon, Maigret und die alte Dame. Zürich 1978 (detebe 155/3, zuerst 1951)

Punkt  (3)  Selbstverständlich befanden wir uns alle dort - sagte der alte Qfwfq - wo denn sonst? Daß es einen Raum geben könne, wußte noch keiner. Ebensowenig eine Zeit: was hätten wir denn machen sollen mit der Zeit, wo wir dort wie die Heringe zusammengedrängt waren? Ich sagte »wie die Heringe zusammengedrängt« nur so, um ein bekanntes Bild zu gebrauchen: in Wirklichkeit war gar kein Raum da, auf dem wir uns hätten zusammendrängen können. Jeder Punkt eines jeden von uns koinzidierte mit jedem Punkt eines jeden andern zu einem einzigen Punkt, ebendem, wo wir uns alle befanden. Kurz und gut, wir behinderten uns nicht einmal, es sei denn vom Charakter her, denn wo kein Raum ist und man immer so einen unsympathischen Patron um sich hat wie Herrn Pbert Pberd, ist das schon ungemein sekkant.

Wieviele wir waren? Nun, das habe ich nie feststellen können, nicht einmal annähernd. Wenn man einander zählen will, muß man wenigstens ein bißchen Abstand nehmen, wir aber füllten alle diesen einen Punkt aus. Jedem Anschein zum Trotz war es kein geselligkeitsfördernder Zustand; ich weiß zum Beispiel, daß man in anderen Epochen als Nachbarn miteinander Umgang pflegte; aber dort sagte man sich auf Grund dessen, daß jeder mit jedem benachbart war, nicht einmal guten Tag oder guten Abend. Ein jeder pflegte am Ende nur Beziehungen zu einer beschränkten Anzahl von Bekannten. Diejenigen, an die ich mich besonders erinnere, sind Frau Ph(i)Nk0, deren Freund De XuaeauX, eine Familie von Zugewanderten, gewissse Z'zu, sowie Herr Pbert Pberd, den ich bereits erwähnte. Es gab auch eine Reinemachefrau - ›Milieupflegerin‹ nannte man sie - eine einzige für das ganze Universum, in Anbetracht des kleinen Milieus. Ehrlich gesagt, sie hatte den ganzen Tag nichts zu tun, nicht einmal abzustauben - in einen Punkt kann ohnehin kein Staubkörnchen eindringen -, und sie kühlte ihr Mütchen mit unablässigem Klatsch und Jammern. - Italo Calvino, Kosmokomische Geschichten. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1965)

Punkt  (4) Die rechte Hand des Toten schwebte nicht, wie es hätte sein müssen, über der zu Boden gefallenen Waffe, sondern lag auf dem Schreibtisch und hielt ein Blatt Papier fest, auf dem zu lesen war: »Ich habe entdeckt.« Dieser Punkt hinter dem Wort »entdeckt« flammte im Kopf des Brigadiers auf wie ein Blitz und verwandelte die nicht sonderlich genaue Konstruktion eines Selbstmordes für einen flüchtigen Augenblick in die dahinter liegende Szenerie eines Mordes. Der Mann hatte zu schreiben begonnen »Ich habe entdeckt«, so wie er dem Präsidium mitgeteilt hatte, er habe etwas in seinem Haus entdeckt, das zu entdecken er nicht erwartet hatte. Er hatte zu beschreiben begonnen, was er entdeckt hatte, da er zweifelte, daß die Polizei rechtzeitig käme oder vielleicht, weil er sich in der Einsamkeit und Stille zu fürchten begann. Aber dann hatte es an der Tür geklopft. Die Polizei, dachte er, doch es war der Mörder. Vielleicht hatte er sich als Polizist ausgegeben, der Mann hatte ihn hereingebeten, sich wieder an den Schreibtisch gesetzt und zu erzählen begonnen, was er entdeckt hatte. Die Pistole lag vermutlich auf dem Tisch. In seiner wachsenden Furcht war sie ihm wieder eingefallen, und er hatte sie aus ihrem Versteck geholt. Der Brigadier glaubte nicht, daß der Mörder sich mit einer derart alten Waffe ausgerüstet hätte, aber als er sie auf dem Tisch liegen sah, hatte er sich wahrscheinlich nach ihr erkundigt, sich überzeugt, daß sie funktionierte, sie plötzlich auf den Kopf des anderen gerichtet und geschossen. Danach der grandiose Einfall, den Punkt zu machen nach dem »Ich habe entdeckt«: »Ich habe entdeckt, daß das Leben nicht wert ist, gelebt zu werden«, »Ich habe entdeckt, was die einzige und letzte Wahrheit ist«, »Ich habe entdeckt«, »Ich habe entdeckt«: Das Alles und das Nichts. Es ergab keinen Sinn, aber vom Standpunkt des Mörders aus betrachtet, war es dennoch kein Fehler. Für die These des Selbstmords, die sich natürlich aufdrängen würde (dessen war der Brigadier gewiß), ließen sich aus dem Punkt existenzielle und philosophische Erwägungen herleiten.   - Leonardo Sciascia: Der Ritter und der Tod. Ein einfacher Fall. Zwei Kriminalromane. Berlin 1996

Punkt  (5) Ein Jahr ist vergangen, die Sonne hat einen Kreis gemacht, die Zeit ist in die Ewigkeit vertropft. Ich kann die Tage zusammenpressen in die Sekunde eines Traums; denn hinterher sind sie kein Maß. Man soll mich wegen eines Traumes anklagen. Sie alle träumen in ihren Betten. Sie träumen gräßlich. Sie träumen lüstern. Treulos. Gottlos. Sie träumen zwei Billionen Zellen ihres Ichs. Ihre Drüsen. Ihre Mägen. Ihren giftigen Atem. Ihre heilenden Wunden. Ihre Krankheiten. Ihre Vorfahren träumen noch in ihnen und ihre Nachkommen schon. Es gibt die Geschichte des Mannes, der Tag um Tag sein gelebtes Leben vergißt, weil sein Hirn von solcher Beschaffenheit ist. Er vergißt das Angesicht seiner Geliebten, seiner Eltern, seiner Kinder, seines Freundes, seines Gottes. Die Bücher und die Lehren. Die Gegenwart ist sein Trank und die Stunden hinter ihm der Nebel. So sind wir auch. In unserem Erinnern verwesen die Eindrücke; denn es ist ein Wachs, das unter der Sonne schmilzt. Dieser Tag ist unser Leben. Wie jener, obwohl er vergißt, dennoch seine Küsse wiederholt, so auch wir. Wir sind ein Punkt in einem unendlichen Kreis.    - Hans Henny Jahnn, Perrudja. Frankfurt am Main 1966 (zuerst 1929)

 

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