raum
 

Und zum Schluß noch die Träume! Obwohl uns in lieblichem Schlummer
Fesselt der Schlaf und der Leib in völlige Ruhe versenkt ist,
Glauben wir dennoch zu wachen und unsere Glieder zu regen,
Glauben auch trotz stockfinsterer Nacht die Sonne zu schauen
Und das erleuchtende Licht des Tages; es deucht' uns, obwohl wir
Uns im geschlossenen Räume befinden, als ob wir durchflögen
Himmel und Erde, die Ströme, das Meer, und die Felder durchwandern;
Ja, wir vernehmen da Töne, obgleich doch nächtliche Stille
Ringsum herrscht, und wir geben mit schweigendem Munde die Antwort.
Der Art können wir vieles und wundersames erleben,
Was uns alles versucht, das Vertraun zu den Sinnen zu rauben.
Freilich umsonst! Denn die Täuschung entspringt in den meisten der Fälle
Erst dem Denken des Geistes, das wir doch selber hinzutun,
Das uns erblicken läßt, was das Auge doch gar nicht erblickt hat.
Ist doch nichts so schwierig als Scheidung des deutlich Erkannten
Von dem Bezweifelbaren, das unser Verstand noch hinzutut.

- (luk)

Traum (2)

Der Schlaf (Traum) der Vernunft gebiert Monstren

"Der träumende Verstand gebiert Monstren"

Die Phantasie und die Vernunft produzieren gleicherweise Monstren;
vereinigen sich die beiden, bringen sie wahre Künstler hervor und schaffen sie Wunderbares.
(Goya, nach
 loe2)

- Francisco Goya, Caprichos. Zürich 1972 (detebe 33/1, zuerst 1799)

Traum (3) Die Ernährung hat keinen geringen Einfluß auf Schlaf und Träume.

Der Hungrige kann nicht schlafen, die Nöte seines Magens halten ihn recht schmerzlich wach, und wenn Erschöpfung und Schwäche ihn zwingen einzunicken, dann gibt das einen leichten Schlaf, unruhig, unterbrochen.

Wer andererseits beim Mahle alle anständigen Grenzen überschritten hat, fällt gleich in einen zentnerschweren Schlaf. Träumt er, so bleibt ihm keine Erinnerung, weil das nervöse Fluidum sich in den Empfindungskanälen aller Sinne kreuzt. Deshalb ist sein Schlaf auch so plötzlich zu Ende. Schwer findet er sich in diese Welt zurück, und ist der Schlaf längst geflohn, so fühlt er noch lange Verdauungsbeschwerden. Allgemeine Regel: Kaffee verscheucht den Schlaf. Gewohnheit mindert diese Unbequemlichkeit, hebt sie sogar ganz auf; aber zu Anfang ist dies unweigerlich die Folge bei allen Europäern. Dagegen rufen einige Nahrungsmittel den Schlaf herbei: alles worin die Milch dominiert, alle Arten Lattich, Geflügel, Portulak, Orangenblüte, besonders Reinettenäpfel, wenn man sie kurz vor Nacht ißt.

Alle leicht erregenden Nahrungsmittel machen im allgemeinen Träume: alles dunkle Fleisch, Tauben, Enten, Wild, besonders Hasen. Ebenso Spargel, Sellerie, Trüffel, parfümierte Konfitüren, vor allem Vanille. Nichts unklüger als zu glauben, diese traumerregenden Stoffe müsse man von der Tafel bannen: denn diese Art Träume sind meist angenehme, leichte - und verlängern sie nicht unsere Existenz eben um die Zeit, da sie sonst unterbrochen scheint?

Es gibt Naturen, für die ist der Schlaf ein Leben für sich, eine Art fortlaufenden Romans; ihre Träume folgen aufeinander, sie beenden heut nacht, was sie gestern begonnen, schlafend sehen sie Menschen und Wesen, die sie zu erkennen glauben. Wo sah ich dich schon? fragen sie sich - und haben doch jene Gestalten in der Realität nie getroffen. - (bri)

Traum (4) Was die Träume  betrifft, so sind sie von sehr verschiedener Natur und Gestalt; einige groß, schön und lieblich anzusehen, andere klein und ungestalt; einige, dem Anschein nach, lauter Gold, andre von geringem oder gar keinem Werthe. Verschiedene unter ihnen hatten Flügel und allerley abenteuerliche Formen; andere waren, wie zu einem festlichen Aufzug, als Götter, Könige und dergleichen angezogen und herausgeputzt. Viele von ihnen erinnerten wir uns ehmals zu Hause schon gesehen zu haben. Diese kamen auf uns zu, grüßten uns als alte Bekannte, bewirtheten uns, nachdem sie sich unsrer bemächtigt hatten, aufs prächtigste und versprachen uns sogar Könige und große Herren aus uns zu machen. Einige führten uns jeden in sein eigenes Vaterland, zeigten uns unsre Angehörigen und guten Freunde, und brachten uns am nehmlichen Tage wieder zurück. So verschliefen wir in geträumtem Wohlleben dreissig Tage und Nächte auf dieser Insel. Endlich weckte uns plötzlich ein starker Donnerschlag, wir sprangen auf, versahen unser Schiff mit Lebensmitteln, und segelten davon. - (luege)

Traum (5) Wir sind im Schlaf gewissermaßen mehr als wir selbst, und der Schlummer des Körpers scheint nur der Wachzustand der Seele zu sein. Es ist das Gebundensein der Sinne, aber die Freiheit der Vernunft; und unsere wachen Vorstellungen entsprechen nicht den Phantasien unseres Schlafs . . . Und doch vermag ich in einem einzigen Traum eine ganze Komödie zu komponieren, die Handlung vor mir zu sehen, die Späße zu verstehen und mich über deren Einfälle wach zu lachen. Wäre mein Gedächtnis so zuverlässig wie mein Verstand dann fruchtbar ist, würde ich immer nur in meinen Träumen studieren; und diese Zeit würde ich auch für meine Andachtsübungen wählen: aber unsere gröberen Erinnerungen haben so geringe Macht über unsere abstrakten Einsichten, daß sie die Geschichte vergessen und unseren erwachten Seelen nur einen wirren, bruchstückhaften Bericht von dem Geschehen liefern können. - So ist beobachtet worden, daß Menschen bisweilen in ihrer Todesstunde über sich selbst hinaus sprechen und räsonieren; denn dann beginnt die Seele, im Begriff, von den Bindungen des Körpers befreit zu werden, selbst zu räsonieren und in einem Gedankenfluß jenseits der Sterblichkeit zu reden. - Thomas Browne, Religio medici, nach (bo4)

Traum (6) Eine richtige Fundgrube sind mir Träume. Ich halte sie für schlechthin unergründbar. Das im untergegangenen Einst Geschaute mischt sich da mit Bruchstücken des vielleicht erst gestern Erlebten. — Ich gehöre auch zu den Käuzen, die glauben, daß man nicht nur im Schlaf, sondern eben immer träumt, jedoch ist der Wachtraum meist geblendet von der grellen Schärfe des Verstandes. Dieser gespannte Zustand hält bei mir auch nur selten lange an, bei seinem Abschwellen stellt sich meist ein Staunen ein vor der barocken Dichtheit der Bilder des Lebens rings um mich her. Die Augenblicke des Wandelns von einem Bewußtseinszustand in den anderen sind mir künstlerisch die ergiebigsten. Dämmrige, farbarme Phantasmen huschen und fließen im Raum vorüber, in welchen fremdartiges Licht aus unsichtbaren Quellen wie in eine Höhle dringt.

Woher sollten diese zahllosen Gestalten, diese eingebildeten Vorgänge, diese weiten Landschaften stammen als ‹aus uns›, d. h. einem Weltwesen, welches sich mit dem Leib seiner Spielfiguren zusammenfallend wähnt. — Betrachten wir den Traum als Bild; so wie er komponiert, so wollte ich wissend als Künstler zeichnen und fand erst größere Befriedigung, als ich mich entschloß, die zart auftauchenden Fragmente so zusammenzufassen, daß sie ein Ganzes bilden. — Ein Traumwunder von in sich maßloser Übergewißheit, das auch noch den trockensten Alltag förmlich elektrisch ladet mit seinen dunklen Märchen. Die einzelne Erscheinung werden wir uns aber hüten zu zergliedern, etwa nach irgendeinem interessanten moralischen oder psychologisierenden System, um hinter das Geheimnis ihrer Deutbarkeit zu kommen; lassen wir lieber ihre echte ungebrochene Symbolkraft bestehen. Ich halte die sichtbare schöpferische Vision für weit stärker und tragender als ihre weitschweifige Analyse. — Mein Sinnen soll sich in viel leiserer Weise dem sich wandelnden Formen- und Gefühlsstrom anschmiegen und ihn zu durchdringen suchen. Es wird einsickern in die geheimen Gemächer und Gänge. — Das Staunen würde ja niemals aufhören, wenn es dem Herzen gegenwärtig bliebe, daß all diese nie versiegenden Schätze der Elemente und der drei Reiche fließender Widerschein eines unbegreiflichen Wesens sind. - Alfred Kubin, nach: Walter Hess (Hg.), dokumente zum verständnis der modernen malerei. Reinbek bei Hamburg 1964 (rde 19)

Traum (7)

Mir träumte einst in sanften Frühlingswinden
als ich mir jäh das Fußgelenk verstaucht,
ich müsse dich in jenen Lüften finden
exakt und zuverlässig hingehaucht.

Wir treten sehr diskret durch deine Zimmertüre;
dich kleidet zur Genüge schon dein linker Strumpf.
Der Küsse süß-pneumatische Geschwüre
verteilst du sorglich mir auf Bein und Rumpf.

In fahler Nacht geheimnisvollen Schauern
ertönt des Mondes dünner Meßgesang.
Ein seltsam Schluchzen dringt aus morschen Mauern.
Dein Hals wird grau und kilometerlang.

Du stahlst mir meine silberne Pistole
und schossest mich, parbleu!, in meinen Schlips.
Doch lagen schon bereit auf dem Console
dein Nachtgebetbuch und die Everrips.

Ein Faun schlich sich ertappt aus deiner Unterwäsche:
ich zeigte mich darob gar sehr verletzt;
doch du, versöhnlich, batst um eine Lustkalesche
zum Lotospark, den du so sehr geschätzt.

-  Edgar Firn, Bibergeil. Pedantische Liebeslieder (1919)

Traum (8)  Zuerst war der traum des menschen aus holz, später erst wurde er zu einem gespinst, das von schläfer zu schläfer wanderte; ein traum polterte, wenn er aufhörte, er fiel zu boden wie ein klotz, er fiel aus den betten, es gab viel dumpfe geräusche in den schlafhäusern. In besonders kalten wintern fachte man aus träumen feuer, man wärmte sich an ihnen, man verstand die kunst, selbst aus unnützen träumen nützliches zu bereiten, aus ihrer noch warmen asche machte man medizin, wer sie nahm, konnte zukünftiges erblicken; frauen erforschten das geschlecht der kinder, mit denen sie schwanger gingen, männer schluckten sie, wenn sie vor einem kriegs- oder jagdzug standen, sie richteten sich danach. Es heißt, Glasgerion, der blau gekleidete, habe in seiner jugend durch einnehmen von traumasche die gabe erlangt, zauberverse zu erstellen, er war der hauptdichter der königin Dann, wie jeder weiß, und saß zu ihrer rechten, eine auszeichnung, die selbst ihren kindern vorenthalten blieb. - (ei)

Traum (9)   Er erinnerte sich daran, daß die Träume der Menschen Gott angehören und daß Maimonides geschrieben hat, die Worte eines Traums seien göttlicher Art, wenn sie klar und deutlich vernehmbar sind und man nicht den sehen kann, der sie spricht. - Jorge Luis Borges, Kunststücke, nach (bo3)

Traum (10)  

Traum (11)   Der TRAUM hat etwas Nuttenhaftes, Schmuddeliges und Feiges; er kleidet sich in dümmlich grelle Farben, simuliert zahlreiche, aufreizende Sinne und stellt sie zur Schau. Aber sein seichter Blick sieht nicht, sein Tasten kennt nur sich selbst, es fehlt ihm der Geschmackssinn; wenngleich er alle Geschlechter und deren Vereinigungen mimt, ist er nicht nur unfruchtbar, sondern kennt auch keinerlei körperlichen Ge -nuß; auch die Sprache fehlt ihm, aber sein unaufhörliches Rauschen nach der Art des Regens täuscht ein unaufhörliches Gemisch von Idiomen vor, obwohl es nichts anderes ist als leises, vergebliches Rumoren. Sobald der TRAUM das SYSTEM erfaßt hat, dringt er überall vor, bis in die kleinsten Teile fällt er über das System her; Schauder bringt er nicht, wohl aber ein flüchtiges, kindisches Kitzeln; und trotzdem wird niemand leugnen, daß der subalterne TRAUM eine gewisse Macht der Verführung hat; man kann sehen, wie die FEUER kokett werden und die ESSENZEN schmachten; die PROPHEZEIUNGEN und die ERINNERUNGEN fliehen hingegen, während die NEINS ruhig bleiben und nicht schwach werden. Von den ORTEN zeigt das IDEOGRAMM die größte Würde, da ihm bewußt ist, daß der TRAUM ohne weiteres ein unendliches und erlogenes Ideogramm genannt werden kann, und daß es keinen TRAUM gibt, wie fern sein Vaterland auch sein mag, der nicht schon an irgendeiner Stelle des IDEOGRAMMS vorgesehen ist, und wäre es nur ein unklares, verblichenes Zeichen. Aber die Vagina, oh wie die schmachtet, wie sie schaumige, wirre Glut simuliert, wie sie Zuneigungen, Zornesausbrüche, Zäume und häusliche Herde ersinnt! Sonst werden wir nichts mehr sagen, sonst nichts, anders können wir nicht davon sprechen, es gibt wirklich keine Worte, nichts zu sagen. Daß die PFÜTZE den TRAUM widerspiegelt, mag eine technische Selbstverständlichkeit sein, was aber die PFÜTZE eigentlich vom TRAUM hält, bleibt ungeklärt; scheint doch das Spiegelbild nichts anderes zu sein als eine höfliche Geste ohne jegliches Wohlwollen für die geheimnisvolle, wenngleich obszöne Würde des TRAUMES.  - Giorgio Manganelli, System. Aus (irrt)

Traum (12)   Die Zeiten sind nicht mehr, wo zu den Träumen göttliche Gesichte sich gesellten, und wir können und werden es nicht begreifen, wie es jenen auserwählten Männern, von denen die Bibel erzählt, zu Muthe gewesen ist. Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen.

In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr Statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntniß von der überirdischen Welt, so weit wir sie nöthig haben, zu Theil wird; und statt jener ausdrücklichen Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer Menschen zu uns. Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut, und ich habe nie jene großen Thaten geglaubt, die unsre Geistlichen davon erzählen. Indeß mag sich daran erbauen, wer will, und ich hüte mich wohl jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen. - Aber, lieber Vater, aus weichem Grunde seyd Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewißlich rege machen müssen? Ist nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch ohne noch an göttliche Schickung dabey zu denken, ein bedeutsamer Riß in den geheimnißvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt? In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von glaubhaften Menschen, und erinnert m Euch nur noch des Traums, den uns neulich der ehrwürdige Hofkaplan erzählte, und der Euch selbst so merkwürdig vorkam. Aber, auch ohne diese Geschichten, wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen Traum hättet, wie würdet Ihr nicht erstaunen, und Euch die Wunderbarkeit dieser uns nur alltäglich gewordenen Begebenheit gewiß nicht abstreiten lassen! Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freye Erholung der gebundenen Fantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinanderwirft, und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine göttliche Mitgabe, einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten. Gewiß ist der Traum, den ich heute Nacht träumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich fühle es, daß er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in mächtigem Schwunge forttreibt.   - Novalis, Heinrich von Ofterdingen

Traum (13)  Der Traum ist kein Fluchtweg. Unsere nächtlichen Gedanken - selbst die ungereimtesten - entstammen demselben Tiegel wie die Gedanken des Tages. Begierden, Ängste oder auch nur eine Geisteshaltung, die jeder Phase unseres Daseins ihren Stempel aufdrücken: Vergebens suchen wir ihnen in den Gaukeleien des Schlafs zu entkommen.

Der Traum ist keine Offenbarung. Wenn ein Traumbild dem Schläfer irgendeine Klarheit über sich selbst verschafft, so hat nicht der Mensch mit geschlossenen Augen die Entdeckung gemacht, sondern der Mensch mit offenen Augen, der hellsichtig genug ist, Überlegungen damit zu verknüpfen.

Was bleibt vom Traum, wenn ihm der falsche Schein genommen, sein Zauber indes dadurch kaum geringer geworden ist? Wenn mancher, ohne sich beirren zu lassen, aus seinen Träumen eine Mythologie gewinnt und, ohne weise zu sein, gewissenhaft sich der Mühe unterzieht, sie aufzuzeichnen, so deshalb, weil der Traum — flackerndes Trugbild vor einem Hintergrund von Finsternissen — seinem Wesen nach Poesie ist. - (leiris)

Traum (14)  Feststeht, daß die Träume, obgleich sie dem Träumenden zugehörig sind, nicht als eigentliche Anhängsel des Körpers bezeichnet, noch als in denselben eingeschlossen betrachtet werden können. Bruchstückhaft und dennoch verborgenerweise kontinuierlich tätowieren die Träume mit unwahrscheinlichen aber stilistisch kompakten Vorstellungen eine einzige Wand, bzw. eine nächtliche Seite. Einzeln genommen ergeben sie, offenbar, keinen Sinn obgleich sie als Ziffern und Zeichen erscheinen. Hieraus also der Widersinn: daß das Zeichen eine offensichtliche und sinnlose Schreibweise ist und der Körper eine innewohnende und sinnvolle Graphie, Ihren Sinn finden die Träume also nur, indem sie sich einerseits der körperlichen Bibliothek integrieren, und sich andererseits anordnen zur collected edition, zum corpus somniatum; und wir können uns diese Beziehung etwa ähnlich vorstellen, wie die Zugehörigkeit des, angeblich heiligen, Glorienscheins zum darunterbefindlichen Leib, welchselber Glorienschein jedoch ohne dies Körperanhängsel nichts anderes wäre als eine unter den Tisch gerollte Bretzel (obgleich dieser Vorstellung des Leibs als darunterständige Substanz Restbestände einer himmelstrebenden Vorstellung der onirischen Tätigkeit anhaften). Einige glauben also, daß die Träume die Zeichen des Körpers verständlich machen, ganz ähnlich wie jene diakritischen Zeichen, die uns zur richtigen Aussprache der darunterstehenden Buchstaben verhelfen. Andere halten den Traum für eine rätselhafte Aufhellung, die jedoch nicht an seinen menschlichen Kommentar gerichtet sei, sondern direkt an den Text. Und das Stammeln der Metapher, das Gestotter der Symbole enthüllen die große und vielleicht nicht ganz redliche Mühe der Forschung, die mit diesem Material, halb Verbandsmull, halb Rauch, durchgeführt wird. Wieder andere sehen in den Träumen den Buchdruckersetzkasten der Zeichen, aus dem selbige auf das Schreibheft des Körpers herunterrutschen; eine Hypothese, die bekräftigt wird dadurch, daß die Träume Mittler sind zwischen den Körpern und der nächtlichen Tinte, notwendiges Rohmaterial für jede derartige Schreibkunst. Wer den Traum als Erläuterung des Textes versteht, halt nicht selten den Leib für den Kommentar des Traums; quasi als beugten sich unsere Eingeweide-Hierogramme nur unter dem Druck des Traumregiments zu sinnvollem Ausdruck. Welchselbige nur deswegen mühsam und bruchstückhart erscheinen, weil sie unter dem außerordentlich harten Druck der Zeichenkonzentration, deren Träger sie sind, stehen; Enzyklopädie, die auf einer einzigen Seite gedruckt ist, Bibel auf bröckelndem Zahn, Telephonverzeichnis auf einem Mikroben-Ärschlein.   - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

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