nacht Dann gute N., Marie! = dann ist jede Gewinnaussicht geschwunden. Vermutlich eine Abschiedsäußerung des Mannes nach dem Geschlechtsverkehr. Verkürzt aus »gute Nacht, Marie, - das Geld liegt auf der Fensterbank«. - (kü)

Nacht (2) Ich liebe die Nacht mit Leidenschaft. Ich liebe sie, wie man sein Land oder seine Geliebte liebt, mit instinktiver, tiefer und unüberwindlicher Liebe. Ich liebe sie mit allen meinen Sinnen, mit meinen Augen, die sie sehen, mit meiner Nase, die sie riecht, mit meinen Ohren, die ihr Schweigen vernehmen, mit meinem ganzen Fleisch, das sich von den Finsternissen streicheln läßt. - Guy de Maupassant

Nacht (3) Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsterniß schnell und seltsam mit einander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Riesenbilder vorüber, und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Todtenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.

Es war mir schon recht, und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt, denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Mährchen in der bezauberten Stadt, wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth.  -  [August Klingemann,]  Nachtwachen von Bonaventura. Frankfurt am Main 1974 (it 89, zuerst 1804)

Nacht (4)  Es war Mitternacht; wir legten die Waffen nicht ab. Nach einer anscheinenden Ruhe, die ungefähr eine Stunde dauerte, empörten sich die Soldaten von neuem. Sie waren ganz von Sinnen und kamen wie Verzweifelte mit Säbeln oder Messern auf uns los. Wir mußten uns abermals zur Wehr setzen. Sie griffen uns zuerst an, wir drängten sie zurück, und bald war das Floß mit ihren Leichen bedeckt.

Diejenigen unter ihnen, die keine Waffen hatten, bissen mit den Zähnen und nicht selten ziemlich derb. Herr Savigny erhielt einen solchen Biß an Bein und Schulter, wie auch eine Säbelwunde am rechten Arm, so daß er lange Zeit ein Paar Finger nicht gebrauchen konnte. Auch einige andere wurden verwundet, von den Kleidern ganz zu schweigen, die von Degen- und Messerstichen durchbohrt waren. -  Savigny, Corréard: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Nördlingen 1987 (zuerst 1818)

Nacht (5) Eines Nachts erwischten wir einen kleinen Teil von einem Holzfloß — schöne Kiefernplanken. Es war zwölf Fuß breit und an die fünfzehn oder sechzehn Fuß lang und ragte über sechs oder sieben Zioll aus dem Wasser heraus, eine stabile, ebene Fläche. Bei Tage konnten wir manchmal Sägebalken vorbeitreiben sehn, aber wir ließen sie schwimmen; wir kamen bei Tage gar nicht zum Vorschein.

Eine andre Nacht, kurz vor Morgengrauen, als wir am Kopf der Insel waren. kam an der Westseite ein Holzhaus angeschwommen. Es war zwei Geschosse hoch und kippte bedenklich über. Wir ruderten hin und gelangten an Bord und kletterten durch ein Fenster in den Oberstock. Aber es war noch zu dunkel, um was zu erkennen, so machten wir das Boot fest und setzten uns rein, um aufs Tageslicht zu warten.

Es wurde dämmerig, ehe wir noch ans Ende der Insel gelangten. Da guckten wir zum Fenster rein. Wir konnten ein Bett erkennen und einen Tisch und zwei alte Stühle und eine Menge Sachen, die auf dem Fußboden rumlagen; und an der Wand hingen irgendwelche Kleidungsstücke. In der äußersten Ecke lag etwas auf dem Boden, das aussah wie ein Mann. So rief Jim: »Hallo, du!«

Aber es rührte sich nicht. Da rief ich noch mal, und dann sagte Jim: »Der Mann schlafen nix — er sein tot. Du bleiben da — ich gehn und sehen nach.«

Er ging rein, beugte sich über ihn und guckte und sagte: »Ein tote Mann. Ja, ein tote, und nackend. Sein schossen worden in Rücken. Ich glauben, er schon tot zwei Tage oder drei. Komm rein, Huck, aber kucken du nix auf sein Gesicht — es sein zu gräßlich.« - Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer. Frankfurt am Main 1975 (it 126, zuerst 1884)

Nacht (6)

Schweigende Nacht. Schweigendes Haus.
Ich aber bin der stillsten Sterne,
ich treibe auch mein eignes Licht
noch in die eigne Nacht hinaus.

Ich bin gehirnlich heimgekehrt
aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh.
Auch was sich noch der Frau gewährt,
ist dunkle süße Onanie.

Ich wälze Welt. Ich röchle Raub.
Und nächtens nackte ich im Glück:
es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub
mich, Ich-Begriff, zur Welt zurück.

 - (benn)

Nacht (7) Die offene Hütte des Mattenwebers beim Hindutempel war erfüllt von schlafenden Menschen, die umherlagen wie eingewickelte Leichen. Hoch oben am Himmel brannte das starre Auge des Mondes. Dunkelheit täuscht Kühle nur vor; beständig mußte ich mir vorsagen, das grelle Licht trüge keine Schuld an der Hitze ringsum. Eine krankhafte Wärme ging vom Mond aus und strahlte in die Luft.

Wie ein gerader Streifen aus poliertem Stahl lief die Straße hinüber zur Stadt der furchtbaren Nächte; an den Wegrändern hingestreckt in phantastischen Stellungen, leichenhaft schlafend, die Leiber von hundertsiebzig Menschen auf Lagerstätten. Einige ganz in Weiß gehüllt und die Münder fest geschlossen, einige nackt und schwarz wie Ebenholz in dem gleißenden Licht, und einer, weit weg von ihnen, das Gesicht aufwärts gekehrt, den Kiefer herabgesunken, silberig schimmernd und aschig fahl: ein Aussätziger. Die übrigen: erschöpfte Kulis, Diener, Kleinladenbesitzer und Kutscher von dem nahen Wagenstand. Szene: das Land vor den Toren der Stadt Lahore und eine heiße Augustnacht. Das war alles, was ich sah, aber nicht alles, was ich hätte sehen können. Der Hexenspuk des Mondlichts hatte die Welt in ein grausiges Bild verwandelt: die lange Reihe der nackten »Toten« bot einen schauerlichen Anblick - und als letzter darin der statuenhafte Leprakranke.

Wieder: leichenhaft schlafende Leiber, eine Koppel bewegungslos ruhender Kamele am Wegesrand, Mondlichtstreifen, eine weiße Straße, eine Vision dahineilender Schakale, Ekka-Ponys in tiefem Schlummer, das Zuggeschirr noch auf dem Rücken, und - wieder Leichen, Leichen. Messingbeschlagene Landkarren blitzen im Mondlicht - wieder Leichen, Leichen. Wo immer ein Heuwagendach, ein Baumstumpf, ein zersägter Stamm, ein Büschel Bambus, oder ein Strohhaufen Schatten wirft, da ist der Boden bedeckt mit diesen Schlafleichen. Einige mit dem Gesicht nach abwärts, die Arme verschränkt, im Staub; einige mit über den Köpfen gefalteten Händen; andere, zusammengekrümmt wie Hunde, oder wie die Geschützrohre steif an den Seiten der Kornwagen liegend. Andere wieder im grellen Mondesglanz und die Stirnen an die Knie gepreßt.

Ich empfände es wie eine Erlösung, wenn sie schnarchen würden, aber alles bleibt still wie auf einem Totenfeld. Bisweilen beschnuppert den oder jenen ein Hund und trabt dann weiter. Hie und da liegt ein mageres Kindchen neben seinem Vater auf der Erde und gelegentlich schlingt sich ein Arm um seinen Körper; aber zumeist schlafen die Kleinen bei ihren Müttern auf den Dächern. - Gelbhäutige, blankzähnige Parias weiß man nicht gern in der Nähe brauner Kinderleiber. Ein erstickend heißer Hauch aus dem Munde des Delhi-Tores ertötet fast meinen Entschluß, um diese Stunde die Stadt der furchtbaren Nächte zu betreten. - Rudyard Kipling, Die Stadt der furchtbaren Nächte, nach (ki)

Nacht (8) Ich mache mich mit Joseph durch die Wüste auf nach Assuan. Aus Angst vor Hyänen sind wir bis an die Zähne bewaffnet; unsere Esel trippeln munter drauflos, ein kleiner Junge von ungefähr zwölf Jahren, ganz reizend in seiner Anmut und Behendigkeit, bekleidet mit einem großen weißen Kittel, läuft mit einer Laterne voran. Das Blau des Himmels ist mit Sternen übersät, fast sind es Feuer, so funkelt das, eine wahrhaft orientalische Nacht! Rechts tauchte ein singender Araber auf einem Kamel auf, er kreuzte den Weg vor uns und ritt weiter. - (orient)

Nacht (9)

Die freie Nacht ist aufgegangen,
Unsichtbar wird ein Mensch dem andern,
So kann ich mit den Tränen prangen
Und hin zu Liebchens Fenster wandern.
Der Wächter rufet seine Stunden,
Der Kranke jammert seine Schmerzen
Die Liebe klaget ihre Wunden,
Und bei der Leiche schimmern Kerzen.

Die Liebste ist mir heut gestorben,
Wo sie dem Feinde sich vermählet,
Ich habe Lieb in Leid geborgen,
Ihr Tränen mir die Sterne zählet.
Wie herzhaft ist das Licht der Sterne,
Wie schmerzhaft ist das Licht der Fenster,
Ein dichter Nebel deckt die Ferne,
Und mich umspinnen die Gespenster.

Im Hause ist ein wildes Klingen,
Die Menschen mir so still ausweichen,
In Mitleid mich dann fern umringen:
So bin ich auch von eures Gleichen?
Mich hielt der Wald bei Tag verborgen
Die schwarze Nacht hat mich befreiet.
Mein Liebchen weckt ein schöner Morgen,
Der mich dem ew'gen Jammer weihet.

Wie oft hab ich hier froh gesessen,
Wenn alle Sterne im Erblassen,
Ach alle Welt hat mich vergessen,
Seit mich die Liebste hat verlassen:
Nichts weiß von mir die grüne Erde,
Nichts weiß von mir die lichte Sonne,
Der Mondenglanz ist mir Beschwerde,
Die Nacht ist meiner Tränen Bronne.

- Achim von Arnim, Isabella von Ägypten. In: A.v.A., Erzählungen. München 1979 (dtv 2056, zuerst 1812)

Nacht (10) Schon regnete es Asche, doch zunächst nur dünn. Ich schaute zurück: Im Rücken drohte dichter Qualm, der uns, sich über den Erdboden ausbreitend, wie ein Giessbach folgte. 'Lass uns vom Wege abgehen', rief ich, 'solange wir noch sehen können, sonst kommen wir auf der Strasse unter die Füsse und werden im Dunkeln von der mitziehenden Masse zertreten.' Kaum hatten wir uns gesetzt, da wurde es Nacht, aber nicht wie bei mondlosem, wolkenverhangenem Himmel, sondern wie in einem geschlossenen Raum, wenn man das Licht gelöscht hat. Man hörte Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; die einen riefen nach ihren Eltern, die anderen nach ihren Kindern, wieder andere nach ihren Männern oder Frauen und suchten sie an den Stimmen zu erkennen; die einen beklagten ihr Unglück, andere das der Ihren, manche flehten aus Angst vor dem Tode um den Tod, viele beteten zu den Göttern, andere wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte, ewige Nacht sei über die Welt hereingebrochen. Auch fehlte es nicht an Leuten, die mit erfundenen, erlogenen Schreckensnachrichten die wirkliche Gefahr übersteigerten. Einige behaupteten, in Misenum sei dies und das eingestürzt, anderes stehe in Flammen - blinder Lärm, aber sie fanden Glauben.

Dann hellte es sich ein wenig auf, doch es war anscheinend nicht das Tageslicht, sondern ein Vorbote des nahenden Feuers. Aber das Feuer blieb in ziemlicher Entfernung stehen; es wurde wieder dunkel, wieder fiel Asche, dicht und schwer, die wir, fortgesetzt aufstehend, abschüttelten; wir wären sonst verschüttet und durch die Last erdrückt worden. Ich könnte damit prahlen, dass sich mir trotz der furchtbaren Gefahr kein Seufzer, kein verzagtes Wort entrungen hatte, hätte ich nicht - ein schwacher, aber für uns Menschen immerhin ein im Tode wirksamer Trost - fest geglaubt, ich ginge mit allem und alles mit mir zugrunde.

Endlich wurde der Qualm dünner und verflüchtigte sich sozusagen zu Dampf oder Nebel. Bald wurde es richtig Tag, sogar die Sonne kam heraus, doch nur fahl wie bei einer Sonnenfinsternis. Den noch verängstigten Augen erschien alles verwandelt und mit einer hohen Ascheschicht wie mit Schnee überzogen. - Plinius d. J. an Tacitus

Nacht (11)

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

- Rilke,  Buch der Bilder

Nacht (12)

- Hans Sebald Beham

Nacht (13)

Nacht (14)   Nehmen wir einmal ganz willkürlich an, in einem Raumbereich von 10 Lichtjahren rund um die Erde gebe es 100 Sterne, die unsere Nacht mit ihrem milden Licht erhellen. Jetzt gehen wir einen ersten Schritt weiter und berücksichtigen alle Sterne bis zur doppelten Entfernung, also bis zu 20 Lichtjahren. Die dabei neu hinzukommenden und durchschnittlich doppelt so weit von uns entfernten Sterne erscheinen uns dann ihrer verdoppelten Entfernung wegen zwar nur etwa ein Viertel so hell wie die 100 Sterne, von denen wir ausgegangen waren. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Bis zur doppelten Entfernung gibt es bei gleichmäßiger Verteilung der Sterne im Raum nicht bloß doppelt oder viermal so viele, sondern gleich achtmal so viele, also 800 Sterne. Verdoppeln wir die Entfernung abermals, indem wir jetzt eine Raumkugel mit einem Radius von 40 Lichtjahren rings um die Erdkugel betrachten, so ergibt sich, daß die Helligkeit der neu hinzukommenden Sterne zwar auf ein Sechzehntel (»Quadrat der vierfachen Entfernung«) zurückgeht, der Gesamtzahl der Sterne aber gleichzeitig auf das 64fache (nämlich die dritte Potenz der vierfachen Entfernung!) sprunghaft anwächst.

So geht das bei jeder Vergrößerung der Entfernung weiter. Die Zahl der Sterne nimmt sehr viel schneller zu, als die Helligkeit der einzelnen Sterne abnimmt. Das hängt einfach damit zusammen, daß der Inhalt der Raumkugel, die wir in unserem gedanklichen Versuch um die Erde gelegt haben, rascher anwächst als ihre Oberfläche, auf die sich die Sterne aus unserer Perspektive projizieren.

Deshalb muß, so folgerte Olbers zwingend weiter, irgendwann, und wenn auch erst in einer noch so großen Entfernung, schließlich eine Grenze erreicht sein, von der ab die überschießende Zunahme der Sternzahl die Abnahme ihrer Helligkeit nicht nur ausgleicht, sondern gewissermaßen »überkompensiert«. Da diese Grenzentfernung in einem unendlich großen Weltall auf jeden Fall überschritten sein muß, müßte der ganze Himmel eigentlich auch nachts taghell leuchten. Glücklicherweise kann man das Problem, mit dem sich Dr. Olbers herumschlug, noch einfacher formulieren: Man braucht bloß daran zu denken, daß dann, wenn das Weltall wirklich unendlich viele (wohlgemerkt: nicht unvorstellbar viele, sondern unendlich viele!) Sterne enthielte, an jedem noch so winzigen Punkt des Himmels unendlich viele Sterne hintereinander stehen würden. Durch unendlich viele Sterne an jedem Punkt des Nachthimmels würde aber eine unendlich große Helligkeit produziert, die daher auch noch auf der Erde unendlich groß sein müßte, ohne Rücksicht darauf, bis in welche Entfernung sich diese Sterne gleichmäßig verteilen.

»Folglich«, so erklärte Olbers, »darf es nachts eigentlich überhaupt nicht dunkel werden.«  - Hoimar von Ditfurth, Im Anfang war der Wasserstoff. München 1985  (zuerst 1972)

Nacht (15)  »Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen» die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu Heber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes. Er geht eigenen Geschäften nach, im Dunkel - doch wir, seine Partner, die wir in die Oper gehen, die wir dem Klatsch der Freunde im Café zuhören, die Boulevards entlangschlendern oder eine schweigsame Naht nähen, können uns das nicht leisten, wahrhaftig, nicht einen Zentimeter davon. Und wollen wir es auch mit unserem Blut bezahlen: es sind da weder Theke noch Kasse. Du, die du stehst und herniederblickst auf eine, die im Schlafe liegt - du kennst sie, die horizontale Angst, Angst unerträglich. Denn der Mensch trifft auf sein Schicksal senkrecht. Er wurde nicht geschaffen, um jenes andere zu erfahren, und nicht als Resultat eines anderen Verschwörung.

Man schlägt die Leber aus der Gans und macht pâté daraus: man zerstampft die Muskeln eines Menschen cardla und macht einen Philosophen.« »Ist es das, was ich zu lernen habe?« fragte sie bitter. Der Doktor sah sie an. »Für den Liebenden ist es die Nacht, in der seine Geliebte verschwindet«, sagte er, »und es bricht sein Herz. Er weckt sie plötzlich, nur um einer Hyäne in die Fratze zu sehen; eine Hyänenfratze, das ist ihr Lächeln geworden, wenn sie aus der Gesellschaft scheidet.

Schläft sie? Schiebt sie nicht ihr Bein zur Seite, für eine unbekannte Garnison? Oder - im Augenblick einer Sekunde - erschlägt sie uns nicht mit der Axt? Verspeist sie nicht unser Ohr in Blätterteig? Stößt sie uns nicht mit dem Handrücken von sich, um sich mit einer Mannschaft Matrosen und Mediziner einzuschiffen zu fernen Häfen? Und wie steht es mit unserem eigenen Schlaf? Auch wir treiben es ja nicht besser und betrügen sie mit der Tugend unseres Tages. Lange üben wir Enthaltsamkeit, doch kaum hat unser Kopf das Kissen berührt, das Auge den Tag entlassen, da kommt schon die ganze Horde der lustigen Brüder, fordert und kassiert. Wir erwachen aus unserem Tun, in Schweiß gebadet; denn es hat sich in einem Haus zugetragen, das keine Adresse ist, in der Straße keiner Stadt, bebürgert mit Einwohnern keines Namens, den es zu verleugnen gelte. Diese Leute haben keine Identität - wir sind es selbst. Eine Straßenbezeichnung, eine Hausnummer, ein Eigenname - und wir hören auf, uns selbst zu bezichtigen. Schlaf verlangt von uns schuldige Immunität. Da gibt es keinen unter uns, der, könnte er ewiges Inkognito wahren, hinterließe er keinen Fingerabdruck auf unseren Seelen, nicht Vergewaltigung, Mord und alle Scheußlichkeiten verüben wurde. Denn wenn aus seinem Hintern Tauben flattern, Schlösser aus seinen Ohren sprießen, dann wird der Mensch um sein Schicksal besorgt; was soll es sein: ein Haus, ein Vogel oder ein Mensch? Vielleicht wird immer nur ein Schläfer, dessen Schlaf ihn durch drei Generationen trägt, unversehrt dieser entvölkerten Vernichtung entsteigen.« Schwer wandte sich der Doktor im Bett um. »So dicht liegt der Schlaf auf dem Schläfer, daß wir ihm >vergeben<, wie wir den Toten >vergeben<, auf denen die Erde lastet. Was wir nicht sehen - so sagt man uns -, das beweinen wir nicht; und doch beunruhigen uns Nacht und Schlaf; Verdacht ist unser schwerster Traum, und Angst die Peitsche. Des Eifersüchtigen Herz kennt die beste, die wahrhaft befriedigende Liebe: im Bett des anderen, wo der Rivale für die Unvollkommenheit des Liebenden aufkommt. Phantasie reitet weit, um dieses Duell nicht zu versäumen, ungehindert, jegliche Auslegung mißachtend, welche das Gesetz dieses ungesehenen Spiels bergen mag.

Vom Osten her erwarten wir eine Weisheit, die wir nicht gebrauchen, und vom Schläfer das Geheimnis, das wir nicht erfahren. Und so frage ich denn: wie steht es um die Nacht, die schreckliche Nacht? Finsternis ist die Kammer, da deine Geliebte ihr Herz rasten läßt; ist das Nachtgeflügel, das sich deinem und ihrem Geist krächzend entgegenkrallt; dessen Gedärm zwischen dir und ihr die furchtbarste Entfremdung fallen läßt. Das Tropfen deiner Tränen ist sein unfehlbarer Pulsschlag. Das Volk der Nacht begräbt seine Toten nicht, sondern dir - ihrer Geliebten und Wächterin - wirft es die Kreatur an den Hals, ihrer Gebärden entblättert. Und wohin du gehst, geht auch sie: ihr beide vereint, dein Lebendes und ihr Totes, das nicht sterben will: ins Tageslicht, ins Leben, in den Schmerz; bis ihr beide zu Aas verwest.« - Djuna Barnes, Nachtgewächs. Frankfurt am Main 1981 (zuerst 1936)

Nacht (16)  

Nachtstück

Unkenpfiff von Nacht betaut,
Barkenlaut und Ruderschlag ...
Schlangen rascheln durch das Kraut,
Lachen stirbt in hohler Hand,
schlürfend sich die Menge staut,
schwerer Leib ins Wasser klatscht,
unter Bäumen schluchzt es laut,
Gaukler schlagen fernen Schall.

- Max Jacob, nach (mus)

Nacht (17)  Die Nacht ist auf einen jeden Fall beschissen. Ich weiß nicht, wo ich hingehe, wenn ich ausgehe, Gerechtigkeit zu üben, ich finde mich dann einfach nicht. Man hört auch nichts von erschlagenen Männern, höchstens von geschlagenen Frauen. Es ist etwas Schäbiges an meiner Erinnerung, ganz im Gegensatz zu dem stolzen Zug, den ich manchmal empfinde. Ich scheine für nichts gut zu sein und nur mir selber eine Last. Die Häsin ist da auch kein Trost. Hat so ein schönes Gesicht, so adrett. Die Vorderpfoten hält sie tapfer unter ihr Haupt, dann faucht sie auch manchmal, als wäre jemand da, der sie stört, sie hat nämlich zwei Junge zwischen den Hinterbeinen. Die kann sie aber nicht mehr bewegen. Die sind steif, langsam verfaulen die, was stinkt.  - Herbert Achternbusch, Ich bin ein Schaf. Memoiren. München 1996

Nacht (18)  Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. - (kaf)

Nacht (18)  

Clorinda bejamert die abschewliche
Finsternuß Jhres Hertzens /
in welcher sie / dem Gnaden Gottes beraubt /
so lange Zeit gesteckt.

Deus meus illumina tenebras meas. Psal. 17. v. 29.

O GOtt   / erleuchte meine Finsternuß!

1.

FEindliche / trutzige /
Russige / schmutzige /
  Häßliche Nacht /
Welche den Raisenden /
Weit herumb kraisenden
Herren / und Knechten /
Edlen / und schlechten
  Grosse Forcht macht /
Ja unversehens gar
Stürtzt in deß Todts Gefahr.

2.

Falsche / verdächtliche /
Schwartze / verächtliche /
  Schelmische Nacht /
Welche die fallende /
Kath-herumb wallende /
Gäntzlich entweegte /
Gfährlich versteegte
  Menschen außlacht:
Die an Mitleydens-Statt
Nur Frewd an Unglück hat.

3-

Grausame / grewliche /
Förchtlich-abschewliche /
  Diebische Nacht /
Welche den Muthigen /
Menschen-mord-bluthigen
Mörder- und Raubern /
Hexen / und Zaubern
  Sicherheit macht /
Und gibt zu böser That
Selbst Jhnen Hilff / und Rath.

4-

Reinigkeit-hassende /
Unschuld verlassende /
  Schandliche Nacht /
Welche den stinckenden /
Tugend-versinckenden
Venus-Gesellen /
Wo sie nur wollen /
  Underschlauff macht:
Verhüllt die gaile Böck'
Mit ihrer schwartzen Deck.

5-

Neidige / hässige /
Henckers-Hand-mässige /
  Bubische Nacht /
Welche der Wälderen /
Wisen / und Felderen /
Gärten / und Awen
Schönes Anschawen
  Frewdenloß macht:
So gar das schönste Gold
Entfärbt die Liechts-Unhold.

6.

Grimmige / leydige /
Freche / meineidige /
  Gifftige Nacht /
Welche die ruchtbare /
Sonsten gar fruchtbare /
Aecker / und Matten
Under dem Schatten
  Früchtenloß macht:
Dahero Jhr dann seynd
Vil Länder Spinnen-feind.

7-

Tägliche / schmertzliche /
Mündliche / hertzliche-
  Klagen man hört /
Wie sie die prächtige /
Weite / großmächtige
Nilische Haiden /
Saaten / und Waiden
Grausamb verstört /
Das Land so schwartz bedeckt /
Daß Leuth und Vieh verreckt.

8.

Sehet die nächtige /
Jmmer Schattächtige
  Finnen doch an /
Wie sie mit dünsteren /
Dicken / und finsteren Nebel /
und Düfften / Schatten / und Lüfften
  Seynd eingethian:
Die Sonne sehen sie
Auch etlich Monat nie.

9-

Trewloß-unärtige /
Böse leichtfertige
  Schreckliche Nacht /
Welche die brennende
Feld-herumb- rennende
Schwürmische Geister
Völlige Meister
  Jhres Reichs macht /
Und reitzt / so vil sie kan
Sie zu der Boßheit an.

10.

Under der Feindlichen /
Dürmisch-unfreundlichen
  Nächtlichen Schaar /
Aerger / gefährlicher /
Böser / beschwerlicher /
Schädlicher / Schlimmer /
Schwärtzer / und timmer
  Keine doch war / 
Als die / so ich stock-blind An meiner Seel empfind'.

11.

Alle Maeotische /
Wendisch- und Gottische (a)
  Nächte seynd nur
Eine noch gläntzende /
Morgen-angräntzende /
  Lieblich-bemahlte /
  Sonnen-bestrahlte
  Schatten-Figur / (b)
Gegen der schwarrzen Nacht /
So mir die Sünd gebracht.

12.

Dise verhinderet /
Schwächet / und minderet
  Allen den Schein /
Welcher / zum anderen
Leben zu wanderen
  Wider die Fälle
  Solte ein' helle
    Fackel mir seyn:
Macht / daß in Finsternuß
Jch immer leben muß.

13-

Alle Gott-zeigende /
Tugend-zuneigende
  Strahlen seynd hin /
Weil ich in allerhand /
(Leyder nicht ohne Schand!)
  Bubische Thaten
  Willig gerathen
  Jederzeit bin
So / daß der Tugend-Glantz
Jn mir verfinstert gantz.

14.

Dise Heil-flüchtige
Eitelkeit-süchtige /
  Schädliche Nacht /
Haben die sinnliche /
Eilens-zerrinnliche /
  Eitele / schnöde /
  Himmels-Trost Öde
    Frewden gemacht:
Der schnöde Frewd-Genuß
Bringt nichts / als Finsternuß, 

15-

Dise betriegende
Frewden-vorliegende
  Schmeichlende Nacht /
Eh' ich ihr Thun erkennt /
Hatte mich so verblendt /
  Daß ich nachmahlen
  Alle Liecht-Strahlen
    Völlig veracht /
Und mit dem Welt-Gesind
Zu Guttem worden blind.

16.

Dise Nacht schwächet mich /
Dise Nacht macht / daß ich
  Vollens verderb' /
Massen der Gnaden-Schein
Nimmer kan tringen ein
  So / daß ich endlich
  Flammen-erkändtlich
    Tugendloß sterb':
Wo keine Sonn auffgeht /
Der Baum unfruchtbar steht.

17.

Dise verteufflete /
Gnaden-verzweyfflete /
  Höllische Nacht /
Dannoch den Sünderen
Bösen Welt-Kinderen
  Wegen deß Sterbens /
  Seelen-verderbens
    Wenig Forcht macht:
Sie förchten nur das Licht /
Die Finsternuß gar nicht.

18.

Leider diß Eulen-blind
Schwürmische Nacht-gesind
  Bildet sich ein /
Under den lebenden
Welt-herumb-schwebenden
  Erden-Geschöpffen /
  Sehenden Köpften
    Kluegste   zu sein:
Vermeinen allezeit
Zu seyn von Blindheit weit. 

19-

Dises seynd aber die
Schlimste Nächt' / welche nie
  Werden erkännt /
Können vom Gnaden-Licht
Werden vertriben nicht /
  Sonder nur immer
  Aerger / und schlimmer
    Leyder verblendt!
Sie fliehen allen Schein /
Drumb geht das Liecht nicht ein.

...

(a) Mittnächtige Länder.
(b) Ob schon der Schatten nicht kan
bestrahlt seyn /
so ist doch zwischen Tag und Nacht
kein so tunckler Schatte /
als zu Mitternacht.

 - J. M. Laurentis von Schnifis, nach: Lyrik des Barock II. Hg. Marian Szyrocki. Reinbek bei Hamburg 1971

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