ffenbarung  Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dieses zeigt sich. Es ist das Mystische. - Ludwig Wittgenstein

Offenbarung (2) Die ephemeren Geschlechter der Menschen entstehn und vergehn in rascher Succession, während die Individuen unter Angst, Noth und Schmerz dem Tode in die Arme tanzen. Dabei fragen sie unermüdlich, was es mit ihnen sei, und was die ganze tragikomische Posse zu bedeuten habe, und rufen den Himmel an, um Antwort. Aber der Himmel bleibt stumm. Hingegen kommen Pfaffen mit Offenbarungen.

Unter dem vielen Harten und Beklagenswerthen des Menschenlooses ist keines der geringsten dieses, daß wir dasind, ohne zu wissen, woher, wohin und wozu: wer eben vom Gefühl dieses Uebels ergriffen und durchdrungen ist, wird kaum umhin können, einige Erbitterung zu verspüren gegen Diejenigen, welche vorgeben, Specialnachrichten darüber zu haben, die sie unter dem Namen von Offenbarungen uns mittheilen wollen. — Den Herren von der Offenbarung möchte ich rathen, heut zu Tage nicht so viel von der Offenbarung zu reden; sonst ihnen leicht ein Mal offenbart werden könnte, was eigentlich die Offenbarung ist. —

Der aber ist nur noch ein großes Kind, welcher im Ernst denken kann, daß jemals Wesen, die keine Menschen waren, unserm Geschlecht Aufschlüsse über sein und der Welt Daseyn und Zweck gegeben hätten. Es giebt keine andere Offenbarung, als die Gedanken der Weisen; wenn auch diese, dem Loose alles Menschlichen gemäß, dem Irrthum unterworfen, auch oft in wunderliche Allegorien und Mythen eingekleidet sind, wo sie dann Religionen heißen. Insofern ist es also einerlei, ob Einer im Verlaß auf eigene, oder auf fremde Gedanken, lebt und stirbt: denn immer sind es nur menschliche Gedanken, denen er vertraut, und menschliches Bedünken. Jedoch haben die Menschen, in der Regel, die Schwäche, lieber Andern, welche übernatürliche Quellen vorgeben, als ihrem eigenen Kopfe zu trauen. Fassen wir nun aber die so überaus große intellektuelle Ungleichheit zwischen Mensch und Mensch ins Auge; so könnten allenfalls wohl die Gedanken des Einen dem Andern gewissermaaßen als Offenbarungen gelten. —

Hingegen das Grundgeheimniß und die Urlist aller Pfaffen, auf der ganzen Erde und zu allen Zeiten, mögen sie brahmanische oder mohammedanische, buddhaistische, oder christliche seyn, ist Folgendes. Sie haben die große Stärke und Unvertilgbarkeit des metaphysischen Bedürfnisses des Menschen richtig erkannt und wohl gefaßt: nun geben sie vor, die Befriedigung desselben zu besitzen, indem das Wort des großen Räthsels ihnen, auf außerordentlichem Wege, direkt zugekommen wäre. Dies nun den Menschen Ein Mal eingeredet, können sie solche leiten und beherrschen, nach Herzenslust. Von den Regenten gehn daher die klügeren eine Allianz mit ihnen ein: die andern werden selbst von ihnen beherrscht. Kommt aber ein Mal, als die seltenste aller Ausnahmen, ein Philosoph auf den Thron, so entsteht die ungelegenste Störung der ganzen Komödie. - (schop)

Offenbarung (3)  Siehe mit dem Gemüt, wie dasjenige, welches vor vielen unoffenbar scheint zu sein, dir am alleroffenbarsten gemacht wird, denn wäre es unoffenbar, so wäre es ja nicht.

Denn alles, was offenbar wird, dasselbe ist geboren, weil es offenbar ist geworden.

Aber was verborgen oder unoffenbar ist, das ist allezeit und hat nicht nötig, offenbar zu werden, denn es ist allezeit und macht alle anderen Dinge offenbar, es selbst bleibt ungeoffenbart, weil es allzeit ist.

Der da offenbart, wird selbst nicht geoffenbart, und der nicht ist geboren worden, ist nichts anderes als die Gebärung.

Derselbe eine aber (Ungeborene) kann nicht gebildet werden und ist unoffenbar, aber er selbst, alles bildend, wird durch alles und in allem offenbar und allermeist in denen, welchen er sich hat wollen offenbaren. - Corpus Hermeticum

Offenbarung (4)  Daß der Schweif eines Cometen, wenn derselbe die Erde berühren sollte, einige besondere Würckung haben könnte, ist nicht zu vermuthen, wenn nehmlich derselbe aus nichts anders, als den subtilsten Sonnenstäubchen bestehet. Da aber der Dunstkreis eines Cometen ohne Zweifel aus ziemlich dichten Dünsten bestehet; so könnte durch die Annäherung desselben unsere Lufft dergestalt mit Wasser angefüllt werden, daß daher nothwendig eine Sündfluth entstehen müste, und deswegen ist die Meynung des Whistons nicht so leicht zu verwerfen, welcher die Sündfluth von einem Cometen herleitet. Es wollen zwar einige solche Annäherung der Cometen als eine unmögliche Sache ansehen, allein dieselben haben entweder die wahre Beschaffenheit dieser Cörper nicht recht eingesehen, oder sich von dem Lauf derselben verkehrte Begriffe gemacht.

Man könnte aber dagegen einwenden, daß ein Comet der Erde noch weit näher, als bey der Sündfluth geschehen, kommen, und also durch seine Anziehungs-Krafft nicht nur nichts von seinem Wasser verliehren, sondern uns noch dazu einen guten Theil unserer Atmosphaere rauben könnte, wodurch denn zwar keine Sündfluth, dennoch aber der völlige Untergang der Erde, und folglich der jüngste Tag, verursachet werden könnte. Allein, ungeachtet gegen die Möglichkeit dieses Untergangs aus der Natur-Wissenschaft nichts eingewendet werden kan; so hat uns doch die göttliche Offenbarung von dieser Furcht befreyet.   - N.N., 1744, nach (bisch)

Offenbarung (5) Vielleicht bekannte er sich zu den Arianern, die behaupten, die Glorie des Sohnes sei nur ein Widerschein der Glorie des Vaters; doch ist wohl eher anzunehmen, daß er dem Glauben an die Erde, Hertha, huldigte, deren Bild auf einem von Kühen gezogenen Wagen verhüllt von Hütte zu Hütte zog, oder daß er an die Götter des Krieges und des Donners glaubte, rohe Bildwerke aus Holz, die in Webzeug gekleidet und mit Münzen und Armspangen behängt waren. Er kam aus den undurchdringlichen Wäldern von Eber und Ur; er war weißhäutig, beherzt, naiv, grausam, treu seinem Führer und seiner Sippe, nicht dem Universum. Die Kriege führen ihn nach Ravenna, und hier sieht er etwas, das er noch nie, oder nie in Fülle, gesehen hat. Er sieht den Tag und die Zypressen und den Marmor. Er sieht ein Gefüge, das vielfältig ist ohne Unordnung; er sieht eine Stadt, einen Organismus aus Statuen, Tempeln, Gärten, Wohnhäusern, Stiegen, Krügen, Kapitellen, regelmäßigen und offenen Räumen. Keines dieser Gebilde (ich weiß es) beeindruckt ihn als schön; sie wirken auf ihn wie heute auf uns eine komplizierte Maschinerie wirken würde, deren Zweck wir nicht kennen, deren Anlage jedoch eine unsterbliche Intelligenz erraten läßt. Vielleicht braucht er nur einen einzigen Bogen zu sehen, mit einer unverständlichen Inschrift in ewigen römischen Lettern. Jählings blendet und erneuert ihn diese Offenbarung, die Stadt. Er weiß, daß er in ihr ein Hund sein wird, oder ein Kind, und daß er nicht einmal beginnen wird, sie zu begreifen, aber er weiß auch, daß sie mehr wert ist als seine Götter, mehr wert als die ge­schworene Treue und als alle Sümpfe Deutschlands. Droctulft läßt seine Leute im Stich und kämpft für Ravenna. - J. L. Borges, Die Theologen, nach (bo3)
 

Mystik

 

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