iß  Eher als einer vehementen Penetration, die einer Mischung von Schlägen, Krallenspielen und Liebkosungen ein Ende setzt, gleicht der letzte Degenstoß, der die Corrida abschließt, jenem Bedürfnis zu töten - Schmerz zuzufügen oder nur aktiv zu hassen - das, auf den Partner oder auf die eigene Person gerichtet, so oft in der auf den Liebesakt folgenden Phase des Widerwillens auftritt. Davon abgesehen, daß es eine nachhinkende Äußerung des Aggressionsdranges darstellt, der mit dem sexuellen Juckreiz eng verbunden ist, konkretisiert dieses bösartige Verlangen die Enttäuschung, das Gefühl, hereingelegt worden zu sein, die sich einstellen, wenn der Riß, die Grenze der Unmöglichkeit, realisiert wird. Ein solcher Mißerfolg der Liebe - der leicht zur Wucht einer rollenden Lawine anwachsen kann, da das Nichtzustandekommen-Können einer totalen Verschmelzung und der Umschlag, den das Wahrnehmen dieses Risses hervorruft, sich gegenseitig potenzieren - kann allein durch einen automatischen Umwandlungsprozeß der Haßregung in ihr Gegenteil relativiert werden. Ähnlich wie das Erleben ekstatischer Fülle in die Erfahrung lähmender Enttäuschung übergeht, wird die dadurch bewirkte Leere, das Bewußtsein des Mangels und all dessen, was eine solche Wunde an schier Unerträglichem impliziert, wiederum eine neue zerreißende Sehnsucht auslösen. Das Wahrnehmen ihrer Unzulänglichkeit zersetzt zwar die Liebe, aber gerade unsere Verzweiflung läßt sie wieder neu aufleben. Daraus folgt, daß jede Erfüllung zwangsläufig mit einem zerreißenden Schmerz schwanger geht (ähnlich wie eine überreife Frucht, die bald aufplatzen wird, wie Kinderspiele, die so intensiv betrieben werden, daß sie meistens mit Tränen, Keilereien und Schreien enden, wie die Trunkenheit, die im Klirren zerbrochener Gläser ausläuft, oder die einsame Verzweiflung, in die wir fast unvermeidlich abgrundtief versinken, sobald wir das heiß Erwünschte erreicht haben), daß aber auch jeder sentimentale Riß seinerseits ein offener Weg ist, ein Entgelt für den neuen Start, ein Gieren nach Luft, und zugleich - Maßstab unserer Leere, d. h. unserer Unendlichkeit - eine Offenbarung. - Michel Leiris, Spiegel der Tauromachie, eingeleitet durch Tauromachien. Mit Zeichnungen von André Masson. München 1982 (entstanden 1937)

Riß (2)   Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, das er noch nicht einmal als Vorahnung hätte bezeichnen können. Es war vielmehr eine seiner Theorien, die er übrigens nie weiterentwickelt hatte und die auch in seiner Vorstellung unscharf blieb. Für sich nannte er sie die Theorie vom Riß.

In jedem Missetäter, in jedem Banditen steckt ein Mensch, aber auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner, und auf ihn hat es die Polizei abgesehen, er ist es, den sie im allgemeinen bekämpft.

Wird ein Verbrechen begangen oder irgendein Delikt? Der Kampf gilt den mehr oder weniger objektiven Gegebenheiten. Dem Problem mit einer oder mehreren Unbekannten, das der Verstand zu lösen versucht.

Maigret handelte wie die anderen. Und wie jene bediente er sich ungewöhnlicher Hilfsmittel, die die Bertillon, die Reiss oder Locard in die Hände der Polizei lieferten und die eine Wissenschaft für sich darstellen.

Aber er suchte, erwartete, belauerte vor allem den Riß. Mit anderen Worten: den Augenblick, in dem hinter dem Spieler der Mensch erscheint. - Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette. Zürich 1978 (detebe 155/2, zuerst 1929)

Riß (3)   Der Sturm ging noch immer um in all seiner Wut, als ich mich auf dem alten Fahrdamm wieder fand. Plötzlich schoß Wildlicht grell über meinen Weg, und ich fuhr herum, um zu sehen, von wo solch seltsamer Schimmer ausgehen könne; waren doch hinter mir einzig das Haus & seine weitläufigen Schatten. Die Strahlung entstammte dem blutrot seinem Untergang zusinkenden Vollmond, der nunmehr satt durch jenen kaum sichtbaren Riß schimmerte, welcher  im Zickzackzug vom Dach des Gebäudes bis hinab zur Grundmauer verlief. Während ich noch so hinstarrte, klaffte der Riß rapid weiter auf - rasend fauchte ein Windstoß heran - der volle Kreis des Satelliten brach auf einmal hervor - mir schwindelte der Kopf, als die Mauern wie Vorhänge auseinander flogen - da erscholl ein langes tumultuarisches Gegröhl, wie die Stimme von tausend Wassern - und der unergründliche klamme Pfuhl zu meinen Füßen schloß sich mürrisch & schweigend über den Trümmern des HAUSES ASCHER. - E. A. Poe, Der Fall des Hauses Ascher. In: E.A.P., Werke Bd. 1. Olten u. Freiburg i.Br. 1966 (Übs. Arno Schmidt, zuerst 1839)

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