runkenheit  Dahin gehören auch die fremdartigen Übungen, das Herumwälzen im Kot, das Vorstrecken der Brust und das Zurückbiegen des Halses. Durch alles dies, heißt es, mache man sich Durst. Und hat man nicht selbst an den Trinkgeschirren ehebrecherische Bilder angebracht? Als wenn die Trunkenheit nicht schon an und für sich Wollust erzeuge. Man trinkt also Wein aus Geilheit, ladet durch Belohnungen zur Trunkenheit ein und erkauft sie also. Dieser bekommt. wenn er so viel ißt, als er getrunken hat, nach dem Gesetze eine Belohnung für seine Trinkbegierde; jener trinkt so viel, als er im Spiele gewonnen hat. Dann suchen die gierigen Augen die Ehefrau, und die matten verraten sich dem Manne; dann werden die Geheimnisse der Seele ausgesprochen. Einige machen ihr Testament, andere führen verderbenbringende Reden und halten die Worte nicht in ihrer Kehle zurück, wenn auch noch so viele auf solche Art ums Leben gekommen sind. Schon allgemein hat man dem Weine Wahrheit zugeschrieben. Wenn es noch gut abgeht, sehen die Trinker die aufgehende Sonne nicht und erreichen kein hohes Alter. Daher die Blässe, die hängenden Wangen, die eiternden Augen, die vom Ausleeren der vollen Becher zitternden Hände und (was die unmittelbare Strafe ist) die schrecklichen Träume, die nächtliche Unruhe, endlich - der größte Lohn der Trunkenheit - eine unbändige Wollust und ein Vergnügen zu sündigen. Den folgenden Tag die Ausdünstung vom Weinfasse aus dem Munde, Vergessenheit aller Dinge und der Verlust des Gedächtnisses. Sie rühmen sich, auf solche Weise schneller zu leben, da sie den vorigen Tag jedesmal verlieren, allein auch den bevorstehenden verlieren sie. - (pli)

Trunkenheit (2) Die dolle / raßende / fröliche / närrische / thörigte / schändliche kranke / freie / kühne / frevle / unbesonnene / Sinn= und Verstandlose / lasterhafte / unkeusche / säuische lächerliche / Fraß / Gesäuff Schlamm und Damm.

Der Teutschen angenehme Pest / die keinen unvergifftet läßt / hat manchen Trunckenbold gefällt / der in dem Laster war ein Held ... Das übermachte Zechen / kann sich zu morgens rächen / mit Haubt= und Därmer=Gicht. Die Witz geht aus / der der Wein geht ein / und muß der Schlauch gefüllet sein. - (hrs)

Trunkenheit (3) In der Trunkenheit wird der eine verliebt, spricht von nichts als Mädchen und küßt alles, was ihm vorkommt, der andere wird großsprecherisch, der dritte zänkisch, der vierte andächtig, der fünfte weint, der sechste lacht, der siebente wird stumm und glotzt auf einen Fleck, der achte wird redselig und verplaudert alles, was er weiß, der neunte tanzt und singt, der zehnte macht mit allen Bruderschaft, der elfte kannegießert und reimt, der zwölfte philosophiert und wirft gelehrte Fragen auf, der dreizehnte schläft ein und so weiter.

Der Betrunkene weint über das Unglück eines andern, weil er dieser andere zu sein glaubt, er fällt die Treppe hinab und bedauert den, der ihm aufhilft, jene beiden Bibuli, Herr und Diener, die betrunken auf einem Bette liegen, dialogieren endlich: "Johann, es liegt jemand bei mir." "Bei mir auch, Ihr Gnaden." "Schmeiß den Kerl hinaus!" - und Johann wirft seinen Herrn vom Bette - (kjw)

Trunkenheit (4)

Trunken müssen wir alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.

- Goethe, West-Östlicher Divan

Trunkenheit (5) Wie bei dem Prozeß gegen Bartholomew Roberts‘ Mannschaft in Cape Coast Castle ans Licht kam, waren viele Männer fast den ganzen Tag so betrunken, daß sie nicht arbeiten konnten. Ein gewisser Robert Devins war nach Aussage eines Zeugen niemals nüchtern anzutreffen, und sein Kamerad Robert Johnson war so hoffnungslos betrunken, daß er mit einem Flaschenzug von Bord gehievt werden mußte. Vor Gericht stellten Piraten ihre Untaten gern als Folgen ihrer Trunksucht dar. So gestand John Archer vor seiner Hinrichtung im Mai 1724: »Ein Laster, das mich mehr als jedes ändere leitete, war meine zügellose Trunksucht. Durch Schnaps geriet ich in Wallung und ließ mich zu Verbrechen hinreißen, die ich jetzt mehr bedauere als den Tod.«

Das Problem beschränkte sich nicht auf Piratenschiffe. Alle Seeleute waren für ihre Trinkgewohnheiten berüchtigt. Marcus Rediker führte dafür verschiedene Gründe an: Ein guter Schluck war auf einem Schiff leichter zu bekommen als ein schmackhaftes Essen, schützte den Seemann gegen Kälte und Nässe und ließ ihn für eine Weile das beschwerliche Bordleben vergessen. Überdies hatte das Trinken eine wichtige soziale Funktion.23 Seeleute tranken zusammen, um sich zu entspannen, zu feiern, zu schwatzen und einander besser kennenzulernen. Bei den Mahlzeiten tranken sie auf ihre Frauen und Geliebten, auf den König, auf eine erfolgreiche Fahrt. Die Piraten waren despektierlicher und brachten Toasts auf den Teufel oder den britischen Thronprätendenten aus. Edward North, der 1718 Charles Vane in die Hände fiel, sagte, daß unter den Piraten »Ausdrücke wie ›Zum Teufel mit dem König und allen höheren Mächten!‹ und ›Zur Hölle mit dem Gouverneur!‹ allgemein üblich waren, und beim Trinken rief man: ›Der Teufel hole König George.«‹ - Nach: David Cordingly, Unter schwarzer Flagge. Legende und Wirklichkeit des Piratenlebens. München 2001 (dtv 30817, zuerst 1995)

Trunkenheit (6) Mittlerweile dröhnte das ganze Ufer von dem Trompeten der Ochsenfrösche, den Geistern hartgesottener alter Weintrinker und Schlemmer, die noch immer ohne Reue in ihrem stygischen See einen Kanon zu singen versuchen. Die Waldnymphe möge mir den Vergleich verzeihen, denn wenn auch fast keine Wasserpflanzen hier wachsen, so sind doch Frösche da. — Gerne möchten sie ihre heiteren Bräuche beim festlichen Mahle aufrechterhalten, obgleich ihre Stimmen rauh und feierlich tief geworden sind - eine Ironie auf ihre Lustigkeit -, der Wein seine Blume verloren hat und nur noch eine Flüssigkeit ist, die ihren Wanst auftreibt, und der holde Rausch, der die Erinnerung an die Vergangenheit auslöscht, nie mehr kommt, sondern statt seiner nur Übersättigung und Volle. Der Senior, mit dem Kinn auf einem Herzblatt, das seinem schlabbrigen Maul als Serviette dient, tut einen tiefen Zug des einst verschmähten Wassers und gibt den Becher weiter mit dem Rufe: »Tr-r-runk, Tr-r-runk!«, und sofort kommt über das Wasser aus einer fernen Bucht die gleiche Losung herüber, wo der nächste an Alter und Umfang bis zu seinem Strich hinunter trinkt; und wenn diese Zeremonie ihre Runde am Ufer gemacht hat, dann ruft der Zeremonienmeister voll Befriedigung: »Tr-r-runk!«, und jeder wiederholt es der Reihe nach bis hinunter zum aufgeschwollensten, schlotterigsten Dickwanst, damit nur ja die Regel nicht verletzt wird. Der Becher kreist fort in der Runde, bis die Sonne den Morgennebel zerstreut; da verschwinden die Schlemmer; nur der Patriarch ist noch nicht unter dem Wasser, sondern heult von Zeit zu Zeit sein »Tr-r-runk« und wartet vergebens auf Antwort. - Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich 1979 (zuerst 1854)

Trunkenheit (7) Greuel der Trunkenheit nach Hogarth.

»Wo heulet man? wo schreyet man? wo ist Gezanke? wo ist Klage? wo Wunden und rothe Augen? Bey denen, die sich bey dem Wein aufhalten, und kommen dem, was eingeschenkt ist, nachzufragen. Beschau den Wein nicht, wie er roth sey, und seine Farbe in dem Becher spiele: Er gehet "wohl glatt hinein; aber sein Letztes wird beißen, wie eine Schlange, und stechen, wie ein Basilisk. Alsdann werden deine Augen nach fremden Weibern sehen, und dein Herz wird verkehrte Dinge reden; und du wirst seyn, als wenn du mitten auf dem Meere schliefest, und oben auf dem Mastbaum lägest.«

Roußeau führt seinen Aemil, - und der vorige König in Preußen seinen Kronprinzen in ein Siechenhaus, um durch die sichtbaren Folgen der Unzucht vor Unzucht zu warnen - Ein Staat, wo man alle Jahre einmal die vertrunkenen Mißgestalten von Menschen in Proceßion mit einem Gemälde nach Hogarth, wie das nachstehende ist, herumführte - sollte dieß nicht mehr als alle Predigten gegen die Trunkenheit wirken?

Nichts verunstaltet den Menschen so sehr, als das Laster! Feste, donnernde Wahrheit! Nichts verschönert den Menschen so sehr, als die Tugend! Feste, herrliche Wahrheit! - Der Hauptinnhalt, die Seele meines Werks! wenn dieß nicht empfunden wird, diese Empfindung nichts wirkt, so wünscht' ich, keine physiognomische Zeile geschrieben zu haben.

Siehe das Blatt an - und laß deiner Empfindung den Lauf! - wie tief sinkt der Mensch unter die Menschen, der ein Held ist, Wein zu saufen! wie erniedrigt er sich zum Thoren! zum Bösewicht, zum Hunde! wie schief, wie ekelhaft, wie lächerlich und abscheulich, wie leichtsinnig und frech! wie rasend und ohnmächtig wird er zugleich! welche allgemeine Erschlaffung und Nervenlosigkeit! welcher seichte Spott und Schwindelgeist! welche allgenugsame Leerheit bemächtiget sich seiner! - welche Hölle von Gesellschaft erblickst du hier - Siehe! empfind! urtheile! -wie, wie könnten solche Gestalten Bürger des Reichs Gottes seyn! - wie unerträglich müßten sie einem Menschen, wie unerträglich ihnen ein Mensch seyn, der auch nur wie der Wernersche Christus in der Vignette eines vorgehenden Blattes aussähe!

Wie hat der fette Tabaksschmaucher oben an der Tafel alle seinen Geist in Fleisch verwandelt! welches Sattseyn ohne Genuß! welch unbewegliche Trägheit! und der, der neben ihm das Glas in die Höhe hält - wie erniedrigt ihn kleingeistiger Spott! Tolles Geschrey! Bosheit ohne Kraft! Und der sich mit der Tabakspfeife anlehnt, in welcher stierigen gedankenlosen Genügsamkeit! Er schaut hin, ohne was zu sehen! Er horcht, ohne zu hören! - Wie niedrig der neben und unter ihm mit der schiefen Parucke, mit dem schiefen liebäugelnden Gesichte! und der neben diesem mit der Pfeife in der einen, mit der andern Hand auf sich deutend, mit dem eingekerbten Kinn, dem etwas über sich schauenden Auge, unvermögend, einen Menschen zu intereßiren, oder etwas hervorzubringen - überhaupt, in allen diesen schändlichen Gesichtern die Zerstreuung, die Nichttheilnehmung, die Atonie, die der Ueppigkeit eigen ist -

Die Vignette dieses Blattes ist ein Porträt eines durch Brandtewein entnervten gichtischen unbekannten Menschen, der in einem Hospitale vermuthlich sich selbst und der menschlichen Gesellschaft zur Last war. Ich hätte gewünscht, daß der Zeichner ihn nicht verschönert hätte, welches ich wenigstens aus dem Auge zu vermuthen Ursach habe! der Mann muß sonst gewiß nicht der schlechteste in seinen Anlagen gewesen seyn! - und wenn er nicht Verstand im Handeln gezeigt hat, so hat er doch sicherlich in die Classe derer gehört, die Talente hatten, die sie sehr gut hätten nutzen können. - (lav)

Trunkenheit (8)  Mein Kopf fühlte sich an wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Mir war schlecht. Kotz und schlaf, Nestor! Den ersten Programmpunkt erledigte ich sofort, neben dem ehemaligen Frauengefängnis. Dann schwankte ich zu meiner neuen Bleibe in der Rue des Petits-Hötels, um den zweiten zu erledigen. Kein Flic in der Hotelhalle. Auch im Zimmer wartete keiner auf mich. Ich zog mich aus und legte mich hin. Sofort sprang ich wieder auf und entwischte so der Zimmerdecke, die auf mich zukam, und dem Bett, das gerade Kap Hörn bei hoher See umsegelte. Wenn ich stand oder saß, ging es einigermaßen. Liegen war unmöglich. Ich hatte ganz schön einen in der Krone. In der Toilette schüttete ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. In meinem armen Magen war noch ein Rest Galle. Ich ebnete ihr den Weg in die Kanalisation.   - Léo Malet, Wie steht mit Tod?  Reinbek bei Hamburg 1985
 
Ernährungsverhalten Trinken Rausch
Oberbegriffe

zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 

Unterbegriffe

 

 

VB
Synonyme