anzen   Alle Indianer müssen tanzen, überall - dürfen nicht aufhören zu tanzen. Bald, im nächsten Frühling, kommt Großer Geist. Er bringt zurück alles Wild. Überall wird viel Wild sein. Alle toten Indianer kommen zurück und leben wieder. Sie werden alle stark sein wie junge Männer, sie werden wieder jung sein. Alter blinder Indianer sieht wieder und wird jung und freut sich des Lebens.

Wenn Großer Geist zurückkommt, gehen alle Indianer hoch hinauf in die Berge, fort von den Weißen. Dann können Weiße Indianern nichts tun. Wenn Indianer hoch oben sind, kommt große Flut, und alle Weißen ertrinken und sterben. Dann geht Wasser weg und überall nur noch Indianer und mächtig viel Wild. Dann wird Medizinmann Indianern sagen, sie sollen alle weitertanzen, und gute Zeit wird kommen.

Indianer, die nicht tanzen, die nicht daran glauben, werden klein werden, etwa einen Fuß groß, und so bleiben. Einige von ihnen werden in Holz verwandelt und im Feuer verbrannt. - Wovoka, Messias der Paiute

Tanzen (2) Tanzen, selbstkreiseln, lustdrehen. Der Tanz ist die richtig ausgedachte Selbstbeschwindelung, die menschenkindische Nachahmung der erdmütterlichen Kreiselbewegung. Deshalb ist der Walzer menschliche Erdenlust, der Fuchstrab (Foxtrott) aber ein Unmenschengetrampel (s. Schwindel, Lebenslüste). - (se)

Tanzen (3)  Es sind etlich, die gehen darum zum Tanz, damit sie andere zur Geilheit und Mutwillen anreizen. Da fanget man an und wird einander hold, da schwätzet Lieb und Leid miteinander, wo sie sonst nicht zusammen können kommen, da drücken sie einander die Händ, geben einander Buhlbriefe, darin Greten und Hansen Anliegen steht, und in Summa, es wird Alles bei dem Tanz ausgericht. Denn wo das Gretle und der Vetter Wandele sonst nicht können zusammenkommen, geschieht es gänzlich bei dem Tanz.

Darnach sein etlich, die gehen zwar nicht aus solchem gar bösen Vorsatz zum Tanz, gleichwie die erstgemeldeten, jedoch tanzen sie allein darum, damit sie mögen mit Greifen, Sehen und Schwätzen ihr Gemüt belustigen und ergötzen. Solche sündigen eben so schwer als die andern. - Geiler von Kaisersberg, nach (kal)

Tanzen (4) Die großen schwarzen Augen, in denen es unvermutet weiß aufblitzen konnte, funkelten wie die Sonne zwischen zwei trübsinnigen Grenzstreifen. Mit derselben unergründlichen Ruhe beobachtete sie die Affchen, die Affchen der Schauspieltruppe, der Schauspieltruppe mit sechs Aguglias auf dem Programm; der Truppe, die durch die Bank verheiratet war und alle Aussichten hatte, zu einer »Hippodrome«-Schau zu werden, wenn die Vermehrung im gegenwärtigen Tempo weitereine.

In einer Viertelstunde war sie als Salomé dran, und trotzdem raffte sie Händevoll, Armevoll Äffchen an sich und schrie auf Italienisch auf sie ein und sprach von den guten Spaghetti.

Dann stand sie vor dem Publikum, erbebte in feinen, kleinen Schaudern, elementaren Empfindungen und paillettenbesetztem Netzstoff.

Langsam, auf sich schlangelnden Füßen, kam sie näher, nunmehr braun und paillettenbesetzt, blau im blauen Licht des Königshofes, und schwankte verheißungsvoll.

Sie fand die Balance auf dem Brunnenrand wieder und botJochanaan ihre Seele in allen Schattierungen dar, in denen eine heldenhaft tragische Frau eine darbieten kann, und wurde verschmäht.

Mit jedem Staccatoschrei, mit jedem rasch vollendeten Crescendo des Unglücks, mit jedem Zurückwerfen des Kopfes und jeder verstörten Pose, mit jedem stürzenden Schritt und den Spasmen ihres Tanzens gewann sie ihren Stolz zurück. Dies war die Epik wogender Spaghetti, der Aufruhr tragisch bewegten Chiffons, klamm abweisender Füße. Der zurückgeworfene Kopf, das Verführerische und der Hohn und die Verachtung und das Verlangen leuchtend roter Lippen. Und dann der Kampf auf der Matte.

Viel war nicht übrig von Jochanaan, über dem sich gurgeln ließ, nur die wirre Haarmatte, die ihre Finger irre machte und zu fahrigen Schüttelbewegungen, plötzlichen Zuckungen und Erstarrungen der gierigen Handfläche trieb. Dann der Schrei und die Anspannung des bereits angespannten Körpers, der mit Kopf und Armen und seiner Leidenschaft auf dem Tablett zur Ruhe kam. Der absolute Höhepunkt der Ausdruckskunst Mimi Aguglias.

Stille, während sie so daliegt, eine Gestalt vor einem Haupt, und die Widerstandslosigkeit widerstehender Lippen betrachtet, und dann der sofort ausgeführte Befehl, als zwanzig Arme über ihrer zerbrechlichen Allmacht niedergehen. Der gestürzte Sieg, der Todesschrei ist bereits erfolgt, der von wilder Weiblichkeit aufgerührte Äther, und zwei ausgestreckte gierige Hände, die jäh vorspringende, starre Kiefer abtasten. Das Ende der irrenden Blicke, das weiche Geräusch eines Frauenkörpers, der auf das Unausweichliche eindrischt und - zurück geht's zu den Äffchen. - Djuna Barnes, Portraits. Berlin 1986 (zuerst 1985, orig. 1913 ff)

Tanzen (5)  Einen Tag, eine Nacht tanzte der Medizinhäuptling Nanderikini. Ich bin alt, ich muß mehr arbeiten als ihr alle. Sie halfen ihm beim Tanz. Er machte hohe Sprünge. Es gelang ihm. Er fühlte seinen Körper nicht mehr. Man rief ihn, er hörte ihre Worte nicht. Sein Körper war ohne Gewicht. Er gab sich einen Schwung. Er blickte zurück. Die Tanzhütte schwankte um ihn, die Decke der Hütte wogte und öffnete sich, die Pfosten lösten sich aus dem Sand. Er mußte treten und immer treten und stampfen und immer stampfen, und sich drehen und werfen und springen, denn wenn er nicht trat und nicht mit den Füßen stieß, stürzte er in die Tiefe zurück. Aber Nanderikini der Alte war schon im Fliegen, er hob sich mit der Tanzhütte in die Luft, er schwebte und flog. Die Erde lag unter ihm, das Meer hob sich. Er überschritt die Schwelle des Himmels und hielt bei der Hütte der Nandecy, der Großen Mutter. Es war das Land ohne Sterben und ohne Leid, der Himmel des ewigen Glücks und des Überflusses, wo Mais und Maniok von selber wuchsen und der Honig von den Bäumen rann.  - Alfred Döblin, Amazonas. Romantrilogie. München 1991 (dtv, zuerst 1937)

Tanzen (6) »Gut. Nun beginnt der Tanz — der Jagdtanz Kaas! Sitzt stille! Seht her!« Er glitt zwei- oder dreimal in großem Kreise umher und schwang tänzelnd im Takte den Kopf zur Rechten und zur Linken, als höre er eine geheimnisvolle Musik. Dann begann er mit seinem Körper Schleifen und Achterfiguren zu bilden, große Knäuel und Knoten, die lebten und unentwirrbar schienen, bis sie geräuschlos im Augenblicke auseinanderschlüpften - gleitende, gebogene Dreiecke, die sich in Vierecke, Kreise und Arabesken verwandelten; und während der glatte, buntscheckige Körper plötzlich in die Erde zu verschwinden und dann wieder ringelnd zum Himmel aufzuragen schien - immer raschelnd, raschelnd, raschelnd -, tönte Kaas leiser, zischender Zaubergesang.

Baloo und Bagheera standen wie zu Stein erstarrt - in ihren Kehlen rasselte mühsam der Atem, ihr Nackenfell sträubte sich, während Mowgli voll Staunen und Grauen zusah.

Es wurde dunkler und dunkler. Die wirren Figuren schwanden in der Nacht, aber man konnte das Rascheln der schlürfenden Schuppen deutlich vernehmen.

»Bandar-log«, sang die Stimme Kaas, »könnt ihr Hand oder Fuß noch regen wider meinen Willen? Sprecht!«

»Wider deinen Willen kann keiner von uns regen Hand oder Fuß, o Kaa«, hauchten die Affen.

»Gut. Kommt alle einen Schritt näher zu mir!«

Die Reihen der Affen schwankten hilflos nach vorn - auch Baloo und Bagheera folgten mechanisch dem Befehle der Schlange.

»Näher!« zischte Kaa; wieder schwankten sie einen Schritt vor.

Mowgli legte die Hände auf Baloo und Bagheera, um sie dem Zauber der Schlange zu entreißen; und die beiden gewaltigen Tiere schreckten zusammen, wie aus einem Traum erwacht. »Halte deine Hand fest auf meiner Schulter«, keuchte Bagheera. »Laß mich nicht los - oder ich muß hin zu Kaa - muß hin zu Kaa. Ah!«

»Was hast du? Es ist ja nur der närrische Kaa, der im Staube seine Kreise schlägt«, sagte Mowgli. »Aber wir wollen fort von hier.« Und die drei stahlen sich durch eine Öffnung der Mauer und trabten fort in die Dschungel.

»Wuff!« ächzte Baloo, als er wieder unter den stillen Bäumen stand. »Nie mehr in meinem ganzen Leben verbünde ich mich mit Kaa.« Und er schüttelte sich am ganzen Körper.

»Er weiß mehr als wir«, sagte auch Bagheera zitternd. »Wäre ich geblieben — nur noch ein paar Minuten —, so hätte ich selbst den Weg in seinen Schlund angetreten.«  - Rudyard Kipling, Das Dschungelbuch, nach (ki)

Tanzen (7) So saß ich denn an einem schönen, schattigen orte im garten, wurde, weiß der Dschinghis Chan, sonderlich edel tituliert & tractiert, und war recht bald mit dem alten Baccho auf du und du. Es daurete auch keine lange zeit, da kamen artige mägdlein wie aus cupffer & oel, sowie bursche mit tyrolerhüten, aber ohne federn, ein guter jongleur war dabei, der spielte zur lauten, war fast so fertig wie ich selber beim hackprettieren, und ein mohrentantz zeigte dem andren ein schönes bein ..

Ich, der ich nur allemaignes, zwifache und pohlnische sablschertze täntzerisch zu executieren verstunde, beließ es für diesen abend mit dem zuschauen, quamquam ich gar zu gern hätt mitgetan, könnt aber nicht sein. Als es nach vielen bechern mitternacht schlüge, erschien ein mauseköpfiger caplan (oder capaun) von ohngefähr im mondenscheine, um mit lächerlichen grimassen und gottslästerlich auffällig die copulierten zeiger seiner zeitmaschine zu betrachten. Mit ihm erschiene auch mein treuer bär, meldend, daß die instrumenta noch nicht entführet seien, weder von heckenreuttern, steckenreuttern, noch irgendwelchen andren reuttern und equilibristen. Draufhin spendierte ich ihm ein glas vom roten, hätt es lieber sollen lassen bleiben, aber weme der wein in den kopf steiget, dem dauren die nüchternen sonderlich; also ich ein weiches herze hab, ein gebohrner teutscher bin, die uhr nicht im hörlabyrinth mittrage &c. &c. &c., ich schaffte ihm sogar noch eine neue flasche an ..  - H.C.Artmann, Der aeronautische Sindtbart oder Seltsame Luftreise von Niedercalifornien nach Crain. Ein fragment von dem Autore selbst aus dem yukatekischen anno 1958 ins teutsche gebracht sowie edirt & annotirt durch Klaus Reichert. München 1975 (dtv 1067, zuerst 1958)

Tanzen (8) Man glättete einen aufgeworfenen Erdhaufen auf der Höhe des Frauenhügels, indem man rasch mit Brettern auf den Boden schlug, lud einen jungen Eunuchen und eine großäugige schlanke Kurtisane ein, zu tanzen. Dann trat zuerst der junge Eunuch auf den Platz, allen im Mikanthusfeld und auf dem Abhang des Männerhügels sichtbar, mit den Gliedern einer Gazelle, aus stolzen schwärmerischen Augen um sich blickend. Er trug einen gewöhnlichen losen Kittel und lockere Hosen von schwarzer Farbe; jeder wußte, daß er eine große Kleiderkiste aus Pe-king nahm, als er zu Ma-noh floh. In seinem schwarzen lockeren Anzug, den Zopf im Knoten aufgebunden und nun die leichten Arme angehoben, tanzte er.

Er ging, zappelnd im Kniegelenk, auf und ab, knixte langsam ein, bis er auf seinen Hacken saß, zog sich ruckweise hoch und schlug die Arme, mit den Handflächen nach außen, dichter und dichter über dem Kopf zusammen. Dann stand er still, drehte das Gesicht zur Seite, so daß man sein strahlendes Lächeln sah, und fing an, ein Bein vor das andere gestellt, sonderbare Bewegungen mit Rumpf und Armen auszufuhren. Er beugte sich weit nach rechts, legte die Arme vor die Brust zusammen, beugte sich weit nach links, führte den Rumpf im Kreis herum; löste nun, den Rumpf festgestellt, die Arme, ließ sie seidicknattern, ringeln, haschen. Er schwang die Arme scharf herum, und wieder flatterten sie sanft, ringelten, haschten. Nun stellte sich rasch ein kiemer Fuß vor den andern, trippelte auf der Stelle, dabei flogen die Arme nach einer Seite, und bis in die gestreckten Finger hinein folgte die Bewegung; es sah aus, als wäre der Körper gebannt und suchte vergeblich, den Händen, Fingern nachzulaufen. Die Bewegung der Füßchen wurde immer wilder, zuckend, springend, bis es dem Tänzer gelang, sich in einem großen Satz nach rechts, in einem großen Satz nach links vom Fleck zu lösen, und bis er in glücklicher Raserei hoch- und niederhüpfte, seitlich ganz auf den Boden umsinkend, und sich in einem Tremolieren wieder zurückzwang auf den Fleck. Schon glitt die großäugige Kurtisane neben ihn, die niedrige runde Stirn frei, die schwarzen Haare im Chignon der dreizehn Windungen aufgebunden, ein fettes wohlmodelliertes Gesicht; ein hemdartiger langer Kittel von hellgrauer Farbe über der kleinen Figur; aus den violetten Beinkleidern quollen an den Knöcheln weiße Spitzen hervor. Den grasgrünen Gürtel hielt sie in der linken Hand. Sie fing mit kurzen Kopfbewegungen nach beiden Seiten an, dann kam ein Nicken, Heben, behaglich langsames Kreiseln des Kopfes. Als das Rucken wieder losging, traten die Hände in Tätigkeit, die schlaff an angepreßten Armen hingen, sie klappten vor den violetten Beinen erst unmerklich, dann heftiger auf und ab, rissen die Unterarme hoch. Beide Arme ausgestreckt; unter wirbelnden Handdrehungen zuckte sie schroff seitlich mit den Hüften; und die Bewegung übertrug sich abwärts in die Beine. Erst wurden sie von dem Hüftenschwung mitgezogen, dann schwangen sie, angesteckt, gereizt, enthusiasmiert, mit ihrer Zuckung mit nach rechts, nach links und traten, schlenkerten, zitterten in eigener Weise. Die starken Oberschenkel preßten sich zusammen; die Unterschenkel rührten sich umeinander, schnellten in den Knien auseinander, klappten zusammen. So sprang das Mädchen, den Gürtel auf beiden Armen balancierend, um den abgegrenzten Platz und den jungen Eunuchen herum, der sie in einem unübersehbaren Rhythmus mit Kopf- und Handbewegungen begleitete. Sie tanzten beide umeinander, nebeneinander. Der Eunuch sank auf die Erde und schob, die Arme im Rhythmus hochgeschleudert, langsam und gewaltsam seinen zarten Körper aus dem Boden auf; die Kurtisane stand steif über ihm, die Arme quer vor die Stirn gelegt. Als er zum letzten Wurf die Arme schwang, stürzte sie auf ihre Fersen nieder, und nun lockte er, mit den gespreizten Fingern ihren begegnend von oben, sie hoch. Als wenn sie Fische wären, schwammen sie mit ausgebreiteten Armen, geraden Fingern gegeneinander. - Alfred Döblin, Die drei Sprünge des Wang-lun. München 1970 (zuerst 1915)

Tanzen (9) Auf jeden Fall werden die Engel auch Töne hervorbringen und vernehmen können, gleich uns, oder vielmehr besser als wir. Einen Vorzug, den sie in dieser Hinsicht vor uns haben, will ich doch erwähnen. Tanz und Musik sind Schwestern, die ursprünglich aus einem Keime entsprossen scheinen. Wollen wir tanzen, so müssen wir uns aber erst fremde Musik dazu machen, die oft dem Tanze nicht entsprechend ist. Nicht so bei den Engeln. Bei ihnen ist Musik und Tanz eins, so daß der Tanz seine Musik von selbst mit sich bringt. Nämlich es verhält sich bei ihnen wie bei den kleinsten Körperteilchen. Wenn Körper tönen, so besteht der Ton nur in einem raschen Schwingen ihrer Atome, einem Tanze derselben; und indem mehrere derselben zusammen so tanzen, stellen sie ordentliche Touren in den Klangfiguren dar.

Die Geschwindigkeit der Planeten ist ungeheuer und nimmt noch mit Sonnennähe zu. Wenn daher die lebendigen Planeten sich rasch um die Sonne oder auch umeinander drehen, so muß von selbst ein Ton dabei entstehen, und dieser Ton muß der Bewegung entsprechend sein. Wenn also Engel tanzen, so komponiert sich das Musikstück von selbst dazu; sie tanzen dessen Klangfiguren.

Dies ist die wahre Harmonie der Sphären, der wunderschönen Augen, der Engel.  - Gustav Theodor Fechner, Vergleichende Anatomie der Engel. Frankfurt am Main 1985 (Polaris 9. Ein Science Fiction Almanach. Hg. Franz Rottensteiner. st 1168. - Zuerst 1825)

Tanzen (10) 

Erdgeist

Greife wacker nach der Sünde;
Aus der Sünde wächst Genuß.
Ach, du gleichest einem Kinde,
Dem man alles zeigen muß.

Meide nicht die ird'schen Schätze:
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat die Welt doch nur Gesetze,
Daß man sie mit Füßen tritt.

Glücklich, wer geschickt und heiter
Über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

 - Frank Wedekind

Tanzen (11) Die Fliegen, diese Tänzerinnen, sind mir ähnlich. Doch sie sind nicht einsam, sie schwirren in der Luft, wenn der Frühling verblüht und vergeht. Sie kommen zu viert, und manchmal zu fünft, um in der Luft zu schweben. Sie bilden ein Rechteck, in jeder Ecke eine Fliege, und die fünfte, wenn sie da ist, in der Mitte. Und sie schweben dann, stundenlang, kommen einander näher und fliehen einander, immer zu zweit, in der Diagonalen. Sie tanzen lange, leicht und wollüstig. Und wenn sie schließlich ermattet sind, fliegen sie zur Fäulnis. Nach dem Flug der verliebten Libelle ist dies hier der Tanz der Fliegen. Die Fliegen sind höllisch wie die Wasserjungfer. Nach ihrem Tanz suchen sie verfaulte Speise und wünschen den Tod für alles, was verwesen kann. Der Tanz der Fliegen ist ein Totentanz für jedweden Tod, auch für ihren eigenen, denn die Spinne spannt ihre Netze zwischen Stamm und Zweig, und ein Sonnenstrahl spielt auf den gesponnenen Fäden, und vielleicht schwingen die gesponnenen Fäden verlockend im Wind. - (apol)

Tanzen (12)  Während der Urwald ein Jahrtausend lang die rauhen, abstrakten, symbolischen, gesichtslosen Tempel des Hinayana-Buddhismus und die magischen Tempel des Mahayana-Buddhismus verbarg, geschah in Ellora das Wunder einer Metamorphose, der Urwald und der Fels - der Tamarindenbaum und der heilige Berg - wirkten zusammen und wurden zu einer Reihe hemmungsloser, wilder, tanzender Tempel, zu einem Tosen herzzerreißender und hieratischer Formen, eine uralte Welt wiedergefunden im Lachen eines Traums: etwas Schreckliches und Ungeheures. Wie ich lese, errieten die Thugs, die heiligen Mörder der Göttin Kali, aus den Windungen der Tempel von Ellora die Regeln für die Auswahl der Opfer, die Zeit und die Art des Menschenopfers. In Ellora tanzt und vermählt sich Shiva, köpft Vishnu den ungläubigen König, erschüttert der vielgestaltige Dämon Ravana den Thron Shivas und Parvatis durch ein gewaltiges Erdbeben, sind die Mütter zugleich die Grazien, ist Shivas Gemahlin zugleich Kali, die zerstörerische und erbarmungsreiche, die Töterin und die Wohltäterin. Ich rüttle mich wach, entwinde mich aus diesen wild wuchernden, zu Stein gewordenen Träumen. Ob es erlaubt und fromm ist, zu erwachen, weiß ich aber nicht.  - Giorgio Manganelli, Das indische Experiment. Berlin 2004 (zuerst 1992)

Tanzen (13)  Wir müssen uns jetzt etwas mit unsern alten Witwen befassen, die keine sechs Zähne mehr im Maul haben und sich wieder verheiraten. Es ist noch nicht lange her, als eine Dame, Witwe dreier Gatten, in Guyenne als vierten einen Edelmann heiratete, der dort einen ziemlichen Rang einnahm, da stand sie im Alter von achtzig Jahren. Ich weiß nicht, warum sie es tat, denn sie war sehr reich und hatte eine Menge Taler, derentwegen der Edelmann wohl hinter ihr her war, war es nicht deswegen, weil sie sich wieder hingeben und noch einmal auf ihren Lorbeeren tanzen wollte, wie Fräulein Sevin, die Possenreißerin der Königin von Navarra, sagte. - (brant)

Tanzen (14)   Am andern Tag hatte ich Leibschmerzen und konnte weder stehen noch gehen. Kein Kind - was Sie denken. Blinddarmentzündung.

Nachher bin ich operiert worden. Spät. Nach zehn Tagen. Es war noch ein anderes Mädchen da. Wer zuerst drankam. Ich wollte nicht. Dann haben sie mich aber doch nackt auf den Tisch gelegt und ich fing an zu zählen. Ich dachte, ich könnte sterben, aber dann schlief ich schon ein. Wie ich aufwachte ... Ach mir war so schlecht.

Wir lagen zu dritt im Zimmer, aber nachts haben wir getanzt. Keine Lüge.

Am Morgen haben wir den Arzt gefragt, ob wir aufstehen dürften.

»Nee!« Nachts haben wir aber wieder getanzt. Jede Nacht trugen sie Tote über den Gang - das roch; und manchmal hörte man schreien, dann rasselte irgendwo einer gräßlich, bis es still war; dann heulte jemand; Leute liefen über'n Gang, bis es ruhig war. Manchmal wachten wir auf, und dann waren sie wieder auf dem Gang. - Kurt Kersten, Worte eines Dienstmädchens. In: Die Berliner Moderne 1885 - 1914. Hg. Jürgen Schutte und Peter Sprengel. Stuttgart 1987 (Reclams UB 8359)

Tanzen (15)   Pauli stellte die These auf, auf der Quantenebene befinde sich die gesamte Natur in einem abstrakten Tanz. Außerdem könnten alle Elementarteilchen und Energiequanten in zwei Gruppen aufgeteilt werden, je nachdem, welche Art Tanz sie vollführen. Elektronen, Protonen, Neutronen und Neutrinos bilden, gemeinsam mit anderen Teilchen, die eine Gruppe; ihr Tanz ist asymmetrisch. Die andere Gruppe schließt Mesonen und Photonen ein; ihr Tanz ist symmetrisch. Es zeigt sich nun, daß im erstgenannten Fall der Charakter dieser abstrakten Bewegung, dieses Tanzes, sich so auswirkt, daß Teilchen, die die gleiche Energie besitzen, immer voneinander getrennt bleiben. Dieser Ausschluß von Teilchen aus dem Energieraum der anderen ist jedoch nicht das Resultat irgendeiner Kraft, die zwischen ihnen wirkt, und er ist tatsächlich nicht einmal ein Vorgang von Kausalität (im herkömmlichen Sinne) Vielmehr entsteht dieser Ausschluß aus der Symmetrie abstrakter Teilchenbewegung insgesamt, weshalb das grundlegende Muster des ganzen Tanzes eine tiefgreifende Auswirkung auf das Verhalten jedes einzelnen Teilchens hat.  - F. David Peat, Synchronizität. Die verborgene Ordnung. München 1992

Tanzen (16)   Auf dich! wer immer du bist, wo immer du bist! (Aber ich weiß, wo du bist!) Es gibt Dürers ›Nemesis‹, nackt auf ihrer Kugel über der kleinen Stadt am Fluß - außer daß sie zu alt ist. Es gibt eine tanzende Bürgerin von Tenier und Villons maitresse — nachdem er die Haare verloren hatte, pockennarbig und zahnlos geworden war: die, die ihn in die Gosse fallen ließ. Dann gibt es diese Müllerstochter mit ›feisten Hinterbacken und hohen Brüsten‹. Etwas von Nietzsche, etwas vom guten Samariter, etwas vom Teufel selbst - kann Sprünge machen auf eine Art, auf meine Art! He du, der Tanz! Hock dich. Spring auf. Hüften links. Kinn ~ ha! - zur Seite. Steh auf, steh auf, ma bonne! du brichst mir das Rückgrat. Noch einmal so! - und so weiter, bis wir von Schweiß durchtränkt sind.  - (kore)

Tanzen (17)   

(Aus Callots "Balli di Sfessania")

Sie. Drehe dich, drehe dich stärker, wirble rastlos fort, lustiger toller Tanz! - Ha, wie so blitzesschnell alles vorüberflieht! Keine Ruhe, kein Halt! - Mannigfache bunte Gestalten knistern auf wie sprühende Funken eines Feuerwerks und verschwinden in die schwarze Nacht hinein. - Die Lust jagt nach der Lust und kann sie nicht erfassen, und darin besteht ja eben wieder die Lust. - Nichts ist langweiliger, als, festgewurzelt in den Boden, jedem Blick, jedem Wort Rede stehen zu müssen! Möcht' deshalb keine Blume sein; viel lieber ein goldner Käfer, der dir um den Kopf schwirrt und sumset, daß du vor dem Getöse deinen eignen Verstand nicht zu vernehmen vermagst! Wo bleibt aber auch überhaupt der Verstand, wenn die Strudel wilder Lust ihn fortreißen? Bald zu schwer, zerreißt er die Fäden und versinkt in den Abgrund; bald zu leicht, fliegt er mit auf in den dunst'gen Himmelskreis. Es ist nicht möglich, im Tanz einen recht verständigen Verstand zu behaupten; darum wollen wir ihn Heber, solange unsere Touren, unsere Pas fortdauern, ganz aufgeben. -Und darum mag ich dir auch gar nicht Rede stehen, du schmuk-ker, flinker Geselle! - Sieh, wie dich umkreisend ich dir entschlüpfe in dem Augenblick, da du mich zu erhäschen, mich festzuhalten gedachtest! - Und nun! - und nun wieder! -

Er. Und doch! - nein, verfehlt! - Aber es kommt nur darauf an, daß man im Tanz das rechte Gleichgewicht zu beobachten, zu behalten versteht. - Darum ist es nötig, daß jeder Tänzer etwas zur Hand nehme, als Äquilibrierstange; und darum will ich mein breites Schwert ziehen und es in den Lüften schwenken. -So! - Was hältst du von diesem Sprunge, von dieser Stellung, bei der ich mein ganzes Ich dem Schwerpunkt meiner linken Fußspitze anvertraue? - Du nennst das närrischen Leichtsinn; aber das ist eben der Verstand, von dem du nichts hältst, unerachtet man ohne denselben nichts versteht, und auch das Äquilibrium, das zu manchen Dingen nütze! — Aber wie? - von bunten Bändern umflattert, wie ich, auf der linken Fußspitze schwebend, das Tamburin hoch emporgehoben, verlangst du, ich solle mich begeben alles Verstandes, alles Äquilibriums? - Ich werfe dir meinen Mantelzipfel zu, damit du geblendet, strauchelnd mir in die Arme fällst! - Doch nein, nein! - sowie ich dich erfaßte, wärst du ja nicht mehr - schwändest hin in nichts! Wer bist du denn, geheimnisvolles Wesen, das, aus Luft und Feuer geboren, der Erde angehört und verlockend hinausschaut aus dem Gewässer! - Du kannst mir nicht entfliehen. Doch - du willst hinab, ich wähne dich festzuhalten, da schwebst du auf in die Lüfte. Bist du wirklich der wackre Elementargeist, der das Leben entzündet zum Leben? - Bist du die Wehmut, das brünstige Verlangen, das Entzücken, die Himmelslust des Seins? - Aber immer dieselben Pas - dieselben Touren! Und doch, Schönste, bleibt ewig neu dein Tanz, und das ist gewiß das Wunderbarste an dir -

Das Tamburin, Wenn du, o Tänzer, mich so durcheinander klappern, klirren, klingen hörst, so meinst du entweder, ich wollte dir was weismachen mit allerlei dummem einfältigen Gewäsche, oder ich wäre ein tölpisch Ding, das Ton und Takt deiner Melodien nicht fassen könnte, und doch bin ich es allein, was dich in Ton und Takt hält. Darum horche - horche - horche auf mich!

Das Schwert. Du meinst, o Tänzerin, daß hölzern, dumpf und stumpf, takt- und tonlos, ich dir nichts nützen kann. Aber wisse, daß es nur meine Schwingungen sind, denen der Ton, der Takt deines Tanzes entschwebt. - Ich bin Schwert und Zither und darf die Luft verwunden mit Sang und Klang, Hieb und Stoß. -Und ich halte dich in Ton und Takt; darum horche - horche -horche auf mich! -

Sie. Wie immer hoher der Einklang unseres Tanzes steigt! - Ei, welche Schritte, welche Sprünge! - Stets gewagter - stets gewagter, und doch gelingt's, weil wir uns immer besser auf den Tanz verstehen!

Er. Ha! wie tausend funkelnde Feuerkreise uns umzingeln! Welche Lust! - Stattliches Feuerwerk, nimmer kannst du verpuffen; denn dein Material ist ewig, wie die Zeit. - Doch - halt - balt; ich brenne - ich falle ins Feuer. -

Tamburin und Schwert. Haltet euch fest - haltet euch fest an uns, Tänzer!

Sie und Er. Weh mir - Schwindel - Strudel - Wirbel - erfaßt uns - hinab! -

- - So lautete Wort für Wort der wunderliche Tanz, den Giglio Fava mit der Schönsten, die doch niemand anders sein konnte, als die Prinzessin Brambilla selbst, auf die anmutigste Weise durchtanzte, bis ihm in dem Taumel der jauchzenden Lust die Sinne schwinden wollten. Das geschah aber nicht; vielmehr war es dem Giglio, da Tamburin und Schwert nochmals ermahnten, sich festzuhalten, als sänke er der Schönsten in die Arme. Und auch dieses geschah nicht; wem er an der Brust lag, war keines-weges die Prinzessin, sondern der alte Celionati.  - E. T. A. Hoffmann, Prinzessin Brambilla

Tanzen (18)  Der Tanz ist die erste Kunst, nicht bloß auf der Erde, sondern überhaupt auf der Welt. Ist es doch, als wenn dem ganzen Universum bei der Schöpfung auf einem Oberonshorn wäre geblasen worden, so daß es sich drehen muß in ewigen Kreisen. - Gustav Theodor Fechner

Tanzen (19)  Rhythmische Bewegung führt oft zur Ekstase des Tanzes. Der Tanz zu einem regelmäßigem Takt konzentriert die Gefühle des Tänzers auf den Rhythmus. Ein stetiges Bum-bum-bum hat so wenig wie das Ticken der Uhr eine ausgezeichnete Zeitrichtung; die Welt des Taktschlags ist eozeitlich; der Tänzer bemerkt die Abwesenheit der zeitlichen Richtung. Gewöhnlich leben wir in ständiger Spannung, die durch unsere Wahrnehmung der Vergänglichkeit und ein bewußtes oder latentes Bild der Ewigkeit verursacht wird. In der Ekstase des Tanzes verschwimmt die Identität des Tänzers, wenn er mit einem anderen Menschen, der Welt der Sterne und mit der ganzen Menschheit verschmilzt und sich in einem Traumland wähnt. Es ist eine Rückkehr in die Kindheit, in der die Zeit unendlich schien und es nur die Gegenwart gab. Die alte Hymne der Shaker beschreibt das gut.

Come life,
Shaker life,
Come life eternal;
Shake, shake out of me
All that is carnal.2

Die Shaker glaubten, in der Ekstase des Tanzes die Zukunft vorhersagen zu können. Diese Überzeugung spiegelt ein starkes Gefühl, für das die Gültig- oder Ungültigkeit einer Prophezeiung eigentlich unwesentlich war; es war ihre Art der Beschreibung einer Welt, in der Zeit keine Richtung hat. Wenn Vorhersagen gemacht wurden, war die Gruppe sicherlich bereit, sie, wenn nötig, im nachhinein zu verändern, damit sie den Tatsachen entsprechen und dadurch den Tanz als gemeinschaftliche Handlung rechtfertigen konnten. Ich denke dabei nicht an absichtliche Fälschung, sondern an die bemerkenswerte Bereitschaft des Geistes, die Wirklichkeit seinen Bedürfnissen anzupassen.

2 Komm Leben, komm, Leben der Shaker,/ewiges Leben, komm; schüttele aus mir hinaus/alles, was fleischlich ist. Die Shaker (wörtlich „Schüttler") sind Angehörige einer im achtzehnten Jahrhundert nach Amerika übersiedelten Sekte, die Enthaltsamkeit und ein einfaches und strenges, auf die Endzeit gerichtetes Leben fordert. Zu ihrem Ritual gehört ein Tanz, bei dem sich der ganze Körper rhythmisch schüttelt.

- (zeit)

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