pinne  Von allen Insekten haben sie, neben den Wanzen, den meisten Verstand. Sie ruhen als Mittelpunkt selbstgeschaffener Kreise und verlassen sich auf den Zufall, der sie nährt. Alle Tiere jagen der Beute nach. Von der Spinne aber könnte man sagen, sie sei vernünftig, sie sei in dem Maß weise, daß sie das verzweifelte Jagen aller Lebewesen als nutzlos und nur das Warten als fruchtbar erkannt hat. - Joseph Roth, nach (schen)

Spinne (2)



- Tomi Ungerer, Der Sexmaniak. Zürich 1968 (Diogenes Tb. 6, zuerst 1964)

Spinne (3)

 

 Dieser ältere Herr aus Den Haag
trachtete immer danach,
Spinnen zu kauen,
der eklige Mensch aus Den Haag.

- (lea)

Spinne (4) Nachdem er sich  entschieden hatte, schlich er mit äußerster Vorsicht los. Hobbits verstehen sich besonders in Wäldern auf lautloses Pirschen, wie ich euch schon gesagt habe. Außerdem hatte Bilbo, ehe er aufbrach, den Ring an den Finger gesteckt. Und deshalb konnten die Spinnen ihn weder sehen noch kommen hören.

In aller Heimlichkeit hatte er schon ein Stück Wegs hinter sich gebracht, als er voraus einen dichten schwarzen Fleck ausmachte, pechschwarz selbst in diesem Wald noch, wie ein Streif Mitternacht, den der Tag nicht aufhellen konnte. Als er näher herankam, sah er, daß die Schwärze von Spinnweben herrührte, eine dicht hinter und über der anderen. Und plötzlich sah er auch die riesigen, schrecklichen Spinnen dort in den Zweigen über ihm hocken, und — Ring hin und Ring her — er zitterte vor Angst, daß sie ihn entdecken könnten. Hinter einem Baum stehend, beobachtete er eine Zeitlang eine Gruppe von Spinnen, und in der lautlosen Stille des Waldes entdeckte er, daß diese widerwärtigen Geschöpfe miteinander sprachen. Ihre Stimmen klangen wie ein Knirschen und Zischen, aber Bilbo konnte vieles, was sie sagten, aufschnappen. Sie sprachen über die Zwerge!

»Das war ein scharfer Kampf. Aber er war die Sache wert«, sagte eine. »Sie haben ohne Frage ein ekelhaft dickes Fell. Aber ich wette, es ist innen ein guter Saft drin.«

»Klar, die schmecken gut, wenn sie ein bißchen abgehangen sind«, bemerkte eine andere.

»Laßt sie nicht zu lange hängen«, fügte eine dritte hinzu. »Sie sind nicht so fett, wie sie sein sollten. Ich glaube, sie haben in letzter Zeit nicht gut genug zu fressen bekommen.«

»Tötet sie, sage ich euch«, zischte eine vierte, »tötet sie gleich und hängt sie danach noch eine Weile auf.«

»Die sind jetzt garantiert tot«, fing die erste wieder an.

»Das sind sie nicht. Ich sah den einen eben noch strampeln. Sie kommen gerade zu sich, würde ich sagen, nach einem wunderbaren Schlaf. Ich werde es euch zeigen.«

Damit rannte die fette Spinne ein Tau entlang, bis sie zu einem Dutzend Bündeln gelangte. Sie hingen in einer Reihe von einem hohen Ast herab. Bilbo war entsetzt als er sie so zum erstenmal im Dämmerschatten baumeln sah. Aus manchen Bündeln ragte ein Zwergenfuß heraus, oder hier und da kam eine Nasenspitze, ein Endchen Bart oder der Zipfel einer Kapuze zum Vorschein.

Die Spinne rannte zum dicksten Paket (ich wette, es ist der arme alte Bombur, dachte Bilbo) und zwickte fest in die herausragende Nase. Ein unterdrückter Schrei drang aus dem Bündel, ein Fuß zuckte und trat der Spinne hart in den Bauch — es war also noch Leben in Bombur! Der Tritt klang, als ob einer einen schlaffen Fußball getreten hätte, und die wütende Spinne fiel vom Zweig herab, konnte sich jedoch gerade noch rechtzeitig mit ihrem eigenen Faden fangen.

Die anderen lachten. »Du hast vollkommen recht! « riefen sie. »Das Fleisch lebt noch und keilt aus.«

»Dem werde ich gleich ein Ende machen«, zischte die Spinne und kletterte auf den Ast zurück. - J.R.R. Tolkien, Der kleine Hobbit. München 1974 (dtv 7151, zuerst 1937)

Spinne (5) Bis vor kurzem noch, so Harris, hätten Seidenraupenlarven und Zikaden, Baumwanzen, Schaben, Fliegenmaden, Riesenspinnen und Skorpione in weiten Teilen Asiens zur Alltagskost der Armen gezählt. Europäische Ethnologen, die die gebratenen und gekochten Wirbellosen bei Esserkundungen vor Ort getestet hatten, fanden laut Harris "nichts davon unangenehm", wenngleich der größte Teil der Tiere "fad, mit einem leichten Anklang an Gemüse" geschmeckt habe. Geröstete Spinnen etwa, so berichteten sie, seien außen knusprig gewesen, das weiche Innere dagegen habe die "Konsistenz eines (nicht sehr gelungenen) Soufflés" besessen. Termiten, Zikaden und Grillen hätten sie an Kopfsalat erinnert, eine bestimmte Riesenspinne an rohe Kartoffeln und die acht Zentimeter großen Riesenwasserwanzen an konzentrierten Gorgonzola. - paleofood.de

Spinne (6) Der Tierarzt Vegetius meint, wenn ein Lasttier eine Spinne verschluckt habe, schwelle sein ganzer Körper, vor allem aber der Kopf an. Ovids Erzählung von der Metamorphose der Spinne steckt voller Gefühle des Neides, der Beleidigung und der Aggression: Die Göttin Athene unterrichtete Arachne ('Spinne'), die Tochter eines Färbers, im Weben, und die Schülerin übertraf ihre Lehrmeisterin bald an Kunstfertigkeit. Als nun die junge Frau gar ein Gewebe mit Darstellungen aus dem Liebesleben der Götter fertigstellte, zerriß Athene das Kunstwerk und schlug damit auf Arachne ein, die sich aus Verzweiflung erhängen wollte. Athene bewahrte sie zwar am Leben, aber Arachne erhielt die Gestalt einer Spinne, die an einem Faden hängt und weiterwebt, einsam und allein, wohlgemerkt. Spinnen sind ausgesprochene Einzelgängerinnen; nur mit ihren Opfern pflegen sie Umgang: bissige Umgarnungen. - (schen)

Spinne (7) Manche mögen glauben, ich sei ein schweigsames Geschöpf, das fortwährend darauf sinnt, neue geometrische Strukturen zu erfinden oder komplizierte polygonale Probleme zu lösen, während meine heiteren Schwestern ihre silbernen Fäden in den Wind spinnen oder zuversichtlich im Mittelpunkt eines Universums warten, das sie eigenhändig zu gestalten wußten.

Ich halte mich indes nicht für schweigsam, und polygone Probleme beschäftigen mich ebensowenig wie unentdeckte geometrische Strukturen. Kurzum, ich glaube nicht, daß ich mich so sehr von meinen Schwestern unterscheide. Schließlich und endlich sind unsere Körper gleich: Tracheenatmung, Gangliensystem, röhrenförmiges Herz und zweifache Augenausrüstung, eine für den Tag und eine für die Nacht.

Die Sache ist jedoch die - und das erklärt alles -, daß ich mit vertauschten Augen zur Welt gekommen bin: während meine Schwestern am Tage zwischen Blumen lächeln, sehe ich dieselben Blumen mit Augen, die allein für die Dunkelheit und das Geheimnis geschaffen wurden. - (tom)

Spinne (8) Es war Sommer. Schon zog hie und da auf sanft bewegter Luft ein silbernes Fädchen dahin. Auf eins derselben ließ ich mich nieder, neben einer kleinen verschrumpften Spinne, die, kaum daß sie mich bemerkt hatte, sich auch schon gedrungen fühlte, mich mit der Geschichte ihres Lebens zu beglücken.

Einst, so fing sie an zu wehmüteln, vor zirka zweitausend Jahren, da sei sie eine ungewöhnlich reizende Walküre gewesen, hochsausend auf stolzem Roß und beliebt bei den Mannsleuten. Dann, als sie alt geworden, habe sich keiner mehr um sie bekümmert, außer der Teufel. So wäre sie zur Hexe geworden und war durch die Lüfte geritten auf dem Besenstiel, in böswilliger Absicht. Aber selbst der Teufel, nachdem sie ihren tausendsten Geburtstag gefeiert, sei ihr nicht treu geblieben. Da habe sie den Salbentopf hergekriegt und habe sich wirkungsvoll murmelnd in eine Spinne verwandelt und sich dann rückwärts dies Luftschiff verfertigt und segle mit gutem Winde all die Zeit her, und wenn die Leute riefen: Altweibersommer!, so sei ihr das schnuppe. Apa!  - Wilhelm Busch, Eduards Traum. In: Teufelsträume. Phantastische Geschichten des 19. Jahrhunderts. Hg. Horst Heidtmann. München 1983 (dtv weltliteratur 2118)

Spinne (9) Arachne, Tochter des Purpurfärbers Idmon von Colophon; weithin berühmt für ihre Webkunst. Fordert Pallas Athene, die jungfrauliche Göttin des Krieges, der Wissenschaften und Künste heraus: Ich, Arachne, webe schöner und kunstvoller als selbst die Göttin. Tatsächlich sind Arachnes Teppiche, auf denen sie die Liebesabenteuer der olympischen Götter darstellt, makellos, ja sie übertreffen die Gewebe Athenes. Zornig zerreißt Pallas die Webbilder Arachnes und schlägt sie mit dem Weberschiffchen. Arachne kränkt diese Demütigung so sehr, daß sie versucht, sich zu erhängen:

... mitleidig stützte Pallas die Hängende und sprach: »Bleib zwar am Leben, aber hänge, Vermessene! Und damit du dich für die Zukunft nicht in Sicherheit wiegst: Dieselbe Strafe soll als Gesetz für dein Geschlecht und für die späten Enkel gelten.«

Sie besprengte sie dann schon im Weggehen mit Säften von Hecates Kraut. Kaum hat das unheilvolle Zaubermittel ihr Haar berührt, ist es schon dahingeschwunden und mit ihm Nase und Ohren. Winzig wird der Kopf, und auch der ganze Körper ist geschrumpft; an ihren Seiten hangen dürre Finger statt der Beine; alles übrige beherrscht der Bauch; doch aus ihm entläßt sie einen Faden und übt ihre frühere Webkunst jetzt als Spinne aus . . . -  - Ovidisches Repertoire, in: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt. Frankfurt am Main 1988

Spinne (10)  Er ist der Napoleon des Verbrechens, Watson. Er ist der Organisator der Hälfte aller Schandtaten und fast sämtlicher unaufgedeckten Fälle in dieser großen Stadt. Er ist ein Genie, ein Philosoph, ein abstrakter Denker. Er hat ein vollendet funktionierendes Gehirn. Wie eine Spinne sitzt er reglos mitten im Netz, doch dieses Netz hat tausend Ausstrahlungen, und er kennt jedes kleinste Zittern ganz genau. Er selber tut wenig. Er plant nur. Aber seine Agenten sind zahlreich und phantastisch diszipliniert. Ist ein Verbrechen auszuführen, ein Dokument zu entwenden, wollen wir einmal sagen, ein Haus auszurauben, ein Mann zu erledigen — der Professor wird informiert, die Angelegenheit organisiert und ausgerührt. Den Täter erwischt man vielleicht. In diesem Fall findet sich das Geld für seine Kaution oder Verteidigung. Die zentrale Macht jedoch, die den Handlanger benutzt, wird nicht entdeckt.   - Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes' Untergang. In: A.C.D., Sherlock Holmes und der verschwundene Bräutigam. Berlin u.a. 1987 (Ullstein Tb. 20012, zuerst 1891)

Spinne (11)

Es ist eine riesige Spinne, die nicht vom Fleck kommt,
eine farblose Spinne: Ihr Körper, Kopf
und Hinterleib und sonst nichts, ist voll Blut.

Heute hab ich sie aus der Nähe betrachtet.
Wie hat sie gesucht, mit welcher Mühe
die zahllosen Beine nach allen Seiten gespreizt!
Und ich habe ihrer unsichtbaren Augen gedacht,
der verhängnisvollen Lotsen der Spinne.

Es ist eine Spinne, zitternd
festgekrallt auf dem Grat eines Steins,
den Hinterleib auf der einen,
auf der andern Seite den Kopf.

Soviel Beine! Und doch hängt sie elend,
benommen im Augenblick der Gefahr,
im Ungewissen. Wie hat mich
der Anblick dieser Wegfahrerin heimgesucht!

Es ist eine riesige Spinne, ihr Hinterleib
ist ihr im Weg, sie kann ihrem Kopf nicht folgen.

Und ich habe ihrer Augen gedacht,
der Vielzahl ihrer hilflosen Beine .. .
wie hat sie mich heimgesucht, diese Wegfahrerin!

  - César Vallejo, nach (mus)

Spinne (12)   

sogar im dunkeln konnte das blonde mädchen die
beine der flauschigen spinnen über die wände
kriechen hören, sie konnte den sanften flauschigen plumps!
hören wenn sie von der     decke     auf     den     boden     fielen.    
        das blonde mädchen saß auf dem    rand
ihres bettes. sie horchte, atmend, sie konnte
sie atmen    hören, wie    dumpfe   gesänge,
dachte sie, draußen konnte sie leichten regen
hören, sie konnte den regen hören & das sanfte
feuchte kriechen der spinnen, sie    kamen    die
wände runter auf den boden. das mädchen lag auf
dem bett & wartete, sie würde sie vertreiben wenn
sie sich zu schnell bewegte, gestern nacht hatte sie
sie vertrieben, doch heute nacht berührten
ihre blonden finger langsam, ganz langsam kalte lippen.
ein arm. dann der andere, ihre brüste waren
nackt, weiß, sogar im dunkeln, weiß.
sie zitterte, die spinnen krochen näher, wie
gebete von feuchten lippen, dachte sie. sie wußte
sich von ihnen beobachtet, sie konnte sie nicht
sehen, aber   sie    wußte,    daß   sie    warteten.
        das mädchen ließ ihre kleinen hände runter
über ihren bauch gleiten, zärtlich zog sie ihre knie
an und streifte das pyjama-höschen von den beinen
& körper. sie schloß ihre augen & kleine hände
rieben an ihrem borstigen, blonden nest. die spinnen
hatten jetzt den raum durchquert, ohne sie zu sehen
wußte sie, daß sie das bett erreicht hatten, sie konnte
die sanften, feuchten gebete hören, sie    konnte   die
flauschigen beine spüren, langsam kriechend & kriechend,
an ihren beinen hochkriechend, kriechend..

- Donald Cauble: Selbst Gott muß nachts einsam sein, nach: Acid. Neue amerikanische Szene. Hg. Rolf Dieter Brinkmann, Ralf-Rainer Rygulla. Frankfurt am Main 1969

Spinne (13)  Ich  spürte eine unüberwindliche Schlaflust, wie sie alle Taucher überkommt. So schlossen sich bald meine Augen hinter dem dicken Glas, und ich sank in eine Schlaftrunkenheit, gegen die ich nichts vermochte. Nur die Bewegung beim Marsch hatte die Müdigkeit bisher fernhalten können. Kapitän Nemo und sein robuster Gefährte streckten sich im klaren Wasser aus und gaben uns das Beispiel, wie sich's hier schlafen ließe.

Wie lange ich bewußtseinslos in tiefem Schlaf gelegen hatte, konnte ich nicht schätzen. Doch als ich wieder erwachte, schien sich die Sonne schon zum Horizont zu neigen. Kapitän Nemo hatte sich bereits erhoben, und ich begann, meine Glieder zu strecken. Da brachte mich plötzlich eine unerwartete Erscheinung rasch auf die Beine.

Meeresspinne

Nur wenige Meter entfernt beäugte mich mit schielenden Augen eine Meeresspinne von einem Meter Höhe. Obwohl mein Taucheranzug dick genug war, um mich gegen die Bisse des Tieres zu schützen, konnte ich mich doch des Grauens nicht erwehren. Im selben Augenblick erwachten Conseil und der Matrose des Nautilus. Kapitän Nemo zeigte seinem Gefährten das scheußliche Tier, der es mit einem Kolbenschlag augenblicklich niederstreckte. Ich sah die fürchterlichen Beine des Ungeheuers in gräßlichen Zuckungen sich winden. - Jules Verne, Zwanzigtausen Meilen unter Meer. Zürich 1976 (zuerst 1870)

Spinne (14)  

Die neue Spinne

Statt alle Karaiben umzubringen,
sollte man sie vielleicht durch Schaustellungen,
Seiltänze, Taschenspielereien und durch Musik bezaubern.
      Voltaire

Sobald der Tag anbricht, ist es in Frankreich zu spüren - mag es sich auch in den tiefsten Ecken einfädeln — und wunderbar in die Sprache eingewebt und verworren, daß die Spinne eins ist mit ihrem Netz:
So sehr - wenn der Stern des Schweigens in unsern engen Höfen verbleicht, über den Nestern unserer Zuflucht -,
daß der geringste Tau - in deutlichen Worten - genügt, und wir sind geblendet davon.

Dieses Tier, das sich, anfangs, ins Leere schießen läßt wie ein Anker am Schiff,
um dann - wohlgemerkt, kopfüber - alsbald innezuhalten
- an nichts anderm als seinen eignen Beschlüssen hangend -
in der Erwartung eines Ortes, der ihm eigen wäre, muß, da es an Bord über keinerlei Mannschaft verfügt, um wieder aufzusteigen, sein zartes Tau selbst verschlingen:
Tasten ohne Melodie über dem Abgrund, bis es einsieht, daß es anders vorzugehen gilt.

So leicht es auch ist, das Tier, eigentlich fliegt es nicht,
irdischer ist kein Räuber, entschlossener freilich auch keiner, dem Himmel zuzueilen.
So muß es wohl oder übel ins Gebälk klettern, um dort - so luftlebig wie nur möglich - sein Garn zu legen, seinen Hinterhalt,  wie ein Straßenräuber es tut.

Ausstrahlend spinnt und webt sie, die Spinne, stickt aber keineswegs,
sie beeilt sich Hals über Kopf;
und ohne Zweifel muß sie ihr Werk nach der Eile ihres Laufes ebenso bemessen wie nach dem Gewicht ihres Leibes,
unmöglich wäre es sonst, daß das schwirrende Wild, und sei sein aufgeregter Fleiß noch so enorm, länger braucht, sich aus diesem Netz loszumachen, als sie, einen beliebigen Punkt darin zu erreichen:
seine Strahlen nennt man den Aktionsradius,
das wissen auswendig die Spinnen.

Je nach der Art und den Umständen - und, nicht zuletzt, der Windstärke.
Es kommen zustande:
entweder dünne lotrechte Segelwerke, sehr straffe windbrechende Gitter.
oder augenschützende Schleier, wie sie die Rennfahrer der Pionierzeit verwandten,
oder Deckchen für Trödler,
oder auch Hängematten, ja Leichentücher, wie für antike Begräbnisse.

Darüber geht sie hin, die sinistre Seiltänzerin:
Ziemlich die einzige, die zwei solche Worte verknüpft,
davon das eine vom Seiler und seiner Arbeit kommt, während das andre linkisch auf den Tod deutet.

In einem empfänglichen Gedächtnis verstrickt sich alles,
und das ist gut so,
denn schließlich, was ist sie, die Spinne? anderes, als die Entelechie, die unvermittelte Seele, gemeinsam der Spule, dem Faden, dem Tuch,
der Jägerin und ihrem Leichentuch.

Immerhin ist ein empfängliches Gedächtnis zugleich auch der Grund der Vernunft,
und deshalb ist es nötig,
ausgehend von der innigen Verbindung
zwischen sinister und Seiltanz,
aufzusteigen bis zur causa prima.

Jedoch: Vernunft, der nicht nach und nach die Empfänglichkeit abhanden käme,
hieße sie nicht Poesie?
Das wäre eine Art Syl-lab-logismus.
Fassen wir also zusammen.

Die Spinne, ständig mit ihrer Toilette beschäftigt,
mörderisch und sinister,
übt sie in den Winkeln,
hervortritt sie nur in der Nacht,
um sich zu ergehen,
um sich die Beine zu vertreten.

So gut wie tot ist sie, wenn sie mit gefältelten Beinen ruht, einem Einkaufsnetz ähnlich,
einem Sack voll Bosheit, auf den Kehricht geworfen.

Wehe! Was fingen wir mit dem Schatten eines Sternes an,
wenn der Stern selber die Knie an die Brust gelegt hat?

Die Antwort ist stumm,
der Bescheid ist stumm:

(Die Spinne wird überantwortet dem Besen...)

Während am dunklen Himmel derselbe Stern aufsteigt - und uns zuführt dem Tag.

  - Francis Ponge, nach (mus)

Spinne (15, japanische)  Der Held Minamoto no Raiko und sein Untergebener Watanabe no Tsuna  verfolgen  einen durch die Luft fliegenden Schädel, der ihnen jedoch entwischt. In der Nähe finden sie ein zugewachsenes Haus vor, treffen eine 290 Jahre alte Frau, weitere übernatürliche Erscheinungen, eine halbnackte Nonne mit riesenhaftem Gesicht, sowie eine Frau, so schön dass selbst Yang Guifei neidig werden würde. Diese greift Raiko plötzlich an und blendet ihn. Jener kann sie aber noch mit seinem Schwert verwunden, wobei jedoch die Schwertspitze abbricht. Raiko und Tsuna verfolgen die weiße Blutspur erst zum Haus der alten Frau, das jedoch leer ist, und dann bis in die Berge. Sie bereiten eine Puppe zur Ablenkung vor, gehen in eine Höhle und treffen ein 30 Jo (90 m) langes Monster, das sie beide angreifen. Als Raiko dieser den Kopf abschneidet, erkennen sie das es die Riesenspinne war, aus deren Schnittstelle nun 1990 kleine Spinnen kommen.  - Wikipedia

Spinne (16)

Spinne (17)  An eine winzige Spinne erinnere ich mich noch, die sprang wie eine Heuschrecke und hatte vier Augen; und außerdem noch zwei, wenn das nicht die Ohren waren; mit gefiederten Zangen probierte sie jegliches Ding, auch meine Fingernägel, und dann kam es mir vor, als würde sie sich entlausen. Und sie hatte sich sicher über mich eine Meinung gebildet; aberich weiß nicht was für eine. Vielleicht war ich für sie ein zusammengekauerter Pflanzenfresser oder ein angefeuchteter Berg.

Eine andere Spinne dagegen gehörte zu denen, die mit übertriebener Geduld reglos bleiben und nur ihr Netz im Auge haben, weil sie sonst nichts interessiert. Vielleicht sang sie einige banale alte Schlager vor sich hin, um die Zeit totzuschlagen. Das hätte ich gemacht an ihrer Stelle. Oder sie sagte Verzeichnisse auf, um ihr bißchen Erinnerung zu beschäftigen.   - (mond)

Spinne (18)  Und Jener bückte sich ärgerlich, um den Floh zu erwischen, da sitzt er ja auf dem Fußknöchel (Jener war nur in Schlappen und Hemd). Eingesperrt und schon betäubt vom Hinundherreiben zwischen Daumen und Zeigefinger, braucht man ihn nur fallen zu lassen, hoffentlich erkennen wir ihn dann auf dem grauen und rissigen Boden. Der Floh fiel, doch irgend etwas Leichtes, Graues, Durchsichtiges und Ungreifbares wie ein Schatten, etwas Fadendünnes, gleichsam Luftgetragenes kam Jenem ins Gesichtsfeld. Er war sich nicht ganz sicher, auch wirklich gesehen zu haben, wie man es eben bei Dingen nicht ist, die an unserem äußeren Blickrand nur schwach aufleuchten und ;die wir (Illusion, Realität?) dann mit einer gewissen Verwunderung noch einmal ins Auge fassen, doch schon hatte ihn sein untrügliches Gespür auf die Gefahr hingewiesen, und sein Herz drohte vor Eiseskälte zu erstarren. Das Licht der schwankenden Taschenlampe schuf in diesem Winkel der großen Küche einen Kontrast mit dem Schatten, der sie von den Wänden her umfaßte und verschlang:  das gelbliche, schon erschöpfte Licht verhauchte auf dem grauen Boden und wurde selber grau und war kaum noch mehr als ein Schatten. Tiefste Nacht und tiefstes, undurchdringliches Schweigen, eines mit festverschlossenen Lippen. In dieser Beleuchtung und diesem Schweigen, weder groß noch klein im guten Verhältnis zu ihrem durchscheinenden Grau, durchquerte eine Spinne die Küche.

Es war eine Spinne gewöhnlichster Art, aus einer bei uns namenlosen Familie, die mit den überlangen und haarfeinen Beinen und einem Körper wie ein Pfefferkorn. Sie lief rasch, wie es deren Gewohnheit ist, doch ohne Hast: stelzte lautlos auf ihren unmöglichen Gliedmaßen, die wie Flechten am Fußboden zu haften schienen und die sie mit kleinen Rucken an sich zog, was ihr Gleichgewicht ernstlich gefährdet hätte, wären da nicht viele andere gleichartige Beine gewesen, die es augenblicks von der anderen Seite wiederherstellten; das kleine Korn ihres Leibs war gleich-' sam einem astralen Sturm ausgeliefert, tänzelte unregelmäßig über die von seinen Stützen gegebene Luftlinie, und wenn der Schatten diese Linie verfärbte und verschluckte, schien es sich Mal um Mal mit einem wilden Reigen von monströsem Rhythmus in luftiger Leere im Gleichgewicht zu halten. So stelzte sie dahin, und doch lag in diesem Wesen irgend etwas Stummes und Erhabenes wie das Einhergehen des Schicksals, das wir in unseren schlaflosen Nächten mit Deutlichkeit erkennen. Obwohl Jener mit nackten Beinen dastand und obwohl die Spinne zwei Handbreit an seinem Gesicht (empfindlichste Körperpartie) vorüberzog, machte er keine frenetischen Sprünge wie das andere Mal und selbst nicht den Versuch, vor ihr zurückzuweichen. Vielleicht, weil er die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt hatte und ihr nun plötzlich allzu nahe war, veränderte er seine Stellung nicht im mindesten und verharrte, bis ins Herz getroffen, genauso wie er war, gebückt, gebannt und regungslos. Der Floh und die ganze Welt mit Ausnahme der Spinne waren seinem Bewußtsein entrückt. Unter normalen Umständen hätte ihn eine gewisse verzweifelte und an den Fingerkuppen deutlich verspürte Sensibilität eigentlich daran erinnern müssen, daß er diese noch nicht von der dreckigen Berührung mit dem Floh gereinigt hatte. Doch war diese schon vergangen, noch bevor sie sich äußern konnte.

Das Wesen ging überdies seinen genauen Weg: Jener wußte sofort, daß sein unerbittlicher Vormarsch es im Abstand von einem Fingerbreit, vielleicht sogar weniger, an der Spitze seines (aufgerissenen, die Wölbung des großen Zehs draußen) Schlappens vorbeiführen würde. Doch zog er seinen Fuß nicht zurück, wußte, daß er es nicht fertigbrächte: sie war inzwischen schon zu nahe, und er in seinem Kreis erstarrten Grauens gefangen. Es gehört ja so wenig dazu, und Jener wußte dies, eine sogeartete Spinne zu erschrecken. Man braucht sie eigentlich nur anzublasen, damit sie, je nach bedrohlicher Nähe des Feindes und nach Position, sich an den Boden preßt, ein unverrückbarer  Nagelkopf,   gekrönt  vom Strahlenkranz ihrer acht Fäden wie von den Fontänen eines Brunnens; oder sich totstellt, Fäden über Kreuz und Bauch (um es so auszudrücken, denn wo ist der Bauch an diesem braunen Korn?) nach oben, regungslos und für alle Fälle schlaff; oder auch, fest verankert auf ihren Fäden (die offenbar über Saugnäpfe verfügen) und von einer Wand oder einem Netz baumelnd, mit ihrem erbärmlichen Pfefferkorn eine Sarabande, einen höllischen und bedrohlichen Reigen tanzt. Immerhin ließ diese Spinne nicht erkennen, die Gegenwart unseres Jenes, seinen Blick und seinen angehaltenen Atem bemerkt zu haben und setzte, mitnichten beunruhigt, ihren fatalen Spaziergang fort. Kam einen halben Fingerbreit an Jenes großem Zeh vorbei, marschierte weiter und verflüchtigte sich dann in den tiefen Schatten und vielleicht ins Delirium.   - Tommaso Landolfi, Der Tod des Königs von Frankreich. Nach (land)
 

 

Tierarten Ekel Angst

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