icken  Ich habe einen Stein, der tickt. Nicht, daß er klappert, wenn man ihn schüttelt, oder auch nur, daß sein Geräusch nach dem Schütteln in Gang kommt und bald wieder aufhört. Er tickt. Er hat nie aufgehört zu ticken, meines Wissens. Es ist leise, man muß sich über den Stein beugen oder ihn nah an sich halten, um es zu hören. Ansonsten ist er flach, undeutlich rosa, ziemlich schwer. In der Nähe des Randes sind Vertiefungen, bei näherem Zusehen erkennt man Zeichen, Buchstaben, zu einem Ring angeordnet: "ETERNA". Ich betrachtete den Fund dieses Steines als eine gute Gelegenheit, um meiner Frau meine Vorliebe näher zu bringen. Sie heißt so, Erna. Ich schenkte ihn ihr zu Weihnachten. Auch ihr. Sie betrachtete ihn, fragte oberflächlich: "Wozu" "ET"?" "Er tickt auch", sagte ich. Meine Frau nahm sich nicht die Mühe, dies nachzuprüfen. - Walter E. Richartz, Tunneltexte

Ticken (2)  Die nassen Stellen an ihrem Kleid, wo sie in der Damentoilette der Volksbibliothek das Blut ausgewaschen hatte, waren jetzt getrocknet, und sie konnte sich ohne Gefahr wieder auf die Straße hinaus wagen. Selbst wenn der Wind ihren Mantel auseinanderblies, würden die Leute die blassen Flecken an ihrer Bluse gar nicht bemerken, oder andernfalls nicht feststellen können, woher sie kamen.

Sie klappte das Buch zu, in welchem sie seit einer  Stunde zum Schein gelesen hatte, und stellte es in das Regal für Handbücher zurück. Sie kannte niemanden in der Bibliothek, und niemand kannte sie. Dennoch war es gefährlich, zu lange auf einem Platz sitzen zu bleiben, besonders an einem stillen Platz, weil ihr Gehirn manchmal laut tickte wie ein Metronom, und Spione konnten aus dem Rhythmus des Tickens erkennen, was sie dachte.

Einer dieser Spione war ein alter Mann. Er saß an einem Tisch nicht weit vom Auskunftspult, halb verdeckt von einem Exemplar der U.S. News and World Report. Wie unverdächtig vertieft er schien; wie ein Kind in sein Bilderbuch. Aber etwas in der Neigung seines Kopfes verriet ihn. Sie begann ziemlich laut zu summen, damit er ihre Gedanken nicht hören konnte. Er ließ die Zeitschrift sinken und warf ihr einen gehässigen Blick zu, weil er merkte, daß er entdeckt war.

Als sie an seinem Tisch vorbeiging, beugte sie sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm zu: »Es wird Ihnen nicht gut bekommen, wenn Sie mir folgen.« Dann ging sie auf die Tür zu, wobei sie den Mantel fest um sich wickelte.

Sie hatte natürlich den Sieg davongetragen. Und dennoch: das Ticken ihres Gehirns wurde langsam lästig. Es kam und ging in unregelmäßigen Abständen. Seine Lautstärke wechselte je nach der Intensität ihrer Gedanken, und wenn ein Gedanke sie aufregte, war das Geräusch ohrenbetäubend, einfach zum Verrücktwerden. - Margaret Millar, Liebe Mutter, es geht mir gut ....  Zürich 1975 (zuerst 1955)

 

Geräusch

 

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