leichgewicht  Orthodoxe Hindus glauben, daß es in der Vorzeit ein gigantisches Ungeheuer gab, das Menschen verschlang, sobald sie geschaffen waren. Kali (auch als Bhavani, Devi oder Durga bekannt) tötete das Ungeheuer mit ihrem Schwert, aber aus jedem Tropfen seines Blutes erwuchs ein Dämon, und als sie auch jeden dieser Dämonen tötete, fuhr das vergossene Blut fort, immer neue Dämonen zu erzeugen. Die Orthodoxen behaupten, Kali habe das Problem der sich fortpflanzenden Dämonen gelöst, indem sie das Blut aus ihren Wunden aufleckte. Die Thags dagegen glaubten, Kali habe sich Hilfe verschafft, indem sie aus ihrem Schweiß zwei Männer erschuf und ihnen aus ihrem Gewand Tücher machte, um die Dämonen zu erdrosseln — sie also zu töten ohne Blutvergießen. Nachdem sie ihren Auftrag erfüllt hatten, sei ihnen befohlen worden, die Tücher für ihre Nachkommen aufzubewahren.

In der Hindu-Mythologie hat Kali viele Dimensionen. Sie repräsentiert die Energie des Universums, was, der Legende zufolge, bedeutet, daß sie Leben ebenso erhält wie zerstört. Sie ist zugleich die Göttin der Zeit und beherrscht unaufhörliche Zyklen, in denen sich die beiden Grundaspekte des Lebensprozesses aktualisieren.

Der Thag glaubte sich verpflichtet, das Blut immer neu zu beschaffen, das Kali, seine Schöpferin, benötigte, um die Welt im Gleichgewicht zu halten.

Er fühlte sich verantwortlich dafür, möglichst lange zu leben, um lange genug töten zu können. Man hat geschätzt, daß jeder Thag an drei Morden pro Jahr beteiligt war; einer behauptete, zur Erdrosselung von 931 Personen beigetragen zu haben. - Aus: Bernard Lewis, Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. (Die Andere Bibliothek 59, 1989, zuerst 1967)

Gleichgewicht (2) Heute weiß jedermann, wie gefährlich es ist, Steine zu schlucken.

Ein Bekannter von mir hat sogar den Ausdruck geschöpft: »Stei-schlu-ge«, was »Steine schlucken ist gefährlich« bedeutet. Gut, nicht wahr? »Stei-schlu-ge« läßt sich leicht merken und fällt einem bei Bedarf sofort ein.

Gearbeitet hat mein Bekannter als Heizer einer Lokomotive. Mal fuhr er die Nordstrecke, mal nach Moskau. Er hieß Nikolai Iwanowitsch Serpuchow, rauchte Papirossy »Rakete«, 35 Kopeken die Schachtel, und sagte stets, von ihr müsse er weniger husten, doch von der zu fünf Rubel bleibe ihm, sagte er, jedesmal die Luft weg.

Eines Tages geschah es, daß Nikolai Iwanowitsch ins Europäische Hotel geriet, ins Hotelrestaurant. Sitzt also Nikolai Iwanowitsch an seinem Tischchen, und am Nachbartischchen sitzen Ausländer und mampfen Äpfel.

Und da sagt Nikolai Iwanowitsch zu sich: »Interessant«, sagt Nikolai Iwanowitsch zu sich, »wie der Mensch beschaffen ist!«

Kaum hat er das gesagt, erscheint wie aus der Luft gekommen eine Fee und sagt zu ihm: »Was möchtest du, guter Mann?«

Das Restaurant gerät natürlich in Bewegung — woher auf einmal diese fremde junge Dame? Die Ausländer vergessen sogar, ihre Äpfel weiterzuessen.

Auch Nikolai Iwanowitsch fährt ordentlich der Schreck in die Glieder, und nur, um wieder loszukommen, sagt er: »Verzeihung«, sagt er, »ich brauche nichts Besonderes.«

»Höre,« sagt die fremde junge Dame, »ich bin in der Tat«, sagt sie, »eine Fee. Im Nu kann ich bewerkstelligen, was du nur willst.«

Da sieht Nikolai Iwanowitsch, wie ein Mann im grauen Anzug ihrem Gespräch lauscht. Zur offenen Tür stürzt der Oberkellner herein, und ihm auf den Fersen folgt ein Subjekt mit einer Papirossa im Mund.

Du lieber Himmel! denkt Nikolai Iwanowitsch. Weiß der Geier, was daraus wird.

Und tatsächlich wird daraus weiß der Geier was. Der Oberkellner springt über die Tische, die Ausländer rol-len die Teppiche ein, und überhaupt ist der Teufel los. Einer übertrumpft den andern.

Ohne seine Mütze von der Garderobe zu holen, läuft Nikolai Iwanowitsch hinaus in die Lassallestraße und sagt dabei zu sich: »Stei-schlu-ge! Steine schlucken ist gefährlich! Was es auf der Welt nicht alles gibt!«

Nach Hause gekommen, sagt Nikolai Iwanowitsch zu seiner Frau: »Kriegen Sie keinen Schreck, Jekaterina Petrowna, und machen Sie sich keine Gedanken. Aber es gibt auf der Welt kein Gleichgewicht. Der Fehler beträgt, aufs ganze Universum bezogen, höchstens anderthalb Kilogramm, und doch ist es erstaunlich, Jekaterina Petrowna, ganz erstaunlich!«

Schluß.  - (charms)

Gleichgewicht (3)  Wenn wir am Feuer den Mate trinken, lauschen wir den beiden in unserem Dienst stehenden Brüdern und den Fahrern, die von ihren Abenteuern im sertão berichten. Sie erklären uns, warum der große Ameisenbär, tamandua, im campo ungefährlich ist, weil er hier, wenn er sich aufrichtet, sein Gleichgewicht nicht halten kann. Im Wald stützt er sich nämlich mit dem Schwanz an einem Baum ab und zerquetscht mit seinen vorderen Pranken alles, was sich ihm nähert. Der Ameisenbär fürchtet auch nächtliche Angriffe nicht, »denn beim Schlafen zieht er den Kopf so eng an seinen Körper, daß nicht einmal der Jaguar erkennen kann, wo dieser sich befindet.« - (str2)

Gleichgewicht (4) Dies ist nun das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle; diejenigen, die sich in der Geisterwelt befinden, sind in diesem Gleichgewicht; denn die Geisterwelt ist in der Mitte zwischen Himmel und Hölle; und von daher werden auch alle Menschen in der Welt in ähnlichem Gleichgewicht gehalten; denn die Menschen in der Welt werden vom Herrn durch Geister regiert, die in der Geisterwelt sind. Ein solches Gleichgewicht könnte nicht stattfinden, wenn nicht der Herr beide, sowohl den Himmel als die Hölle, regierte und nicht in beiden Maß und Ziel setzte; sonst würde das Falsche aus dem Bösen das Übergewicht bekommen und die einfältig Guten, die im Untersten des Himmels sind und leichter als die Engel selbst verderbt werden können, anstecken, und so würde dann das Gleichgewicht und mit dem Gleichgewicht auch die Freiheit bei den Menschen untergehen. -  Himmel und Hölle. Beschrieben nach Gehörtem und Gesehenem von Emanuel Swedenborg

Gleichgewicht (5)  Dem Menschen fallen der größte Wal im Ozean, der wildeste Löwe und Tiger zum Opfer, ihm passen sich Pflanzen, Bäume, Fische und Vögel an - und dennoch unterliegt er ebenfalls den Gesetzen des natürlichen Gleichgewichts. Wo sich die Zahl der Menschen zu stark vermehrt, da sind auch ansteckende Krankheiten häufiger, und Linné hat sich zumindest gefragt, ob es nicht der Weisheit der Natur zuzurechnen sei, daß Kriege vor allem dort wüteten, wo die Menschen sehr zahlreich seien. - Lars Gustafsson, Anhang zu (nem)

Gleichgewicht (6)  Diese Gestaltungen, die Kristalle,  sind vor aller Geschichte, sind von unvordenklicher Lehnsherrlichkeit. In solchen Strukturen, die von rauhester Behandlung geformt und geadelt worden sind, trägt das Gesetz des Gleichgewichts am Ende den Sieg davon. Dem sollte so sein, unausbleiblich. Zu Beginn, im brünstigsten Chaos, war das Gleichgewicht, das zu so vielen wunderbaren Feinheiten führen sollte, fraglos nichts weiter als das Spiel noch unstabiler, grobschlächtiger Ausgleichsbemühungen, die den Sprüngen und Stößen eines erstarrenden Gestirns langsam ein Ende setzten. Vielleicht gibt es kein verläßlicheres Vorbild für unergründliche Schönheit als die aus großen Bitterkeiten aufgetauchten Gestaltungen.

Gleichgewicht (7)

 - Julio Silva, nach (cort2)

Gleichgewicht (8)  Wirklich liegt im Herzen eines Jeden ein wildes Thier, das nur auf Gelegenheit wartet, um zu toben und zu rasen, indem es Andern wehe thun und, wenn sie gar ihm den Weg versperren, sie vernichten möchte: es ist eben Das, woraus alle Kampf- und Kriegslust entspringt; und eben Das, welches zu bändigen und einigermaaßen in Schranken zu halten die Erkenntniß, sein beigegebener Wacher, stets vollauf zu thun hat. Immerhin mag man es das radikale Böse nennen, als womit wenigstens Denen, welchen ein Wort die Stelle einer Erklärung vertritt, gedient seyn wird. Ich aber sage: es ist der Wille zum Leben, der, durch das stete Leiden des Daseyns mehr und mehr erbittert, seine eigene Quaal durch das Verursachen der fremden zu erleichtern sucht. Aber auf diesem Wege entwickelt er sich allmälig zm eigentlichen Bosheit und Grausamkeit. Auch kann man hiezu die Bemerkung machen, daß wie, nach Kant, die Materie nur durch den Antagonismus der Expansions- und Kontraktionskraft besteht; so die menschliche Gesellschaft nur durch den des Hasses, oder Zorns, und der Furcht. Denn die Gehässigkeit unserer Natur würde vielleicht Jeden ein Mal zum Mörder machen, wenn ihr nicht eine gehörige Dosis Furcht beigegeben wäre, um sie in Schranken zu halten; und wiederum diese allein würde ihn zum Spott und Spiel jedes Buben machen, wenn nicht in ihm der Zorn bereit läge und Wache hielte. - (schop)

Gleichgewicht (9)  Ich will kein Loblied auf die Bigamie singen, aber man muß zugeben, daß Tito zwischen diesen beiden Frauen im vollkommensten Gleichgewicht lebte. Er liebte weder Maud noch Kalantan, glaubte aber beide zu lieben. Wenn die eine ihm Leiden verursachte, fand er Trost am Busen der andern.

Betrog ihn die eine, so fand er alsbald in der anderen Reinheit und Treue. Wenn ihm Maud allzu lange die Treue hielt und er nicht mehr die belebende Wirkung der Eifersucht spürte, so begann seine Liebe nachzulassen und er näherte sich Kalantan.

Kaum aber merkte er, daß Maud sich an ein anderes männliches Wesen attachierte, so entbrannte seine Eifersucht; und dann verließ er Kaiantan, um seine ganze Leidenschaft auf Maud zu konzentrieren. Und als ob seine Liebe genüge, um andere männliche Passanten von ihr fernzuhalten, konstruierte er förmlich einen Liebespanzer um sie. Kaum aber sah er, daß andere Männer ihren Widerstand besiegten, so lief er zu Kalantan, um auf der takbta, dem eckigen Bau aus Teppichen und Kissen, das Vergessen zu suchen.

Die arme Maud verdiente beim Petit Casino täglich den fünften Teil von dem, was sie für ihren Bedarf ausgab.

Aber einige sehr reiche Herren gaben ihr in bar das Zehnfache von dem, was sie ausgab.   - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

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