ame Als einmal eine spanische Dame von einem galanten Kavalier in die Gemächer des Königs geführt wurde, gelangten sie durch einen gewissen versteckten und finstern Winkel, und der Kavalier sagte zu ihr, indem er seine spanische Ehrerbietung und Verschwiegenheit heraussteckte: »Das ist ein schöner Ort, wenn es eine andere wäre als Ihr.«

Die Dame antwortete bloß: »Ja, wahrhaftig, wäre es ein anderer als Ihr -(brant)

Dame (2)

Schmallippige Dame


IVAN TURGENEV: Gesellschaftsdame, arm, spröde, mißtrauisch, nicht gut, heuchlerisch; wäre eine wahre Plage, wenn sie etwas zu sagen hätte; niemand wird sie je lieben; sie wird ziemlich jung sterben — ganz einsam; liebt karierte Kleider. Sie ist flach wie ein Brett.

PAULINE VIARDOT: Bescheidene Gouvernante in einer großen Familie, hat mehrere Kinder zu beaufsichtigen, denen sie nichts beizubringen vermag — schwacher und furchtsamer Charakter. Sie spricht sehr tief — sieht einem nie ins Gesicht, ein lauwarmes, leicht gezuckertes Wässerchen — ist ziemlich langweilig — sehr ehrlich, sehr unnütz — schweigsam — sie summt mit Mückenstimmchen kleine sentimentale Romanzen und begleitet sich mit vor Angst zitternden Fingern, ohne den Fuß vom Pedal zu nehmen. Sie kann gut sticken — und bereitet den Tee in aller Form — rechnet gut, aber langsam. Gutes Mädchen, das man bedauert, weil man es so langweilig findet.

- (turg)

Dame (3)

Dame (4)   Eine für ihre Schönheit berühmte Dame, der Max Jacob einen Besuch abstattet, empfängt ihn im Negligé und schlägt die Beine übereinander, ohne darauf zu achten, daß ihr Morgenmantel sich öffnet und ihm den Blick auf ihre Schenkel freigibt. Verwirrt läßt Max den Schoß der Dame nicht aus den Augen. Diese merkt es schließlich, lächelt ironisch, zieht mit einer kleinen Handbewegung ihren Morgenmantel zurecht und sagt zu Max:

»Was betrachten Sie, Monsieur Max?« »Das Zelluloid Ihrer Beine.« »Wie dumm Sie nur sind: Sie sind aus zersprungenem Glas!« - (leiris)

Dame (5)  Unter einer Vielfalt ähnlicher Beispiele, die ich sah, werde ich nie eine kräftige, rotwangige und sehr damenhaft aussehende Person vergessen, die Gattin eines Missionars, die monatelang Tag für Tag ihre regelmäßige Spazierfahrt in einem kleinen, von zwei Insulanern gezogenen Wägelchen unternahm. Der eine war ein alter Graukopf und der andere ein junger Schelm, beide mit Ausnahme des Feigenblattes so nackt, wie sie geboren waren. Auf ebener Straße ging dieses zweibeinige Gespann in einem schlenkernden unansehnlichen Trab, wobei der junge sich stets wie ein schlaues Pferd zurückhielt, während der alte Gaul sich abplackte und die ganze Arbeit tat.

Rasselt die Dame so in diesem stilvollen Gefährt durch die Straßen der Stadt, so blickt sie so majestätisch umher wie eine Königin, die in voller Pracht zur Krönung fährt. Aber eine plötzliche Steigung und eine sandige Straße stören bald ihre gute Laune. Die kleinen Räder versinken in dem lockeren Boden, der Alte bleibt stehen und zerrt schwitzend, während der Junge untätig umherhüpft. Der Wagen rührt sich keinen Zoll weit. Wird die mildherzige Dame, die zum Besten des Seelenheils der armen Heiden Freunde und Heimat verlassen hat, wird sie auch etwas an ihre Körper denken und absteigen, um so dem elenden Alten die Arbeit zu erleichtern, bis die Anhöhe bezwungen ist? Keineswegs! Nicht im Traum denkt sie daran. Natürlich hat sie sich nicht viel dabei gedacht, auf dem alten Gutshof in Neuengland die Kühe auf die Weide zu treiben; aber seitdem haben die Zeiten sich geändert. So bleibt sie sitzen und schreit: „Hookee! hookee! Zieht, zieht!" Erschreckt von dem Laut, müht der alte Herr sich mehr als zuvor, und der junge veranstaltet ein großes Theater, als strenge er sich an, achtet aber mit einem Auge genau auf seine Herrin, um zu sehen, wann er auf der Hut sein muß. Schließlich verliert die gute Dame die Geduld. „Hookee! Hookee!" und mit einem scharfen Schlag saust der schwere Griff ihres großen Fächers dem alten Wilden über den blanken Schädel, während der junge zur Seite springt und sich aus der Reichweite hält. „Hookee! Hookee!" schreit sei wieder, „Hookee, hookee, tata kannaka! - Zieh kräftig, Mann!" .Aber alles ist vergebens, und schließlich muß sie absteigen und zu ihrem Leidwesen tatsächlich bis zu der Anhöhe hinaufgehen.  - Herman Melville, Typee. Ein Blick in das polynesische Leben... München 1979 (zuerst 1846)

Dame (6)  Trotz der Fahrt im vollgestopften Zug war die Dame mit ihrer weißen gefältelten Bluse und dem grünen Kostüm comme il faut. Nichts an ihr erschien unordentlich, und frisch sah sie auch aus, allerdings schon älter, mit Fältchen in den Augenwinkeln. Sie bemerkte nebenbei, daß sie geschäftlich in Paris gewesen sei, und Eugen dachte, viel leicht als Besitzerin einer Boutique. Das war ein neumodisches Wort, das jetzt etwas Exklusives bedeutete und Eleganz ausstrahlte. Die Dame also mochte einen Modesalon haben, übrigens in Stuttgart. Und während er hinter der Baracke in einer Art Bahnhofskantine bei schummerigem Licht an einem kahlen Tisch saß, erzählte sie von einem Pärchen, das im Zug herrlich ungeniert geschmust habe. Bei dem Wort »geschmust« wunderte sich Eugen, nickte aber gleichmütig und bemerkte einen glatzköpfigen Herrn mit buschigen Brauen, der neben ihnen saß. Er schaute Eugen wie einer an, der etwas von ihm haben wollte, aber was?

Da umklammerte unterm Tisch die Dame mit ihren Beinen Eugens Beine, freilich nur für einen Augenblick. Sie sah ihn unbewegten Gesichts an, und auch der glatzköpfige Herr schaute herüber. - Hermann Lenz, Ein Fremdling. Frankfurt am Main 1988 (st 1491, zuerst 1983)

Dame (7) Frau von Brissac hat sich für diesen Winter gut versorgt, nämlich mit dem Herzog von Longueville und dem Grafen Guiche, aber alles in Ehren, einzig um des Vergnügens willen, angebetet zu werden. Die Maran sieht man nicht mehr, weder bei Frau von La Fayette noch bei Herrn von La Rochefoucauld. Wir wissen nicht, was sie tut, malen es uns aber manchmal etwas tollkühn aus. Im Sommer kam die Laune sie an, vergewaltigt zu werden, unbedingt wollte sie vergewaltigt werden. Sie wissen ja, wie verrückt sie oft ist. Persönlich bin ich überzeugt, daß ihr nie dergleichen geschehen wird.  - (sev)

Dame (8) Madame de Roncex, die hei den Franziskanern von Thouars weilt, verspürt ein so dringendes Bedürfnis, daß sie sich, ohne nachzusehen, ob der Sitz des Abortes auch sauber sei, an einem so schmutzigen Ort hinsetzt, daß ihr Gesäß und ihre Kleider davon ganz besudelt werden. Sie ruft um Hilfe und verlangt nach einer Frau, die sie säubern könnte; doch wird sie von Männern bedient, die sie nackt und im übelsten Zustand sehen, den eine Frau aufweisen kann.  - Margarete von Navarra, Das Heptameron. München  1960 (zuerst 1558)

Dame (9) Die Mutter zischt Erika hinsichtlich der Nachbarn erneut Ruhe! zu. Die Tochter ersucht zur Revanche die Mutter bezüglich der Nachbarn ebenfalls um: Ruhe! Beide kratzen einander ins Gesicht. Die Tochter läßt einen Ruf erschallen wie ein Jagdfalke oberhalb seiner Beute und sagt jetzt, daß die Nachbarn sich hinsichtlich Ruhe von ihr aus morgen ruhig beschweren können, denn die Mutter wird das auszubaden haben. Die Mutter erhebt einen Geheulstoß, den sie sogleich wieder unterdrückt. Dann wieder halb stimmloses, halb stimmiges Keuchen und Wimmern, Ächzen und Zimpern. Die Mutter beginnt, auf die Mitleidstube zu drücken und, da der Kampf bislang unentschieden steht, mit den unlauteren Mitteln ihres Alters und nahen Todes zu arbeiten. Sie bringt diese Argumente halblaut vor, in einer geschluchzten Kette von faulen Ausreden, warum sie heute nicht gewinnen könne. Erika ist von der Klage der Mutter betroffen, sie will nicht, daß die Mutter sich in diesem Kampf so stark abnützt. Sie sagt, die Mutter habe angefangen. Die Mutter sagt, Erika habe zuerst angefangen. Das hat der Mutter ihr Leben um mindestens einen Monat verkürzt. Sie kratzt und beißt nur mehr mit halber Kraft voraus, diese Erika. Die Mutter nimmt den Vorteil prompt wahr und reißt Erika ein Büschel Stirnhaar aus der Kopfhaut, etwas von dem Haar, auf das Erika stolz ist, weil es in einem hübschen Wirbel lockig hereinkommt. Erika macht sofort einen einzelnen Fistelschrei, der die Mutter derart erschreckt, daß sie aufhört. Morgen muß Erika ein Pflaster über der abgeschabten Kopfhautstelle tragen. Oder sie läßt ihr Kopftuch quasi una fantasia auf dem Haupt, wenn sie unterrichtet. Beide Damen sitzen einander, laut ein- und ausatmend, auf dem verrutschten Vorzimmerläufer gegenüber.  - Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin. Reinbek bei Hamburg 1989 (zuerst 1983)

Dame (10) 

LA BELLE DAME SANS MERCI

O was kann dich, Ritter in Waffen, schmerzen
Allein und bläßlich verweilend?
Das Riedgras ist am See verwelkt,
Und keine Vögel singen!

O was kann dich, Ritter in Waffen, schmerzen
So abgezehrt und jammervoll?
Des Eichkätzchens Kornspeicher ist voll
Die Ernte eingebracht.

Ich sehe eine  Lilie auf deiner Stirn
Mit Angstschweiß und mit Fiebertau,
Auf deinen Wangen eine blasse Rose
Die rasch verwelkt -

Traf eine Dame auf den  Wiesen
Voll Schönheit, einer Feen Kind
Ihr Haar war lang, ihr Fuß war leicht
Und ihre Augen wild -

Machte ein Kränzel für ihr Haupt
Auch Armkettchen, einen duftenden Gürtel,
Sie blickt mich an, als ob sie liebte mich
Und seufzte süß -

Setzte sie auf mein schnelles Roß
Und sah sonst nichts, den ganzen Tag
An meiner Seiten beugt' sie sich und sang
Ein Feenlied -

Sie fand mir Wurzeln, schmackhaft süß
Und wilden Honig, Mannatau,
Und in gar fremder Sprache sagte sie
Ich lieb dich wahr -

Sie führte mich zu ihrer Elfengrotte
Dort weinte sie
Und seufzte voller Leid,
Und dort verschloß ich ihre wilden Augen
Mit Küssen vier -

Dort wiegte sie mich in den Schlaf
Und dort träumt' ich, oh, wehe mir!
Den letzten Traum den ich geträumt
Auf kalten Hügels Rain.

Sah bleiche Könige und Fürsten
Und bleiche Krieger, totenbleich sie alle
Die schrie'n, La belle dame sans merci
Hat dich in ihrem Joch.

Sah ihre ausgezehrten Lippen in der Dunkelheit
Mit fürchterlicher Warnung  klaffend weit,
Und ich erwachte, fand mich hier
An kalten Hügels Rain

Und darum säume  ich allhier
Allein und bläßlich verweilend;
Wenngleich das Riedgras welkt am See
Und keine Vögel singen -...

   - John Keats (1819), nach (grav)

Dame (11) Sie sah nicht wie eine Dame aus. Wehe, was hat ihr Kommen zu bedeuten? Aber sie kam nun einmal, das ist nicht zu ändern. Sie brachte Leid zu des Artus Leuten. Das Mädchen war in vielerlei Künsten wohl unterrichtet, alle Sprachen sprach sie geläufig: lateinisch, heidnisch und französisch. Eleganz entfaltete sie auf dem Gebiet der Wissenschaften. Sie kannte sich in der Dialektik und in der Geometrie aus, und auch die Lehren der Astronomie waren ihr vertraut. Sie hieß Cundrie, ihr Beiname war surziere. Deren Mundwerk war nicht eingerostet, es lief wie geschmiert. Sie schlug alles Glück zu Boden, das über der Festversammlung lag.

Die junge Dame, die so gelehrt war, sah ganz anders aus als sonst die schönen Feinen. Genter Brauttuch, blauer als Lapislazuli, trug dieser Hagelschlag des Glücks: ein elegantes Cape nach französischem Schnitt; darunter trug sie feine Seide am Leib. Ein Pfauenhut aus Londres war mit golddurchwirkter Seide gefüttert, der Hut war neu, die Borte daran nicht von gestern, der hing ihr auf den Rücken. Ihre Botschaft schlug dem Jammer eine Brücke übers Glück, all ihren Spaß entriß sie ihnen. Hoch über den Hut und bis auf das Maultier hinunter schwang ihr Zopf, so lang war der, und schwarz und starrig, nicht eben blond und licht, und linde war er wie die Rückenborsten einer Sau. In der Visage trug sie eine Hundeschnauze. Aus ihrem Mund fuhren zwei spannenlange Hauer wie von einem Eber. Die Brauen auf beiden Seiten ragten, zu Zöpfen geflochten, empor, noch höher als das Haarband. Ihr seht: Meine Courtoisie gerät hier auf Abwege, doch nur aus Liebe zur Wahrheit muß ich so von einer Dame sprechen — alle anderen haben gar keinen Grund, sich über mich zu beschweren.

Cundrie hatte Ohren wie ein Bär, nicht ganz so, wie ein Mann es sich wünscht von seiner Geliebten. Wild behaart war ihr Gesicht. Sie führte eine Geißel in der Hand, die Stricke daran waren seiden, ihr Stiel ein Rubin. Dieses hübsche Schätzchen hatte Hände, die sahen aus wie Affenhaut. Die Fingernägel waren nicht die hellsten; sie sollen wie die Krallen eines Löwen gewesen sein, so nämlich sagt mir die Geschichte. Sehr selten haben Ritter aus Liebe zu der Dame Speere verstochen. - Wolfram von Eschenbach, Parzival. Frankfurt am Main 1993 (zuerst ca. 1200, Übs. Peter Knecht. Die Andere Bibliothek 100)

Dame (12)  Jedermann kennt den langen Damm, der das Bett der Seine an der Stelle begrenzt und einengt, wo sie hinter der Marnemündung Paris erreicht: dort baden die Männer während der Hitze der Hundstage; aus nächster Nähe sieht man, wie sie sich ins Wasser stürzen; man sieht sie wieder heraussteigen; man ist gut unterhalten. Vor dieser Jahreszeit gehen die Damen aus der Stadt dort nicht spazieren; ist sie vorüber, spazieren sie dort nicht mehr.  - (bru)

Dame (13) 

Tanzunterhaltung in Hasenpoth. Baltischer Herr und baltische Dame im Gespräch.

HERR: Fräilen.

DAME : Was mäinen Se.

HERR: Se tanzen nich.

DAME: Näin.

HERR: Warum.

DAME: Tanz ich, so schwitz ich. Schwitz ich, so stink ich. Tanz ich nicht, schwitz ich nicht, stink ich nicht.  - Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit. München 1964 (dtv sr 23, zuerst 1926)

Dame (14)

Die blinde Dame mit den blutigen Augen setzt ihre Worte gut
Sie vertraut keinem Menschen an wie weh ihr das alles tut

Ihr Haar sieht aus wie ein Büschel Moos
Ihre Juwelen sind feuerrot, ihr Geschmeide ist riesengroß

Die blinde Dame mit den blutigen Augen ist fett
doch ihre Briefe sind höflich proper und nett

Sie trägt ein Kleid aus Plüsch, das muß sie öfters bügeln
und deswegen ihren Eifer für andere Dinge zügeln

Und wenn ich ihren Schwager nicht eigens erwähne
so deshalb weil ich mich für den jungen Mann schäme

Denn er säuft und verführt die Blinde desgleichen zu tun
dann lacht sie aus vollem Hals und fängt an zu muhn.

- Max Jacob, nach (mus)

Dame (15)

Riviera

Auf einer Ottomane
ruht behaglich eine Dame
eine Dame mit welker Zunge
eine lange Dame
eine sehr alte Dame
Sicherlich hat man ihr gesagt das Meer sei dort
Darum betrachtet sie es in einem fort
Aber sie sieht es nicht
und die Präsidenten gehn vorbei und grüßen sie sehr ergeben
Die Baronin Crin ist es
die Königin der Zahnfäule
Ihr Mann ist der Baron Crin
der König des Kaninchenmistes
und die Präsidenten gehn vorbei und grüßen sie sehr ergeben
Von Zeit zu Zeit
in besonderen Augenblicken
wirft sie ihnen einen alten Zahnstocher zu
Sie lutschen ihn mit Entzücken
und setzen ihre Promenade fort
Ihre neuen Schuhe krachen und ihre alten Knochen auch
und aus den Villen wimmert
eine fahle Musik
bittere Töne
wie das Geschrei eines Neugeborenen um das sich niemand kümmert
Es sind unsere Söhne
es sind unsere Söhne sagen die Präsidenten
und schütteln den Kopf stolz und schlicht
und ihre kleinen Wunderkinder
schmeißen sich verzweifelt Klavierstücke ins Gesicht
Die Baronin ist ganz Ohr
Solche Musik macht sie munter
Aber da fällt ihr das Ohr herunter
wie ein alter Dachziegel
Sie schaut zu Boden
und sieht das Ohr nicht
sondern betrachtet es nur
und hält es
für ein welkes Blatt das der Wind herbeigewischt
Nun ist auch fast vorbei
der Kinder trauriges Geschrei
und die Baronin lauscht nur noch
mit einem einzelnen zerstreuten Ohr
Da treten mit einem Mal
da hüpfen zu ihrer Qual
die Refrains alter Kinderlieder
in ihr unruhiges verbrauchtes zerrupftes Gedächtnis
und es will ihr flicht gelingen
dadurch die Zeit herumzubringen
die sie belauert und bedroht
daß sie eine recht traurige und rührende Geschichte findet
die bewirken könnte daß sie Tränen lacht
oder die sie einfach weinen macht
Ihr fällt nur etwas ganz Unpassendes Unschickliches ein
das Bild einer alten Dame die völlig nackt und allein
sich auf dem Höcker eines Kameles räkelt
und grimmig ein Omelett aus Vogelmist häkelt.

- Jacques Prévert, nach (mus)

Dame (16)   »Den republikanischen Bund revolutionärer Frauen auflösen«, der Konvent sollte überhaupt alle Frauenorganisationen grundsätzlich verbieten. Diese Damen sind entweder ehemalige Nonnen oder Marquisen, die heimlich die Messe hören und vor Louis Capets umflortem Bilde weinen wollen, oder sie sind Kommunistinnen, die unter der Führung des ehemaligen Priesters Jacques Roux Kundgebungen für Höchstpreise und Vermögensabgabe veranstalten und, Strümpfe strickend, den Hinrichtungen zusehen, was nicht einmal ein Mann tun sollte! - Robespierre, nach: Friedrich Sieburg, Robespierre. München 1965 (zuerst 1935)

Dame (16)  IRINA Als  ich heute erwachte, aufstand und mich wusch, schien es mir plötzlich, als sei alles klar auf dieser Welt, und ich wußte, wie man zu leben hat. Der Mensch soll arbeiten, sich abmühen im Schweiße seines Angesichts, wer er auch sei, und darin besteht Sinn und Ziel seines Lebens, sein Glück, seine Wonne. Wie gut es ist, ein Arbeiter zu sein, der schon bei Tagesgrauen aufsteht und auf der Straße Steine klopft, oder ein Hirte, oder ein Lehrer, der die Kinder lehrt, oder ein Maschinist auf der Eisenbahn. Mein Gott, nicht bloß ein Mensch, nein besser ist es, ein Büffel zu sein, besser ein einfaches Pferd, bloß um zu arbeiten, als so eine junge Dame, die um zwölf Uhr mittags aufsteht, dann im Bett Kaffee trinkt, dann sich zwei Stunden anzieht... oh, wie entsetzlich das ist!  - Anton Tschechow, Drei Schwestern, nach (enc)

Dame (17)   Da kam mit Trippelschrittchen, behindert von der Schleppe ihres Kleides, eine gewisse Frau Magda Wang heraus und bekundete durch die Höhe ihres geschnürten Dekolletés, daß sie aller männlichen Standhaftigkeit und Grundsätzlichkeit spottete und daß ihre Spezialität darin bestand, selbst die stärksten Charaktere zu brechen. (Hier ordnete sie mit einer Bewegung ihres Füßchens die Schleppe auf dem Boden.) In dieser Absicht gibt es Methoden, fuhr sie durch die zusammengepreßten Zähne fort, unfehlbare Methoden, über die sich zu verbreiten sie ablehne, indem sie auf ihre Tagebücher verwies, die unter dem Titel »Aus Purpurtagen« (Verlag des Instituts für Anthroposophie in Budapest) erschienen seien und in denen sie alle Ergebnisse ihrer Kolonialerfahrungen auf dem Gebiet der Menschendressur (dieser Ausdruck mit Betonung und ironischem Blitzen der Augen) niedergelegt habe. Und seltsam, diese fahrlässig und ohne viele Hemmungen redende Dame schien der Billigung jener sicher zu sein, von denen sie mit solchem Zynismus sprach, und inmitten ihres sonderbaren Schwindelns und Flunkerns spürte man, daß die moralischen Angaben und Bestimmungen einen seltsamen Verlauf nahmen und daß wir schon in einem anderen Klima waren, in dem sich der Kompaß verkehrt bewegte. Das war des Buches letztes Wort; es hinterließ den Geschmack einer merkwürdigen Betäubung, ein Gemisch aus Hunger und Gereiztheit in der Seele. - Bruno Schulz, Das Buch. Nach (bs)

Dame (18)

- Otto Dix

Dame (19)

Dame (20)

Bildnis einer Dame

Deine Schenkel sind Apfelbäume,
die Blüten reichen zum Himmel.
Welchem Himmel? Dem Himmel
in den Watteau den Schnallenschuh
einer Dame hing. Deine Knie
sind eine südliche Brise - auch
ein Schneewind. Ach was! wer
war dieser Fragonard denn?
- Als käme es darauf
an. Ja richtig - unter
den Knien, weil es mir grad
in mein Lied paßt, da ist
ein weißer Sommertag,
das hohe Gras deiner Knöchel
flimmert am Strand -
Welchem Strand? -
es haftet Sand an meinen Lippen -
Welchem Strand denn?
Ach, Blüten von mir aus. Wie
soll ich das wissen?
Welcher Strand? Welcher Strand?
Ich habe Apfelblüten gesagt.

- (wort)

Frau
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Verwandte Begriffe
Synonyme