and  Träumt einer, sein Glied mit den Händen zu erigieren, wird er einen Sklaven oder eine Sklavin gebrauchen, weil die Hände, die dabei betätigt werden, Hilfsdienste leisten. Besitzt er keine Sklaven, wird er Schaden erleiden, wegen der nutzlosen Ausscheidung des Samens. Ich kenne einen Sklaven, dem es träumte, er masturbiere seinen Herrn; er wurde Betreuer und Erzieher von dessen Kindern; denn er hatte das Glied seines Herrn, das dessen Kinder bezeichnet, in die Hand genommen. Ein anderer wiederum ist mir bekannt, der träumte, dasselbe widerfahre ihm von selten seines Herrn. Er wurde an eine Säule gebunden, erhielt eine Tracht Prügel und wurde auf diese Weise von seinem Herrn gestreckt. - (art)

Hand (2) Ein junger Mann bat einen Vater um die Hand seiner Tochter, und er erhielt sie in einer Schachtel — ihre linke Hand.

Vater:  »Sie baten um ihre Hand, und nun haben Sie sie. Aber meiner Ansicht nach wollten Sie was anderes und nahmen es auch. «

Junger Mann: »Was meinen Sie damit?«

Vater:  »Was meinen Sie, was ich meine? Sie können nicht bestreiten, daß ich ehrenhafter bin als Sie, denn Sie nahmen meiner Familie etwas, ohne darum zu bitten; als Sie aber um die Hand meiner Tochter baten, gab ich sie Ihnen.«

In Wirklichkeit hatte der junge Mann nichts getan, das unehrenhaft gewesen wäre. Der Vater war bloß mißtrauisch und hatte eine schmutzige Phantasie. Der Vater konnte den jungen Mann zum Unterhalt seiner Tochter gesetzlich verpflichten und ihn finanziell ruinieren. Der junge Mann konnte nicht bestreiten, daß er die Hand der Tochter hatte — obwohl er sie mittlerweile in seiner Verzweiflung geküßt und dann begraben hatte. Sie war inzwischen zwei Wochen alt.

Der junge Mann wollte die Tochter besuchen und raffte sich auf, aber er wurde zurückgedrängt von Geschäftsleuten, die sie umlagerten. Die Tochter war eben daran, mit ihrer rechten Hand Schecks zu unterzeichnen. Sie war keineswegs verblutet, im Gegenteil, sie war mächtig im Zuge.

Der junge Mann gab durch die Zeitung bekannt, daß sie auf Tisch und Bett verzichtet habe. Aber es galt zu beweisen, daß sie beides überhaupt je genossen hatte. Auf dem Papier war es keine ›Ehe‹, geschweige denn in der Kirche. Und doch bestand kein Zweifel, daß er ihre Hand besaß und eine entsprechende Empfangsbestätigung unterzeichnet hatte, als das Päckchen abgeliefert worden war.

»... ihre Hand in was?« Der junge Mann — verzweifelt und um den letzten Penny gebracht — verlangte nach der Polizei. »Ihre Hand liegt in meinem Garten begraben. «

»Kriminell sind Sie wohl auch noch? Nicht genug damit, daß Sie einen ungeordneten Lebenswandel führen, ein Psychopath sind Sie noch dazu? Haben Sie vielleicht Ihrer Frau die Hand abgehackt?«

»Hab ich nicht, und sie ist gar nicht meine Frau.«

»Er hat ihre Hand, und dabei ist sie nicht mal seine Frau«, höhnten die Hüter des Gesetzes. »Was sollen wir mit dem da machen? Er ist widerborstig, wahrscheinlich ist er sogar wahnsinnig.«

»Dazu ist er noch pleite. Sperr ihn ins Irrenhaus, in ein staatliches.«

Und so wurde der junge Mann eingesperrt, und einmal im Monat kam das Mädchen, dessen Hand er erhalten hatte, und schaute ihn durch das Gitter an, ganz die pflichtbewußte Ehefrau. Und wie die meisten Ehefrauen hatte sie nichts zu sagen. Dafür setzte sie ein hübsches Lächeln auf. Sein Arbeitgeber mußte ein kleines Ruhegeld bezahlen, das sie erhielt. Ihr Armstumpf war in einem Muff verborgen.

Weil ihr Anblick den jungen Mann mehr und mehr anekelte, wurde er in eine noch widerwärtigere Abteilung gesteckt, wo ihm Bücher und der Kontakt mit anderen verboten waren, und er wurde wirklich wahnsinnig.

Als er wahnsinnig geworden war, ging ihm auf, was alles geschehen war, wie er um die Hand seiner Geliebten gebeten und sie erhalten hatte. Er begriff, daß er sich eines furchtbaren Mißgriffs, ja eines Verbrechens schuldig gemacht hatte, indem er barbarischerweise die Hand eines Mädchens verlangt hatte.

Er sprach mit den Häschern und sagte, daß er jetzt seinen Mißgriff einsähe.

»Was für einen Mißgriff? Um die Hand eines Mädchens zu bitten? Das hab ich auch gemacht, als ich heiratete.«

Hände (Topor)

Der junge Mann, dem es nun schien, daß er unheilbar wahnsinnig sei, da er die Verbindung zu allem und jedem verloren hatte, verweigerte viele Tage lang die Nahrung. Schließlich lag er mit dem Gesicht zur Wand auf seinem Bett und war tot. - Aus: Patricia Highsmith, Kleine Geschichten für Weiberfeinde. Eine weibliche Typenlehre in siebzehn Beispielen. Mit siebzehn Zeichnungen von Roland Topor. Zürich 1979 (detebe 20349)

Hand   (3) So sahen die Unsterblichen in hilflosem Grauen, wie plötzlich der Grund von Händen wimmelte, Händen gleich Tatzen und Zangen und Scheren und Klammern und Greifern und auch Händen mit flachen Stümpfen und Saugnäpfen daran, wie Fliegen sie haben, und all diese Hände tasteten blindlings fingernd und zuckend und schnappend herum, bis sich aus den übereinander sich türmenden Köpfen jener erhob, der nur ein einziges Auge war. Dieser drehte sich, indes nur das Rasseln der Lungen unter den plötzlich verstummten Schlünden zu hören war, langsam auf hochgeleiertem Hals den vor der Felswand sich Stauenden zu, und als er ihnen genau gegenüberstand, begann jener Kopf, der ein einziges Maul war, wütend zu brüllen, und die Hände, nun nicht mehr zu zählen, krochen und sprangen und fuhren und flogen auf die Gesuchten zu. Indes waren auch Beine und Knie erschienen und stemmten sich auf den Grund und erhoben ruckhaft die Rümpfe, so daß die Köpfe gleich einem Wald über ihnen schwankten, und nun, da die Hände ihr Ziel umkreisten, schnatterten auch wieder Stimmen durcheinander, bis jene aus dem kopfweiten Maul alle anderen überschrie. - Franz Fühmann, Marsyas. Mythos und Traum. Leipzig 1993 (Reclam 1449, zuerst 1974 ff.)

Hand (4) Ich war erst spät zurückgekehrt und erwachte am nächsten Morgen mit einem merkwürdigen Gefühl. Vergebens blickte ich um mich, vergebens betrachtete ich die geschmackvolle Einrichtung und die großen Ausmaße meines Zimmers am Square, vergebens erkannte ich das Muster der Bettvorhänge und die Form des Mahagonirahmens wieder. Etwas deutete darauf hin, daß ich mich nicht da befand, wo ich sonst war, daß ich nicht da erwacht war, wo ich sonst lebte, sondern in dem kleinen Zimmer in Soho, wo ich in der Gestalt Edward Hydes zu schlafen pflegte. Ich lächelte über mich selbst und ging auf meine psychologische Weise schläfrig den Einzelheiten dieser Illusion nach. Dabei fiel ich zeitweilig wieder in einen angenehmen morgendlichen Halbschlummer. So lag ich da, als in einem Moment helleren Wachseins mein Blick auf meine Hand fiel! Nun war die Hand Henry Jekylls — wie Du schon oft bemerkt haben wirst — in Größe und Form von seinem Beruf gebildet: groß, kräftig, weiß und schmal.

Aber die Hand, die ich jetzt ganz deutlich im gelben Licht eines Londoner Morgens halb geschlossen auf der Bettdecke liegen sah, war dürr, faltig, knochig, von dunkler Färbung und dicht beschattet von schwärzlichem Haarwuchs. Es war die Hand Edward Hydes. - Robert Louis Stevenson, Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Hand (5)  

- Charles M. Schulz, You're my hero, Charlie Brown! London 1968 (Hodder Fawcett Coronet Books, zuerst ca. 1958)

Hand (6) HALLUZINATIONEN ÜBER EINE TOTE HAND

Ein Mann liest ruhig an seinem Schreibtisch. Es ist ungefähr elf Uhr nachts. Vor ihm ein dickes aufgeschlagenes Buch.

In diesem Moment hört man im Hintergrund eine übernatürliche Musik.

Aus der Ferne hören wir den Schrei eines Hahns. Wie ein Echo hört man denselben Schrei ein wenig näher, aber mit umgekehrter Lautfolge. Im Kamin brennt Feuer. Man vernimmt seltsame Geräusche. Eines davon erweckt die Aufmerksamkeit und die angstvollen Vermutungen des Mannes: Es ist, als ob eine Hand die Saiten eines Musikinstrumentes brutal zerrissen hätte.

Es ist elf Uhr nachts. Wir hören das Glockenspiel des Kirchturms seine Stunden schlagen und als Widerhall eines Echos dasselbe Glockenspiel, aber mit umgekehrter Klangfolge.

Der Mann schaut nach rechts. Er sieht die Schnur seiner Zimmerklingel schwanken, wie von einer Hand bewegt. Jetzt ist er wirklich alarmiert und schaut sich ängstlich um.

»Klick, klick, klick«.

(Ein Laut, der an das Schnippen des Mittelfingers gegen den Daumenrand erinnert).

»Klick, klick, klick«.

Ein Buch fällt aus dem Regal. Im Kamin zerfallen die Holzscheite.

Der Mann trocknet den Schweiß auf seiner Stirn mit einem großen Taschentuch, das er nervös vor sich auf den Tisch legt.

»Klick, klick, klick«.

Diesmal kommt das Geräusch vom Tisch, aus der Nähe des Taschentuchs. Der Mann ist sehr erschrocken.

Er sieht, wie sich das Taschentuch langsam bewegt. Seine Falten bewegen sich wie die Blütenblätter einer fleischfressenden Pflanze. (Diese Aufnahme und die folgenden mit dem Taschentuch und der Hand in Zeitlupe.)

Plötzlich erscheint zur größten Überraschung ein fürchterliches Gesicht in den Falten des Taschentuchs, wie ein Leichentuch davon umhüllt.

Das Gesicht hat keine Stirn, und zwischen den zwei winzigen und unmenschlichen schwarzen Augen entspringt eine spitze und weichliche Nase über einem zahnlosen und lediglich mit einem Unterkiefer versehenen Mund. Dieses Gesicht verwandelt sich langsam und unerwartet in eine Hand, die auf die entsetzte Person zuzukriechen beginnt.

(Das Gesicht wird von einer Hand gebildet, deren Mittelfinger die Nase darstellt, wobei der Daumen den Unterkiefer bildet. Die Augen sind zwei schwarze Punkte wie zwei Schrotkörner.)

Der Mann steht auf und weicht zurück, während die Hand weiterkriecht.

(In jedem Moment muß man die Hand kriechen und nicht laufen sehen, weil sie sonst sofort die Darstellung einer gemeinen Ratte assoziieren würde.)

Als die Hand den Rand des Tisches erreicht, fällt sie platt auf den Boden, wobei sie ein Geräusch macht ähnlich dem einer offenen Handfläche, die Teig klopft.

Die Hand bleibt einen Augenblick lang reglos und benommen auf dem Boden liegen.

Der Mann beginnt zu reagieren. Seine Angst verwandelt sich in Wut, aber er weicht noch zurück, als von neuem die Hand ihren Vormarsch beginnt. Der Mann besinnt sich und sucht in seinen Taschen herum, als versuche er eine Waffe zu finden. Er hat nichts. Er schaut sich um auf der Suche nach etwas, mit dem er seinen hartnäckigen Feind erledigen könnte.

In seiner Nähe sieht er auf einem schweren Marmorpodest eine kleine Bronzestatue. Schnell stellt er die Statue beiseite, hebt mit aller Kraft seiner Arme das Podest in die Höhe und läßt es mit wütender Entschlossenheit auf die unnachgiebige Hand fallen, Sie wird fast in Stücke gerissen. Zwei oder drei Finger schauen unter dem Podest hervor. Die Augen des Mannes weiten sich überrascht.

Das Podest kriecht in seine Richtung.

Die Hand hat es sich aufgeladen wie eine Schnecke ihr Gehäuse.

Er schiebt das Podest in aller Eile mit Fußtritten zurück und sich herunterbeugend, packt er die Hand am Mittelfinger. Die anderen Finger hängen jämmerlich herab, schlaff und unbewegt wie ein Handschuh.

Der Mann geht zum Fenster, öffnet es und wirft die Hand hinaus, aber kaum ist es ihm gelungen, sich ihrer zu entledigen, als die Hand wie von einem geisterhaften Wind geschoben zurückkommt und mit der offenen Handfläche gegen sein Gesicht prallt, wobei sie das charakteristische Geräusch einer Hand wiederholt, die Teig klopft.

Der Mann packt die Hand noch einmal und wirft sie aus dem Fenster, das er sofort schließt. Diesmal ist er sicher, sich von ihr befreit zu haben.

Noch keuchend kehrt er an seinen Schreibtisch zurück, als sich sein Gesicht schon wieder in Ekel und Entsetzen zusammenzieht. Mit den Händen auf seiner Brust und weitaufgerissenen Augen sieht er, wie die Finger der Hand langsam aus seinem halboffenen Hemd zum Vorschein kommen und die Hand aus seiner Brust heraustritt.

Wahnsinnig vor Wut ergreift er entschlossen das verstümmelte Körperteil und hält es wütend mit seiner linken Hand fest, während er mit der Rechten eine Dolch packt. Er geht zum Tisch und legt die tote Hand darauf.

Die beiden linken Hände, die lebendige und die tote. Der Zuschauer weiß nicht, welche der beiden Hände die tote ist.

Nahaufnahme des Mannes mit wutverzerrtem Gesicht und der erhobenen rechten Hand, in der er den Dolch hält, während er einen haßerfüllten Blick auf die auf dem Tisch liegenden Hände richtet. Er läßt den Dolch heruntersausen.

Nahaufnahme der beiden linken Hände. Der Dolch durchbohrt eine davon. Schmerzensschrei. Eine der Hände ist durch den Dolch am Tisch festgenagelt worden. Die andere beginnt zu kriechen. Der Mann hat seine eigene Hand durchbohrt.

Entschlossen zieht er den Dolch heraus und nagelt die kriechende tote Hand mit einem einfachen Dolchstoß am Tisch fest.  - (bun)

Hand (7)

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
7Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab‘ ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz mit dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans;
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume.

So zieh‘ ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit freut mich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

- Friedrich Schlegel

 Hand (8) Er war ein Mann von vierzig Jahren, hochgewachsen, hager, leicht gekrümmt, und hatte die Augen eines Visionärs, schwarze Augen, so schwarz, daß man die Pupillen nicht erkannte, unstete Augen, flackernd, krank, besessen. Welch eigentümliches, bedrückendes Wesen, das immer Unbehagen mit sich brachte, um sich ausbreitete, ein dumpfes Unbehagen der Seele, des Leibes, eine jener unbegreiflichen Nervenschwächungen, die an übernatürliche Einflüsse glauben lassen!

Er hatte einen peinlichen Tick: die Angewohnheit, seine Hände zu verstecken. Fast nie ließ er sie, wie das jeder tut, über Gegenstände, über Tische schweifen. Nie handhabte er herumliegende oder -stehende Dinge mit den Gesten, die sonst den Menschen eigen sind. Nie ließ er sie bloß, seine langen, knochigen, feinen, ein wenig fiebrigen Hände. Er stopfte sie in seine Taschen, steckte sie unter die Rockaufschläge; er verbarg sie, die Arme kreuzend, unter den Achselhöhlen. Er erweckte den Eindruck, als habe er Angst, sie könnten gegen seinen Willen etwas Verbotenes tun, könnten etwas Beschämendes oder Lächerliches begehen, wenn er sie frei und ihren eigenen Bewegungen überließe.

War er genötigt, sich ihrer zu ganz gewöhnlichen Verrichtungen des Lebens zu bedienen, tat er es mit schroffen, ruckhaften Bewegungen, mit raschen Schwüngen der Arme, wie wenn er ihnen keine Zeit lassen wollte, selbsttätig zu werden, sich seinem Willen zu verweigern, ihm zuwiderzuhandeln. Bei Tisch ergriff er Glas, Gabel oder Messer so geschwind, daß man nie vorauszusehen vermochte, was er vorhatte, bevor es nicht getan war.  - (nov)

Hand (9) Daß die Hände der Menschen so verschieden und sich so unähnlich sind, wie ihre Gesichter, ist eine Erfahrungssache, die keines Erweises bedarf.

So wenig man zwey sich vollkommen ähnliche Gesichter finden kann, so wenig wird man zwo sich vollkommen ähnliche Hände von zwo verschiedenen Personen finden. - Je ähnlicher sich die Gesichter, desto ähnlicher die Hände.

So verschieden die menschlichen Charakter überhaupt sind; so verschieden sind alle einzelne Theile ihres Körpers; und derselbe Grund von der Verschiedenheit ihrer Charakter ist es auch von der Verschiedenheit der Beschaffenheit aller ihrer einzelnen Gliedmaßen.

Diese Verschiedenheit des Charakters zeigt sich, zuverlässigen Erfahrungen zufolge, besonders auch in den Händen.

Abermal sonnenheller Beweis von der Allgewalt der Nichtbeobachtung, daß man hieran zweifeln kann.

Die Verschiedenheit ist so vielfach, als alle würkliche und mögliche Verhältnisse, Beziehungen, Veränderungen der Hände sind.

So ist z. E. eine sichtbare, wahrnehmliche Verschiedenheit ihrer Masse; ihrer Knochen; ihrer Nerven; ihrer Muskeln; ihres Fleisches; ihrer Festigkeit; ihrer Farbe; ihres Umrisses; ihrer Lage; ihrer Beweglichkeit; ihrer Anstrengung; ihrer Ruhe; ihrer Proportion; ihrer Länge; ihrer Rundung.

Es ist auffallend klar, daß jede Hand mit dem Körper, dessen Glied sie ist - natürlicher Weise - (das heißt außerordentliche Zufälle ausgenommen) in der möglichsten Analogie steht. Die Knochen, die Nerven, die Muskeln, das Blut, die Haut der Hand sind offenbar Fortsetzungen derselben Knochen, Nerven, Muskeln, desselben Blutes, derselben Haut des ganzen Körpers. Dasselbe Blut im Herzen, im Haupt und in der Hand. Die dem Kinde begreiflichste Sache, die nicht angeregt werden sollte; und doch angeregt werden muß - weil darauf das angestaunte, angelachte Geheimniß der Handphysiognomie beruht.

Nicht zu irgend einem andern Körper, als gerade zu dem, dem sie zugehört - kann irgend eine Hand passen.

Der Versuch kann alle Augenblicke gemacht werden -Man halte tausend Hände gegen Eine - unter allen tausenden nicht Eine wird an die Stelle derselben zu setzen seyn.

Aber Mahler und Bildhauer setzen doch aus allen ihnen vorkommenden und vorschwebenden Schönheiten - Eine homogene Gestalt zusammen - Also? -

Beweist ihr das Gegentheil von dem, was ihr beweisen wollt. Einmal - wäre viel von dieser Homogenität zu reden! wer soll davon urtheilen? Ich meyne der Physiognomist - oder Niemand - der Physiognomist, der die Harmonie der verschiedenen Theile des Körpers oft innig gefühlt - zergliedert und wieder zusammen gefühlt hat - und der Physiognomist? - der vermißt eben unaussprechlich oft diese Homogenität; der bemerkt eben beynahe in allen Werken der Kunst diese Zusammenflickung des Heterogenen. »Aber! wo nun dieß Homogene in die Augen fällt?« - da ist keine Zusammenflickung - da hat der Künstler sein Original - glücklich idealisirt? - Nein - ganz erträglich copiert - Ein Original - oder - das Zusammengelesene war analog - und ließ sich - zwar auch nicht zusammenflicken - sondern zusammenmassen - ansetzen und verstreichen - so daß es für homogen passiren konnte.

Gewiß bleibt's immer - und nicht nur gewiß, sondern auch klar - daß keine Hand, kein Finger der Natur an irgend einen andern Stumpf von Hand oder Arm - als gleichfortlaufend so, daß es nicht Flickwerk sey, angepaßt werden kann - Ob die Kunst, (die doch nichts, gar nichts als Nachahmerinn der Natur ist, seyn soll und seyn kann) gescheuter sey als die Natur - laß ich dahin gestellt seyn? Die Kunst, deren Wesen Beschneidung, Stümmelung, Flickwerk ist; übertüncht freylich, und wenn sie's aufs Höchste getrieben, hat sie unmerkbar übertüncht - Die Natur würkt von innen heraus; die Kunst von außen herein. Die Natur würkt auf alle Punkte - die Kunst auf Einen. Die Natur umfaßt das Ganze zugleich: Die Kunst immer nur Oberfläche; nur Einen Theil der Oberfläche. Wenn also Etwas am Menschen charakteristisch ist - oder welches gleich viel ist, wenn sich nicht alle Menschen in Bildung und Charakter vollkommen ähnlich sind - so ist auch die Hand besonderer Charakter des besondern Menschen, dem sie angehört. Sie ist also so gut, als irgend etwas, ein Gegenstand der Physiognomik - und ein sehr bedeutsamer - und vorzüglich bemerkenswerther Gegenstand - wegen ihrer Unverstellbarkeit sowohl, als wegen ihrer Beweglichkeit.

Ich sage wegen ihrer Unverstellbarkeit; denn der feinste Heuchler, und der schlaueste Verstellungskünstler kann weder an dem Umrisse, noch an der Farbe, noch an der Muskulosität, noch an der Länge, Kürze, Breite, Proportion der ganzen Hand, und ihrer einzelnen Theile das allermindeste verändern, oder dem Beobachter, wenn sich nicht die ganze Hand zurückzieht, verdecken. Und wenn sie sich auch verstellen könnte? - weil sie keine Augen hat - so hätte sie zur Verstellung weniger Versuchung.

Aber auch wegen ihrer Beweglichkeit. Kein beweglichers, artikulirteres Glied am menschlichen Körper. Mehr als zwanzig Gelenke und Charniren machen sie auf verschiedene Weise beweglich. Diese Beweglichkeit zeigt nicht nur den physiognomischen Charakter der Hand, mithin auch des Körpers, von dem sie ein so unmittelbarer Theil ist, sondern auch den Temperamentscharakter, und sehr viel von dem Charakter des Geistes und des Herzens.

Ruhend und bewegt spricht die Hand. Ruhend zeigt sie die natürlichen Anlagen - Bewegt mehr die Leidenschaften und Verrichtungen des Menschen.

Wie der ganze Körper, so die Hand! Wie die Bewegung des Körpers - so die der Hand!

Die Hand, Kleinod und Ehre der Menschheit - Siegel seines hohen göttlichen Adels - ist also auch Ausdruck der innern Menschheit. - (lav)

Hand (10) Nach einer weil kommt wieder die scheußliche stimme von oben aus der luft:

»Ich fall ich fall herunter!«
»Fall nur zu, wann es nicht grad auf mein teller ist!«

Kaum daß er ausgeredet, da purzelte auch schon eine menge gäns- und entenfüße auf den tisch herunter, mindestens LXXX an der zahl, eher mehr! Aber mein pandur ließ sich keine grausbirne wachsen, sondern wischte die abscheulichen zauberdinger vom tische, aß und trank weiter, bis er sich kaum mehr heben konnte und da er nun satt war, ging er zur tobacksdose hin, welche er schon beim eintreten ausgekundschaftet, und wollte sich eben ein pfeifchen kanaster stopfen, als er zum dritten mal die stimme von oben vernahm, diesmal so laut und dermaßen scheußlich, daß außer dem wolgemuten panduren freilich nur wenige ihren platz behauptet hätten.

»Ich fall ich fall herunter!«
»So fall ins teufels namen mir nicht etwan in meinen tschibuk

Da klatschte die abgeschlagene hand der frau wirtin herunter, hatte einen dohlenkopf und kroch langsam eine runde um den tischrand. Dann hüpfte sie auf die küchendielen und kam auf den unerschrockenen Soldaten, dem nun doch ein ekelhafter grausen anging, zu, richtete sich an zeige- und mittelfinger hoch und sprach: »Für heute hastu noch einmal glück gehabt und die richtigen antworten gewußt. Hättest du auch nur einen augenblick gezögert, so wären dir die XC eselsohren oder die LXXX entenfüße oder letztlich ich selber in deinen hals gefahren, schnurgrad vom teller weg in die gurgel, daß dir die luft wär fortgeblieben und du hättest jämmerlich müssen ersticken

Dann fing irgendwo ein hahn zu schreien an und das kleine ungetüm flatterte höher und höher und verschwand endlich in der Zimmerdecke. - (hus)

Hand (11) Mit geöffneten Nasenlöchern und brennenden Augen reckten sie sich gierig vor, sehnsüchtig nach dem weißen Pulver verlangend, wie Schiffbrüchige, die um ein Eckchen in der Schaluppe kämpfen.

Tito Arnaudi betrachtete diese wirren und ineinander verschlungenen Körper, getrieben von der gleichen Begierde um eine Metallschachtel. Vier selbsttätige Elemente eines einzigen Ungeheuers, das sich gierig um eine kleine geheimnisvolle Beute windet und dreht, die sich aus der gemeinen pharmazeutischen Brutalität zur Würde eines Symbols erhebt. Tito schaute hin, aber er sah nichts als Hände, wie erstarrt im Schmerz, Hände mit knochigen, bleichen, gekrümmten Fingern, die sich zu Fäusten schlössen, so daß die Nägel sich in ihre Handflächen bohlten, um einen Schrei zu ersticken oder ein Verlangen zu beschwichtigen, oder um dem Schmerz eine andere Gestalt zu geben, oder um das Martyrium anderswohin zu lokalisieren. Die Hände der Kokainsüchtigen vergißt man nicht. Sie scheinen ihr eigenes Leben zu leben, sich früher als die anderen Körperteile auf das Sterben vorzubereiten und immer einen bevorstehenden Kampf mit Mühe zurückzuhalten.

Die Augen, bald belebt von der Qual der Erwartung und bald matt und kraftlos von furchtbarer, durch das Fehlen des Giftes verursachter Melancholie, haben ein unheimliches Leuchten, etwas Erstorbenes, mit dem Tode ringendes Totes, während die Nasenflügel sich in ungeheuerlicher Weise weiten, um hier und da vielleicht in der Luft verstreute Moleküle von Kokain einzuatmen.

Bevor Tito noch Zeit gehabt hätte, sich zu bedienen, steckten die vier Frauen ihre Finger in die Schachtel, und vorsichtig die andere offene Hand gleichsam als Teller unterhaltend, zogen sie sich an die Wände zurück, wie ein Hund, der, nachdem er einen Knochen gestohlen hat, einen entfernten Winkel aufsucht, um ihn zu verzehren. Alle Augenblicke sahen sie sich, während sie das kostbare Pulver an die geblähten und einsaugenden Nasenlöcher brachten, mißtrauisch um. - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

Hand (12) Die Hand ist das wesentliche Werkzeug des Tastsinns. Der Tastsinn ist nun derjenige Sinn, der am wenigsten unvollkommen alle anderen vertritt, durch die er seinerseits nie ersetzt werden kann. Die Hand allein hat alles das ausgeführt, was der Mensch bisher geistig erschaffen hat. Sie ist also in gewisser Weise die Aktion selbst. Die ganze Summe unserer Kraft geht durch sie hindurch, und es ist zu beachten, daß die Menschen mit mächtiger Intelligenz fast alle schöne Hände gehabt haben, deren Vollkommenheit der auszeichnende Charakter einer hohen Bestimmung ist. Jesus Christus hat seine Wunder durch Handauflegung getan. Die Hand strömt das Leben aus, und überall, wo sie sich hinlegt, hinterläßt sie die Spuren einer magischen Macht; weshalb sie auch zur Hälfte an allen Freuden der Liebe beteiligt ist. Sie verrät dem Arzt alle Geheimnisse unseres Organismus. Mehr als irgendein anderer Teil des Körpers strömt sie die Nervenfluida oder die unbekannte Substanz aus, die man mangels einer anderen Bezeichnung Willen nennen muß.  - Balzac, nach Ernst Robert Curtius, Balzac. Bern 1951

Hand (13)  Meine zwei Hände begannen einen Kampf. Das Buch, in dem ich gelesen hatte, klappten sie zu und schoben es beiseite, damit es nicht störe. Mir salutierten sie und ernannten mich zum Schiedsrichter. Und schon hatten sie die Finger ineinander verschränkt und schon jagten sie am Tischrand hin, bald nach rechts, bald nach links, je nach dem Überdruck der einen oder der andern. Ich ließ keinen Blick von ihnen. Sind es meine Hände, muß ich ein gerechter Richter sein, sonst halse ich mir selbst die Leiden eines falschen Schiedsspruchs auf. Aber mein Amt ist nicht leicht, im Dunkel zwischen den Handtellern werden verschiedene Kniffe angewendet, die ich nicht unbeachtet lassen darf, ich drücke deshalb das Kinn an den Tisch und nun entgeht mir nichts. Mein Leben lang habe ich die Rechte, ohne es gegen die Linke böse zu meinen, bevorzugt. Hätte doch die Linke einmal etwas gesagt, ich hätte, nachgiebig und rechtlich wie ich bin, gleich den Mißbrauch eingestellt. Aber sie muckste nicht, hing an mir hinunter und während etwa die Rechte auf der Gasse meinen Hut schwang, tastete die Linke ängstlich meinen Schenkel ab. Das war eine schlechte Vorbereitung zum Kampf, der jetzt vor sich geht. Wie willst Du auf die Dauer, linkes Handgelenk, gegen dieses gewaltige rechte Dich stemmen? Wie Deinen mädchenhaften Finger in der Klemme der fünf andern behaupten? Das scheint mir kein Kampf mehr, sondern natürliches Ende der Linken. Schon ist sie in die äußerste linke Ecke des Tisches gedrängt, und an ihr regelmäßig auf und nieder schwingend wie ein Maschinenkolben die Rechte. Bekäme ich angesichts dieser Not nicht den erlösenden Gedanken, daß es meine eigenen Hände sind, die hier im Kampf stehn und daß ich sie mit einem leichten Ruck voneinander wegziehn kann und damit Kamp fund Not beenden - bekäme ich diesen Gedanken nicht, die Linke wäre aus dem Gelenk gebrochen, vom Tisch geschleudert worden und dann vielleicht die Rechte in der Zügellosigkeit des Siegers wie der fünfköpfige Höllenhund mir selbst ins aufmerksame Gesicht gefahren. Statt dessen liegen die zwei jetzt übereinander, die Rechte streichelt den Rücken der Linken und ich unehrlicher Schiedsrichter nicke dazu.  - (kaf)

Hand (14) Die Hand verdankt ihre Entstehung dem Leben auf Bäumen. Ihr erstes Kennzeichen ist die Absonderung des Daumens: seine kräftige Ausbildung und der größere Zwischenraum, der sich zwischen ihm und den übrigen Fingern bildet, erlaubt die Verwendung dessen, was einmal Kralle war, zum Ergreifen ganzer Äste. Die Fortbewegung auf Bäumen in jeder Richtung wird dadurch zu einer leichten und natürlichen Angelegenheit; an den Affen sieht man, was Hände wert sind. - (cane)

Hand (15) Herr von Sy stammte aus dem Hause von Bourlemont in Lothringen, aber er lebte in der Champagne. Seine Frau war eine der schönsten Frauen und er einer der erbärmlichsten Männer der Welt. In sie verliebt, es war zu Beginn ihrer Ehe, schob er ihr vertraulich in Gegenwart des verstorbenen Herrn Grafen, Statthalter der Champagne, die Hand unter den Rock. Deshalb erging es ihm, wie er es verdiente, denn der Herr Graf machte ihn zum Hahnrei.  - (tal)

Hand (16) Mir scheint, ich schreibe wieder recht gut. Gott sei Dank! Wenigstens für die ersten Zeilen kann ich die Verantwortung übernehmen. Denn Sie müssen wissen, meine liebe Tochter, daß meine Hände, das heißt die rechte Hand, noch gar keine Vernunft annimmt, ausgenommen um Ihnen zu schreiben, was immerhin ein Grund ist, ihr etwas freundlicher gesinnt zu sein. Will man ihr jedoch einen Löffel reichen, so geht sie nicht darauf ein. Sie zittert und verschüttet alles; man bittet sie noch um dies und jenes, sie lehnt einfach ab und verlangt dafür noch Dankbarkeit. Somit verlange ich nichts mehr von ihr, bin von bewundernswerter Geduld und erwarte meine Freiheit von der Wärme und von Vichy.   - (sev)

Hand (17)  Sie erzählte, wie sie dagelegen hatte in der Dunkelheit, neben dem schnarchenden Gowan, wie sie dem Liesch gelauscht und die Finsternis durchhorcht hatte, die voller Bewegungen war, und wie sie gespürt hatte, wie Popeye herankam. Sie hatte das Blut in ihren Adern pochen hören, und die kleinen Muskeln in ihren Augenwinkeln waren ganz schwach immer weiter und weiter aufgesprungen, und sie hatte gespürt, wie ihre Nasenflügel abwechselnd kalt und warm wurden. Dann hatte er über ihr gestanden, und sie hatte immerfort gesagt. Komm doch. Faß mich an. Faß mich an! Du bist ein Feigling, wenn du's nicht tust. Feigling! Feigling!

»Ich wollte endlich einschlafen können, verstehn Sie. Und er stand bloß einfach weiter da. Ich dachte, wenn er doch bloß endlich macht, daß ich's hinter mir habe und einschlafen kann. Deshalb hab ich gesagt, du bist ein Feigling, wenn du's nicht tust! Du bist ein Feigling, wenn du's nicht tust! und ich hab schon richtig gespürt, wie mein Mund anfangen wollte zu schreien und die kleine heiße Kugel in einem drin, die schreit. Dann hat er mich angefaßt, mit der widerlichen kleinen kalten Hand, und in dem Mantel rumgefummelt, wo ich nackig war. Es war wie lebendiges Eis, die Hand, und meine Haut ist richtig zurückgesprungen davor, wie diese kleinen Fliegefische vorne vor einem Schiff. Es war so, wie wenn meine Haut genau gewußt hätte, wo die Hand hingeht, bevor daß sie sich da wirklich hinbewegte, und meine Haut ist immer weggezuckt vorher, wie wenn dann da nichts mehr wäre, wenn die Hand hinkam.« - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981 (detebe Klassiker 20 802, zuerst 1931)

Hand (18)  Sobald der Verurteilte auf der Insel ankommt, wickelt man seine Hände in die Haut eines frisch geschlachteten Büffels ein und näht sie fest zusammen. Mit der Zeit trocknet die Büffelhaut, zieht sich zusammen und umspannt die Hände enger und enger; bald ist es unmöglich, sie wieder zu entfernen. In diesem Zustand liefert man den Verurteilten einem qualvollen Tode aus. Sich selbst vermag er nicht zu helfen, zu essen gibt es nichts, und wenn er sich von Gras ernähren will, dann muß er auf der Erde kriechen.   - (polo)

Hand (19)   Es kam ihm vor, als säßen rings auf dem hölzernen Wall, der um die Burg hergeführt war, die alten Götter hoch, hoch auf den Zinnen, einer neben dem andern. Zunächst am Tore saß Odin, groß wie ein Turm, aber ganz grau; dann kam Frigga, die saß sehr gerade und hatte ihre Schleier so vielfach und wunderlich um sich geschlagen, daß man sie beinah für eine Hängebirke im Nebel hätte halten mögen; dann Thor, der sähe sehr wild aus und wollte immer mit seinem Hammer donnern, aber jedesmal, daß er donnern wollte, kam es wie ein kühles Lüftchen aus Morgen und wehte den Donner weg. Nicht weit von ihm saß Freia, die konnte man aber beinahe nur für einen Mond halten, mit der Ausnahme jedoch, daß ihre Züge nicht so barsch und seltsam aussahen wie das Gesicht, das sich manchmal im Monde zeigt, sondern einen Anblick gaben wie das bleiche Antlitz einer schönen gestorbenen Frau. Der tote Baldur fehlte auch nicht in der Reihe. Aber der war kaum mehr anmutig zu nennen, so ohnmächtig nickte er mit dem schönen Kopfe in den Schloßhof hinunter und spritzte bei jeder Bewegung aus der dunklen Herzenswunde Blut. Endlich war es, als neigte er sich gar mit seinem Nicken zu den Fenstern der Halle herein und faßte Thidrandis Hand. Der erschrak davor und riß sich so heftig los, daß er erwachte.    - Friedrich de la Motte Fouqué, Die eifernden Göttinnen. München 1977. In: Ders., Romantische Erzählungen (zuerst 1818)

Hand (20)  Weh den tollen Propheten / die jrem eigen Geist folgen / vnd haben doch nicht Gesichte. O Jsrael / Deine Propheten sind / wie die Füchse in den Wüsten, Sie tretten nicht für die Lücken / vnd machen sich nicht zur Hürten vmb das haus Jsrael / vnd stehen nicht im streit / am tage des HERRN. Jr Gesichte ist nichts / vnd jr weissagen ist eitel Lügen. Sie sprechen / Der HERR hats gesagt / So sie doch der HERR nicht gesand hat / vnd mühen sich / das sie jr ding erhalten. Jsts nicht also / das ewr Gesichte ist nichts / vnd ewr weissagen ist eitel Lügen? Vnd sprecht doch / der HERR hats geredt / So ichs doch nicht geredt habe.

DArumb spricht der HErr HERR also / Weil jr das predigt / da nichts aus wird / vnd Lügen weissagt / So wil ich an euch / spricht der HErr HERR / vnd meine Hand sol körnen vber die Propheten / so das predigen / da nichts aus wird.  - Hesekiel 13

Hand (21)  Als er in seinem Hotelzimmer saß, holte er Anitas Hand, die er sorgfältig an seiner Brust geborgen hatte, hervor. Er hatte die Tür abgesperrt. Draußen vor dem Fenster stand die Nacht. Er legte die in Gips gegossene Hand vor sich auf den Tisch hin und war versunken in ihren Anblick. Er besann sich jenes Abends vor drei Tagen und des Zwanges, der seine Gedanken gegen seinen Willen plötzlich bei Anita festgehalten hatte. Er dachte an seine, an der übrigen Sitzungsteilnehmer Freude über das gelungene Experiment. Er erinnerte si.ch des grauenhaften Augenblicks, da er den Ring, da er die Hand erkannte, jenes Augenblicks, der ihm Kunde und Gewißheit von Anitas Tod brachte. An dem Tage, da er und seine Genossen sich zusammengefunden hatten, war sie gestorben. Ihr erster Gruß hatte ihm gegolten. Ihm, dem Undankbaren, der sie und ihre Liebe vergessen hatte...

Der Tag verrann. Die Uhr schlug Stunde um Stunde. George Poultney saß vor Anitas Hand, und seine brennenden Augen waren auf das weiße Gebilde gerichtet. Plötzlich geschah etwas Sonderbares: der Ring, der am kleinen Finger saß, begann sich zu drehen.

Drehte sich hin und her, von rechts nach links und umgekehrt. George Poultney hatte den Eindruck, als wolle eine unsichtbare Kraft den Ring vom Finger entfernen. Er starrte unbewegt auf den unheimlichen Vorgang.

Am Knöchel des kleinen Fingers saß plötzlich ein Riß, der sich blitzartig um den ganzen Finger wand. Er mutete an wie ein  Schnitt. Der Knochen lag frei... ein deutlich und unzweifelhaft zu erkennender Knochen, wenn auch nur aus Gips. Dann brach der Finger ab, rollte bis zur Tischkante und fiel herab. Zu Boden. Poultney faßte nach dem herabgefallenen Finger. Der Ring fehlte. Er suchte, suchte. Umsonst. Der Ring blieb verschwunden.   - Paul Frank, Phänomene. In: Jenseits der Träume. Seltsame Geschichten vom Anfang des Jahrhunderts. Hg. Robert N. Bloch. Fankfurt am Main 1990 (st 1595, zuerst 1922)

Hand (22)  Wir hatten zum Essen keine Kerzen angezündet, allmählich war das Zwielicht des Zimmers in Dämmerung übergegangen, die Wände und Ecken waren kaum noch zu erkennen. Als ich mir noch überlegte, was ich Francis sagen wollte, hatte ich von meinem Platz aus hinaus auf die Straße gesehen: plötzlich begann der Himmel aufzuflammen und zu leuchten wie neulich abends; in der Lücke zwischen zwei dunklen steinernen Massen aus Häusern erschien ein erhabener Flammenschein — Wolkengebilde schienen in grellen Wirbeln zu verglühen, eine graue Masse türmte sich zum Himmel auf wie der Qualm einer rauchenden Stadt, ein böser, feurig getönter Glanz blitzte auf und vereinigte sich mit noch helleren Feuerzungen, und weiter unten war der Himmel wie ein tiefer, blutiger See. Ich hatte meinen Bruder angeschaut, der seinerseits mich anblickte, und meine Worte waren mir im Munde erstorben, als ich seine Hand sah, die auf dem Tische lag. Zwischen Daumen und Zeigefinger sah ich ein Mal, einen kleinen Flecken von der Größe eines Sixpence, dessen Farbe der einer Wunde ähnelte. Doch irgendwoher wußte ich, daß das keine Wunde war; was ich sah, war vielmehr wie brennendes menschliches Fleisch, war eine pechschwarze Flamme. Ohne daß ich das damals in meiner unsagbaren Angst hätte aussprechen können, ohne daß ich auch nur ein Wort dafür kannte, wußte ich doch in innerster Seele, daß es eine Art Brandmal war. Für einen Moment verfärbte sich der Himmel tief schwarz.  - Arthur Machen, Die Geschichte vom weißen Pulver. In: A.M., Die leuchtende Pyramide. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 16, Hg. Jorge Luis Borges.

Hand (23) Wenn ich nächtens allein über die Moorhaide zog, blies ich auf der Bockspfeife; — insonderheit, so oft der Vollmond schien, überkam mich die Lust dazu und war mir dabei, als liefen die Töne mir durch den Rücken hinab wie Gebete der Verkehrtheit bis hinunter in die wandernden Füße und von da in den Schoß der Erde. — Und einmal um Mitternacht — es war gerade der erste Mai und das Druidenfest, und der volle Mond war im Abnehmen begriffen — da hielt mich aus dem schwarzen Boden heraus eine unsichtbare Hand am Fuße fest, daß ich keinen Schritt mehr weiter konnte; und ich stand wie angefesselt; und ich auch sofort aufhörte zu pfeifen. Kam da ein eiskaltes Blasen, wie mich bedünkte, aus einem runden Loch in der Erden dicht vor mir und hauchte mich an, daß ich erstarrte vom Scheitel bis zur Zehe, und da ich es auch fühlte im Genick, so drehte ich mich um und sah hinter mir stehen Einen, der war wie ein Hirte, denn er hatte einen langen Stab in der Hand, oben gegabelt wie ein großes Ypsilon. Hinter ihm eine Heerde schwarzer Schafe.    - Gustav Meyrink, Der Engel vom westlichen Fenster. München 1984 (zuerst 1927)

Hand (24) Nachts, wenn die einsetzende hypnagogische Auflockerung dich weniger nachsichtig macht gegenüber der Taschenspielerei der Kontinuierlichkeit, wirst auch du dir selber schon in die Hände gelaufen sein: fleischige Scheren, blutige Greifzangen und Haken, Fangarme und Greifer, die aufgeschraubt und aufgepflanzt sind an den Grenzen von Seele & Körper. Spitzzulaufende, gedungene Mörderinnen, unverschämt, ein wenig obszön, nackt. Und du wirst Geäder darauf entdeckt haben, verborgne Nagelmonde, um nicht zu reden vom Irrgarten der niedurchlaufenen Linien der Handfläche, hermetischer Stadtplan, dir in den Körper geschraubt. Du gebrauchst sie als unterwürfige Besorgerinnen, geschickt und dienstfertig für Anus und Genitalien deiner selbst und anderer; Häkler kler der Seele, die unsterblich ist. Nun aber, selbständig, händelsüchtig, zeigen sie Zuckungen, Süchte, Gelüste, Ekel, Unruhe, Zorn, Beschuldigungen, verlangen danach zu streicheln, zu krallen, an der Gurgel zu packen, zu quetschen, zu würgen, zu zermalmen. Es genügt ihnen nicht, dir diensteifrige Belegschaft zu sein: sie stellen die Ideologie der Nägel zusammen. Sie wollen nicht mehr deine gedungenen Meuchler sein: sondern du sollst ihr Hehler sein. Du sträubst dich; überschlägst im Geist wie lang's noch währt bis zum freien Ausgang des Todes; suchst Zeit zu gewinnen, blaß und bleich. Schließlich lassen sie dich im Stich: der Onkel Daumen, fett und stumpf, der kleine Finger, Spitzel und Bastard, der drohende und pfäffische Zeigefinger, der unaufrichtige gefühlsduselige Ringfinger, der Mittelfinger, lasterhafter Nachäffer des Phallus; und du wälzst dich verzweifelt auf dem Bürgersteig, sabbernder und zittriger Bettler, und wickelst den traurigen Armstumpf in den Strumpf der geliebten Frau.   - Giorgio Manganelli, Niederauffahrt. Berlin 1987 (Wagenbach Quarthefte 20/21, zuerst 1964)

Hand (25)  Der Wind hat nachgelassen, und nachmittags bin ich auf den Stränden umhergeschlendert - es ist heiß geworden -, doch abends war ein Gewitter, gerundete Wolken, riesigen Kugeln ahnlich, bauchigen Kugeln, denen aus den hängenden Bäuchen flinke, in Fetzen zerreißende Wölkchen krochen. Alles das begann sich einzuengen, zu verdichten, zu lasten, zu nahen, zu erstarren, zu spannen, ohne jeden Blitz, im Dunkel des Abends, von dem Dunkel des Gewitters verstärkt.

Dann brausten die gequälten Bäume auf im Strudel der verrückten Sturmstöße des Windes, der sich in Konvulsionen nach allen Seiten warf, und endlich brach das Ungewitter los, in einem zackige Blitze speienden Halbkreis entsetzlich brüllend. Das Haus knarrte, die Fensterläden krachten. Ich wollte das Licht anzünden - nein, die Drähte waren gerissen. Ein Wolkenbruch. Ich sitze im Dunkehl im zuckenden Scheine der Blitze. »Der Himmel verdüsterte sich, aber er leuchtete wie der Anblick der satanischen Metropole« - phosphoreszierend ohne Unterlaß, und zwischen den sich wälzenden Wolken etwas wie Irrlichter und unaufhörlicher Donner. Ha, ha. Ich fühlte mich nicht sehr sicher. Wie man zu sagen pflegt: »Welch eine Nacht l C'est à ne pas mettre un chien dehors.« Ich stand auf, ging ein paarmal durchs Zimmer, und plötzlich streckte ich die Hand aus, ich weiß selber nicht warum - vielleicht weil ich, mich fürchtend, gleichzeitig mit meiner Furcht spielte. Es war dies eine unbegründete Geste und daher eine irgendwie gefährliche - in solch einem Augenblick, in diesen Umständen.

Da hielt das Gewitter inne. Regen, Wind, Donner, Blitzen - alles war zu Ende. Stille.

Niemals hatte ich etwas Derartiges gesehen.

Aufhalten eines Gewitters in vollem Toben ist wunderbarer als ein Pferd in vollem Galopp zu parieren, diese Plötzlichkeit - als ob es jemand im Dahinrasen durchtrennt hätte. Man muß das verstehen: ein Gewitter, das sich nicht auf natürliche Weise erschöpft hat, aber unterbrochen worden ist. Und eine ungesunde, erstarrende Schwärze, irgendeine Krankheit, etwas Pathologisches in der Weite. Ich, versteht sich, war nicht so verrückt zu glauben, daß meine Geste das Gewitter aufgehalten hatte. Aber ich streckte - aus Neugier - die Hand wieder aus, jetzt in einem völlig dunklen Zimmer - und was ? — Sturmwind, Regen, Donner, wieder ging es los!

Ein drittes Mal streckte ich die Hand nicht aus.  - (gom)

Hand (26) Du legst eine bequeme Jacke an, die mit Sensoren und muskelartigen Antrieben gefüttert ist. Jede Bewegung deines Arms, deiner Hand und deiner Finger wird andernorts von beweglichen mechanischen Händen reproduziert. Flink, geschickt und stark, wie sie sind, verfügen diese Hände über eigene Sensoren, durch die du siehst und fühlst, was vorgeht. Mit Hilfe dieses Instruments kannst du "arbeiten", wo du willst: in einem anderen Raum, einer anderen Stadt, einem anderen Land oder auf einem anderen Planeten. Deine ferngesteuerte Präsenz besitzt die Kraft eines Giganten oder auch die Feinfühligkeit eines Chirurgen. Hitze oder Schmerz wird in wahrnehmbare, aber erträgliche Empfindungen übersetzt. Dein gefährliches Geschäft wird ungefährlich und angenehm.  - Marvin Minsky, nach: Einsicht ins Ich. Fantasien und Reflexionen über Selbst und Seele.  Hg. Douglas R. Hofstadter und Daniel C. Dennett.  München 1992

Hand (27)  Hier eine Tafel - worüber ich wenig zu sagen weiß; weil sie nur nach Zeichnungen aus der Papiertasche eines geschickten Mahlers copiert sind. Was ich drüber sage, ist

 Damenhände

 bloß dunkles physiognomisches Gefühl, denn ich glaube nicht, daß ich über fünf oder sechs Frauenzimmerhände nur angesehen habe. Die fünfte und neunte ausgenommen, alles weibliche Hände; und selber die fünfte und neunte von weiblicher Zartheit. -

Unter allen keine rohe, gewaltsame, freche, alle von zartreinlichen, edeln Personen.

1. und 3. wettstreitend mit 5. um den Ausdruck von Reinheit und Adel.

2. scheint weichlicher als 1. und 3. und weniger Frauenzimmerkunstfertigkeit zu besitzen.

4. noch zarter und noch weniger kunstgeschickt.

5. Ich wollte fast wetten dürfen - sie ist eines äußerst edeln, reinlichen, Geschmackvollen Zeichners - ohne Genie.

6. Ich finde sie ohn' alle Größe und Kleinheit sehr sanft und edel.

7. Diese scheint mehr Adel und Größe zu haben.

8. Herzgut und mittheilsam und — sehr weichlich,

9. Mag von einem ganz feinen, guten, zarten Manne seyn, der aber gewiß nie was Großes unternehmen konnte.

Wenn ich eine Gesellschaft von guten mitleidigen Menschen zeichnen wollte, ich würde von diesem Blatte wenigstens acht dazu entlehnen. - (lav)

Hand (28)

Herr und Hand

- F. W. Bernstein

Hand (29)

- Attack of the 50 Foot-Woman

Hand (30) Er spielte mit seinem gefüllten Weinglas, indem er es mit den Fingern seiner einen Hand am Stiel faßte und langsam drehte, während die andere Hand unbeweglich auf dem Tische lag, als wäre sie ein Tier auf der Lauer. Diese Hand, dies selbständige Wesen, war knochig und ziemlich groß, gepflegt - und doch von einer mehr rauhen als weichen Haut überzogen. Ich versuchte, sie mit mir bekannten Händen zu vergleichen. Sie erinnerte mich plötzlich an jene verwitterte lothringische Bauernhand des Adam von der Kirche zu Mont. Ich begriff, daß auch diese alt war, viel älter als der Mensch mit seinen vierundzwanzig Jahren. Sie hatte Wälder gerodet und Bäche umgeleitet, Steine getragen und den Pflug geführt, Hörige gepeitscht und Hirsche ausgeweidet, mühsam die Feder geführt und Weinbecher zerbeult, gekämpft, gestritten und feige Griffe getan.

Ich forderte meinen Gast hastig auf zu trinken. Er hob das Glas mit der spielenden Hand. Die andere, als wäre sie nicht sein Eigentum, blieb unbeweglich wie ein Stein, nicht kostbarer und schlechter als ein Stein, den man aufhebt oder liegen läßt.- (jah)

Hand (31) Mir bleibt diese Hand von dir, in einem deutlichen Lichtfleck neben meinem Auge, auf dem verrafften Bettstoff, mir bleibt besonders die Idee, die Zeigefinger und Mittelfinger dieser Hand bilden, die gespreizt sind, auf ihre Spitzen gestützt, und mit in das Laken gedrückten, kaum sichtbaren Nägeln; die mittleren Gelenke dieser Finger in gewisser Höhe eingeknickt, gerade so, daß ich sie mit zwei zu rechten Winkeln gebeugten Kniegelenken vergleichen kann, während das innere Ende der Finger, mit dem sie in den Handteller übergehen, seine milden Wölbungen auf dem Bett aufliegen läßt. Auf den gespannt klaffenden Zusammenschluß beider Finger, in dem ein sich nie verfärbendes, letztes Weiß von Haut wäre, in diesen echauffiert geöffneten Schritt der Finger, haarlos und duftlos..., der im Halbschlaf der Hand sich offenlegte zu einem von Wildhaut überwachsenen, obszön geschlossenen Schlitz, vor einem aufs Gehirn zu gesteuerten Hautschlauch voller trüber Nässe, saugfähig, muskelberingt, ein von außen umschlungenes Halsinneres, das unter hektisch fließenden Serumsfluten schluckte, schluckte, ohne hinab, hinauf würgen zu können, dem zäh gleitenden Bewegungsstil einer banalen Hydraulik begierig erlegen, in lauwarm gewordenem Wasser inmitten gekochter Luft, den Abfluß eines Atems erwartend, der Erwachen verhindert, leer und dunkel, daß endlich entgegen aller Abmachung, fern aller maschinell fabrizierten Bewegungen, etwas wie ein bodenloser Spalt mit einem fad erglänzten, im Nu schwarzen Licht sich verstopfe, knisterndes dickgeschäumtes Dunkel, hartgerieben und stechend im Schneidegras irgendwelcher ideeller Ufer, maschinenölfarben, endlich Arsenik und Mohn, Chloroform und Hafer..., auf diesen einzig noch nicht mißbrauchten, noch nicht umhurten Fleck deiner Haut, zwischen deinen Fingern, ist nun der letzte Morgenschatten gefallen, der wochenlange Dunst vor dem Fenster ist einem Sonnenschein gewichen, der mit dem aufstrahlenden Tönen der Fabriksirene plötzlich von unvermuteter Stärke war. — Ich müßte, wollte ich mit einem langen Blick den Schatten über diesem Hautwinkel durchdringen, mich im Bett rühren. Dies aber würde deinen Mann wecken, dessen Schlaf an deiner Schulter, unter deiner Wange immer schwächer wird. Jeder meiner Gedanken an ihn ist vergiftet von Eifersucht..., und ich wünsche ihm jenen trügerischen Traum, mit dem ich die Fabrik verließ. Mit dem ich die ungeteilte Männerwelt der Fabrik verließ, um in die geteilte Welt einzutreten, ins Exil der Intelligenz..., wo Form und Inhalt endlich passen, o intelligente Hydraulik. - Doch ich weiß nicht, welcher von den beiden Männern, links und rechts von dir, ich eigentlich bin.  - (hilb)

Hand (32)  Ich ließ sie des Abends herein, indem ich ihr ein wenig den Flügel des Fensters öffnete, das auf den Garten geht, und die Hand ließ sich leicht auf den Rand des Schreibtisches herab, sich gerade nur auf ihren Ballen stützend, die Finger in der Luft und wie zerstreut, bis sie auf dem Klavier, auf dem Rahmen eines Porträtbildes und manchmal auch auf dem weinroten Teppich ihren Lieblingsplatz fand. Ich mochte diese Hand, denn sie hatte nichts Unbescheidenes an sich, dafür viel von einem Vogel und einem welken Blatt. Was wußte sie von mir? Ohne zu zögern, kam sie des Abends an mein Fenster, manchmal in Eile — wobei ihr kleiner Schatten plötzlich auf meine Papiere fiel - und wie inständig mich bittend, ihr doch zu öffnen; andere Male langsam, das Spalier des Efeus hochkommend, in dem sie sich durch ihr wiederholtes Hinaufklettern einen tiefen Pfad gebahnt hatte. Die Tauben des Hauses kannten sie gut; morgens hörte ich oft ein sehnsüchtiges und langanhaltendes Gurren, denn dann strich die Hand durch die Nester, groß sich spreizend, um die kreideweiße Brust der Jüngsten und die gesträubten Federn der eifersüchtigen Männchen zu umfassen. Sie liebte die Tauben und die Krüge mit frischem, klarem Wasser; wie oft sah ich sie auf dem Rand eines Kristallglases, einen Finger leicht ins Wasser getaucht, das daran Gefallen fand und tanzte. Nie berührte ich sie; ich wußte, daß ich damit grausam die Fäden eines geheimnisvollen Geschehens zertrennt hätte. Und so manchen Tag streifte die Hand zwischen meinen Sachen umher, schlug Bücher und Hefte auf, legte ihren Zeigefinger - mit dem sie zweifellos las - auf meine Lieblingsgedichte, und es war, als hieße sie diese Vers um Vers für gut.  - (cort)

Hand (33)  Identifizieren Sie sich, wiederholte die Stimme. Legen Sie Ihre Hand in den Realisator oder sprechen Sie die Formel.

Neben der Schleusentüre, vor der Onak stand, schob sich plötzlich die Wand auseinander und eine viereckige Aussparung wurde sichtbar. Onak legte seine Hand in die Öffnung, zog sie aber sofort wieder blitzschnell zurück. Man konnte ihn hier noch nicht kennen. Wie wollten ihn die Boóten identifizieren.

Ich muß den Fürsten sprechen, sagte er. Ich komme aus Belgara. Es geht um die Barriere. Sie ist wiederum ein Stück weitergewandert. Jetzt hat sie das Gebirge fast erreicht. Wir können dort nicht überleben. Man glaubt... Er brach ab und starrte auf die Hand, die aus der Öffnung ragte und sich mit tastenden Bewegungen auf ihn zuschob.

Ich bin Gesandter der From. Ich muß den Fürsten sprechen, sagte er hastig. Ich komme nicht als Feind.

Feind, echote die Stimme.

Nicht Feind, korrigierte Onak. Ich überbringe eine Nachricht an den Fürsten. Stellen Sie mich ihm gegenüber. Er erkennt es. Er weiß... Man hat mir gesagt... Wieder brach Onak ab. Die Hand ragte, nun über eine Körperlänge aus der Öffnung und machte Anstalten, ihn zu fangen. Onak wich zurück, die Hand folgte nach.

Heiliges Zeichen, flüsterte er, was habe ich falsch gemacht? Sie können mich nicht berühren wollen. Sie wissen, daß es verboten ist. Es ist ihr eigenes Gesetz.

Er wich Schritt für Schritt zurück. Mit einem gewissen Unbehagen sah er, daß er sich dabei immer weiter vom Ausgang entfernte.

Irgendwann muß das Ding ein Ende haben, dachte er, aber die Hand verfolgte ihn, bis der Gang eine Biegung machte. Dort blieb sie stehen, schwebte kreisend in der Luft, befühlte auf der Suche nach ihm die Kante der Wand, den Fußboden, die Decke und gab dann auf. Sie sank zu Boden und trommelte mit den Fingern auf die schwarzweißen Fliesen. Offensichtlich wartete sie erst einmal ab.  -  Marianne Gruber, Die Barriere. In: Phantastische Zeiten. Hg. Franz Rottensteiner. Frankfurt am Main 1986 (Phantastische Bibliothek 185)

Hand (34)  

- Tomi Ungerer

Hand (35)   Ich habe eine von mir fortwachsende Hand. In der Ferne wird sie betrachtet. Ich kann ihr nicht helfen. Du meldest Dich also zum Turnier, sagen die Herrschaften. Die Hand führt sich auf, macht eine Faust, die Finger werden blau, dann weiß, die Faust gibt an, wird noch härter, noch kleiner, Knochen knacksen, brechen, das Fleisch zerreißt, die Faust hört nicht auf, ein kosmisches Knirschen, diese Faust erdrückt sich, zerstäubt sich, zernichtet sich selbst. Übrig bleibt ein Stumpf. Los hinein mit ihm, hör ich. Zugelassen zum Turnier, hör ich. Das Schwert wird gereicht. Es fällt zu Boden. Ich bücke mich. Weiß ich denn immer noch nichts von meiner zergangenen Faust? Laut klirrt der Feind, holt schon aus, ich schaue hoch, begreife, was jetzt fällig ist. Also halte ich, angesichts des schon heruntersausenden Schwerts, den Atem an. Wer würde da noch atmen. Nein, kein Schwert, ihm, ach Michel Enzinger ist es, blau das Gesicht, violett die wollene Mütze, die Brille fehlt, ihm haben sie einen eisernen Knüppel in die Hand gedrückt, eine zunehmende, immer lauter sausende Keule, wer würde da noch Atem holen wollen! Im Gegenteil, als könne man sich bis zur Unzerbrechlichkeit ausfüllen mit Luft, preßt man den Atem, den man gerade hat, in den Körper, der sausenden Keule entgegen, als nützte das was. Aber die Herrschaften wollen sich die Finger nicht schmutzig machen an mir. Die haben den stumpfäugigen Michel Enzinger mit der Keule auf mich losgelassen, daß ich unter der Keule, die droben saust, ohne sich zu rühren (wahrscheinlich sausen die Eiswinde um sie), von selbst ersticken soll, weil ich angesichts der im nächsten Moment zuschlagenden Keule allenfalls meine Gelenkstümpfe bittend ausstrecken, aber doch keinesfalls mehr weiteratmen werde. Das ist so eine Situation, die ich dann einfach, ja sogar schlau, durch Ersticken, bzw. Erwachen beende.   - Martin Walser, Das Einhorn. Frankfurt am Main 1966

Hand (36)  

- N. N.

Hand (37) 

Die Hand, die unterschrieb

Die Hand, die unterschrieb, hat eine Stadt gefällt:
fünf königliche Finger brachten den Atem in Not,
halbierten ein Land, machten doppelt die Toten der Welt;
diese fünf Könige gaben einem König den Tod.

Von fallenden Schultern kommt diese mächtige Hand
und ihre Fingergelenke sind knotig von Gicht.
Ein Gänsekiel hat am Ende das Morden gebannt,
das hatte dem Gespräch ein Ende gemacht.

Die Hand, die unterschrieb, brachte ein Fieber,
und Hunger wuchs, Heuschrecken kamen.
Groß ist die Hand, die Herrschaft ausübt über
Menschen durch einen Klecks von Namen.

Die fünf Könige zählen die Toten, doch ohne die Stirnen
zu streichen, ohne die krustigen Wunden zu schließen.
Eine Hand gebietet dem Mitleid wie eine Hand den Sternen,
Hände haben nicht Tränen zu vergießen.

- Dylan Thomas, nach (mus)

Hände (38) Die Hände von Sterbenden sind ein schrecklicher Anblick. Es scheint, als würde sich unsere Seele in den letzten Augenblicken in die Hände flüchten, um ausdrücklich jenes unerbittliche Gesetz zu bestätigen, das darin liegt, »sein Leben hinzugeben«. Die meisten verkrallen sich mit Kraft, wie die Hände von Schiffbrüchigen und derjenigen, die in Abgründe stürzen. Manche verkrümmen sich in Krämpfen oder ballen sich vollständig zur Faust. Andere machen eine abweisende Geste, als wollten sie jemanden zurückstoßen. Schließlich hat man auch solche Hände gesehen, die versuchten, sich oberhalb des Nabels zu falten, jenes atmenden Organs des Astralleibs, von dem die alten Weisen sprechen.  - Léon Bloy, Blutschweiß. Berlin 2011 (zuerst 1893)

Körperteile, menschliche
Oberbegriffe
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Synonyme