inrichtung

Die Hinrichtung

DER FREUND sitzt im Gefängnis von Sing-Sing.
Der Priester kommt, der ihn zum Tod bereitet.
Er wird auf den Elektrostuhl geleitet,
Da man ihn jüngst bei einem Morde fing.

FRED, der als Techniker zur Rettung schreitet,
Ist am Zentraldynamo in Verding.
Er transformiert durch einen Tesla-Ring
Den Wechselstrom, daß er vom Körper gleitet.

Der Henker knipst, bis er die Platze kriegt.
Der Freund summt sich ein Walzerlied in Moll;
Als der Plafond lautlos in Splitter fliegt.

Von oben saugt die Vacuum-Maschine,
Und schlürft den Freund mitsamt dem Protokoll.
Im Blau verschwinden gelb zwei Zeppeline.

 - Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr, Livingstone Hahn: Kriminalsonette. München 1979 (zuerst 1913)

Hinrichtung (2) Nun kommt das zweite Auto. Miß Cavell steigt aus, neben ihr ein evangelischer Pfarrer, ein bekannter Berliner Geistlicher, der ihr die letzte Nacht zur Seite gestanden hat. Edith Cavell ist vielleicht zweiundvierzig Jahre alt, hat graues bis weißes Haar, keinen Hut auf, blaues Schneiderkleid an, dürres maskenhaftes Gesicht, steifer stotternder Gang, schwere muskuläre Hemmungen, aber ohne Zaudern, ohne Stocken geht sie abwärts, wo die Pfähle stehen. Ein Augenblick Halt, sie und der Pfarrer; einige Meter ab von der weißen Latte; sie spricht leise mit dem Pfarrer, was hat sie ihm gesagt, er hat es mir später erzählt: sie stirbt gern für England und läßt Mutter und Brüder grüßen, die in der britischen Armee im Felde stehen. Andere Frauen bringen größere Opfer: Männer, Brüder, Söhne, sie gibt nur ihr eigenes Leben — o Vaterland, drüben über dem Meer, o Heimat, die sie grüßen läßt. Ruhiger Abschied von dem Pfarrer.

Letzter Akt. Er dauert kaum eine Minute. Die Kompanie präsentiert, der Kriegsgerichtsrat liest das Todesurteil vor. Der Belgier und die Engländerin bekommen eine weiße Binde über die Augen und die Hände an ihren Pfahl gebunden. Ein Kommando für beide: Feuer, aus wenigen Metern Abstand, und zwölf Kugeln, die treffen. Beide sind tot. Der Belgier ist umgesunken. Miß Cavell steht aufrecht am Pfahl. Ihre Verletzungen betreffen hauptsächlich den Brustkorb, Herz und Lunge; sie ist vollkommen und absolut momentan tot; ganz verkehrt zu sagen, daß sie angeschossen sich gequält habe und durch einen Fangschuß am Boden getötet worden sei. Sie war vielmehr noch während des Rufes Feuer unbezweifelbar tot. Nun schreite ich an den Pfahl, wir nehmen sie ab, ich fasse ihren Puls und drücke ihr die Augen zu. Dann legen wir sie in einen kleinen gelben Sarg, der abseits steht. Sie wird sofort beigesetzt, die Stelle soll unbekannt bleiben. Man befürchtet Unruhen wegen ihres Todes oder eine nationale Prozession aus der Stadt, darum Eile und dann Schweigen und Geheimnis um ihr Grab. — Gottfried Benn, Wie Miß Cavell erschossen wurde

Hinrichtung (3) Wir treffen das Kommando bereits in der Lichtung an. Es bildet vor der Esche eine Art von Korridor. Die Sonne scheint, nachdem es unterwegs geregnet hat; die Wassertropfen blitzen im grünen Gras. Wir warten noch eine Weile, bis kurz vor fünf, dann fährt ein Personenwagen den schmalen Waldweg entlang. Wir sehen den Verurteilten aussteigen, mit ihm zwei Gefängniswärter und den Geistlichen. Dahinter kommt noch ein Lastwagen; er fährt das Beerdigungskommando und den Sarg, der nach Vorschrift bestellt wurde: »von üblicher Größe und billigster Anfertigung«.

Der Mann wird in den Korridor geleitet; dabei ergreift mich ein Gefühl der Beklemmung, als ob plötzlich das Atmen schwerfiele. Man stellt ihn vor den Kriegsrichter, der neben mir steht: ich sehe, daß ihm die Arme durch Handschellen auf dem Rücken gehalten sind. Er trägt eine graue Hose aus gutem Stoff, ein graues Seidenhernd und einen offenen Militärrock, den man ihm über die Schultern geworfen hat. Er hält sich aufrecht, ist gut gewachsen, und sein Gesicht trägt angenehme Züge, wie sie die Frauen anziehen.

Das Urteil wird verlesen. Der Verurteilte folgt dem Vorgang mit höchster, angespannter Aufmerksamkeit, und dennoch habe ich den Eindruck, daß ihm der Text entgeht. Die Augen sind weit geöffnet, starr, saugend, groß, als ob der Körper an ihnen hinge; der volle Mund bewegt sich, als buchstabierte er. Sein Blick fällt auf mich und verweilt für eine Sekunde mit durchdringender, forschender Spannung auf meinem Gesicht. Ich sehe, daß die Erregung ihm etwas Krauses, Blühendes, ja Kindliches verleiht.

Eine winzige Fliege spielt um seine linke Wange und setzt sich einige Male dicht neben seinem Ohre fest; er zieht die Schultern hoch und schüttelt den Kopf. Die Verlesung dauert eine knappe Minute, dennoch erscheint die Zeit mir außerordentlich lang. Das Pendel wird schwer und gedehnt. Dann führen die beiden Verurteilten an die Esche; der Pfarrer begleitet ihn. In diesem Augenblick vermehrt  sich noch das Schwere; es hat etwas Umwerfendes, als ob starke Gewichte sich auslösten. Ich entsinne mich, daß ich ihn fragen muß, ob er eine Augenbinde verlangt. Der Geistliche bejaht das für ihn, während die Wächter ihn mit zwei weißen Stricken anbinden. Der Pfarrer stellt ihm noch einige leise Fragen; ich höre, daß er sie mit »Jawohl« beantwortet. Dann küßt er ein kleines silbernes Kreuz, das ihm vorgehalten wird, während der Arzt ihm ein Stück roten Kartons von der Größe einer Spielkarte über dem Herzen an das Hemd heftet.

Inzwischen sind die Schützen auf ein Zeichen des Oberleutnants eingeschwenkt und stehen hinter dem Pfarrer, der den Verurteilten noch deckt. Nun tritt er zurück, nachdem er mit der Hand noch einmal an ihm heruntergestrichen hat. Es folgen die Kommandos, und mit ihnen tauche ich wieder zum Bewußtsein auf. Ich möchte fortblicken, zwinge mich aber hinzusehen und erfasse den Augenblick, in dem mit der Salve fünf kleine dunkle Löcher im Karton erscheinen, als schlügen Tautropfen darauf. Der Getroffene steht noch am Baum; in seinen Zügen drückt sich eine ungeheure Überraschung aus. Ich sehe den Mund sich öffnen und schließen, als wollte er Vokale formulieren und mit großer Mühe noch etwas aussprechen. Der Umstand hat etwas Verwirrendes, und wieder wird die Zeit sehr lang. Auch scheint es, daß der Mann jetzt sehr gefährlich wird.  Endlich geben die Knie nach. Die Stricke werden gelöst, und nun erst überzieht die Totenblässe das Gesicht, jäh, als ob ein Eimer voll Kalkwasser sich darüber ausgösse. Der Arzt tritt flüchtig hinzu und meldet: »Der Mann ist tot.« Der eine der beiden Wächter löst die Handschellen und wischt ihr blitzendes Metall mit einem Lappen vom Blute rein. Man bettet den Leichnam in den Sarg; es ist mir, als spielte die kleine Fliege in einem Sonnenstrahl darüber hin.

Rückfahrt in einem neuen, stärkeren Anfall von Depression. Der Stabsarzt erklärt mir, daß die Gesten des Sterbenden nur leere Reflexe gewesen sind. Er hat nicht gesehen, was mir in grauenhafter Weise deutlich geworden ist. - Ernst Jünger, Strahlungen (29. Mai 1941)

Hinrichtung (4) Die Leute von Chipping Campden hatten sich beeilt, eine Hinrichtung vollstrecken zu lassen, an der, nach dem Geständnis von John, dem jüngeren der Brüder Perry, der Verwalter der Schulgerechtsame der herzoglichen Güter keine Gelegenheit mehr haben würde mit anwesend zu sein.

Nach der Aussage des jungen Perry ist die Leiche von der Mutter und dem älteren Bruder zerstückelt worden. Er — John — hat die Stücke einzeln in Säcke gepackt und diese dann in den darauf folgenden Nächten einzeln aus dem Haus gebracht und in den Fluß geworfen. In der Gerichtsverhandlung konnte laut Protokoll nicht bewiesen werden, wer von den Beschuldigten allein schuldig oder nur mitschuldig gewesen ist. Die Witwe wie der ältere Sohn haben von Beginn alles geleugnet, selbst eine Bekanntschaft mit dem Ermordeten abgestritten, so daß auch die Motive nicht geklärt wurden.

Das Schauspiel der Hinrichtung selbst hat die von weit her gekommenen Neugierigen nicht enttäuscht. Nachbleibende Erinnerung hat die Festtagsstimmung nicht gestört. ...

Zwei Jahre nach der Hinrichtung der Familie Perry ist der Ermordete, der Schulaufseher William Harrison,  wieder in Chipping Campden aufgetaucht, am ersten Tage des sich wieder erneuernden Mondes, worauf der Astrologe der königlichen Akademie in einer den Campden-Fall behandelnden Schrift hingewiesen hat, wieder erschienen in der gleichen Konstellation der Sternbilder, unter der, nach dem Geständnis des jüngeren Perry, das Opfer von dem älteren Bruder auf Betreiben der Mutter mit einer Axt niedergeschlagen und zerstückelt worden ist. Der junge Mond wird über dem nächtlichen Spektakel am Horizont gestanden sein. - Aus: Franz Jung, Wie dem auch sei. Studie über den Zerfall der Zeitgeschichte. In: Franz Jung, Schriften, Bd. 1, Salzhausen / Frankfurt am Main 1981

Hinrichtung (5) Wenige Minuten nach 7 Uhr ertönt das an einer Seite der Frohnveste angebrachte Zügenglöcklein und bald darauf erscheint unter dem Thore des sogenannten Vorhofes der Raubmörder Ruf begleitet von P. Alexander.

Man merkt es dem Ruf sofort an, daß er — obwohl vergeblich — nach Fassung ringt, es scheint, als ob der Wahnsinn bei ihm wieder ausgebrochen sei, mit stieren Augen und lallend den Mund bewegend schreitet er vor.

Welch ein Gegensatz zu dem Berliner Kaiserattentäter Hödel, der, vor dem Richtblock stehend, mit unbeschreiblicher Frechheit zum Armesünderglöcklein hinaufblickte, den Anwesenden höhnisch zulächelte und dann seine Hosenträger abwarf: Emil Heinrich Max Hödel, dessen Blut verschiedene Männer, namentlich aber Frauen begierig vom Klotz ableckten (wahrscheinlich in abergläubischer Absicht), so daß dessen Fertiger, Herr Esche, ihn nach einem dem Publikum nicht mehr zugänglichen Orte transportieren mußte. Bezirksgerichtsrath Moralt liest nun dem Ruf das bestätigende Todesurtheil vor und bricht über ihn den Stab.

Scharfrichter Scheller und dessen Gehilfe nehmen nun Ruf in Empfang, um ihres blutigen Amtes zu walten.

Er murmelt noch: »Meine Herren, verzeihens mir halt.« Dann läßt er sich nicht ohne Widerstreben aufs Schaffott schnallen. Im letzten Augenblick versucht er krampfhaft, den Nacken einzuziehen, doch wird er schnell wieder in die richtige Lage gebracht.

P. Alexander reicht ihm schließlich ein kleines Kreuz, das derselbe mechanisch küßt.

Hierauf ein Ruck an der Maschine und das Fallbeil trennt Ruf‘s Haupt derart vom Körper, daß es in eine mit Sägspänen gefüllte Kiste fällt. Schnell wird das Beil abgewischt und nachgesehen, ob es keine Scharte erhalten.

Zur Hinrichtung des Delinquenten hatte sich auch der Hofschauspieler Possart eingeschlichen, und zwar, um in seiner Spezialität als Tragöde »Studien« zu machen, Als er das entsetzliche Minenspiel Rufs sah, äußerte er: »Das ist entsetzlich, grausenhaft, nie läßt sich eine solche Mimik nachahmen.«

Der Leichnam wurde sofort in das anatomisch-pathologische Institut gebracht. Dort wurden unter Anwesenheit mehrerer junger Ärzte die Kehlkopfmuskeln gereizt.

Der Kopf des Hingerichteten wurde in der königlichen Anatomie in Spiritus aufbewahrt. Die Züge des Raubmörders sind wohlerhalten, nur die große Nase scheint in dem Glasbehältniß nicht viel Raum gefunden zu haben, da sie etwas zur Seite gedrückt liegt. - (kas)

Hinrichtung (6) Geträumt, daß ich mit Lisa zum Henker ging, um uns köpfen zu lassen. Wiesel begleitete uns ganz tragisch. Stiegen einen fürchterlich hohen Turm mit einer schwindligen Luke hinauf. Der Henker war ein schwarzbärtiger Mann mit schwarzen Sicherheitsnadeln statt Zähnen. Wir faßten die Sache halb als Ulk auf, und zwar wollten wir die andern Leute damit irre machen und zugleich den Henker verulken. Er sagte, heute könnte er es nicht machen, weil wir noch Papiere dazu brauchten, und wir zogen wieder ab. - Franziska Gräfin zu Reventlow, nach (je)

Hinrichtung (7) Von den Deutschen zum Tode verurteilt, trage ich mein Schicksal tapfer bis zu dem Augenblick, als man mir sagt, man werde mich am frühen Nachmittag rasieren, letzte Waschung vor der Hinrichtung. Diese letzte Waschung, ein Ereignis, auf das sich meine ganze Aufmerksamkeit richtete, hatte das allerletzte Ereignis von mir ferngehalten: die Hinrichtung. Jetzt aber, da ich die dafür bestimmte Stunde kenne, kann mein Denken darüber hinausgehen, so daß ich die letzte Wand, die durch diesen protokollarischen Vorgang zwischen dem Tod und mir errichtet war, verschwinden sehe. Da mich nichts mehr von der Hinrichtung selbst trennt, weicht mein Mut einer unbeschreiblichen Angst. Mir wird klar, daß ich nicht durchhalten werde, daß ich weinen und brüllen werde, wenn man mich zum Erschießungspfahl führt.

Dann träume ich, man veröffentliche die Erinnerungen meines Kollegen am »Musée de l'Homme«, Anatole Lewitzky (der tatsächlich am 25. Februar dieses selben Jahres von den Deutschen erschossen worden ist). Bis zur letzten Minute notiert der Verurteilte seine Eindrücke und gibt den Ablauf der Hinrichtung wieder, die in einer Art von leerstehendem Ausstellungsgelände unweit des Mont Valérien stattfand. Man hat seine Gefährten und ihn jeweils vor der Nachbildung einer afrikanischen Rundhütte aus Lehm oder getrocknetem Ton aufgestellt. Lewitzky berichtet, daß vor der Tür der Hütte, an deren Wand er exekutiert werden sollte, ein Huhn oder das Skelett eines Huhns auf der Erde lag (so wie man in Afrika auf Hausaltären Federn sehen kann, die von Geflügel stammen, das man geschlachtet und als Opfer dargebracht hat, wie auch die Schädel oder Kiefer anderer Tiere). - (leiris)

Hinrichtung (8) Als er noch sechs Tage vor sich hatte, bot der Schließer an, ihm Zeitschriften zu bringen, ein Spiel Karten.

»Wozu?« sagte Popeye. Zum erstenmal sah er den Schließer an, den Kopf gehoben, die Augen in seinem weichen, bleichen Gesicht rund und sanft wie die Saugscheiben an der Spitze von Kinderpfeilen. Dann legte er sich wieder zurück. Danach warf ihm der Schließer jeden Morgen eine gerollte Zeitung durch die Tür. Sie fielen zu Boden, entrollten und flachten sich langsam durch ihr eigenes Gewicht und lagen dann da, ein täglich wachsender Stoß.

Als noch drei Tage blieben, traf ein Anwalt aus Memphis ein. Ungerufen kam er in die Zelle gestürzt. Den ganzen Morgen hörte der Schließer ihn reden, mahnend, voll Unmut, zornig; am Nachmittag war er heiser und seine Stimme kaum lauter mehr als ein Flüstern.

»Wollen Sie denn hier einfach so liegen und ---«

»Mir fehlt nichts«, sagte Popeye. »Ich hab Sie nicht holen lassen. Halten Sie Ihre Nase da raus.«

»Wollen Sie denn unbedingt hängen? Ist es das? Wollen Sie Selbstmord begehen? Sind Sie's derart satt, Moneten zu scheffeln, daß Sie... Sie, der gerissenste---«

»Ich hab's Ihnen ein für allemal gesagt. Ich hab genug von Ihnen.«

»Ausgerechnet Sie lassen sich das anhängen, von so einem Deppen von Friedensrichter! Wenn ich das in Memphis erzähle, wird's mir kein Mensch glauben.«

»Dann erzählen Sie's eben nicht.« Er lag eine Weile still, während der Rechtsanwalt ihn in verwirrter, wütender Ratlosigkeit anstarrte. »Diese verdammten Tölpel«, sagte Popeye. »Herrgottnochmal... Hauen Sie ab jetzt«, sagte er. »Ich hab Ihnen doch gesagt. Mir fehlt nichts.«

Am letzten Abend kam ein Geistlicher in die Zelle.

»Darf ich mit Ihnen beten?« sagte er.

»Klar«, sagte Popeye; »schießen Sie los. Lassen Sie sich durch mich nicht stören.«

Der Geistliche kniete neben dem Feldbett nieder, auf dem Popeye lag und rauchte. Nach einer Weile hörte er, wie er aufstand, durch den Raum ging und dann wieder zum Feldbett zurückkehrte. Als er sich erhob, lag Popeye auf dem Feldbett und rauchte. Der Geistliche blickte hinter sich, wo er Popeye hatte gehen hören, und sah am Fuß der Wand, in gleichmäßigen Raumabständen, zwölf Markierungen, wie mit verkohlten Streichhölzern gezogen. Zwei der Abschnitte waren mit Zigarettenkippen gefüllt, in säuberlicher Reihe. Im dritten lagen erst zwei Stummel. Bis er ging, sah er Popeye noch zweimal aufstehen und hinübergehen; zweimal noch drückte er eine Kippe aus und legte sie sorgfältig neben die andern.

Kurz nach fünf Uhr kehrte der Geistliche zurück. Sämtliche Abschnitte waren jetzt voll, bis auf den zwölften. Er war zu drei Vierteln gefüllt. Popeye lag auf dem Feldbett. »Ist es so weit?« sagte er.

»Noch nicht«, sagte der Geistliche. »Versuchen Sie doch zu beten«, sagte er. »Versuchen wir's.«

»Klar«, sagte Popeye; »schießen Sie los.« Der Geistliche kniete nieder. Einmal hörte er Popeye aufstehen und durch den Raum gehen und dann zurückkommen.

Um fünf Uhr dreißig kam der Schließer. »Ich habe Ihnen --- « sagte er. Er streckte stumm die geschlossene Faust durch das Gitter. »Hier ist der Rest von den hundert, die Sie mir --- ich hab nur... Es sind achtundvierzig Dollar«, sagte er. »Warten Sie; ich will nochmal nachzählen; ich weiß nicht genau, aber ich kann Ihnen eine Liste -- die Quittungen...«

»Behalt's«, sagte Popeye, ohne sich zu rühren. »Kauf dir 'n Ring dafür.«

Um sechs kamen sie ihn holen. Der Geistliche ging neben ihm, die Hand unter Popeyes Ellbogen, und er stand betend am Fuß des Galgens, während sie ihm den Strick umlegten, ihn über Popeyes glatten, geölten Kopf zogen und ihm das Haar dabei durcheinander brachten. Seine Hände waren gefesselt, und so fing er an und warf den Kopf zurück und das Haar nach hinten, sooft es ihm in die Stirn fiel, während der Geistliche betete und die andern reglos auf ihren Plätzen standen, mit gesenktem Kopf.

Popeye begann mit dem Hals zu zucken, nach vorn, in kleinen Rucken. »Psssst!« sagte er, und der Laut schnitt scharf in das Gemurmel des Geistlichen; »pssssst!« Der Sheriff sah ihn an; da erlosch das Zucken, und er stand starr und steif, als balancierte er ein Ei auf dem Kopf. »Bring mir das Haar in Ordnung, Jack«, sagte er.

»Klar«, sagte der Sheriff. »Mach ich«, und ließ die Falltür springen. - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981 (detebe Klassiker 20 802, zuerst 1931)

Hinrichtung (9) „Ich setze mir noch gerade meine Haare auf und stehe Ihnen sofort zur Verfügung."

Das war ich selbst, der da sprach, und ich saß auf einem der höchsten Äste einer hundertjährigen Edelkastanie. Es regnete in Strömen. Kinder spielten unter dem Baum. Im Innern des Stammes, der hohl war und nur noch dank der Rinde stand, legte ein Huhn ununterbrochen Eier, die es gleich mit dem Schnabel zerhackte.

Mein Gesprächspartner, ein junger Bauer aus der Umgebung, nahm seinen Spitzbart ab und steckte ihn in seine Tasche, wenn er müde war, vor allem abends, während er eine dicke Pfeife aus blauem Glas rauchte, die nichts anderes als ein ausgehöhlter und mit einem Schilfrohr versehener Isolator war.

Ich kletterte von meinem Baum, faßte meinen Freund am Arm und ging auf die Jagd, obwohl die bestehenden Vorschriften sie zu dieser Jahreszeit nicht erlaubten.

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In diesem Augenblick wurde die Tür meiner Zelle aufgeknallt und ein achtjähriges Kind, das eine kleine, vollkommen schwarze Ziege hinter sich herschleppte, trat herein, gefolgt von einer Menge mir unbekannter Leute. Unter ihnen war auch mein Verteidiger. Er hielt Hosenträger in der Hand, die er steif anstarrte, seine Lippen bewegten sich und sprachen Worte, die ich nicht verstehen konnte. „Guten Tag, Papa!", sagte das Kind und schob die Ziege unter das Bett.

Einer der mir unbekannten Männer kam auf mich zu und sagte:

„Benjamin Péret, Sie wissen, was hier vor sich geht."

ICH: „Nein."

ER: „Schreiben Sie, was Sie wollen."

ICH: „Ich brauche nicht zu schreiben."

ER: „Gut, dann ziehen Sie sich an."

Ich zog mich an, rasierte mich sorgfältig, schaltete aus Gewohnheit meine Glühbirne aus, las einige Bibelsprüche und ein Kapitel aus den "Elftausend Ruten" und sagte, ich sei bereit.

Unterwegs stockte die Unterhaltung nie. Ich sprach mit meinem Verteidiger über meine Pläne. Ich hatte vor, gleich nach meiner Entlassung wieder meinen Beruf zu ergreifen, den ich für den schönsten aller Berufe hielt. Ich beabsichtigte, ein Mächen zu vergewaltigen und mit neuen Foltermethoden umzubringen, das ich eines Tages auf einer Straße in der Nähe von Epinal gesehen hatte und dem ich bis zu seinem Haus gefolgt war, nicht ohne ihr zu erklären, daß sie die schönste von allen sei und ich überaus glücklich sein würde, wenn sie mir erlaubte, sie zu lieben. Sie lächelte ein wenig und gab mir einen kleinen Vogel, der nur einen Fuß hatte. Ich behielt ihn lange. Er lebte in der Tasche meiner Jacke - sehen Sie, genau da!

Mein Verteidiger war ein netter Mensch voller Verständnis, und ich spürte, wie ich ihm, je weiter ich sprach, für meine Ideen und mein anspruchsvolles Streben einnahm. Töten - ist das nicht das zarteste Vergnügen, das dem Menschen gegeben ist?

„Sehen Sie", sagte ich zu ihm, „wenn ich fühle, wie ich einen langen, scharfen Dolch in der Hand halte und diesen Dolch in die Brust eines kleinen Mädchens stoße oder quer durch das Gesicht eines dieser Leute, die abends am Fenster hemdsärmlig ihre Zeitung lesen ..."

Ich spürte, daß dieses Leben ihn verlockte, und es wäre mir angenehm gewesen, wenn dieser Mensch, der mich vor dem Schwurgericht mit so viel Talent verteidigt hatte, mit mir zusammen das begonnene Werk fortgesetzt hätte: die Verallgemeinerung des Verbrechens. Zu diesem Zweck setzte ich ihm die Argumente auseinander, die meiner Meinung nach für meine These die geeignetesten waren und als wir nach einiger Zeit, die mir sehr kurz oder sehr lang vorkam (es ist so schwierig, die Zeit abzuschätzen!), im Gefängnishof ankamen, war er bereit, einen unserer Begleiter umzubringen, damit wir - wie er sagte - unter dem Schutz der Verwirrung, die seine Tat hervorrufen würde, fliehen könnten.

Im Gefängnishof angekommen, sah ich die Guillotine und befand mich ohne die geringste Übergangszeit in einem überraschenden Zustand sexueller Erregung. Ich glaube, wenn ich nur die Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich bis zu fünfzehn Frauen der Reihe nach lieben können. Doch ich beherrschte mich und wandte mich an Herrn Deibler, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, mich einen Augenblick mit dem Oberaufseher des Gefängnisses zu unterhalten.

Ich sagte diesem netten Menschen, wie traurig ich sei, ihn verlassen zu müssen und in welch angenehmer Erinnerung ich die zwischen uns geknüpften Beziehungen behielte. Um ihm meine Sympathie zu beweisen, erklärte ich ihm, daß ich auf dem Gefängnishof an der von der Sonne am meisten beschienenen Seite einen Kirschkern einpflanzen wollte, und er mußte mir versprechen, ihn aufs sorgfältigste zu pflegen. Nachdem er mir das versprochen hatte, malte ich ihm aus, wie sehr ich mich über die Vorstellung freute, daß er eines Tages von dem aus dem Kern erwachsenen Baum köstliche Früchte ernten würde. Ich bat ihn nur darum, denen eine Handvoll abzugeben, die wie ich zur Abbüßung ihrer Verbrechen hier wären, obwohl ich nicht der Meinung sei, daß meine Verbrechen irgendeine Strafe verdient hätten. Mein Verteidiger stimmte mir zu: „Lieber Freund ..."

Dann war der Priester an der Reihe: er sagte mir, ich sollte nicht sterben, bevor ich Gott um Vergebung für meine Sünden gebeten hätte. Jetzt wurde ich zornig und erwiderte ihm barsch, indem ich die Achseln zuckte, daß ich keine Sünden begangen hätte, für die ich um Vergebung bitten müßte. Er schlug hastig ein Kreuz und fing an, stillschweigend den Rosenkranz zu beten, was mich sehr störte.

Herr Deibler trat auf mich zu und fragte mich mit einer Höflichkeit, die mich sehr berührte, ob ich bereit sei. Auf meine bejahende Antwort hin putzte er mich heraus, wie man die zum Tode Verurteilten gewöhnlich herausputzt. Nach Beendigung der Toilette ging ich, von Herrn Deibler und meinem Verteidiger gestützt, zur Guillotine, neben der die Gehilfen standen. Wir drei sangen „Die Wacht am Rhein". In der Ferne verzerrte ein Pianola Beethovens V. Symphonie.

Als ich gerade das Kippbrett betreten wollte, bat ich darum, telephonieren zu dürfen.

„Mit wem?", fragte mich Herr Deibler.

„Es ist egal", sagte ich ihm, „ich will einfach telephonieren!"

Er wollte es mir nicht versagen. Ich wählte irgendeine Nummer. Es war die eines Admirals, der mir, ohne mich auch nur zu Wort kommen zu lassen, ankündigte, daß er dabei sei, Paris zu verlassen, um an Bord zu gehen. Er sollte an Seemanövern im Mittelmeer teilnehmen. Ich hing ein. Man warf mich auf das Kippbrett. Ich befand mich in demselben Zustand sexueller Erregung wie in dem Augenblick, als ich die Guillotine erblickt hatte. Herr Deibler bemerkte es und erteilte einem seiner Gehilfen den Befehl, mich zu befriedigen.

„Da er gleich sterben wird und es hier keine Frauen gibt", sagte er, „dürfen Sie ihn wohl befriedigen."

Nie in meinem Leben hatte ich einen so vollständigen Genuß; allerdings mußte ich gleich sterben. Und tatsächlich, einige Minuten später fiel das Beil auf meinen Kopf. Gerechtigkeit war geübt worden, wie man so sagt... - Benjamin Péret,  Die letzte Nacht eines zu Tode Verurteilten, in: B. P., Die Schande der Dichter. Prosa, Lyrik, Briefe. Hamburg 1985 (Edition Nautilus)

Hinrichtung (11) »Letztes Jahr, mit Annie, habe ich noch etwas viel Erstaunlicheres gesehen. Ich sah einen Mann, der seine Mutter vergewaltigt und ihr dann mit einem Messer den Bauch aufgeschlitzt hatte. Er schien übrigens verrückt gewesen zu sein. Er wurde verurteilt, die Folter der Zärtlichkeiten zu erdulden. Ja, mein Liebster ... ist das erstaunlich? Fremden ist es nicht gestattet, dieser Folter, die übrigens nur noch selten angewandt wird, beizuwohnen. Aber wir hatten dem Wächter Geld gegeben, er verbarg uns hinter einer spanischen Wand. Annie und ich, wir haben alles gesehen . . .

Der Verrückte - er machte aber nicht den Eindruck eines Verrückten — lag ausgestreckt auf einem niedrigen Tisch, Gliedmaßen und Rumpf waren mit festen Riemen gefesselt, der Mund geknebelt, er konnte sich nicht bewegen, nicht schreien...

Es erschien eine Frau, sie war nicht schön, nicht jung, sie hatte einen feierlichen, maskenhaften Gesichtsausdruck, sie war vollkommen in Schwarz gekleidet, ihr Arm war nackt, sie trug einen großen, goldenen Reif. Sie kniete sich neben den Verrückten, sie schloß ihre Faust um seine Rute, sie waltete ihres Amtes ... Ach, Liebster ... Liebster ... Wenn du das gesehen hättest! Es dauerte vier Stunden. Vier Stunden, denk dir nur! Vier Stunden voller entsetzlicher, kunstvoller Zärtlichkeiten, und die Hand der Frau ließ auch nicht eine Minute lang nach, und ihr Gesicht blieb kalt und düster . . . Das Opfer gab seinen Geist mit einem Blutstrahl, der in das Gesicht der Foltermeisterin spritzte, auf. Ich habe niemals so etwas Grausames gesehen. Es war so grausam, mein Lieber, daß Annie und ich ohnmächtig wurden...«

Und im Tone des Bedauerns fügte sie hinzu: »Diese Frau trug an einem Finger ihrer Hand einen dicken Rubin, der während der Folter im Sonnenlicht hin und her flog wie ein rotes, tanzendes Flämmchen . . . Annie hat ihn sich gekauft . . . Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist ... Ich würde ihn gern haben . . .« - Octave Mirbeau, nach Der Rabe 15 (1986)

Hinrichtung (11) Rübezahl hatte einmal die Delinquentenrolle übernommen, und war entschlossen sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freuete sich darüber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Arbeit an der Seele des armen Sünders, darum ermangelte er nicht ihn in dieser Gemütsfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloß seinen Sermon mit dem tröstlichen Weidespruch: „So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe, so viel Engel stehen schon bereit deine Seele in Empfang zu nehmen, und sie einzuführen ins schöne Paradeis." Drauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, wollt ihn Beicht hören und dann absolvieren; doch fiel ihm ein, vorher noch die gestrige Lektion zu rekapitulieren, damit der arme Sünder unterm Galgen, im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inne ward, daß der ungelehrige Delinquent sein Credo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der fromme Mönch war gänzlich der Meinung, der Satanas sei hier im Spiel, und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen, darum fing er kräftig an zu exorzisieren; aber der Teufel wollte sich nicht austreiben und das Credo nicht in des Malefikanten Kopf hineinzwingen lassen.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es nun an der Stunde sei den Leib zu töten, und kümmerte sich nicht weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Exekution länger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl Rübezahl als ein verstockter Sünder ausgeführet wurde, so unterwarf er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz willig. Wie er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel zu Mute ward, denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrieen, man solle den Hangmann steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und das Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt ein Gerücht um, der Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht, welches den Senat bewog, des Morgens in aller Frühe durch einige Deputierten die Sache genau untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen mit alten Lumpen bedeckt, als man pflegt in die Erbsen zu stellen, die genäschichen Spatzen damit zu scheuchen. Worüber sich die Herren von Hirschberg baß wunderten, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze gewehet. - Johann Karl August Musäus, Volksmärchen der Deutschen. München 1976 (zuerst 1782-86)

Hinrichtung (12)

Und einen Gott hatte er auch nicht mehr
Mit dem er teilen konnte seinen Tod
Kein Vaterland sich seiner zu erinnern
Ich stand in seinem Mantel fror im Wind
Der Lärm der Front klang wie ein Liebeslied
Und mit geschlossnen Lippen sagte er
Und grüßte mich mit der zerschossnen Hand
Genosse Kommandeur Verzeihen Sie
Und lassen Sie mich kämpfen an der Front
Ich sagte Zieh den Mantel aus Das ist ein
Soldatenmantel Du bist kein Soldat mehr
Und mit drei Fingern der zerschossnen Hand
Knöpfte er langsam seinen Mantel auf
Dann wurden die Gewehre angelegt
Und warteten auf mein Kommando Feuer
Die Rücken der Soldaten und das Schwanken
Ihrer Gewehre fragten mich Warum
Mir war als ob der Wind sogar stillstände
Dann wurde er zum Sturm in meinem Kopf
Und mit geschlossnen Lippen sagte ich
Zieh deinen Mantel an Ich fragte er
Den Mantel Soll ich nicht erschossen werden
Und ich Nimm deinen Platz ein Wirst du kämpfen
Und Ja ich werde kämpfen sagte er
Und wollte seinen Mantel anziehn fand
Mit der verbundnen Hand nicht in den Ärmel
Er lachte mit uns von der Last befreit
Die eine Stunde lang schon auf ihn drückte
Mit dem Gewicht der Erde die ihn deckt
Zehn Hände zerrten jetzt an seinem Mantel
Damit er in den Ärmel fand und her
Und hin und das Gelächter nahm kein Ende
Dann riß der Film und mein Kommando wischte
Das Bild weg Feuer und die Salve krachte
Aus zwölf Gewehren wie ein einziger Schuß
Und lauter war kein Schuß in diesem Krieg
Die Salve war der Stolz des Kommandeurs

- Heiner Müller, Shakespeare Factory 1, Wolokolamsker Chaussee 1. Berlin 1985 (zuerst 1984)

Hinrichtung (13) Der Chevalier de La Barre wurde nach Abbeville zurückgebracht, um hingerichtet zu werden. Man ließ die Gendarmen, die ihn geleiteten, Umwege einschlagen, man fürchtete. Freunde würden den Chevalier de La Barre unterwegs befreien, aber das war eher zu wünschen als zu befürchten.

Endlich, am 1. Juli dieses Jahres, wurde in Abbéville diese nur allzu denkwürdige Hinrichtung vollstreckt. Dieses Kind wurde zuerst der Folter unterworfen. Um diese Marter steht es so:

Die Beine des Opfers werden zwischen Bohlen eingeschlossen; man treibt Eisen- oder Holzkeile zwischen die Bohlen, wobei die Knie und die Knochen zerbrechen. Der Chevalier wurde ohmmächtig, doch mit Hilfe alkoholischer Einflößungen kam er bald wieder zu sich und erklärte ohne Klagelaut, er habe keine Komplizen.

Man gab ihm als Beichtiger und als Beistand einen Dominikaner bei, der mit seiner Tante, der Äbtissin, befreundet war und mit dem er oftmals im Kloster zu Abend gespeist hatte. Dieser gute Mann weinte, und der Chevalier tröstete ihn. Man trug ihnen zu essen auf. »Nehmen wir einen Bissen Nahrung zu uns«, sagte der Chevalier. »Sie werden ebensoviel Kraft nötig haben wie ich, um das Schauspiel zu ertragen, das ich bieten werde.«

Das Schauspiel war in der Tat entsetzlich; man hatte zu dieser Hinrichtung aus Paris fünf Henker entboten. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob man ihm die Zunge und die Hand abhackte. Ich weiß nur, durch Briefe, die ich aus Abbeville erhalten habe, daß er das Schafott mit gelassenem Mut, ohne Klage, ohne Zorn und ohne Prahlerei bestieg; alles, was er zu dem Geistlichen, der ihm beistand, sagte, beschränkte sich auf die Worte: »Ich glaubte nicht, daß man einen Edelmann aus so geringem Anlaß zu Tode bringen könnte.«  - (vol)

Hinrichtung (14)   Ein kahler Hof zwischen vier Mauern mit kleinen vergitterten Fenstern, ein sauber hergerichtetes Fallbeil, ein Dutzend Herren in Talaren und Gehröcken, und inmitten stand ich fröstelnd in einer grauen Frühmorgenluft, das Herz zusammengezogen von jammervoller Bangigkeit, aber bereit und einverstanden. Auf Befehl trat ich vor, auf Befehl kniete ich nieder. Der Staatsanwalt nahm seine Mütze ab und räusperte sich, auch alle andern Herren räusperten sich. Er hielt ein feierliches Papier vor sich entfaltet, daraus las er vor:

»Meine Herren, vor Ihnen steht Herr Haller, angeklagt und schuldig befunden des mutwilligen Mißbrauchs unsres magischen Theaters. Haller hat nicht nur die hohe Kunst beleidigt, indem er unsern schönen Bildersaal mit der sogenannten Wirklichkeit verwechselte und ein gespiegeltes Mädchen mit einem gespiegelten Messer totgestochen hat, er hat sich außerdem unsres Theaters humorloserweise als einer Selbstmordmechanik zu bedienen die Absicht gezeigt. Wir verurteilen infolgedessen den Haller zur Strafe des ewigen Lebens und zum zwölfstündigen Entzug der Eintrittsbewilligung in unser Theater. Auch kann dem Angeklagten die Strafe einmaligen Ausgelachtwerdens nicht erlassen werden. Meine Herren, stimmen Sie an: Eins - zwei - drei!«

Und auf drei stimmten sämtliche Anwesende mit tadellosem Einsatz ein Gelächter an, ein Gelächter im höheren Chor, ein furchtbares, für Menschen kaum erträgliches Gelächter des Jenseits. - Hermann Hesse, Der Steppenwolf. München 1964 (dtv 147, zuerst 1927)

Hinrichtung (15)  Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, aber als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, daß man ja immer einem armen Sünder, bevor er seine; Strafe erleide, die Erfüllung eines unschuldigen Wunsches gewähre. Er möchte so gern eine Pfeife Tabak rauchen; es wäre ja die letzte Pfeife, die er in dieser Welt bekäme.

Da wollte nun der König nicht nein sagen, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, eins, zwei, drei! Und siehe, da standen alle drei Hunde: der mit den Augen so groß wie Teetassen, der mit den Augen so groß wie Mühlräder und der mit den Augen so groß wie runde Türme.  "Helft mir nun, daß ich nicht gehängt werde". sagte der Soldat, und die Hunde fielen über die Richter und den ganzen Rat her, nahmen den einen bei den Beinen und den andern bei der Nase und warfen sie viele Klafter hoch in die Luft, so daß sie niederfielen und in lauter Stücke sprangen.

"Ich will nicht!" sagte der König, aber der größte Hund nahm sowohl ihn wie die Königin und warf sie den andern nach; da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: "Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin haben!" Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, alle drei Hunde tanzten voran und riefen: "Hurra!", die Knaben pfiffen auf den Fingern, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem Kupferschlosse und wurde Königin, und das gefiel ihr gut! Die Hochzeit währte acht Tage, und die Hunde saßen mit bei Tische und machten große Augen. - (and)

Hinrichtung (16) Nachdem ihm das Dekret verlesen worden war, das ihn zum Verlust des Lebens verurteilte, hatte Louis zu Abend gegessen, sich zu Bett begeben und war schnarchend eingeschlafen. Man hatte jedoch, als er nach der unheilvollen Verlesung einen Moment allein auf und abging, hören können, wie er ausrief: »O diese Henker! diese Henker!« Er hatte nach einem nichtvereidigten Priester als Beichtvater verlangt, der in der Rue du Bac wohnte, was ihm zugestanden wurde. Er schloß sich mit ihm ein. Mit Unterstützung desselben Priesters hatte er schon am Abend des 26. Dezember sein Testament erstellt. Er sah noch einmal seine Familie, verabschiedete sich aber nicht von ihr. Am Morgen wurde er, auf Befehl der beiden von der Kommune entsandten städtischen Beauftragten, von Cleri geweckt. Er stand auf. Nachdem sich die beiden Kommissare der Kommune vorgestellt hatten, bat er einen von ihnen, den Priester Jacques Roux, sich eines Pakets anzunehmen, das für die Städtische Garde bestimmt war. Jacques Roux antwortete: »Ich kann es nicht: ich bin hierher beordert, um Euch zur Hinrichtung zu führen.« Louis erwiderte: »Das ist richtig.« Und er vertraute jemand anderem das Paket an, das zu seiner Bestimmung gebracht wurde.

Er brach um acht Uhr auf, allein mit seinem Beichtvater, im Wagen des Bürgermeisters Chambon. Zwei Tage zuvor hatte man seine Anwälte weggeschickt. Er fuhr auf den Boulevards zwischen zwei Reihen von Nationalgarden, die die Leute von den Straßenkreuzungen fernhielten. Er kam nur langsam voran. Er erreichte die Place des Tuileries, vormals Place Louis XV., um Viertel nach neun. Er entstieg dem Wagen. Am Fuße des Blutgerüsts band man ihm die Hände zusammen; freie Hände hätten die Hinrichtung durch die Guillotine behindert. Er stieg hinauf. Die Trommeln wurden gerührt. Er trat einen Schritt vor, an den nach Norden gerichteten Rand des Schafotts, um zu sprechen: die Trommeln verstummten für einen Augenblick, aber auf einen Wink des Generalkommandanten hin setzte der Trommelschlag wieder ein. Louis sprach, aber das einzige vernehmliche Wort war »verzeihe«. Auf ein Zeichen hin brachten die Scharfrichter ihn zum Gerüst, und in weniger als einer Sekunde hauchte er sein Leben aus. - Restif de la Bretonne, Revolutionäre Nächte in Paris. Bremen 1989, zuerst 1790/1794

Hinrichtung (1) Pietro Biondo hat neben mir an der Wand gestanden, und ich horte ihn stöhnen, als sei er schon getroffen. Dann fuhr von hinten etwas in mich, und wir sind gefallen. Als ich zu mir kam, hat niemand mehr geschrien, aber ich hörte immer noch deutsche Stimmen rufen und das Knistern von Flammen. Ich konnte hören, aber nicht sehen. Ich war unter Dutzenden von Leichen begraben. Dann hörte ich Pietro Biondo stöhnen, genau wie vor unserer Erschießung. Er war nicht mehr neben mir ... Vielleicht hatte er versucht, wegzukriechen, aber weit war er nicht gekommen, ich konnte ihn noch hören ... ich wollte ihm sagen, daß er still sein sollte, denn wenn sie ihn hörten - aber ich habe mich nicht bewegt und auch nichts gesagt. Ich wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, wie lange ich schon da gelegen hatte, aber die Körper um mich herum waren kühl, ich selbst warm. Dann stundenlang Stille, aber ich wußte, daß die Deutschen noch da sein mußten, weil ich die Panzer nicht hatte wegfahren hören. Ich merkte, wie die Leichen über mir sich bewegten ..., als ob jemand auf uns herumlaufen wurde, aber man hörte keine Stimmen. Keine Stimmen ... Dann ein Schlabbern. Es waren Hunde. Halbverhungerte Hunde, die das Blut tranken. Viel später wieder Bewegungen und Befehlsrufe. Dann Jeeps auf der Straße und an der Mauer. Turenschlagen und eine italienische Stimme, die rief: ›Die Krankenwagen sind da! Lebt noch jemand?‹

Pietro Biondo fing wieder an zu stöhnen, und ich spürte eine Bewegung zwischen den Körpern, als hätte er sich aufgerichtet. Dann eine Gewehrsalve, und Pietro Biondo hörte auf zu stöhnen. Es hat noch lange gedauert, bevor ich die Panzer wegfahren horte. Ich wühlte mich unter den steifgewordenen Körpern heraus. Ich mußte Pietro Biondo finden ... sie hatten uns entwaffnet, aber sie hatten es in Eile getan, und ich wußte, daß er seine zusätzliche Pistole ans Bein geschnallt trug. Es wurde langsam dunkel, und ich brauchte sehr lange. - Magdalen Nabb, Tod in Florenz. Zürich 1992 (zuerst 1987)

Hinrichtung (18) Gockel weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen.  Dann streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:

Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf!
Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.

Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank.  Gockel nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es, schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis fiel ihm hinein.  Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft davon schweben. - Clemens Brentano, Gockel, Hinkel und Gackeleia

Hinrichtung (19)  Aufgrund seines magischen Seidrs wird der Neiding als Untoter und Wiedergänger über den Tod hinaus gefürchtet; darüberhinaus gilt selbst der tote Körper des Schadenszauberers noch als hoch giftig und ansteckend.

Um die Rückkehr der Seele in den Körper zu verhindern, muss der Körper des Neidings vollkommen unbeweglich gemacht werden, bevorzugt durch Pfählen, Verbrennen, Versenken in Flüssen oder Mooren, oder auch alles zugleich. „Keine Sicherheitsmaßregel ist zu umständlich.“

Es war vielleicht besser, den Spuk rein körperlich zu binden, indem man Steine auf ihn häufte oder einen Pfahl durch ihn stieß [...]. Aber oft genug geschah es, daß alle Vorsichtsmaßregeln vergebens waren, wie durchgreifend sie auch durchgeführt wurden. Dann wurde Zerstörung auf Zerstörung gehäuft, vielleicht wurde erst der Kopf abgehauen, dann der ganze Körper verbrannt und die Asche in die See gestreut - in der Hoffnung, so die Seele zu Atomen zu zerstäuben, die so klein wären, daß sie faktisch nicht vorhanden wären.Wilhelm Grönbech: „Kultur und Religion der Germanen“, Bd. 1, Darmstadt 1954, S. 344

 - wikipedia

Hinrichtung (20) Ich war Zeuge der Exekution an diesem Morgen. Ich ging hin, um die versammelte Menge zu beobachten, und ich hatte vortreffliche Gelegenheit dazu. Als ich um Mitternacht ankam, machte schon das schrille Geheul von Knaben und Mädchen, die an den besten Plätzen versammelt waren, mein Blut erstarren. Man parodierte bekannte Negermelodien, nur wurde ›Susanna‹ durch ›Mistress Manning‹ ersetzt. Als der Tag graute, streiften mit beleidigendem, unverschämtem Benehmen bekannte Diebe, Straßendirnen, Säufer und Vagabunden jeder Sorte umher. Faustkämpfe, Gepfeife, brutale Spaße, ein Aufkreischen der Lust mit obszönen Gesten, wenn ohnmächtige Frauen von der Polizei weggezogen wurden und ihre Kleider in Unordnung gerieten, gaben willkommene Intermezzi ab. Als die Sonne herrlich aufstieg, vergoldete sie tausend und abertausend von aufwärts gewandten Gesichtern, die so unaussprechlich viehisch und kannibalisch glotzten, daß ein Mensch fast Scham fühlen mußte vor seiner eigenen Gestalt. - Charles Dickens, nach: Ernst Jünger, Annäherungen. Drogen und Rausch. Frankfurt am Main u.a. 1980 (zuerst 1970)

Hinrichtung (21)  Die Todesstrafe ist das Resultat einer mystischen Idee, die heute ganz und gar nicht mehr verstanden wird. Die Todesstrafe verfolgt nicht den Zweck, die Gesellschaft zu retten, zum mindesten nicht im materiellen Sinne. Sie verfolgt den Zweck, (im geistigen Sinne) die Gesellschaft und den Schuldigen zu retten. Damit das Opfer ein vollständiges sei, muß seitens des Verurteilten Zustimmung und Freude vorhanden sein. Einem Delinquenten Chloroform zu geben wäre eine Gottlosigkeit, denn dies hieße, ihm das Bewußtsein von seiner Größe als Opfer rauben und ihm die Gelegenheit nehmen, sich das Paradies zu verdienen.

Was die Folter betrifft, so entstammt sie dem gemeinen Teil des Menschenherzens, der nach Wollust dürstet. Grausamkeit und Wollust sind identische Empfindungen, gleich dem Grenzwert des Heißen und dem des Kalten. - (cb)

Hinrichtung (22)  Gegen zehn wurden den Gefangenen die Eisen abgenommen, und sie wurden der Obhut des Herrn Thomas Robenson übergeben, der an diesem Tag Profos war. Robenson fesselte ihnen die Hände, wie in solchen Fällen üblich, und befahl der zu seiner Hilfe abgeordneten Wache, die Gefangenen auf die seewärts gerichteten Wälle hinaufzuführen, auf denen sich bereits der Gouverneur, Soldaten und rund hundert Menschen eingefunden hatten. Auf die Bitte der Gefangenen hin wurden Gebete und ausgewählte Psalmen vorgelesen, in die alle Anwesenden einstimmten. Nach Beendigung des Gottesdienstes führte der Profos die Gefangenen eine zu diesem Zweck bereitgestellte Leiter zum Fuß des Walls hinunter, wo man einen Galgen errichtet hatte. Auf ihm hatte man eine schwarze Flagge gehißt, unter ihm befand sich eine auf drei großen Fässern lagernde Plattform, auf die die Gefangenen mittels einer weiteren Leiter hinaufstiegen. Dort legte der Henker die Schlingen so geschickt um ihre Hälse, als habe er in Tyburn gedient. Den Gefangenen wurde unter dem Galgen noch eine Dreiviertelstunde zugestanden, die sie mit dem Singen von Psalmen und einigen Ermahnungen an alte Gefährten und andere Zuschauer zubrachten; die Zuschauer drängten sich so dicht um den Fuß des Galgens, wie die Wache des Profos es zuließ. Dann befahl der Gouverneur dem Profos, sich bereitzumachen. Die Gefangenen warteten auf ihr Ende, als der Gouverneur entschied, George Rounsivel zu begnadigen. Sobald man ihn von der Plattform heruntergeholt hatte, wurden die Fässer mit Seilen weggezogen, worauf die Plattform zusammenstürzte und die acht am Galgen baumelten. -   David Cordingly, Unter Schwarzer Flagge. München 2001 (dtv 30817, zuerst 1995)

Hinrichtung (23) Eines Tages sagte zu sich selbst ein einfältiger Mensch: »Dumm bin ich; wenn ich mich nun auf pfiffige Streiche lege, so wird kein Mensch vermuten, daß ich's bin.« Also legte er sich aufs Stehlen. Aber schon nach dem ersten Diebstahl wurde er als Täter entdeckt und überwiesen, weil er die goldene Uhr, die er gestohlen hatte, selber trug und alle Augenblicke herauszog. Einige Ratsherrn meinten, man könnte wegen seiner Einfalt etwas glimpflicher mit ihm verfahren als mit andern und ihn auf ein Jahr oder etwas ins Zuchthaus schicken. »So?« sagten die andern, »ist's nicht genug, daß so viele verschmitzte Halunken das saubere Handwerk treiben? Soll man für die dummen auch noch Prämien aussetzen, damit alles stiehlt?« und sechs gegen fünf sagten: Er muß an den Galgen. Auf der Leiter, als ihm der Henker den Hals visitierte, sagt er zu ihm: »Guter Freund, Ihr habt's ziemlich dick da herum sitzen, noch dicker als hinter den Ohren. Fast hätt' ich einen längern Strick nehmen sollen.«

Denn wirklich war dem armen Schelm das Kinn ziemlich stark mit dem Hals verwachsen, und als der Henker den Strick ohnehin ungeschickt angebracht hatte und den armen Sünder von der Leiter hinabstieß, glitschte dieser mit dem Kopf aus der Schlinge heraus und fiel unversehrt herab auf die Erde. Einige Zuschauer lachten, aber der größte Teil erschrak und tat einen lauten Schrei, als ob sie fürchteten, es möchte dem Malefikanten, den sie doch wollten sterben sehn, etwas am Leben schaden. Aber der Henker stand einige Augenblicke wie versteinert oben auf dem Seigel1 und sagte endlich: »So etwas ist mir in meinem Leben noch nie passiert.« Da sagte der Malefikant unten auf der Erde kaltblütig und mit gequetschter Stimme: »Mir auch nicht«, und alle, die es hörten, vergaßen die Ernsthaftigkeit einer Hinrichtung, und daß auf dem Weg über das Hochgericht ein armes, verschuldetes Gewissen an seinen ewigen Richter abgeliefert wird, und mußten lachen. Der Blutrichter selber hielt das Schnupftuch vor den Mund und sah auf die Seite. Die glimpflichem Ratsherrn aber ermahnten die strengern: »Laßt jetzt den armen Ketzer laufen. Am Galgen ist er gewesen, und mehr habt ihr nicht verlangt, und Todesangst hat er ausgestanden.« Also ließen sie den armen Ketzer laufen. - (hebel)

Hinrichtung (24) Morgens zu Mylord, wo ich Captain Cuttance traf, aber da Mylord nicht auf war, ging ich nach Charing Cross, um zu sehen, wie Generalmajor Harrison gehängt, gerädert und gevierteilt würde, was dort geschah; er sah so heiter aus, wie jemand in dieser Lage sein konnte. Er wurde sofort abgeschnitten und sein Kopf und Herz der Menge gezeigt, worauf des laute Jubelrufe gab. Es heißt, daß er gesagt hat, er sei sicher, bald zur Rechten Christi zu sitzen, um die zu richten, die ihn jetzt gerichtet haben, und daß seine Frau seine Wiederkehr erwartet. So war es mir bestimmt, den König in Whitehall enthauptet und das erste Blut zur Vergeltung für des Königs Blut in Charing Cross vergossen zu sehen. Von dort zu Mylord und nahm Captain Cuttance und Mr. Shepley zur Sonnenschenke mit und spendierte ihnen ein paar Austern. - (pep)

Hinrichtung (25)  Auf um vier Uhr morgens und zur Arbeit ins Amt. Dann setzten wir uns an die Arbeit, und etwa um 11 Uhr, wir hatten uns ein Zimmer bestellt, brachen wir alle auf zum Tower Hill und sahen dort gegenüber dem Schafott, das für diesen Tag aufgebaut war, wie Sir Harry Vane gebracht wurde. Sehr großes Menschengedränge. Er hielt eine lange Rede, vielmals vom Sheriff und anderen dort unterbrochen, und sie wollten ihm das Papier aus der Hand nehmen, aber er wollte es nicht loslassen. Aber sie ließen alle Notizbücher von denen, die mitschrieben, dem Sheriff geben, und die Trompeten wurden unter das Schafott plaziert, damit man ihn nicht hörte. Dann betete er und machte sich breit und empfing den Streich, aber das Schafott war so überfüllt, daß wir es nicht sehen konnten. Aber Boreman, der auf dem Schafott gewesen war, kam zu uns und erzählte uns, er hätte zuerst begonnen, von dem ungesetzlichen Verfahren gegen ihn zu sprechen; daß ihm entgegen der Magna Charta verweigert wurde, seine Einwände gegen die Anklage vorzubringen, und dabei wurde er vom Sheriff unterbrochen. Dann hätte er seine Notizen hervorgezogen und angefangen, ihnen sein Leben zu schildern, daß er als Gentleman geboren und erzogen wäre und den Stand eines Gentleman hätte; und um in der Meinung der Welt noch mehr als Gentleman dazustehen, war er, bis er siebzehn Jahre alt wurde, ein flotter Bursche; aber dann gefiel es Gott, die Gnade in sein Herz zu legen, was ihn gegen seine weltlichen Interessen bewog, allen Beförderungen zu entsagen und ins Ausland zu gehen, wo er Gott freier dienen könnte. Dann wurde er zurückberufen und zum Mitglied des Langen Parlaments gemacht, wo er bis auf den heutigen Tag nie etwas gegen sein Gewissen getan hätte, sondern alles zu Gottes Ruhm. Hier wollte er ihnen einen Bericht über das Vorgehen des Langen Parlaments geben, aber sie unterbrachen ihn so oft, daß er schließlich gezwungen war aufzugeben. Und so begann er für England im allgemeinen zu beten, dann für die Kirchen in England und dann für die Stadt London und machte sich dann für den Block bereit und empfing den Streich. Er hatte eine Blase oder wunde Stelle am Hals, die er sie bat nicht zu verletzen; er wechselte bis zuletzt weder die Earbe noch die Sprechweise, sondern rechtfertigte noch im Tode sich und die Sache, die er vertreten hatte, und sprach sehr zuversichtlich davon, daß er bald zur Rechten Christi sein würde. Er schien in allem der entschlossenste Mann, der je auf diese Weise starb, und zeigte mehr Leidenschaft als Feigheit, aber doch mit aller Demut und Würde.  - (pep)

Hinrichtung (26)  Letztes Jahr, mit Annie, habe ich  etwas Erstaunliches gesehen. Ich sah einen Mann, der seine Mutter vergewaltigt und ihr dann mit einem Messer den Bauch aufgeschlitzt hatte. Er schien übrigens verrückt gewesen zu sein. Er wurde verurteilt, die Folter der Zärtlichkeiten zu erdulden. Ja, mein Liebster ... ist das erstaunlich? Fremden ist es nicht gestattet, dieser Folter, die übrigens nur noch selten angewandt wird, beizuwohnen. Aber wir hatten dem Wächter Geld gegeben, er verbarg uns hinter einer spanischen Wand. Annie und ich, wir haben alles gesehen .. .

Der Verrückte — er machte aber nicht den Eindruck eines Verrückten — lag ausgestreckt auf einem niedrigen Tisch, Gliedmaßen und Rumpf waren mit festen Riemen gefesselt, der Mund geknebelt, er konnte sich nicht bewegen, nicht schreien...

Es erschien eine Frau, sie war nicht schön, nicht jung, sie hatte einen feierlichen, maskenhaften Gesichtsausdruck, sie war vollkommen in Schwarz gekleidet, ihr Arm war nackt, sie trug einen großen, goldenen Reif. Sie kniete sich neben den Verrückten, sie schloß ihre Faust um seine Rute, sie waltete ihres Amtes . .. Ach, Liebster . . . Liebster . . . Wenn du das gesehen hättest! Es dauerte vier Stunden. Vier Stunden, denk dir nur! Vier Stunden voller entsetzlicher, kunstvoller Zärtlichkeiten, und die Hand der Frau ließ auch nicht eine Minute lang nach, und ihr Gesicht blieb kalt und düster . . . Das Opfer gab seinen Geist mit einem Blutstrahl, der in das Gesicht der Foltermeisterin spritzte, auf. - Octave Mirbeau, in: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur Nr. 15. Zürich 1986

Hinrichtung (2)en  übten seit alter Zeit eine ungemeine Anziehungskraft aus und sprechen für die starke Entwicklung sadistischer Triebe in allen Ländern. Die H. waren große Volksbelustigungen und es gab einzelne Amateurs, die bei keiner fehlten. Ein englischer Hinrichtungshabitué war G. Selwyn, der sogar auf den Kontinent reiste, um H. beizuwohnen, so zu jener von Damiens. Auch Lady Hamilton machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, H. anzusehen. Casanova berichtet, wie während der H. von Damiens der Italiener Tiretta eine Dame geschlechtlich mißbrauchte.Desgleichen erzählt E. Münch (Erinnerungen usw., Carlsruhe 1836, I, 64): »Während der Kopf des Mörders fiel, küßte ich den allerliebsten Nacken eines holdseligen Mädchens, welches vor mir stand und das Schauspiel mitbetrachtete ...« Auch bei den H. in Paris vor dem Gefängnis la Roquette fand sich stets ein großer Teil der Halbwelt stundenlang vorher ein, um sich durch Zoten und andere Unsittlichkeiten bemerkbar zu machen. - (erot)

Hinrichtung (28)  Es ist fast nicht zu beschreiben, wie entsetzlich dieses Spektakel war. Es wurden drei Scheiterhaufen eine Stunde vor der Stadt, nächst der Theiß, aufgerichtet, allwo in der Mitte eines jeden ein großer Pfahl eingegraben stand. An diesem Pfahl nun wurden auf einem jeden Haufen vier Maleficanten mit Stricken angebunden, alsdann eine Weibsperson, welche nur vier Jahre unter ihrer Rotte gewesen und den Brand noch nicht gehabt, geköpfet und auf den mittleren Haufen zu den angebundenen Vieren, welche nach ihrer Charge oder Würde Ober-Capitän, Lieutenant, Fähnrich und Trompeter genannt worden, geworfen; darauf wurden alle drei Haufen zugleich angezündet und in volle Flammen gesetzt. Und obschon die Maleficanten eine starke Viertelstunde in den sie umgebenden Flammen gelebet, so hat man dennoch nicht das geringste Geschrei von ihnen gehöret, und ungeachtet, daß sie auch äußerliche gute Zeichen gegen die ihnen zusprechenden Priester und Geistliche haben spüren lassen, so wollen doch viele an deren glückseligem Ende zweifeln.

Bei dieser Compagnie wurde auch eine ungarische Hebamme in Aschen verwandelt, welche über zweitausend Kinder in des Teufels Namen getaufet. Mit nächstem soll das Urteil überschicket, aus diesem werden unerhörte Laster zu ersehen sein. Es sind noch acht in Verhaft, dieselben sind auch schon geschwemmet und gewogen worden und halten die Hexenprobe. Eine ist darunter, welche großen Leibes ist, und soll der leidige Satan, nach Aussage der obig verbrannten Personen, mit derselben umgegangen sein. - (kal)

Hinrichtung (29)  Das Kommando formierte sich, richtete sich aus. Hladik erwartete aufrecht vor der Kasernenwand die Salve, jemand äußerte Besorgnis, die Wand könne Blutspritzer abbekommen; da befahl man dem Delinquenten, ein paar Schritte vorzutreten. Absurderweise mußte Hladik an die langwierigen Vorbereitungen der Fotografen denken. Ein schwerer Regentropfen streifte Hladiks Schläfe und rollte langsam die Wange herab; der Feldwebel brüllte den letzten Befehl.

Das physische Universum blieb stehen.

Die Gewehre waren auf Hladik gerichtet, aber die Männer, die ihn töten sollten, waren unbeweglich. Der Arm des Feldwebels verewigte eine unabgeschlossene Gebärde. Auf eine Fliese des Hofs warf eine Biene einen festen Schatten. Wie auf einem Bild hatte der Wind zu wehen aufgehört. Hladik versuchte einen Schrei, eine Silbe, eine Handbewegung. Kr begriff, daß er paralysiert war. Kein noch so schwacher Laut erreichte ihn mehr aus der gestauten Welt. Er dachte: ›Ich hin in der Hölle, ich bin tot.‹ Er dachte: ›lch bin wahnsinnig.‹ Er dachte: ›lDie Zeit ist stehengeblieben.‹ Dann überlegte er, daß in diesem Fall ja auch sein Denken stehengeblieben wäre. Er wollte die Probe machen; ohne die Lippen zu bewegen, sagte er sich die mysteriöse vierte Ekloge von Vergil vor. Er stellte sich vor, die schon ferngerückten Soldaten teilten seine Angst; er wollte sich mit ihnen ins Benehmen setzen. Es erstaunte ihn, daß er keinerlei Ermüdung empfand, nicht einmal ein Schwindelgetühl durch das lange unbewegliche Stehen. Nach einer unbestimmten Zeit schlief er ein. Als er aufwachte, war die Welt noch immer unbeweglich und stumm. Auf seiner Wange dauerte der Wassertropfen an; im Hof der Schatten der Biene; der Rauch der Zigarette, die er fortgeworfen hatte, kam nicht dazu, sich zu verflüchtigen.  - Jorge Luis Borges, Kunststücke, nach (bo3)

Hinrichtung (30)  Vor einigen Jahren überfiel ein Leipziger Schneider in einem Anfall von Eifersucht seinen Nebenbuhler in einem öffentlichen Garten und erdolchte ihn. Er wurde zum Tode verurteilt. Die Moralisten jener Stadt stritten, gutmütig und leicht erregbar wie die Deutschen sind, (es ist das eine Charakterschwäche an ihnen,) über das Urteil, fanden es streng und bemitleideten sein Los. Aber das Urteil war nicht rückgängig zu machen. Am Tage der Hinrichtung erschienen alle jungen Mädchen Leipzigs in weißen Kleidern und gaben dem Schneider Blumen streuend das Geleit bis zum Schafott.  - (stend)

Hinrichtung (31)  Sun Wu Kung wurde  im Triumph herbeigeführt und zur Enthauptung verurteilt. Man brachte ihn auf den Richtplatz und band ihn an einer Säule fest. Aber vergeblich waren alle Anstrengungen, ihn mit Beil oder Schwert, Donner oder Blitz zum Tode zu bringen. Nichts krümmte ihm ein Haar.

Laotse sprach: „Kein Wunder! Dieser Affe hat die Pfirsiche gefressen, den Wein getrunken und auch noch meine Lebenspillen verschluckt. Da kann ihm nichts etwas anhaben. Das beste wird sein, ich nehme ihn mit mir und stecke ihn in meinen Ofen, um das Lebenselixier wieder aus ihm herauszuschmelzen. Dann zerfällt er von selbst zu Staub und Asche."

So wurden denn die Bande Sun Wu Kungs gelöst, und Laotse nahm ihn mit sich, steckte ihn in seinen Ofen und befahl seinem Knaben, das Feuer tüchtig zu schüren.

Am Rande des Ofens aber waren die Zeichen der acht Naturkräfte eingegraben. Als nun der Affe in den Ofen kam, da suchte er Schutz unter dem Zeichen des Windes. So konnte ihm das Feuer nichts anhaben; nur der Rauch beizte ihm die Augen. Er blieb in dem Ofen sieben mal sieben Tage; dann ließ Laotse öffnen, um einmal nachzusehen. Als aber Sun Wu Kung den Lichtschein sah, hielt er es nicht mehr länger aus, sondern sprang hervor und warf den Zauberofen um. Die Wärter und Diener stieß er zu Boden, und Laotse selbst, der ihn packen wollte, erhielt von ihm einen solchen Stoß, daß er die Beine in die Luft streckte wie eine umgekehrte Zwiebel. - (chm)

Hinrichtung (32, japanische)  

Japanische Hinrichtung

- Wikipedia

Hinrichtung (33)  Maria Stuart erschien wie eine Nonne an der Hinrichtungsstätte in einem schwarzen Satinkleid, das mit schwarzem Samt gesäumt war. Am Gürtel trug sie zwei Rosenkränze. Ein weißer Schleier bedeckte ihr Haar. Als sie am Schafott den Schleier und die dunkle Überbekleidung ablegte, sah man, dass sie darunter einen dunkelroten Samtunterrock und ein dunkelrotes Satinmieder trug. Die rote Farbe ihrer Unterkleidung war vermutlich bewusst gewählt. Im europäischen Kulturkreis symbolisierte Rot Märtyrertum, Mut und königliches Blut.

Der Scharfrichter war unerfahren und nervös; er benötigte drei Schläge mit der Axt, um Marias Kopf vom Körper zu trennen. Der erste Schlag traf den Hinterkopf. Da Maria keine Reaktion zeigte führte der erste Schlag vermutlich schon zu Bewusstlosigkeit oder Tod. Erst nach zwei weiteren Schlägen war der Kopf vom Rumpf getrennt. Legenden berichten, dass der Henker, als er den Kopf nach der Hinrichtung hochhalten wollte, nur eine Perücke ergriff. Der Kopf, mit kurzgeschorenem grauen Haar, fiel herunter und rollte auf das Schafott. Viel zitiert ist auch, dass der Schoßhund (ein King Charles Spaniel) der Königin sich in ihren Gewändern versteckt hatte und nach der Hinrichtung blutüberströmt von der Leiche entfernt wurde. - Wikipedia

Hinrichtung (34)

- Thomas Alva Edison

Hinrichtung (35)

Hinrichtung (36, chinesische)  Der Henker schlug sein Messer gerade in Sih Kis Herz. Er starb lautlos.

Dann wurde seine Leiche in Stücke zerhackt. Frau Li wurde ohnmächtig, als sie diesen schrecklichen Vorgang sah, und auch mehrere Zuschauer deckten ihre Ärmel über ihre Augen.

Zum Schluß hielt der Henker dem Richter das abgetrennte Haupt entgegen, der die Stirn mit seinem Rotpinsel zeichnete. Dann wurde der Kopf mit der Leiche zusammen in einen Korb geworfen.

Frau Li war dadurch, daß man starken Weihrauch unter ihrer Nase verbrannte, wieder zu sich gekommen.

Die beiden Gehilfen schleppten sie vor die Estrade und warfen sie dort auf ihre Knie.

Als sie den Henker mit seiner Geißel auf sich zukommen sah, schrie sie entsetzt auf. Wahnsinnig vor Angst bat sie ihn, sie zu verschonen.

Der Henker und seine Leute waren an solche Szenen gewöhnt und hörten nicht im geringsten auf ihr Flehen. Der eine Gehilfe lockerte ihr das Haar, nahm die langen Strähnen in die Hand und beugte ihren Kopf nach vorn. Der andere hatte ihr das Oberkleid abgezogen und ihr die Hände auf den Rücken gebunden.

Der Henker probierte den Schwung seiner Geißel. Dieses schreckliche Werkzeug hat Riemen mit eisernen Haken. Man sieht es nur auf Richtstätten, denn niemand, der damit geschlagen wird, hat das je überlebt.

Nachdem Richter Di das Zeichen gegeben hatte, hob der Henker die Geißel. Sie fiel mit hartem Aufschlag auf Frau Lis nackten Rücken und riß ihr das Fleisch vom Hals bis zur Hüfte auf. Frau Li wäre durch die Wucht des Schlages auf ihr Gesicht gefallen, hätte der Gehilfe sie nicht am Haar festgehalten.

Als Frau Li wieder zu Atem gekommen war, begann sie aus Leibeskräften zu schreien. Aber der Henker schlug wieder und wieder. Der sechste Schlag legte die Knochen bloß, und aus dem zerrissenen Fleisch strömte das Blut. Frau Li verlor das Bewußtsein.

Richter Di hob die Hand.

Es brauchte einige Zeit, ehe sie wieder zu sich kam.

Dann hob der Henker sein Schwert, während seine Gehilfen Frau Li auf ihre Knie zwangen.

Der Richter gab das Zeichen, das Schwert fiel nieder und trennte mit einem einzigen furchtbaren Schlag den Kopf vom Körper.

Richter Di zeichnete den Kopf mit seinem Rotpinsel. Dann warf der Henker den Kopf in einen Korb. Später sollte er an den Haaren beim Stadttor aufgehängt werden und dort für drei Tage bleiben.

Richter Di verließ die Estrade und stieg wieder in seine Sänfte. Als die Träger die Schäfte auf ihre Schultern hißten, spielten die ersten Sonnenstrahlen auf den Helmen der Soldaten.

Richter Dis Sänfte wurde erst in den Tempel der Stadtgottheit geführt, wohin auch der Militärkommandant auf einem offenen Tragsessel folgte.

Der Richter berichtete der Schutzgottheit über die Verbrechen, die in ihrer Stadt begangen worden waren, und die den Übeltätern zugemessenen Strafen. Dann verbrannten der Richter und der Militärkommandant Weihrauch und beteten.  - Robert van Gulik, Mord im Labyrinth. Zürich 1985

Hinrichtung (37)   Sie stellten ihn mit dem Gesicht zur Kirchenmauer, die schon heiß war, und an der Eidechsen entlanghuschten. Ico hörte, wie hinter ihm gemurmelt wurde; er verstand ein halb geflüstertes »Legt an!«; er kicherte und dachte noch: »Wenn die glauben, sie können mir angst machen...«, er wandte sich um, um hinzuschauen. In diesem Augenblick hörte er einen Befehl, sah die Maschinenpistolen und das Mündungsfeuer und sah, daß sie ihn erschossen.  - Goffredo Parise, Alphabet der Gefühle. Berlin 1997 (zuerst 1972, 1982)

Hinrichtung (38)  

Hinrichtung (39)  Das Gefängnis war ein Türmchen am Meeresufer. In der Nähe wuchs ein Pinienwäldchen. Im Wipfel einer dieser Pinien hockend, befand sich Cosimo nahezu in gleicher Höhe mit Gian dei Brughi und sah sein Gesicht hinter dem Eisengitter.

Dem Briganten waren Verhöre und Prozeß völlig gleichgültig; was auch geschehen mochte: Er wurde ja doch gehängt; leid taten ihm indessen diese leeren Tage dort im Gefängnis, an denen er nicht lesen konnte, und der Roman, in dem er nur bis zur Hälfte gekommen war. Cosimo gelang es, sich ein weiteres Exemplar von Clarissa zu beschaffen, das er auf die Pinie mitbrachte.

»Bis wohin bist du gekommen?«

»Bis da, wo Clarissa aus dem Freudenhaus entflieht!«

Cosimo blätterte etwas und sagte dann: »O ja, ich hab's. Also...« Dann begann er laut vorzulesen, wobei er sich dem Gitterfenster zuwandte, an dem Gian dei Brughis angeklammerte Hände zu sehen waren.

Die Verhöre zogen sich lange hin. Der Brigant ertrug die Folter. Bis er alle seine unzähligen Verbrechen gestander hatte, brauchte es viele Tage. So kam es, daß er täglich vor und nach den peinlichen Befragungen Cosimo zuhörte, der ihrr vorlas. Als sie mit Clarissa zu Ende waren und er einen etwa; betrübten Eindruck machte, kam Cosimo auf den Gedanken, daß Richardson, wenn man nicht in der frischen Luft lebe, leicht deprimierend wirke; so begann er, ihm lieber einer Roman von Fielding vorzulesen, der ihn mit seiner bewegter Handlung ein wenig für die verlorene Freiheit entschädiger sollte. Es waren die Tage des Prozesses, und Gian dei Brughi hatte nichts anderes im Kopf als die Abenteuer Jonathan Wilds.

Bevor der Roman zu Ende war, kam der Tag der Hinrichtung. In Begleitung eines Mönchs machte Gian dei Brughi aul dem Karren die letzte Reise seines Lebens. In Ombrosa pflegte man die Delinquenten an einer hohen Eiche mitten auf dem Marktplatz zu hängen. Ringsum versammelte sich schaulustiges Volk.

Als Gian dei Brughi schon den Knoten am Halse hatte, hörte er einen Pfiff zwischen den Zweigen. Er blickte empor. Es war Cosimo mit dem geschlossenen Buch.

»Sag mir, wie es ausgeht!« bat der Verurteilte.

»Es tut mir leid, daß ich dir das sagen muß, Gian«, erwiderte Cosimo, »Jonathan stirbt am Galgen

»Danke! So soll es auch mir ergehen. Lebe wohl!« - und damit stieß er selbst die Leiter fort und wurde erdrosselt.

Sobald sich der Körper nicht mehr bewegte, ging die Menge nach Hause. Cosimo blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit auf dem Ast sitzen, an dem der Erhängte baumelte. Jedesmal, wenn eine Krähe sich näherte, urn dem Leichnam Augen oder Nase auszupicken, schwang Cosimo seine Mütze, um sie zu verjagen.   - Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen. München 1984 (zuerst 1957)

Hinrichtung (40)

Hinrichtung (41)  Die beiden Henkersknechte schleppten Siau Li-huai in die Mitte des Richtplatzes und ließen ihn niederknien. Sie entfernten das Schild und entblößten Siaus Hals und Nacken. Der Henker legte seinen Rock ab, so daß man seinen muskelbepackten Oberkörper sehen konnte. Sein Schwert mit beiden Händen erhebend, blickte er zum Richter. Richter Di gab das Zeichen, und schon trennte ein einziger furchtbarer Streich den Kopf vom Rumpfe. Ein Knecht packte den Kopf beim Haar und hielt ihn vor dem Richtertisch hoch. Richter Di nahm seinen Pinsel und malte das scharlachrote Zeichen auf die Stirn. Hierauf warf der Knecht den Kopf in einen bereitstehenden Korb, um ihn später am Stadttor anzunageln.

Unterdessen hatte der andere Henkersknecht ein niedriges, hölzernes Kreuz in die Erde eingegraben, an das der kniende Sü mit am Querbalken ausgebreiteten Armen festgebunden wurde. Der Henker legte eine dünne Hanfschlinge um Sü's Hals und wand das andere Ende des Strickes oben um den Richtpfahl. Nun steckte er einen kurzen Holzpflock zwischen Strick und Richtpfahl hinter Süs Kopf und blickte wartend auf den Richter.

Sobald Richter Di sein Zeichen gegeben hatte, drehte der Henker mit beiden Händen den Pflock schnell herum, so daß die Schlinge die Kehle des Verbrechers immer fester zuschnürte. Dabei traten die Augen des Opfers aus ihren Höhlen, während ihm die Zunge aus dem Munde hing. Der Henker hörte zu drehen auf und wartete ab. Tiefe Stille lag über der Richtstätte, nicht ein Laut drang aus der nach Tausenden zählenden Menge. Endlich legte der Henker die Hand auf das Herz des Gerichteten und verkündete dem Richter den eingetretenen Tod.

Die Henkersknechte nahmen den Körper vom Kreuz ab und legten ihn in den von einem Vertreter der Familie Sü bereitgestellten Notsarg.

Sie richteten das Kreuz wieder auf, bis es in Manneshöhe über dem Boden stand. Nachdem sie die Erde um den Mittelpfosten festgestampft hatten, nagelten sie einen zweiten Querbalken einen Fuß über dem Boden an. Dann zogen sie Frau Dschou bis auf das Unterzeug aus. Sie banden sie am Kreuz fest: die Hände an den Enden des oberen Querbalkens, die Fußgelenke an denen des unteren Balkens. Jetzt stellte sich der Henker vor ihr auf, ein langes, spitzes Messer in der Faust. Seine beiden Knechte standen neben ihm, Beil und Sage haltend.

Sobald Richter Di das Zeichen gegeben hatte, stieß der Henker seinem Opfer das Messer mit aller Kraft ins Herz. Sie war sofort tot. Darauf begann der Henker mit Hilfe seiner Knechte den Körper zu zerhacken und zu zerstückeln. Hände und Füße kamen zuerst an die Reihe. Obwohl die Prozedur des «langsamen Todes» nur an einem schon toten Körper vorgenommen wurde und nicht an der lebenden Verbrecherin, bot sie einen grausigen Anblick; mancher der vielen Zuschauer wurde ohnmächtig. Eine volle Stunde nahm das blutige Werk in Anspruch. Was von Frau Dschous Leiche übrigblieb, warfen die Henkersknechte in einen Korb. Der Richter zeichnete mit seinem roten Pinsel sein Brandmal auf die Stirn des Kopfes, der am Stadttor angenagelt und drei Tage lang zur Schau gestellt werden sollte, versehen mit einem Schild, auf dem ihr Verbrechen beschrieben war. - Robert van Gulik (Hg.), Merkwürdige Kriminalfälle des Richters Di. Zürich 1998

Todesart
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