opf   Das steht in einem medizinischen Traktat von Philippe Pinel zu lesen, der auch erzählt, daß es zur Zeit der Französischen Revolution häufig Schwermütige gab, die glaubten, in ihrem Kopf sei lauter schweres Zeug, und andere, es sei nichts drin als ausgedörrtes Zeug wie in einer Nuß. Ein Schwermütiger jedoch glaubte, ihm sei von einem schrecklichen Despoten der Kopf abgeschnitten worden. Um ihn aber zu überzeugen, daß es nicht stimmte, ließ ihm sein Arzt eine bleierne Kappe anfertigen und verordnete ihm, sie während der ganzen Revolution zu tragen, denn das gewaltige Gewicht sollte ihm beweisen, daß er seinen Kopf immer noch aufhabe. - (cav)

 

Kopf  (2)

Kopf des erschlagenen Hagen von Tronje

- Ernst Barlach 1923, nach: Ernst Barlach mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Catherine Krahmer. Reinbek bei Hamburg 1984 (rm 335)

Kopf  (3)  Als Träger der wichtigsten Sinnesorgane und Sitz des Verstandes ist der Kopf von zentraler Bedeutung für jeden lebenden Organismus. Diese Bedeutung spiegelt sich in der sehr großen Anzahl von Redensarten wider, in denen der Kopf direkt (im Sinne einer körperlichen Symptomatik) oder indirekt (im Sinne der mit dem Kopf verknüpften Funktionen und der ihm beigemessenen Eigenschaften) eine Rolle spielt. Im Sinne der Organismus-Metaphorik repräsentiert der Kopf die Leitung eines Unternehmens oder allgemeiner die Macht. Insbesondere die jahrhundertelang übliche Strafe der Enthauptung hat die existentielle Bedrohung des Kopfverlustes redensartlich festgefroren. Der richtig plazierte und demnach oben getragene Kopf

Kopfhänger nach Thyrso A. Brisolla

Kopfhänger

ist auch Sinnbild der Ordnung: Große Unordnung wird demnach dadurch ausgedrückt, daß etwas auf den Kopf gestellt ist. Der Kopf ist einerseits sprichwörtlich hart, andererseits aber auch sehr verletzlich. Die Schmerzen, die er durch Schläge zugefügt bekommt oder dadurch, daß man auf ihm herumtanzt, haben jedenfalls zu einer ganzen Reihe abgeleiteter Bedeutungen Anlaß gegeben. Das meiste Kopfzerbrechen aber scheint das Nachdenken zu erzeugen, das im Extremfall auch dazu führen kann, daß der Kopf raucht. So kann man sich beispielsweise etwas durch den Kopf gehen lassen, und im Kopf stecken Ideen, Pläne oder Erinnerungen und Gelerntes, das man aus dem Kopf (auswendig) aufsagen kann: Lieder, Gedichte und so weiter. Der Kopf des dummen Menschen dagegen ist leer oder er steckt voller Stroh. Viele Redensarten aus diesem Bereich finden sich auch unter den Begriffen Sinn, Hirn, Schädel oder Haupt. - Klaus Müller, nach (uns)

Kopf  (weiblicher) Der weibliche Kopf ist in der Regel kleiner als der männliche, unterscheidet sich in den äußeren Teilen durch die unter Körper angegebenen Abweichungen und besonders durch den schönen Haarwuchs. So wie das Gehirn des Menschen gegen das Nervensystem desselben überwiegender ist als bei den Tieren, so scheint das weibliche Gehirn wieder überwiegender als das des Mannes. Dies beweist die schnellere Ausbildung des weiblichen Verstandes und anderer geistiger Tätigkeiten, welche zu großer Vollendung gelangen könnten, wäre nicht durch die höhere Bestimmung der körperlichen Funktionen, die unter jener Ausbildung leiden müßten, dem höheren geistigen Aufstreben des schönen Geschlechts ein Hindernis gegeben. - (conv)

Kopf  (5) Zunächst geriet ich in ein Kommunalwesen von lauter Köpfen, die sich auf der Höhe eines Berges in einem altdeutschen Gehölze eingenistet hatten. Hinter jedem Ohre besitzt jeder einen Flügel; eine zweckentsprechende Umbildung des bekannten Muskels, den wir Kopfnicker nennen. An den Sümpfen herum sitzen die Wasserköpfe, blinzeln träge mit den Augen und lassen sich die Sonne ins Maul scheinen. Querköpfe, welche die Eitelkeit ihrer Meinung besitzen, streiten und stoßen sich in der Luft herum; fast jeder hat Beulen grün und blau. Sie leben vom Wind. Was sie sonst brauchen, verdienen sie sich als Redner und Bänkelsänger. Zum Ohrfeigen, zum Hinausschmeißen, zum Balbieren und Frisieren mieten sie sich die geeigneten Hände; ebenso, um sich die Nase putzen zu lassen, was besonders kostspielig, wenn einer den Schnupfen hat. Hosenstoffe gebrauchen sie nicht. Manche sind niedlich. Ihrer zwei, ein Männchen und ein Weibchen, saßen zärtlich zusammengeschmiegt in einem Baum voll grüner Notenblätter und sangen das schöne Duett: »Du hast mein Herz und ich das deine«, und wie's weitergeht.

Etwas tiefer am Berg hinab, in Hütten und Krambuden, leben, weben und schweben die Hände apart für sich. Sie sind teils Schreiber und Schrupper und sonst dergleichen für die Köpfe weiter oben, teils Strumpfwirker und Streichmusikanten und sonst dergleichen für die Füße, die unten im Tale hausen. Ihre Geschicklichkeit ist mitunter nicht unerheblich. Ein Barbier, der mit wenig Seife viel Schaum schlagen konnte, war kürzlich unter die Literaten gegangen. Er hatte großen Erfolg, wie ich hörte, trug bereits drei Brillantringe an jedem Finger und wollte sich demnächst mit einer Köchin verheiraten, die ohne Schwierigkeit ein einziges Eiweiß zu mehr als fünfzig Schaumklößen aufbauschte, also auch noch was leisten konnte.  - Wilhelm Busch, Eduards Traum. In: Teufelsträume. Phantastische Geschichten des 19. Jahrhunderts. Hg. Horst Heidtmann. München 1983 (dtv weltliteratur 2118)

Kopf   (6) Gerade als die Stille anfing, unerträglich zu werden, drehte der Stempelschneider sich um und wälzte sich von dem Gefäß fort nach der Seite des Zimmers, wo er auf dem Rücken liegen blieb. Von dem Becken kam ein leiser Ton, wie wenn ein Fisch eine Fliege fängt, und das grünliche Licht flammte von neuem auf.

Ich blickte wieder hin und sah den eingetrockneten, runzligen schwarzen Kopf eines Hindubabys, mit offenen Augen, offenem Mund und geschorenem Schädel. Das war noch entsetzlicher als die Kriechvorstellung, auch weil es so plötzlich da war. Ehe wir Zeit hatten, etwas zu äußern, begann der Kopf zu sprechen. Wenn man Poes Bericht von der Stimme, die von dem magnetisierten Sterbenden kam, liest, dann spürt man das Grausige dieser Stimme kaum zur Hälfte.

Zwischen den einzelnen Worten war eine Pause von ein bis zwei Sekunden, und in der Stimme klang es wie der Ton einer Glocke. Es tönte langsam, als ob der Kopf mit sich selber spräche, mir brach der kalte Schweiß aus, und es dauerte einige Minuten, ehe ich mich gefaßt hatte. Da kam mir die erlösende Erklärung. Ich sah nach dem nahe an der Tür liegenden Körper und entdeckte an der Stelle, wo die Höhlung unterhalb der Kehle in die Schultern übergeht, einen Muskel, der nichts mit dem regelmäßigen Atemholen des Menschen zu tun hat, fortwährend arbeiten. Das Ganze war eine sorgfältige Nachahmung des ägyptischen Teraphin, von dem man manchmal liest; und die Stimme war ein so geschicktes entsetzliches Bauchreden, wie man es sich nur wünschen konnte. Die ganze Zeit schwankte der Kopf in dem Gefäß, stieß gegen den Rand und sprach. Er erzählte Suddhoo, der wieder winselnd auf dem Boden lag, von der Krankheit seines Sohnes und von ihrem Verlauf bis zu diesem Abend. Ich werde es dem Stempelschneider immer hoch anrechnen, daß er sich so genau an die Zeiten der Peshawarer Telegramme hielt. Er sagte dann weiter, daß tüchtige Ärzte Tag und Nacht über dem Leben des Sohnes wachten, und daß er wahrscheinlich gesund werden würde, wenn der Lohn für den mächtigen Zauberer, dessen Stimme der Kopf in dem Gefäß wäre, verdoppelt würde.

Und hier lag, vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, der Fehler. Mit einer Stimme, die Lazarus bei seiner Auferstehung von den Toten hätte haben können, das Doppelte des ausbedungenen Lohnes fordern, ist absurd. Janoo, die wirklich eine Frau mit männlichem Intellekt ist, sah dies ebenso schnell wie ich. Ich hörte, wie sie zornig halblaut sagte: »Asii nahm! Fareib!«, und gerade, als sie das sagte, verlöschte das Licht in dem Gefäß, der Kopf hörte auf zu sprechen, und wir hörten die Stubentür in ihren Angeln kreischen. Da riß Janoo ein Streichholz an, machte Licht, und wir sahen, daß Kopf, Gefäß und Stempelschneider fort waren. Suddhoo rang die Hände und setzte jedem, der es hören wollte, auseinander, daß er, auch wenn es um sein Seelenheil ginge, nicht noch einmal zweihundert Rupien aulbringen könnte. Azizun in der Ecke war den Krämpfen nahe, während Janoo sich sehr gelassen auf eines der Betten setzte, um darüber zu sprechen, ob das Ganze ein Bunao oder bloß fauler Zauber wäre.  - Rudyard Kipling, In Suddhoos Haus, nach (ki)

Kopf  (7) In diesem (Medusas) Körper zeugte die schädliche Natur zuerst tödliche Plagen; aus diesen Kiefern ergossen sich Schlangen und stießen Gezischel aus mit bebenden Zungen, und wie Frauenhaar flossen sie den Rücken hinab und wogten um den Hals der entzückten Medusa. Auf ihrer Stirn, dir aufrecht zugewandt, hoben sich Schlangen, und Viperngift floß aus Medusas gekämmten Locken.

Was hilft es, daß ein Basilisk vom Speer des unseligen Murrus durchbohrt wird? Schnell strömt das Gift die Waffe entlang und befällt die Hand; mit gezücktem Schwert trennt er diese sogleich ab, trennt sie vollständig vom Arm; und so betrachtet er die furchtbare Vorankündigung seines eigenen Todes und steht doch sicher da, während seine Hand vergeht.« - Aus: Lucan, Pharsalia (nach bo)

Kopf   (8)  Ich drängte ich mich in den Kreis und konnte gerade noch einen Blick auf drei Menschenköpfe werfen, die andere Anwesende in die Umhüllungen wickelten, aus denen sie herausgenommen worden waren.

Einen von diesen dreien konnte ich genau erkennen. Er war in völlig erhaltenem Zustand, und nach dem flüchtigen Blick, den ich darauf hatte tun können, schien er einem Räucherungsprozeß unterworfen worden zu sein, durch den er in seinen jetzigen trockenharten und mumienartigen Zustand gebracht worden war. Die beiden langen Skalplocken waren auf dem Scheitel zu Kugeln zusammengedreht, so wie sie dieser Mensch zu Lebzeiten getragen hatte. Die eingefallenen Wangen waren noch geisterhafter geworden durch die zwischen den Lippen hervortretenden blinkenden Zähne, während die Augenhöhlen, die mit ovalen Perlmutterstückchen ausgefüllt waren, in deren Mitte sich ein schwarzer Punkt befand, die Abscheulichkeit des Anblicks noch steigerten.  - Herman Melville, Typee. Ein Blick in das polynesische Leben... München 1979 (zuerst 1846)

Köpfe  (9)

- Virgil Finlay

Kopf  (10)  Wozu ist ein Kopf? Der Kopf ist zum nüssen, die Nase zum stöbern, die Ohren zum feigen, das Maul zum schellen - schließlich die Backen zum streichen oder pfeifen. Von den Augen spricht man nicht, am besten man schließt sie. Scheuklappen sind nur für Pferde. Welch Roß ist der Mensch?! - Raoul Hausmann, Hyle. Nach: Adelheid Koch, Ich bin immerhin der größte Experimentator Österreichs. Raoul Hausmann. Innsbruck 1994

Kopf  (11)

Kopf

- Théodeore Guèricault, Guillotinierter Kopf, 1818, aus: Dirk H. Veldhuis, Träumen mit offenen Augen. Phantastische Bilderwelten. Nördlingen 1986

Kopf  (12)

Ich danke dem Boden, der mich gebar,
Und dem Leben, das mich genährt -
Doch am meisten Allah, der meinem Kopf
Zwei verschiedene Seiten beschert.

Lieber verlöre ich Hemd und Schuh
Und Freunde und Tabak und Topf,
Als nur für einen Augenblick
Eine Seite von meinem Kopf.

 - Rudyard Kipling, Kim. Nach (ki)

Koerperteile, menschliche Gedanken

Oberbegriffe

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Unterbegriffe

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VB
WitzWunderwerke  

Synonyme