ond  Es ist eine sonderbare Meinung, daß der Mond nicht von je her geschienen haben soll. In Griechenland ging man so weit die Arcadier Antiseleniten zu nennen weil sie älter seyen, als der Mond, der erst in einer Schlacht erschienen sey, die Hercules gegen die Giganten kämpfte.  - Alexander von Humboldt, Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. Frankfurt am Main 1993 (it 1540)

Mond (2) Gewisse Tiere werden Symbole oder "Vergegenwärtigungen" des Mondes, weil ihre Form oder ihre Seinsweise an den Mond erinnert. So die Schnecke, die aus ihrem Haus kriecht und darin verschwindet; der Bär, der im Hochwinter unsichtbar wird und im Frühling wieder erscheint; der Frosch, weil er sich aufbläht, ins Wasser taucht und wieder auftaucht; der Hund, weil man ihn im Monde wahrnimmt oder weil er der mythische Ahne des Stammes ist; die Schlange, weil sie erscheint und verschwindet, weil sie so viel Ringe hat als der Mond Tage (diese Legende wird auch in der griechischen Tradition überliefert: Aristoteles, Hist. animal. II, 12; Plinius, Hist. Nat. XI, 82) oder weil sie der "Gatte aller Frauen" ist, weil sie sich häutet (das heißt sich periodisch regeneriert, "unsterblich" ist) usw.  - Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige. Darmstadt 1976

Mond (3) Der Mond nimmt die häßlichen und nutzlosen Lüfte in sich auf, dann auch die Wärme der reinen Luft, stäte, förderliche Winde und gefährliche Stürme und ebenso die starke Luft, die jegliches Grün hervorbringt, die Luft, die das Obst herauszieht, und schließlich die Luft, die ausdörrt und den Mangel bringt, und das ist der Winter. Und dies alles sammelt der Mond in sich wie ein Mann, der Wein in einen Schlauch gießt und aufnimmt, und ihn dann wieder austrinkt. So nimmt der Mond all dieses beim Wachsen in sich auf und leert es beim Abnehmen wieder aus; und so sind seine Tage teils gut, teils schlecht; die einen nützlich, die anderen schädlich; die einen stark, die anderen schwach; die einen häßlich, die anderen in herrlichem Grün; die einen trocken und den Früchten abträglich.

Und weil der Mond diesen Wechsel in sich hat, so ist auch die Befeuchtung im Menschen bei Schmerz, in Widerwärtigkeit, in der Weisheit und im Glück Wechsel und Veränderung unterworfen. - (bin)

Mond (4) Es war ein Uhr morgens, ein Uhr oder halb zwei, vor mir erhellte sich der Himmel ein wenig, und der Mond erschien, eine traurige Sichel im letzten Viertel. Der Mond des ersten Viertels, der um vier oder fünf Uhr abends aufgeht, ist hell, fröhlich, silberklar; aber dieser, der sich nach Mitternacht erhebt, ist rötlich, trübe, beunruhigend; es ist ein wahrer Sabbatmond. Diese Beobachtung dürften alle Nachtmenschen gemacht haben. Der erste, und wäre er dünn wie ein Faden, versendet ein heiteres Licht, das das Herz erfreut und klare Schatten auf die Erde zeichnet; der letzte verbreitet einen ersterbenden Schein, so glanzlos, daß er kaum Schatten wirft. - (nov)

Mond (5) Ich sah durch den Bergzaun in der Taltiefe ein gelbleuchtendes Hoftor: den Mond. Dann war der Mond eine strahlende Lautsprecherbox, quergeteilt von den Zaunlatten davor. Er stieg zusehends, am Zaun zu beobachten, aus der Ebene und stand neben dem Berghaus als das Fenster eines kleinen unsichtbaren Nebengebäudes. In den hohen Linden rauschte es immerwährend, auch bei völliger Windstille auf der Bank darunter. Ein Glühwürmchen flog seltsam hoch. Auf dem Mond erschienen zwei Kratzer, von den Zaunspitzen. Auf der Wiese war ein grauer Schein, und ein Geruch von Kümmelpflanzen wurde spürbar beim Einatmen. Es war jetzt, als ob das so leise Rauschen der Bäume die Herrschart über die Landschaft übernommen hätte. Das Rauschen galt. Der Mond hatte auf einmal einen langen dünnen dunklen Wolkenpfeil zwischen den Zähnen. Allmählich kam der Wind von den Bäumen als kalter Hauch herab auf den Erdboden. Mit der Zeit fühlte ich mich von dem Rauschen umkreist - das auch stärker wurde. Im Gehen dann wurden Gerüche oder Düfte und Wärme ununterscheidbar: mit der Wärme kam jeweils ein Duft. Allmählich befand ich mich in einer neuartigen Helligkeit, ohne daß der Mond, nun hinter dem Haus verschwunden, schon wieder zu sehen war: es wurde immer lichter, auch auf dem Papier, auf das ich schrieb, so daß ich mich unwillkürlich nach einer Lichtquelle umschaute. Die schwarzen Fenster an dem Haus gaben mir das Gefühl von einer tiefen, schweren Abwesenheit jemandes, eines einst Geliebten. Dann blinkten die Gegenstände im unmittelbaren Mondlicht, in welchem das Glühwürmchen erlosch. Das endlich bewegungslose Ende eines Zweiges ragte in den Mond, als dessen Wappen: ein Hahnenfuß. Aus dem Talgrund - viele Kilometer weit weg - kam jetzt Blasmusik, leise wie eine Ohrentäuschung, wie eine Erzählung von einer Blasmusik und einer Tanzveranstaltung (Geräusche der fernen Rhythmusinstrumente wie von der Hand unter der Achsel erzeugt) und von Leuten als Punkten in der Mondnachtkälte. Im Gras zu meinen Füßen, tief unten zwischen den Halmen, bewegte sich in der Dunkelheit ein kleines gelbes Stück Kohle, das das Gras rundum ausleuchtete: dieses Stück leuchtender Kohle, in der Mitte ein schwarzer Längsstrich, rotierte langsam um sich selber, wie eine schwer drehbare Schraube - (bleist)

Mond (6) Wir steigen. Schon sendet die Erde uns kein Echo unserer Hörner mehr; wir sind über sechshundert Meter. Man sieht nicht genug, um die Instrumente abzulesen, man weiß nur, daß die Blätter aus Reispapier niederfallen wie tote Schmetterlinge, also daß wir steigen, immerzu, immerzu. Man erkennt die Erde nicht mehr; leichte Nebel trennen uns von ihr; und über unseren Köpfen funkelt das Volk der Sterne.

Doch vor uns wächst ein Lichtschein, ein Silberschein, der den Himmel blasser macht; und mit einemmal, als erhöbe er sich aus den unbekannten Gründen des unteren Horizonts, gleitet über den Rand einer Wolke der Mond. Von unten, so dünkt uns, ist er gekommen, während wir ihn von weit oben betrachten, auf den Rand unserer Gondel gestützt wie Zuschauer auf einem Theaterbalkon. Er löst sich leuchtend und rund von den Wolken, die ihn umhüllten, und steigt langsam in den Himmel empor.

Die Erde ist nicht mehr, die Erde ist unter den milchigen Dämpfen ertrunken, die einem Meer gleichen. Wir sind jetzt mit dem Mond allem in der Unendlichkeit, und der Mond sieht aus wie ein vor uns reisender Ballon; und unser Ballon, der widerleuchtet, sieht aus wie ein größerer Mond als der andere, wie eine wandernde Welt mitten im Himmel, unter den Sternen, in der unendlichen Weite. Wir sprechen nicht mehr, wir denken nicht mehr, wir leben nicht mehr, wir gleiten köstlich bewegungslos durch den Raum. Die Luft, die uns trägt, hat aus uns Wesen gemacht, die ihr gleichen, stumme Wesen, froh und toll, berauscht von diesem geisterhaften Flug, seltsam bewegt, wiewohl unbeweglich. Man spürt sein Fleisch nicht mehr, man spürt nicht mehr seine Knochen, man fühlt sein Herz nicht mehr klopfen, man ist etwas Unnennbares geworden, Vögel, die nicht einmal mit den Flügeln zu schlagen brauchen.

Jede Erinnerung ist unserer Seele entschwunden, jede Sorge hat unser Denken verlassen, wir wissen von keiner Reue, keinen Plänen, keiner Hoffnung mehr. Wir sehen, wir fühlen, wir genießen begeistert diese wundersame Reise; im Himmel nichts als der Mond und wir! Wir sind eine dahineilende Welt, eine Welt auf einer Bahn wie unsere Brüder, die Planeten; und diese kleine Welt trägt fünf Menschen, die die Erde verlassen und sie schon fast vergessen haben. Man sieht jetzt wie am hellen Tag; wir blicken uns an, verwundert über diese Helle, denn wir haben nur uns und ein paar Silberwolken anzusehen, die tiefer schwimmen. Die Barometer zeigen zwölfhundert Meter, dann dreizehn-, dann vierzehn-, dann fünfzehnhundert; und die Blättchen von Reispapier fallen und fallen.

Kapitän Jovis bestätigt, daß der Mond die Luftschiffe oft so aufgetrieben hat und daß die Reise nach oben weitergeht.  - (nov)

Mond (7) Den achtzehnten Tag, nachdem wir bei der Insel Otaheiti vorbeigekommen waren, führte ein Orkan unser Schiff wenigstens tausend Meilen von der Oberfläche des Wassers weg und hielt es eine geraume Zeit in dieser Höhe. Endlich füllte ein frischer Wind unsere Segel, und nun ging's mit unglaublicher Geschwindigkeit fort. Sechs Wochen waren wir über den Wolken gereiset, als wir ein großes Land entdeckten, rund und glänzend, gleichsam eine schimmernde Insel. Wir liefen in einen bequemen Hafen ein, gingen an das Ufer und fanden das Land bewohnt. Unter uns sahen wir eine andere Welt mit Städten, Bäumen, Bergen, Flüssen, Seen usw., das, wie wir vermuteten, die Erde war, die wir verlassen hatten.

Im Monde - denn das war die schimmernde Insel, an der wir gelandet waren - sahen wir große Gestalten, die auf Geiern ritten, von denen jeder drei Köpfe hatte. Um Ihnen einen Begriff von der Größe dieser Vögel zu geben, muß ich Ihnen sagen, daß die Entfernung von einem Ende ihres Flügels bis zum andern sechsmal so lang war als das längste Segeltau an unserm Schiffe. Ebenso, wie wir in unserer Welt auf Pferden reiten, fliegen die Einwohner des Mondes auf diesen Vögeln umher.

Der König hatte gerade einen Krieg mit der Sonne. Er bot mir eine Offiziersstelle an; allein ich verbat mir die Ehre, die Seine Majestät mir zudachte.

Alles ist in dieser Welt außerordentlich groß, eine gewöhnliche Fliege zum Beispiel ist nicht viel kleiner als eins unserer Schafe. Die vorzüglichsten Waffen, deren sich die Einwohner des Mondes im Kriege bedienen, sind Rettiche, die wie Wurfspieße gebraucht werden und den, der damit verwundet wird, augenblicklich töten. Ihre Schilde sind aus Pilzen gemacht, und wenn die Zeit der Rettiche vorbei ist, so vertreten Spargelstengel ihre Stelle.

Ich sah auch hier einige von den Eingeborenen des Hundssterns, die der Handlungsgeist zu dergleichen Streifereien verleitet. Sie haben ein Gesicht wie große Bullenbeißer. Ihre Augen stehen zu beiden Seiten der Spitze oder vielmehr des untern Endes ihrer Nase. Sie haben keine Augenlider, sondern bedecken ihre Augen, wenn sie schlafen gehen, mit ihrer Zunge. Gewöhnlich sind sie zwanzig Fuß hoch; von den Einwohnern des Mondes aber ist keiner unter sechsunddreißig Fuß. Der Name, den die letzteren führen, ist etwas sonderbar. Sie heißen nicht Menschen, sondern kochende Geschöpfe, weil sie ebenso wie wir ihre Speisen beim Feuer zurechtmachen. Übrigens nimmt ihnen das Essen sehr wenig Zeit weg; denn sie öffnen nur die linke Seite und schieben die ganze Portion auf einmal in den Magen hinein; dann schließen sie wieder zu, bis nach Verlauf eines Monats derselbe Tag wiederkommt. Sie haben mithin das ganze Jahr hindurch nicht mehr als zwölf Mahlzeiten - eine Einrichtung, die jeder, der kein Fresser oder Schlemmer ist, der unsern weit vorziehen muß.

Die Freuden der Liebe sind im Monde gänzlich unbekannt; denn sowohl unter den kochenden Geschöpfen als allen übrigen Tieren gibt es nur ein einziges Geschlecht. Alles wächst auf Bäumen, die aber nach ihren verschiedenen Früchten auch an der Größe und den Blättern sich sehr voneinander unterscheiden. Diejenigen, auf denen die kochenden Geschöpfe oder die Menschen wachsen, sind viel schöner als die andern, haben große, gerade Äste und fleischfarbene Blätter, und ihre Frucht besteht in Nüssen, die sehr harte Schalen haben und wenigstens sechs Fuß lang sind. Wenn diese reif sind, welches man an der Veränderung ihrer Farbe sehen kann, so werden sie mit großer Sorgfalt gepflückt und so lange, als man es für gut findet, aufgehoben. Will man nun den Samen dieser Nüsse lebendig haben, so wirft man sie in einen großen Kessel kochenden Wassers, und in wenigen Stunden öffnen sich die Schalen, und das Geschöpf springt heraus.

Ihr Geist ist immer schon, ehe sie in die Welt kommen, von der Natur zu einer besonderen Bestimmung gebildet. Aus einer Schale kommt ein Soldat, aus einer andern ein Philosoph, aus einer dritten ein Gottesgelehrter, aus einer vierten ein Jurist, aus einer fünften ein Pächter, aus einer sechsten ein Bauer usf., und jeder fängt sogleich an, sich in der Ausübung dessen, was er vorher bloß theoretisch wußte, vollkommen zu machen. Der Schale mit Gewißheit anzusehen, was in ihr steckt, ist sehr schwer; doch machte ein lunarischer Theologe zu meiner Zeit mächtigen Lärm, er sei im Besitze dieses Geheimnisses. Man achtete aber wenig auf ihn und hielt ihn durchgängig für krank. Wenn die Leute im Monde alt werden, so sterben sie nicht, sondern lösen sich in Luft auf und verfliegen wie Rauch.

Trinken haben sie nicht nötig, denn es finden gar keine Ausleerungen bei ihnen statt, ausgenommen durch das Aushauchen. Sie haben nur einen Finger an jeder Hand, mit dem sie alles tun können, so gut und noch besser als wir, die wir außer dem Daumen viere haben.

Ihren Kopf haben sie unter dem rechten Arm, und wenn sie auf eine Reise oder an eine Arbeit gehen, bei der sie sich heftig bewegen müssen, so lassen sie ihn gemeiniglich zu Hause, denn um Rat fragen können sie ihn, sie mögen von ihm entfernt sein, so weit sie wollen. Auch pflegen die Vornehmen unter den Mondbewohnern, wenn sie gern wissen möchten, was unter dem gemeinen Volke vorgeht, nicht, sich unter dasselbe zu begeben. Sie bleiben zu Hause, das heißt, der Körper bleibt zu Hause und schickt nur den Kopf aus, der inkognito gegenwärtig sein kann und dann nach Gefallen seines Herrn mit der eingezogenen Kundschaft zurückkehrt.  - Gottfried August Bürger, Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. In: Erwin Wackermann (Hg.), Münchhausens wunderbare Reisen. Die phantastischen Geschichten des Lügenbarons und seiner Nachfolger. München 1968 (dtv 527, zuerst 1833)

Mond (8) «Natürlich! Der Mond muß ja ungeheuer höhlenreich sein und in seinem .Innern eine Atmosphäre haben und im Mittelpunkt der Höhlen ein Meer. Man wußte ja, daß der Mond ein niedrigeres spezifisches Gewicht hat als die Erde, man wußte, daß es an seiner Oberfläche wenig Luft oder Wasser gibt, man wußte auch, daß er ein Schwesterplanet der Erde und es daher unerklärlich sei, falls seine Zusammensetzung anders wäre als die der Erde. Daraus ließ sich ohne weiteres schließen, daß er hohl sein müsse. Dennoch betrachtete man dies niemals als eine Tatsache. Kepler hatte natürlich...»

Seine Stimme klang nun so eifrig wie die eines Mannes, der einer logischen Folge von Gedanken auf der Spur ist.

«Ja», rief er, «Kepler mit seinem Subvolvani hatte letzten Endes recht!» - Herbert George Wells, Die ersten Menschen auf dem Mond. Reinbek bei Hamburg 1968 (rororo 1026, zuerst 1901)

Mond (9) Hinter ihr öffnete sich ein großes, böse dreinblickendes Auge. Der Mond. Aber es war nicht der kühle abnehmende Mond der Liebenden und der Sehnsüchte. Dickbauchig, fleischfressend. Von einem gegen die Lebenden gerichteten Geist beseelt wie alles andere hier drinnen. Rauchend, fiebernd, krankhaft stierend, an das Böse und Dinge gemahnend, an die nicht zu glauben dich schon lange zuvor die Kirche gelehrt hatte. Unheilige Dinge. Leichenfresser und Kobolde, grinsende Kadaver, die sich aus den Gräbern ihren Weg nach oben bahnten, nur aus kreuz- und querlaufenden subkutanen Muskelsträngen bestehend, wie etwas auf dem Seziertisch eines Medizinstudenten. Der Mond. Der Planet, der den Wahnsinn und den psychopathischen Drang, Blut zu vergießen, kontrollierte.

Wo es vorher finster gewesen war, verdoppelte und verdreifachte er die Schatten. Und an den Stellen, wo es nicht ganz so finster gewesen war, erzeugte er eine Grauen einflößende, bedrohlich vorgespielte Bewegung, während er durch die ruhelosen Blätter und Zweige filterte. Dadurch schienen die Gestalten und Figuren auf den Gräbern, die bisher zumindest ruhig gewesen waren, zu schwanken, sich unter seinen Strahlen zu bewegen und zu schlängeln und zu verschieben. wie etwas Lepröses fleckig zu werden und finster zu funkeln und lüstern zu schielen. Die Bäume wurden zu knorrigen Gestalten, die sich ihr zuneigten, nach ihr griffen, um sie zu umklammem. Die Grabmäler wurden zu etwas, das sich hinter den Büschen duckte, und die Blumen ließen in dem Augenblick, da sie an ihnen vorbeiging, die Köpfe tiefer hängen und richteten sie wieder auf, sobald sie ihnen den Rücken zugekehrt hatte, um hinter ihr herzuschleichen. Selbst ihr eigener Schatten wandte sich jetzt gegen sie, fiel sie tückisch an, indem er sich an sie heranschlich, wenn sie es am wenigsten erwartete, oder stürzte abrupt von einer Seite auf sie zu. - Cornell Woolrich, Schwarzes Alibi. München 1986 (zuerst 1942)

Mond (10)   Im Universum geht nichts verloren. Wo landen die Dinge, die auf der Erde verloren werden? Auf dem Mond. In seinen weißen Tälern findet sich alles wieder - der vergängliche Ruhm, die ungläubigen Gebete, die Tränen und Seufzer der Liebenden, die beim Spiel vergeudete Zeit. Und dort wird auch in versiegelten Flaschen der Verstand derer aufbewahrt, die den Verstand verloren haben, ob teilweise oder ganz.

In jener Nacht kommt der Mond sehr nahe an dem Berg vorbei. Astolfo und der Evangelist Johannes, die auf den Wagen des Propheten Elias gestiegen sind, sehen die Mondsichel größer und größer werden und die Erde unter sich immer kleiner, bis sie nur noch ein Bällchen ist. Astolfo muß sehr scharf hinsehen, um die Kontinente und Ozeane zu unterscheiden.

Sie passieren die Sphäre des Feuers, ohne zu verbrennen, und treten in die des Mondes ein, der ihnen glatt wie fleckenloser Stahl vorkommt. Der Mond ist eine Welt, so groß wie die unsere, einschließlich der Meere. Es gibt dort Flüsse, Seen, Ebenen, Städte und Schlösser wie bei uns, und doch sind sie anders als bei uns. So wie Erde und Mond ihre Dimensionen vertauschen, so verkehren sie auch ihre Funktionen: Von dort oben gesehen kann die Erde der Mond genannt werden, und wenn die Vernunft der Menschen dort oben aufbewahrt wird, heißt das, daß auf der Erde nur Torheit übriggeblieben ist: - (rol)

Mond (11)   Ich  arbeite an dem grossen Kapitel über den Mond.. . als das Excentrum der Erde. Die Nacht ist der innere Tag. Die Lebenden bilden das Totengericht. Das Wasser als die Indifferenz von Mensch und Eisen. An der Farbe werden wir noch alles erkennen. Alle Pflanzen sind l Tier, alle Tiere sind ein Mensch. Die Geheimnisse des Erdmagnetism. Die Nadel zeigt nach N, weil dort Süden ist. Kalt ist älter als warm. Das alles am Monde. Die Erde ist die Madonna des . Der Mond ist die Hebamme der Erde.  = Hydrogen. Jetzt die Formen der Krystalle. Der Sauerstoff als Licht!!!! Die primären Gasarten als die Geister der Planeten. Die abstrakten Begriffe sind die Gasarten unter den Wörtern. Die Magnetnadel zeigt also auf die Oü! Die Kunst als angewandte Physik. Der Sauerstoff ist das religiöse Gas. Religion folgte aus Oxygen. Die Kunst als Mumie. Die O geht rückwärts in das Paradies. Wo sich die Wärme in Licht verwandelt, da ist das Paradies.   - Hans Jürgen von der Wense, Von Aas bis Zylinder, Bd. I. Frankfurt am Main 2005

Mond (12)  «Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener Himmelskörper, ist doch tot?» flötete Herr Doktor Haselmayer schüchtern.

«Er ist nicht tot», belehrte ihn der Herr Graf, «er ist nur das Gesicht des Todes. Er ist - wie soll ich es nennen - die Sammellinse, die gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen bringt. -Über die Maßen kurios - finden Sie nicht auch? — daß die Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten lieben - besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen,  und keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter — insonderheit die schwarzen — die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.» - Gustav Meyrink, Die vier Mondbrüder. In: G. M., Der Kardinal Napellus. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 19, Hg. Jorge Luis Borges

Mond (13) Der Mond, der die Launenhaftigkeit selbst ist, sah durchs Fenster, während du in deiner Wiege schliefst und sagte zu sich: »Dieses Kind gefällt mir.«

Und er stieg weich und leise seine Wolkentreppe hinab und ging lautlos durch die Fensterscheiben hindurch. Dann breitete er sich mit der anschmiegenden Zärtlichkeit einer Mutter über dich und legte seine Farben auf dein Angesicht. Davon sind deine Augäpfel grün geblieben und deine Wangen ungewöhnlich bleich. Weil du diesen Besucher angeschaut hast, sind deine Augen so seltsam groß geworden, und er hat dir so zärtlich die Kehle geschnürt, daß du darum nun immer weinen möchtest.

Der Mond indessen, in der Ausgelassenheit seiner Freude, füllte das ganze Zimmer aus, wie Phosphordunst, wie ein leuchtendes Gift; und all dies lebendige Licht dachte und sprach: »Ewig wirst du die Wirkung meines Kusses verspüren. Du wirst schön sein auf meine Art. Du wirst lieben, was ich liebe und was mich liebt: das Wasser, die Wolken, das Schweigen und die Nacht, das unermeßliche grüne Meer, das gestaltlose und vielgestaltige Wasser, die Stätte, wo du nicht sein, den Geliebten, den du nicht kennen wirst, die ungeheuerlichen Blumen, die Düfte, die Fieberträume bringen, die Katzen, die sich wohlig auf den Klavieren rekeln und wie die Frauen seufzen, mit heiserer und sanfter Stimme!« - Charles Baudelaire, Der Spleen von Paris. Zürich 1977 (Übs. Walther Küchler)

Planet
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