asser  

Es ist nicht wie ein Gemetzel, wie eine Bombe;
es blutet ja niemand, es wird ja niemand zerfleischt;
es ist nur so, daß es mehr und mehr wird,
daß es überall hin will, daß alles sich wellt;
kleine Perlen bilden sich, Rinnsale; es ist so,
daß es dir die Schuhsohlen netzt, daß es dir
in die Manschetten sickert, daß dir der Kragen
klamm wird im Nacken; es leckt an der Brille,
in die Safes rieselt es, an den Stuckrosetten
bilden sich dumpfe Flecken; es ist nämlich so,

daß alles nach seinem Geruch, der geruchlos ist, riecht;
daß es tropft, spritzt, strömt, sprudelt,
nicht eins nach dem andern, sondern blindlings und durcheinander,
daß es den Zwieback näßt, den Filzhut, die Unterhosen,
daß es schweißig und seicht an die Räder des Rollstuhls rührt,
daß es in den Pissoirs steht, brackig, und in den Bratröhren
gluckst; dann wieder liegt es nur da, naß, dunkel,
ruhig, unbewegt, und steigt einfach, langsam, langsam,
hebt kleine Sachen auf. Spielsachen, Wertsachen,
mit ekelhaften Flüssigkeiten gefüllte Flaschen,
schwemmt sie mit, achtlos, spült sie trudelnd fort,
Sachen aus Gummi, tote, zerbrochene Sachen; so lang,

bis du es selber fühlst, in deinem Brustkorb,
wie es sich dringend, salzig, geduldig einmischt,
wie es, kalt und gewaltlos, erst an die Kniekehlen,
dann an die Hüften rührt, an die Brustwarzen,
an die Schlüsselbeine; bis es dir endlich am Hals steht,
bis du es trinkst, bis du fühlst, wie es das Innere,
wie es die Luftröhre, die Gebärmutter, wie das Wasser
durstig den Mund sucht; wie es alles ausfüllen,
wie es verschluckt werden, und verschlucken will.

 - Hans Magnus Enzensberger, Der Untergang der Titanic. Eine Komödie. Frankfurt am Main 1981 (zuerst 1978)

Wasser (2) Die Funktion des Wassers ist immer dieselbe:es desintegriert, hebt die Gestalten auf, "wäscht die Sünden, ab", "reinigt" und regeneriert zugleich. Seine Bestimmung ist es, der Schöpfung vorherzugehen und sie aufzusaugen, selber aber keine Gestalten, keine Formen bilden zu können, die eigene Modalität nicht zu verlassen. Das Wasser bleibt immer ein virtueller, keimhafter und "latenter" Zustand. Alles, was Form ist, manifestiert sich außerhalb des Wassers, sich von ihm ablösend. Was allerdings vom Wasser losgelöst und Form geworden ist, untersteht dem Gesetz der Zeit und des Lebens; es kennt Grenzen, Geschichte, es ist ein Teil im großen Werden, verdirbt und entleert seine Substanz, wenn es sich nicht durch periodisches Untertauchen im Wasser erneuert, wenn es nicht die von der Kosmogonie gefolgte Sintflut "wiederholt". Lustrationen und rituelle Reinigungen mit Wasser haben eine vorübergehende Aktualisierung "jener Zeit", in der sich die Schöpfung vollzog, zum Zweck; sie sind die symbolische Wiederholung der Geburt der Welten oder des "neuen Menschen". - Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige. Darmstadt 1976

Wasser (3) Das Wasser hat fünfzehn Kräfte. Es die Wärme, die Luft, die Feuchtigkeit, es überschwemmt, hat Schnelligkeit und Beweglichkeit; dem Holze gibt es Saft, dem Obste Geschmack, den Kräutern das Grün; durch seine Feuchtigkeit durchdringt es alles mit Nässe; gibt den Vögeln Zusammenhalt, nährt die Fische, läßt die Tiere in seiner Wärme leben, hält die Reptilien in seinem Schaume zurück und stützt alles, seine Kräfte sind wie die zehn Gebote und die fünf Bücher Mosis vom Alten Testamente, was Gott alles zur geistigen Einsicht hinwandte.

Vom lebendigen Quell springen nämlich die Wasser, die allen Schmutz abwaschen. Denn in jeglicher Kreatur, die sich regt, fließt leichtgleitendes Wasser, und auch für die reglosen Geschöpfe ist es der Feuerbringer jeglichen Grüns. Es fließt von der Wärme und von der feuchten Luft; denn hätte es keine Wärme, dann wäre es ja von der Kälte hart. Von der Wärme also fließt es, und von der Feuchtigkeit der Luft strömt es. Hätte es diese Luft nicht, könnte es nicht fließen. Von diesen drei Kräften, von der Wärme, der Feuchtigkeit und der Luft hat es seine Schnelligkeit, so daß ihm nichts widerstehen kann und es selbst alles übertrifft ... Und die Krauter haben von der fließenden Feuchtigkeit ihr Grün in sich, und die Steine schwitzen von des Wassers Feuchtigkeit. So sammelt des Wassers Kraft alles, auf daß nichts zugrunde gehe, weil seine Feuchtigkeit in allem schwitzt.  - (bin)

Wasser (4) Das junge Mädchen auf dem Steuersitz ergab sich der Süße, auf dem Wasser zu sein. Sie fühlte, wie ihr Denken sich verflüchtigte, wie eine sanfte Schwere in ihre Glieder zog, ein Abgelöstsein von sich selbst wie unter mehrfachem Rausch. Sie war sehr rot geworden, atmete kürzer. Die Betäubung durch den Wein, von der schwirrenden Hitze, die sie umflutete, gefördert, schien alle Uferbäume vor ihr zu neigen, an denen sie vorüberfuhr. Ein dunkles Verlangen, zu genießen, eine Gärung des Blutes durchpulsten ihr Fleisch, das durch die Glut des Tages aufgereizt war; zudem verwirrte es sie, hier auf dem Wasser, inmitten dieser Landschaft, die der Himmelsbrand entvölkert hatte, mit diesem jungen Mann allein zu sein, der sie schön fand, dessen Auge ihre Haut küßte und dessen Begehren in sie drang wie die Sonne.

Beider Unfähigkeit zu sprechen steigerte ihre Erregung, und sie blickten irgendwohin ins Land. Da raffte er sich auf, fragte nach ihrem Namen. »Henriette«, sagte sie. »So was!« sagte er, »ich heiße Henri.« - (nov)

Wasser (5) ist etwas sehr Geheimnisvolles, Tiefes, Unbekanntes, das Land der Vorspiegelungen und der Täuschungen, wo man Dinge sieht, die es nicht gibt, wo man Geräusche hört, die man nicht kennt, wo man zittert, ohne zu wissen warum, wie beim Überqueren eines Friedhofes, und in der Tat ist es der düsterste aller Friedhöfe, weil man dort kein Grab findet. - Maupassant, nach (nov)

Wasser (6) Das Wasser beginnt im Herbst und Winter zu erstarren und zu Eis zu gefrieren. Wenn die milden Lüfte des Frühlings kommen, löst sich die Erstarrung, und das in Eisschollen Zerstreute vereinigt sich wieder. So ist es auch mit dem Sinn des Volkes. Durch Härte und Selbstsucht erstarrt das Herz, und in dieser Erstarrung trennt es sich von allem andern. Egoismus und Habsucht isolieren die Menschen. Darum muß eine fromme Rührung das Menschenherz ergreifen. Es muß gelöst werden in heiligen Schauem der Ewigkeit, die es erschüttern durch die Ahnung des gemeinsamen Schöpfers aller Wesen und einigen durch die Macht der Gemeinschaftsgefühle bei der heiligen Feier der Anbetung des Göttlichen. - (ig)

Wasser (7)  Der Sturm blies Sukurujas Stirnfedern zurück, ihr langes schwarzes Haar flatterte, sie blickte in das Land.

Die Rufe der Menschen hörte sie, ihr Klagen ohne Ende, ihr Jubeln ohne Ende, ihre Lieder, ihre Bitten. Sie sah den Tanz der wandernden Stämme. Ihr stolzes Gesicht leuchtete auf. Sie ging herunter, versteckte sich im Busch, belauschte den Tanz der Zauberer am Strand. Sie sah den alten Nanderikini.

Wir kommen zum Meer, wir überschreiten den Busch von Jaboticaba, wir nahem uns dem Haus der großen Ahnen. Was wollen meine Kinder essen? O Großer Vater, mach ein Ende.

Sukuruja schwang ihre Keule. Sie jauchzte am Waldrand. Es stellten sich Hirsche, Tapire und Reiher ein. Sie folgten ihr, sie schritten mit ihr. Sie suchten zu tanzen, wie die Menschen getanzt hatten, als sie den Großen Vater riefen. Es kommt das Land, wo man nicht stirbt und wo es nichts Schlechtes gibt. Die Schaufeln werfen allein den Boden auf. Die Früchte steigen von selbst in die Häuser. Die Geister rauschten an, rauschten in Scharen um sie.

Am Ufer des Stromes raschelte Sukuruja als Schlange. Sie tauchte ins Wasser. Ihr nach in den Strudel die Tausende.  - Alfred Döblin, Amazonas. Romantrilogie. München 1991 (dtv, zuerst 1937)

Wasser (8)  Nach mehreren Jahren Abwesenheit habe ich ihn kurz vor seinem Tod wiedergesehen. Sein durch Alter, Armut und den alltäglichen Kampf gezeichnetes Gesicht hatte nichts von seiner Unschuld verloren. Müdigkeit und Krankheit hatten es glanzlos gemacht, aber sein Lachen erhellte es wieder mit all dem früheren Sonnenlicht. Das Gesicht eines Dichters, wenn man unter Dichtung nicht ein Talent oder eine Fertigkeit versteht, sondern die Beschaffenheit der Seele, in Verwunderung zu versetzen und sich selbst zu verwundem. ("Die Tätigkeit ist die Fähigkeit zu empfangen", wie Novalis sagt.) Offen gegenüber der Verführungskraft des Ungewöhnlichen, hört Péret nie auf mit dem Staunen und gerade deshalb versetzt uns seine Poesie immer noch in Erstaunen. Das Wasser ist das Bild dieser Haltung Perets, das Wasser, das immer nach seiner Form sucht und immer wieder vor ihr flieht. Das Wasser, eine vorübergehende Statue und Aufhebung aller Statuen. Das Wasser - gestern Wind, morgen Felsen. Erhabenes Ich*: Zerstreuung des Ichs in einer Kaskade von Bildern, Verlust des Ichs und Wiedereroberung der Liebe: erhabenes Du. Seit dem halluzinatorischen Boulevard Saint-Germain 125 fließen Pérets Prosatexte mit einer Art Stetigkeit des Unvorhergesehenen dahin, wie ein Fluß, der seinem Lauf nicht folgt, sondern ihn erfindet. Pérets Humor ist nicht jener blendende Funke, der durch die Enthüllung des Absurden erzeugt wird, sondern diese Art allgemeine Aufweichung, unter der die von einer flüssigen Fantasie angefressene Wirklichkeit leidet. Das heißt eine Fantasie in unendlicher Bewegung. Pérets Prosa fließt, gleitet zwischen den Fingern, ist ein ununterbrochenes Sprudeln. Und die Form ihrer Ruhe ist der Taumel.

* "Je sublime", Titel eines Gedichtbandes von Péret

- Octavio Paz, Vorwort zu: Benjamin Péret, Die Schande der Dichter. Prosa, Lyrik, Briefe. Hamburg 1985 (Edition Nautilus)

Wasser (9)  Heute früh, meine Vielgeliebte, habe ich mit der Trinkkur begonnen! Ach! Ist dieses Wasser schlecht! Auf dem Weg holte ich den ›Chanoine‹ ab, der nicht bei Frau von Brissac wohnt. Man geht um sechs Uhr zum Brunnen; jedermann ist dort. Man trinkt und schneidet Gesichter, denn Sie müssen wissen: das Wasser ist kochend heiß und hat einen abscheulichen Salpeter-Geschmack. Man dreht sich im Kreis herum, geht, kommt, spaziert, hört die Messe, gibt die Wasser von sich, redet ungezwungen darüber, wie man sie von sich gibt.   - (sev)

Wasser (10)  An denen Orten, wo das süße Wasser im instehenden Rade Gottes ist Primus gewesen, da ist viel irdisch begreiflich Wasser worden. Wo aber die herbe Qualität in der Bitterkeit im Marcurio ist Primus gewesen, da ist viel Erde und Steine worden. Wo aber die Hitze im Licht ist Primus gewesen, da ist viel Silber und Gold, dazu etliche schöne Steine im Blitze des Lichtes worden, sonderlich wo die Liebe im Primus gewesen, da sind die edelsten Steine worden und das beste Gold.

 Als sich aber der Klump der Erden hat zusammengedruckt, so ist das Wasser herausgequetschet worden. Wo es aber mit der herben Qualität mit harten Felsen ist eingepreßt worden, da ist es noch in der Erden und hat seit der Zeit etliche große Löcher zu seinem Gang geweicht und gemacht.

 An denen Orten, wo große Meere und See sind, da ist das Wasser über demselben Pol Primus gewesen, und weil es dann nicht viel Salitter daselbst hat gehabt, so ist in die Erde gleichwie ein Tal worden, darinnen ist das Wasser stehen blieben.

 Denn das dünne Wasser sucht das Tal und ist eine Demütigkeit des Lebens, welches sich nicht erhebet, wie die herbe, bittere und Feuersqualität hat getan in den Kreaturen der Teufel.

 Darum suchet es immer die niedrigsten Stellen auf Erden. Das bedeutet recht den Geist der Sanftmut, in welchem das Leben wird geboren.  - (boe)

Wasser (11)   Siehe, das Wasser in der Tiefe über der Erden, welches mit dem Element Luft und Feuer inqualieret, das ist das Wasser der siderischen Geburt, darinnen das siderische Leben stehet und darinnen vornehmlich der Hl. Geist wallet, auch dadurch die dritte und innerste Geburt gebäret, dem Zorn Gottes darinnen unbegreiflich. Es ist auch dasselbe Wasser vor unsern Augen gleich der Luft anzusehen.

 Daß aber wahrhaftig Wasser und Luft und Feuer in der Tiefe über der Erden ineinander sei, kann ein jeder vernünftige Mensch sehen und verstehen.

 Denn du stehest oft die ganze Tiefe gar hell und lauter und in einer Viertelstunde mit Wasserwolken bedeckt.

 Das ist, wenn sie die Sternen von oben und das Wasser auf Erden von unten anzündet, so gebäret sich alsbald Wasser, welches wohl nicht geschehen würde, so nicht der Zorn in der siderischen Geburt auch stünde.

 Weil es aber alles verderbet ist, so muß das obere Wasser im Zorn Gottes der herben, bittern und hitzigen Qualität der Erden zuhilfe kommen und ihr Feuer löschen und sie sänftigen, damit das Leben immer kann geboren und auch die heilige Geburt zwischen dem Tode und Zorn Gottes könnte geboren werden.

 Daß aber auch das Element-Feuer in der Tiefe in Luft und Wasser regieren und sei, siehest du ja an dem Wetterleuchten. Auch so siehest du, wie das Licht der Sonnen das Element-Feuer auf der Erden mit ihrem Anstoße anzündet, da es doch manchmal in der Höhe in des Monden Zirk gar kalt ist.

 Nun aber hat Gott das begreifliche Wasser von dem unbegreiflichen geschieden, und hat das begreifliche auf die Erden gestellet und das unbegreifliche ist in der Tiefe blieben in seinem eigenen Sitze, wie es von Ewigkeit gewesen ist.

 Weil aber der Zorn auch in demselben Wasser in der Tiefe über der Erden ist, so gebäret sich stets durch die Anzündung der Sternen und des Wassers im Zorne solch begreiflich Wasser, welches mit seiner äußersten Geburt im Tode stehet.  - (boe)

Wasser (12)   Zuerst sahen wir davon ab, es zu kosten, da wir es für verdorben hielten. Ich weiß nicht, wie ich von seiner Natur eine zutreffende Vorstellung vermitteln soll und könnte es auch nicht ohne viele Worte. Obwohl es durch irgendein Gefälle rasch dahinströmte, erschien es doch nie klar, außer an Stellen, wo es frei herabstürzte. Wo die Bodenneigung gering war, hatte es die Konsistenz einer dichten Lösung von Gummi arabicum, hergestellt mit gewöhnlichem Wasser. Dabei ist dies noch die am wenigsten merkwürdige unter seinen Eigenschaften. Es war weder farblos noch war es von unveränderlicher Farbe, da es im Dahinfließen dem Auge alle Tönungen von Purpur darbot, gleich den Farbtönen von changierender Seide. Wir ließen es in einem Gefäß abstehen und fanden, daß die Gesamtmasse der Flüssigkeit sich in deutlich abgesetzte Streifen zerlegt hatte, deren jeder auf besondere Art gefärbt war, und daß diese Streifen sich nicht vermischten. Führte man eine Messerklinge an den Streifen der Breite nach entlang, schloß das Wasser sich sofort wieder, und nahm man die Klinge heraus, hinterblieb keine Spur. Führte man dagegen die Klinge genau zwischen zwei angrenzenden Streifen ein, so trat eine vollkommene Scheidung ein, die sich hernach nicht wieder ausglich.  - Edgar Allan Poe, Arthur Gordon Pym, nach: Jorge Luis Borges,  Kabbala und Tango. Essays. Frankfurt am Main (Fischer-Tb., zuerst 1932)

Wasser (13)   Die Anziehungskraft, die das Wasser auf den Menschen übt, ist natürlich und sympathetischer Art. Der Mensch ist ein Kind des Wassers, zu neun Zehnteln besteht unser Leib daraus, und in einem bestimmten Stadium unserer Entwicklung vor der Geburt besitzen wir Kiemen. Für meine Person bekenne ich gern, daß die Anschauung des Wassers in jederlei Erscheinungsform und Gestalt mir die weitaus unmittelbarste und eindringlichste Art des Naturgenusses bedeutet, ja, daß wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist. Sie kann mich, etwa gar die des schlafenden oder schmetternd anrennenden Meeres, in einen Zustand so tiefer organischer Träumerei, so weiter Abwesenheit von mir selbst versetzen, daß jedes Zeitgefühl mir abhanden kommt und Langeweile zum nichtigen Begriffe wird, da Stunden in solcher Vereinigung und Gesellschaft mir wie Minuten vergehen. Aber auch über das Geländer eines Steges, der über einen Bach führt, gebeugt, könnte ich stehen, solange ihr wollt, verloren in den Anblick des Fließens, Strudelns und Strömens, und ohne daß jenes andere Fließen um mich und in mir, das eilige Schleichen der Zeit, mir in Angst oder Ungeduld etwas anzuhaben vermöchte.  - Thomas Mann, Herr und Hund. Ein Idyll. Frankfurt am Main 1963 (zuerst 1919)

Wasser (14)  Das Wasser ist das Element des selbstlosen Gegensatzes, das passive Sein-für-Anderes, während das Feuer das aktive Sein-für-Anderes ist, das Wasser hat somit Dasein als Sein-für-Anderes. Es hat durchaus keine Kohäsion in sich selbst, keinen Geruch, keinen Geschmack, keine Gestalt; seine Determination ist, das noch nicht Besondere zu sein. Es ist abstrakte Neutralität, nicht, wie das Salz, individualisierte Neutralität; und darum ist es früh "die Mutter alles Besonderen" genannt worden. Das Wasser ist flüssig wie die Luft, aber nicht elastisch flüssig, so daß es sich nach allen Seiten expandierte. Es ist irdischer als die Luft, sucht einen Schwerpunkt, steht dem Individuellen am nächsten und treibt nach ihm hin, weil es an sich konkrete Neutralität ist, die aber noch nicht als konkret gesetzt ist, während die Luft nicht einmal an sich konkret ist, es ist so die reale Möglichkeit des Unterschiedes, der aber noch nicht an ihm existiert. Indem das Wasser keinen Schwerpunkt in sich selbst hat, so ist es nur der Richtung der Schwere unterworfen, und da es ohne Kohäsion ist, so wird jeder Punkt nach der vertikalen Richtung gedrückt, die linear ist; weil dann kein Teil Widerstand leisten kann, so setzt sich das Wasser in der Horizontalität. Jeder mechanische Druck von außen ist daher nur ein Vorübergehendes; der gedrückte Punkt kann sich nicht für sich erhalten, sondern teilt sich den anderen mit, und diese heben den Druck auf. - Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817)

Wasser (15)    Das Wasser verschlingt die Erde, verlöscht das Feuer, steigt in die Höhe, maßt sich selbst den Himmel als Wohnsitz an und bildet Wolken, welche dem Menschen das Leben rauben, obwohl der gemeine Mann über die Ursache des Blitzes noch nicht recht im klaren ist. Was kann wohl wunderbarer sein, als daß Wasser am Himmel steht? Aber, gleichsam, als wenn es noch zu geringfügig wäre, zu solcher Höhe emporzusteigen, reißen die Gewässer noch Fische, ja selbst Steine mit sich dahin und entschwinden mit fremdartigen Lasten. Fällt das Wasser dann wieder nieder, so wird es die Ursache alles Wachstums auf der Erde; abermals ein bewunderungswürdiger Umstand, wenn man bedenkt, daß, um Feldfrüchte zu erzeugen, Bäume und Sträucher zu erhalten, Wasser zum Himmel hinwandert und sogar von daher den Pflanzen die Lebenskraft mitbringt; hieran müssen wir aber mit Recht erkennen, daß alle Kräfte der Erde vom Wasser ausgehen.  - (pli)

Wasser (16)  Man könnte fast sagen, das Wasser sei wahnsinnig, auf Grund dieses hysterischen Drangs, nur seiner Schwerkraft zu gehorchen, von dem es besessen ist wie von einer Zwangsvorstellung. Gewiß, alles in der Welt kennt diesen Drang, der überall und zu jeder Zeit befriedigt werden muß. Der Schrank hier zum Beispiel erweist sich als überaus starrköpfig in seinem Verlangen, am Boden zu haften, und sollte er sich eines Tages in labilem Gleichgewicht befinden, so würde er sich lieber in die Tiefe stürzen als ihm zuwiderhandeln. Aber immerhin, in einem gewissen Maße, treibt er mit der Schwerkraft sein Spiel, fordert sie heraus: er sackt nicht in allen Teilen in sich zusammen, seine Kranzleiste, sein Schnitzwerk passen sich ihr nicht an. Etwas in ihm widersteht zugunsten seiner Persönlichkeit und seiner Form.

FLÜSSIG heißt definitionsgemäß, was lieber der Schwerkraft gehorcht als seine Form behauptet, was jedwede Form abweist, um seiner Schwerkraft nachzukommen. Und was alle Haltung verliert wegen dieser Zwangsvorstellung, dieser krankhaften Skrupel. Wegen dieses Lasters, das es reißend macht,überstürzt oder still; gestaltlos oder wild, gestaltlos und wild, durchbohrend wild zum Beispiel; verschlagen, durchsickernd, außen herumfließend; und das so sehr, daß man aus ihm machen kann, was man will, und das Wasser in Röhren leiten kann, um es sodann senkrecht in die Höhe springen zu lassen dergestalt, daß man sich daran ergötze, wie es als Regen wieder herabfällt: wirklich ein Sklave.

... Sonne und Mond indessen sind eifersüchtig auf diese ausschließliche Einflußnahme, und sie versuchen sich an ihm, wenn es große Angriffsflächen bietet, vor allem wenn es sich dabei im Zustand geringster Widerstandskraft befindet, in seichte Pfützen verteilt. Die Sonne erhebt dann einen größeren Tribut. Sie nötigt es zu einem dauernden Kreislauf, sie behandelt es wie das Eichhörnchen im Tretrad.  - Francis Ponge, Im Namen der Dinge. Frankfurt am Main  1973 (BS 336, zuerst 1942)

Wasser (17)  Es gibt Wasser, das nach Bach oder Fluß, nach Gebirge oder Ebene schmeckt. Selbst nach ausgelaugten Wurzeln kann es schmecken oder nach bloßgelegtem Splint, den das Wasser als kleines Rinnsal aufscheuerte und etwas faulig verändert weitergibt. Jeder Indianer kennt es. Würzig kann es sein wie uralte Erde oder wie alfalfa-bestandene. Giftig kann es sein oder nach faulen Eiern schmecken, wenn es vom Pillan kommt, dem erzürnten Feuerberg. Kochendes Wasser ist es dann oft, das auch schadet. Die Cordillere hat abgestandenes, hat süßes, hat saures Salzwasser, hat hartes und weiches, ja selbst Wasser verschiedener Farben gibt es. - (arauk)

Wasser (18)  Das Wasser ist so notwendig, daß kein Tier ohne dasselbe leben könnte; kein Kraut, keine Pflanze könnte ohne Befruchtung durch Wasser fortkommen. In ihm liegt die Samenkraft aller Dinge, und zwar in erster Reihe der Tiere, deren Same, wie der Augenschein lehrt, wässerig ist. Aber auch die Samenkraft der Bäume, Gesträuche und Kräuter liegt in ihm; denn obgleich der Same derselben erdiger Natur ist, so muß er doch, wenn er fruchtbar sein soll, mit Wasser befeuchtet werden, mag es nun durch Einsaugung der Feuchtigkeit der Erde, oder durch Tau oder Regen oder durch absichtliches Begießen mit Wasser geschehen. Erde und Wasser allein bringen, wie Moses schreibt, die lebendige Seele hervor. Er schreibt dem Wasser eine doppelte Zeugung zu, nämlich eine Zeugung der Geschöpfe, die in den Wassern schwimmen, und derer, die über der Erde in der Luft fliegen. Daß auch die Erzeugung der Produkte der Erde dem Wasser teilweise zukomme, bezeugt dieselbe Stelle der heiligen Schrift, indem es heißt (1 Mos. 2,5), daß nach der Weltschöpfung Bäume und Kräuter nicht sogleich wuchsen, weil Gott noch nicht hatte regnen lassen auf Erden. So groß ist die Macht dieses Elementes, daß ohne das Wasser nicht einmal eine geistige Wiedergeburt stattfindet, wie Christus selbst zu Nikodemus gesagt hat. Auch in religiösen Dingen ist seine Kraft sehr groß, namentlich bei Weihungen und Reinigungen, und es ist hier nicht minder notwendig, als das Feuer. Sein Nutzen und Gebrauch ist unendlich mannigfaltig und alle Dinge hängen von seiner Macht ab, indem es die Kraft der Zeugung, der Ernährung und des Wachstums besitzt. Deshalb haben Thales von Milet und Hesiod das Wasser für den Ursprung aller Dinge gehalten und es das älteste und mächtigste unter den Elementen genannt, weil es über alle übrigen herrscht. Denn, wie Plinius sagt, das Wasser verschlingt das Land, tötet die Flammen, steigt in die Höhe und nimmt in Wolkengestalt von dem Himmel Besitz; indem es herabfällt, verleiht es allen Produkten der Erde ihr Wachstum. Unzählige, durch das Wasser bewerkstelligte Wunder werden von Plinius, Solinus und vielen anderen Naturhistorikern berichtet. Auch Ovid spricht von der wunderbaren Kraft des Wassers in folgenden Versen:

-------------- Am Mittag, Jupiter Ammon,
Ist eiskalt dein Quell, und am Morgen und Abend erwärmt er.
Holz, ans Wasser gebracht, entzünden, so heißt's, Atamanen.
Wann sich des Mondes Gestalt in die mindesten Kreise zurückzog.
Bei den Cikoniern ist ein Fluß, der, wenn man daraus trinkt,
Macht die Gedärme zu Stein und umzieht das Benetzte mit Marmor.
Krathis und Sybaris hier, der unsern Gefilden benachbart,
Machen dem Bernstein gleich und gleich dem Golde das
Haupthaar Und was verwunderlicher, auch Gewässer ja gibt es, den Körper
Nicht nur, sondern den Geist zu verwandeln vermögende selber.
Wer wohl hörete nicht von der üppigen Salmacis Weiher,
Und Äthiopiens Seen, wo jeglicher, welcher daraus trinkt,
Toll wird oder verfällt in wunderlich feste Betäubung.
Wer nur immer den Durst am Klitorischen Quell gelöscht hat,
Meidet den Wein, es erfreut den Enthaltsamen lauteres Wasser.
Diesem an Wirkungen ist der Fluß Lyncestius ungleich -
Wer nur immer ihn schlürft mit wenig gemäßigter Kehle,
Taumelt nicht anders, als wenn von lauterem Wein er getrunken.
Ein arkadischer Ort, den Pheneos nannte die Vorzeit,
Ist durch gedoppeltes Wasser bekannt, das scheue des Nachts du,
Nachts ist's schädlicher Trank; man trinkt's unschädlich bei Tage.

 - (nett)

Wasser (19)  

- Arcimboldo

Wasser (20)  Die Vorsehung hat in die Wogen, Brandungen und reißenden Ströme unendliche Kräfte niedergelegt; ja wir müssen, in Erwägung der Herrschaft dieses Elements über alle andern, bekennen, daß ihre Macht sich nirgends größer zeigt. Das Wasser verschlingt die Erde, verlöscht das Feuer, steigt in die Höhe, maßt sich selbst den Himmel als Wohnsitz an und bildet Wolken, welche dem Menschen das Leben rauben, obwohl der gemeine Mann über die Ursache des Blitzes noch nicht recht im klaren ist. Was kann wohl wunderbarer sein, als daß Wasser am Himmel steht? Aber, gleichsam, als wenn es noch zu geringfügig wäre, zu solcher Höhe emporzusteigen, reißen die Gewässer noch Fische, ja selbst Steine mit sich dahin und entschwinden mit fremdartigen Lasten. Fällt das Wasser dann wieder nieder, so wird es die Ursache alles Wachstums auf der Erde; abermals ein bewunderungswürdiger Umstand, wenn man bedenkt, daß, um Feldfrüchte zu erzeugen, Bäume und Sträucher zu erhalten, Wasser zum Himmel hinwandert und sogar von daher den Pflanzen die Lebenskraft mitbringt; hieran müssen wir aber mit Recht erkennen, daß alle Kräfte der Erde vom Wasser ausgehen. Daher will ich vor allem einige Beispiele der großen Macht desselben mitteilen, denn, alle aufzuzählen, wer wäre dies wohl im Stande?   - (pli)

Wasser (21) Zum Beischlafe begibt sich jedes Kágaba-Ehepaar in die Pflanzung, sie liegen nicht anders als es bei uns die Zigeuner tun, nur beieinander im Freien, auf der nackten Erde. Nur das erste Beilager hat statt in einer besonderen winzig kleinen Hütte am Flusse; denn Wasser bedeutet Fruchtbarkeit, ist der Inbegriff des Lebens, und mit dem Wasser des Samens wird ja das neue Leben gezeugt - darum setzt man immer auch die Toten an Flüssen bei: die nehmen ihre Seelen mit in das Meer, und von dort steigen diese wieder empor als Wolken und legen sich oben um die Gipfel der Schneekette, des Totenberges, dort gehen die Seelen hinein, und wieder kommt, was einst Wolke gewesen, als Quelle zu neuem Leben sprudelnd an den Tag. So sind denn Leben und Tod, immerfort ineinander übergehend, mit dem Wasser verbunden, und darum hat auch diese kleine Hütte der ersten Zeugung den gleichen Namen wie das zauberkräftige Bündel, mit dem der beiwohnende mama das junge Paar segnet und weiht: hißei-hufä, »Totenhülle«, auf daß der Tod übermocht werde durch ein ewiges Leben (wie es in einem Spruch der afrikanischen Fulbe heißt: »Das beste Mittel gegen das Sterben ist das Gebären.«) Da nun aber der Beischlaf die Kraft des Mannes benimmt, ihn am Leben und das will sagen im Geiste schwächt und somit das Gelingen der kultischen Zeremonien gefährdet, die gleich festen Mauerankern das gemeinschaftliche Leben der Menschen sichern, so scheint denn die Frau - unrein schon kraft ihrer Natur - dem Unheil, dem Ungeiste und der Sünde nahezustehen - Mißbrauch des Beischlafes ist daher die Quelle von allerlei Übeln, Seuchen und Krankheit und muß durch Beichten vor dem mama gesühnt werden zum Wohle des ganzen Volkes, und die Enthaltsamkeit ist eine heilige Tugend und im Tempeldienste wie vor den Tänzen geboten. Daraus erhellt, wie auch bei diesem Indianervolke alle Akte des Daseins bestimmt werden von dem einen Ziele der Lebens-Sicherung und Lebens-Stärkung. - Jürgen von der Wense, nach: Der Pfahl VII. München 1993

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