irbel  Schlag zwölf an einem gewissen fünften März kam es im Einzugsbereich der Bahnstation Brandon und zugleich weit über die tiefsten Tiefen des leeren Raums zwischen den entlegensten Sternensystemen hinaus in der schöpferischen Stille des Urgrunds zu einem jener unendlich kleinen Wirbel, die immer dann entstehen, wenn ein lebender Organismus in diesem astronomischen Universum einen ungewöhnlichen Schub der Bewußtseinserweiterung erfährt. In diesem Augenblick übertrug sich etwas, eine Welle, ein Zucken, eine Schwingung — zu fein, um magnetisch, zu unterschwellig, um geistig genannt zu werden — zwischen der Seele eines bestimmten menschlichen Wesens, das einem Waggon dritter Klasse des Zwölf-Uhr-neunzehn-Zugs aus London entstieg, und der göttlich-teuflischen Seele im Urgrund allen Lebens.

In der Seele der grandiosen, gleißenden Sonne, die ihre Strahlen auf das Haupt des Mannes ergoß, während er seine schwarze Reisetasche bequem in die linke Hand und seinen Haselstock in die rechte nahm, gab es ebenfalls vielfältige übermenschliche Schwingungen; diese hatten jedoch nur die hauchdünnste, schwächste und entfernteste Verbindung zu dem, was der Mann gerade fühlte. Sie standen in stärkerem Bezug zu den Gefühlen gewisser primitiver Stämme im Herzen Afrikas und den Empfindungen einiger der so dünn gesäten, über die Welt verstreuten weisen Denker, die genügend Phantasie besaßen, um das eigenständige Bewußtsein dieses feurigen Runds zu erkennen, das seine lebenspendenden magnetischen Kräfte weit um sich schleuderte. Tobend, wogend, anschwellend, ballend, aufsteigend, vorpreschend, zurückweichend brandeten die gewaltigen Feuergedanken dieses riesigen Himmelslichts unablässig hin und her, erzeugten eine flirrende Aura psychischer Aktivität, die der physischen Energie seines kolossalen Elementarkörpers entsprach, die Nerven dieses winzigen Zweifüßers jedoch weniger berührte als der Wind, der ihm ins Gesicht blies. - John Cowper Powys, Glastonbury Romance. München 1993 (zuerst 1933)

Wirbel (2)  Nachmittags um vier Uhr, als wir uns ohngefähr neben dem Cap Stephens befanden, war wenig oder gar kein Wind zu spüren. Um diese Zeit sahen wir in Süd-Westen dicke Wolken und an der Süd-Seite des Caps regnete es. Es währte nicht lange, so erblickte man dort plötzlich einen weislichten Fleck auf der See von welchem eine Wasser-Säule empor stieg, die wie eine gläserne Röhre anzusehen war. Eine andre dergleichen Dunst-Säule senkte sich aus den Wolken herab und schien mit jener sich vereinigen zu wollen. Dies erfolgte auch wirklich, und so entstand das Meteor, welches Wasserhose, Trombe, oder Waterspout genannt wird. Kurz nachher sahen wir noch drey andre dergleichen Säulen, die eben wie die erste entstanden. Die nächste war ohngefähr drey englische Meilen von uns, und mochte unten am Fus, im Durchschnitt, ohngefähr 70 Klafter dick seyn. Das Thermometer stand auf 56 1/2° als dies Phänomen sich zu formiren anfieng. Da die Natur und Ursach desselben bis jetzt noch so wenig bekannt ist, so waren wir auf alle, sogar auf die geringsten Umstände aufmerksam, die sich dabey ereigneten. Die Basis der Säulen, woselbst sich das Wasser heftig bewegte und in gewundener Richtung (nach einer Spiral-Linie) gleich einem Dunst empor stieg, nahm einen großen Fleck in der See ein, der, wenn die Sonne darauf schien, schön und gelblich in die Augen fiel. Die Säulen selbst hatten eine cylindrische Form, doch waren sie nach oben hin dicker als am untern Ende. Sie rückten ziemlich schnell auf der Oberfläche der See fort; da ihnen aber die Wolken nicht mit gleicher Geschwindigkeit folgten, so bekamen sie eine gebogne und schiefe Richtung. Oft giengen sie neben einander vorbey, die eine hier die andre dorthin; da es nun windstill war, so schlossen wir aus dieser verschiedenen Bewegung der Wasserhosen, daß jede derselben einen eignen Wind hervorbringen oder davon fortgetrieben werden müsse. Endlich brachen sie eine nach der andern, vermuthlich, weil der Obertheil sich gemeiniglich ungleich langsamer bewegte als der Untertheil und die Säule solchergestalt allzukrumm und zu weit in die Länge gezogen ward. In eben dem Verhältniß als uns die schwarzen Wolken näher kamen, entstanden kurze krause Wellen auf der See und der Wind lief um den ganzen Compaß herum, ohne sich in einem Striche festzusetzen.

Gleich nachher sahen wir, daß die See ohngefähr zweyhundert Klaftern weit von uns, an einer Stelle in heftige Bewegung gerieth. Das Wasser kräuselte sich daselbst, aus einem Umfang von fünfzig bis sechzig Faden, gegen den Mittelpunct hin zusammen, und zerstäubte alsdenn in Dunst, der durch die Gewalt der wirblenden Bewegung, in Form einer gewundnen Säule gegen die Wolken empor getrieben wurde. Um diese Zeit fiel etwas Hagel aufs Schiff und die Wolken über uns hatten ein schrecklich schwarzes und schweres Ansehen. Gerade über jenem Wasserwirbel senkte sich eine Wolke langsam herab, und nahm nach und nach die Gestalt einer langen, dünnen Röhre an. Diese schien sich mit dem Dunst-Wirbel vereinigen zu wollen, der unterdessen hoch aus dem Wasser aufgestiegen war; es währete auch nicht lange, so hiengen sie würklich zusammen und machten eine gerade aufstehende, cylindrische Säule aus. Man konnte deutlich sehen, wie das Wasser innerhalb des Wirbels mit Gewalt aufwärts gerissen ward; und es schien als ließe es in der Mitte einen hohlen Zwischenraum. Es dünkte uns auch wahrscheinlich, daß das Wasser keine dichte, sondern nur eine hohle Säule ausmache; und in dieser Vermuthung wurden wir durch ihre Farbe bestärkt, die einer durchsichtigen gläsernen Röhre völlig ähnlich war. Kurz nachher beugte sich und brach auch diese letzte Wasserhose wie die andern, nur mit dem Unterschied, daß sich, als sie von einander riß, ein Blitzstrahl sehen ließ, auf den jedoch kein Donnerschlag folgte. Diese ganze Zeit über befanden wir uns in einer höchstgefährlichen und beunruhigenden Lage. Die schreckenvolle Majestät eines Meteors, welches See und Wolken vereinigte, machte unsre ältesten Seeleute verlegen. Sie wußten kaum was sie thun oder lassen sollten; denn ob gleich die mehresten solche Wassersäulen schon ehemals von ferne gesehen hatten, so waren sie doch noch nie so umsetzt damit gewesen als diesmal, und ein jeder wußte fürchterliche Geschichten zu erzählen, was für schreckliche Verwüstungen sie anrichteten, wenn sie über ein Schiff weggingen oder sich gegen dasselbe brächen. Wir machten uns auch würklich aufs Schlimmste gefaßt und nahmen unsre Stengen-Seegel ein. Doch war jedermann der Meynung, daß uns dies wenig schützen und daß Masten und Seegelstangen drauf gehen würden, wenn wir in den Wirbel gerathen sollten.  - (for)

Wirbel (3)  Alles geschieht gemäß der Notwendigkeit, denn die Wirbelbewegung ist die Ursache von allem Geschehen, und diese heißt eben Notwendigkeit. - Demokrit, nach (diol)

Wirbel (4) Habe eine alte Gouache von mir ausfindig gemacht, die mich heute, fern der Wand wo sie hängt, hinreißt, hinreißt wie ich nicht hingerissen sein möchte, in eine Wirbelbewegung hinein, die sie angibt, die ich jetzt in mir unwiderstehlich vollziehe und n ach vollziehe. Das Wort »Wirbel«, an das ich denke, gibt dieser Bewegung einen neuen beschleunigenden Stoß, dessen ich nicht bedurft hätte, es bringt sie zu einer plötzlichen Schräglage in ihrem schwindelerregenden Schwung. 

Teufel! Wann werde ich daran denken, daß ich niemals ein beschwörendes Wort aussprechen darf? (Na, schließlich weiß man nicht immer vorher, welche beschwörend sind . . .) Ich stecke eine Lampe an. Ich stecke eine zweite an, — eine dritte. Noch eine. Noch mehr Licht kann man nicht machen. Die gut erleuchteten, deutlichen und wirklichen Möbel vermögen nicht den Wirbel auszugleichen, mit dem sie nichts zu tun haben, denn es ist weder ein physikalischer noch ein physiologischer, es ist ein wesenhafter Wirbel, ein metaphysischer Wirbel, der schlimmste von allen. Wo ist er? Es wäre falsch, ihn abstrakt zu nennen, obgleich er den Sinnen vollkommen unerfaßbar ist und ganz das Gegenteil des gewohnten Konkreten. Er ist das fleischgewordene Wort, er ist das vollzogene Wort, und die Aura dieses Wortes und sein Sinn, und die Aura seines Sinnes, und die ganze Folge von Empfindungen, die es mit sich zieht, dieser ganze Aufmarsch gegenwärtig gemacht, erlitten, in einer ausschließlich geistigen Panik, wo das Herz weder schneller noch langsamer schlägt, wo der Atem weder beengter noch befreiter geht. Verurteilt zur Wirklichkeit eines einzigen Wortes.  - Henri Michaux, Turbulenz im Unendlichen. Die Wirkungen des Meskalins. Frankfurt am Main 1971

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