Todod   Einem alten Mann sprang ein kleines Bällchen aus der Nase und fiel zu Boden. Der alte Mann bückte sich, um dieses Bällchen aufzuheben, da sprang ihm ein kleines Stäbchen aus dem Auge und fiel ebenso zu Boden. Der alte Mann erschrak und bewegte, da er nicht wußte, was er tun sollte, die Lippen. In diesem Augenblick sprang dem alten Mann ein kleines Quadrat aus dem Mund. Der alte Mann hielt sich den Mund zu, aber da sprang ihm ein kleines Mäuschen aus dem Armel. Dem alten Mann wurde übel vor Angst, und um nicht zu fallen, setzte er sich in die Hocke. Aber da knirschte etwas in ihm, und er sank wie ein weicher Plüschmantel zu Boden. Da sprang dem alten Mann eine lange Stange aus dem Hosenschlitz, und auf dem äußersten Ende dieser Stange saß ein zartes Vögelchen. Der alte Mann wollte schreien, aber der Unterkiefer hakte aus, statt eines Schreis entfuhr ihm nur ein schwaches Glucksen, und er schloß ein Auge. Das andere Auge des alten Mannes blieb offen, und da es aufhörte sich zu bewegen und zu glänzen, wurde es unbeweglich und trübe wie bei einem toten Menschen. So ereilte der heimtückische Tod einen alten Mann, der nicht wußte, wann er abzutreten hatte. - (charm)

Tod (2) Träumt einer, er sei gestorben und werde auf einer Bahre hinausgetragen, wird er von all seinen Nöten frei werden. - (byz)

Tod (3) Jetzt wollen wir die Anzeigen des nahe bevorstehenden Todes anführen. Bei der Raserei das Lachen; bei Krankheiten, wo das Bewußtsein bleibt, ein Pflücken und Falten der Kleider und des Bettzeuges, ein Nichtachten auf diejenigen, von denen der Kranke aufgeweckt wird, die freiwillige Entleerung der natürlichen Bedürfnisse. Das sicherste Kennzeichen aber gibt das Aussehen der Augen und Nase und selbst das beständige Liegen auf dem Rücken, ferner der ungleiche oder schwache Pulsschlag und was sonst noch Hippokrates, der größte Arzt, beobachtet hat.

So unzählige Merkmale des Todes es nun gibt, so hat man dagegen kein sicheres für Gesundheit und Lebensdauer, daher auch der Censor Cato, in einem Schreiben an seinen Sohn über Gesunde, die einem Orakel ähnliche Bemerkung macht, daß eine altkluge Jugend das Zeichen eines frühen Todes sei.

Krankheiten gibt es eine unendliche Menge. So starb Pherecydes aus Syrus an Schlangen, welche in Menge aus seinem Körper hervorkrochen. Manche leiden beständig am Fieber, wie C. Maecenas, der in den letzten 3 Jahren seines Lebens keinen Augenblick schlafen konnte. - (pli)

Tod (4) ist die abholde Endschaft alles vergänglichen Weltwesens / wann wann er nicht mit dem Gebet versüßet wird. Er übergehet die blühende Zeit der Jahren nicht / und ist keine größere Tugend als wol sterben. Er kommet schligweiß an. Der dürre Streckebein. Er ist der Sünden saurer Lohn / er sihet noch Stand noch Alter an / er ist das abscheulichste Ding / unter allen erschröcklichsten / der bösen ärgster Haß. Des Lebens schieler Feind / der dürre Streckenbein / der unverschämte Gast / der sich nicht ruffen lässet / der wüterige Tod / der grimmerbitterte Sensenmann / der bleiche / blasse / nimmersatte / rachgierige Menschenmörder / Menschenfraß / der unwidertreibliche Überwinder / der Würger / Lebensrauber / der verhaßte Lebensdieb / der Schlaffes geeler Brudermann. Mein Odemsneige wird bald ausgezäpfet werden / es schicket sich mit mir gemachlich zu der Erden. Der Schmertz durchnagt das Hertz / die Brust will mir zerbürsten / und meine Seele muß nach GOttes Gnade dürsten. Wir theilen alle Augenblick mit dem Tod. - (hrs)

Tod (5) »Siehe, du wälztest den Stein für mich mit Manneskraft, Jaakob, mein Lieber. Wälze ihn nun von der Grube ein andermal und bette ein das Labanskind, denn ich gehe von dir dahin. — Wie ist doch alle Last von mir genommen, Kindeslast, Lebenslast, und es wird Nacht. — Jaakob, mein Mann, verzeihe, daß ich dir unfruchtbar war und brachte dir nur zwei Söhne, aber die zweie doch, Jehosiph, den Gesegneten, und Todessöhnchen, das Kleine, ach, ich gehe so schwer von ihnen dahin. — Und auch von dir gehe ich schwer, Jaakob, Geliebter, denn wir waren einander die Rechten. Ohne Rahel mußt du‘s nun sinnend ausmachen, wer Gott ist. Mache es aus und leb wohl. — Und verzeih auch«, hauchte sie schließlich, »daß ich die Teraphim stahl.« Da ging der Tod über ihr Antlitz und löschte es aus. - Thomas Mann, Joseph und seine Brüder (Die Geschichten Jaakobs) 1933

Tod (6) In der Dämmerung seiner Stube saß er, ein giftiger Kloß, und dachte nach über die absolute Scheußlichkeit aller Dinge und über einige Zusammenhänge, die man nicht geschenkt bekam. Der Tod war der Abgrund, den man nicht ausloten konnte. Aber wie konnte man es unternehmen, sich damit zu befassen, wenn das Leben noch in keiner Form bewältigt war?! Es schien ihm: er habe noch nicht gelebt. Da es nun aber nötig war, das Denken von jeder Ausschweifung ins Zukünftige abzuhalten, da die Möglichkeit einer Besserung nicht mehr hinter den Dingen stand, wie sollte es möglich sein, sie in ihrer wahren Art zu begreifen? Das hieß mir geschlossenen Augen sein Todesurteil unterschreiben! Und da es also nicht möglich sein konnte, die Wahrheit zu packen (da sie wohl nicht zu ertragen war), mußte man sich zu überzeugen versuchen, daß dies auch nicht nötig war. Dann blieb einem immer noch die Möglichkeit, während man versuchte, sich einen Begriff vom Leben, wie es sein sollte, nach seinem eigenen Leben, wie es war, zu bilden, langsam zu vergessen, daß das Wesentliche dabei im dunkeln blieb, und man erlebte vielleicht die kleine Erleichterung einer von der Vernunft sanft geduldeten Klarheit, die weder in ihrer Helligkeit noch in ihrer Herkunft besonders befriedigend war, die zu lieben aber nicht allzuschwer werden konnte, wenn immer man nur recht überzeugt war, daß es außer ihr nichts gab...

Jene, die in die Begriffe verliebt sind oder der Eitelkeit der Worte wie Liebhaber knechtisch ergeben, erleben durch die Erkenntnis ihres unheilbaren Zustandes noch einen kleinen Triumph: Sie klammern sich blind an die Planken des Schiffsleibs, der sie mit hinab in den Strudel reißt. Mongol gehört nicht zu ihnen. Jedoch erlebte er nach kurzem Schweißverlust, daß die menschliche Natur die Wahrheit verschleiert, damit der Geist nicht vor dem Körper sterbe. - Bertolt Brecht, Notizen 1919

Tod (7) Der lift im hause von Françoise ist so unglaublich eng, daß man in ihm unmöglich den brüsten seiner begleiterin ausweichen kann [aber wer wollte das schon?]. Dieser lift ist sehr antik, er wird heute oder morgen durchreißen und die erreichten etagen wieder zurückrasen. Immerhin: ein hübscher Tod, wenn man in Françoises begleitung ist. - (hca)

Tod (8)

auff den Tod alß der vogel Greiff

o todt / du vogel greiff / wie gläntzen deine clauen /
ein strenges elfen bein / dem mensch um mensch verfällt /
ach / stund ein jäger auff / der dir die falle stellt /
mit spindel / leim & netz / in tau & morgengrauen ...

 

auff den Tod alß ein mauß=fallen

fort / fort das samtgewand / fort / perlen & corallen /
ach / für ein jenseits wallen wär leinewand zu viel /
am tag der mause fallen/ nackt / wie sichs ziemt / ins ziel/
wirfft dich die große hand geschickt aus ihren crallen...

 

auff den Tod alß ein Erd=rachen

weh mir / o korn der welt / das ich erschneiden sollte /
die sichel ward vertan / da ich dich ernten wollte /
auß / auß der bäcker träum / ich selber muß mich ründen /
zum brod dem erden maul / gewürtzt mit reu & sünden...

 

auff den Tod alß ein Stunden=uhr

du trauer dunckler plan voll streng bereiffter rosen /
du thränen tieff revier / drin steine stumm vermoosen /
ein abendstern geht auff / bereitet mir den schragen /
mein stunden sand ist durch / die uhr hat auß geschlagen...

- (hus)

Tod (9) Der Tod lässt sich definieren als Verschwinden dessen, was das Spezifische eines Lebewesens ausmacht; diese Definition setzt jedoch voraus, dass man den Schlüsselbegriff des Lebens zu definieren vermag. Alle Lebewesen bestehen aus ZELLEN, kleinen räumlichen Gebilden, die von einer MEMBRAN begrenzt sind und ein GENOM aus einer NUKLEINSÄURE enthalten, der Desoxyribonukleinsäure oder DNA. Das Genom gewährleistet die Vererbung der Merkmale des Organismus und steuert zugleich seine Funktion als Reaktion auf Veränderungen der Umwelt, in der er sich entwickelt. Nach der gegenwärtigen Vorstellung ist das Leben die Gesamtheit der Eigenschaften von Organismen: ANPASSUNG, Wachstum, Reproduktion. Diese sichtbaren Merkmale resultieren aus der zunehmend komplexeren Beschaffenheit der materiellen Strukturen, die im Laufe der Erdzeitalter aus der EVOLUTION hervorgegangen sind.

In diesem Kontext nimmt der Begriff Tod unterschiedliche Bedeutungen an, je nachdem, ob er sich auf einfache Organismen wie Bakterien bezieht, die aus nur einer Zelle bestehen und sich durch ZELLTEILUNG vermehren, oder auf komplexe vielzellige Organismen wie Pflanzen und Tiere, die sich durch geschlechtliche Fortpflanzung vermehren.

Solange eine Bakterie sich teilt, stirbt sie in gewissem Sinne nicht, da zwischen Mutterbakterie und Tochterbakterien der Lebensprozess nicht unterbrochen wird, obwohl die Mutterbakterie selbst verschwindet. Zudem wird das Genom der Bakterie, abgesehen von seltenen MUTATIONEN, identisch reproduziert. Selbst wenn also eine der Tochterbakterien verschwinden sollte, bleibt die GENETISCHE INFORMATION, deren Ergebnis sie darstellt, im Wesentlichen unverändert erhalten.

In diesem Sinne haben sich die gegenwärtigen Bakterien als direkte Nachfahren jener Bakterien, die vor über dreieinhalb Milliarden Jahren auf der Erde entstanden sind, so wenig weiterentwickelt, dass diese Vorfahren immer noch nicht »tot« sind. - (thes)

Tod (10) Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und rief 'halt! keinen Schritt weiter!' 'Was,' sprach der Riese, 'du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?' 'Ich bin der Tod,' erwiderte der andere, 'mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.' Der Riese aber weigerte sich und fing an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt behielt der Riese die Oberhand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese ging seiner Wege, und der Tod lag da besiegt und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. 'Was soll daraus werden,' sprach er, 'wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf der Welt, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen.' - (grim)

Tod (11)   Ich wurde nach meinem Tode transportiert, nicht an einen umgrenzten Ort wurde ich transportiert, sondern in die Unerrmeßlichkeit des leeren Ätherraumes. Weit davon entfernt, mich von dieser allseitigen, dieser, so weit die Blicke reichten, unermeßlichen Offenheit niederzwingen zu lassen, sammelte ich mich, sammelte ich in mir alles, was ich im geheimen Kalender meines Selbst mir vorgenommen hatte zu werden, dieses alles zusammendrängend, dazu auch meine Qualitäten, schlieߎlich, als letzten Schutzwall, meine Laster, und daraus machte ich mir eine Panzerschale.
Über diesem Kernstück, von Zorn beseelt, aber von einem sauberen, trockenen Zorn, der nicht vom Blut getragen wurde, einem kalten, einem ungeschmälterten Zorn also, begann ich einen Igel darzustellen, in einer alleräußersten Abwehr, einer letzten Weigerung.
Der leere Raum alsdann, die Raublarven des leeren Raumes, die schon ihre weichen Saugtaschen nach mir ausgestülpt hatten und mich mit niederträchtiger Endosmose bedrohten, diese Larven wunderten sich, und nach vergeblichen Versuchen, sich der Beute zu bemächtigen, die sich nicht ergeben wollte, wichen sie verlegen zurück und entzogen sich meinem Blick. Sie Überließen dem Leben diesen Getreuen, der es so sehr verdiente.
Frei seitdem von dieser Seite her, machte ich Gebrauch von meiner momentanen Macht, vom Hochgefühl des unverhofften Sieges, lastete mit aller verfügbaren Schwerkraft gegen die Erde, drang wieder in meinen unbewegt daliegenden Körper ein, den die Laken und Wolldecken glücklicherweise am Erkalten gehindert hatten.
Mit Überrraschung, nach dieser ganz selbständigen Leistung, die sogar die der Giganten übertraf, mit Überraschung und mit einer von Enttäuschung durchsetzten Freude kehrte ich heim in die engen und abgeschlossenen Horizonte, in denen das menschliche Leben verlaufen muß, um zu sein, was es ist. -  Henri Michaux

Tod (12)



 George Grosz als "dadaistischer Tod" (ca. 1917)

 - Nach: Lothar Fischer, G.G. in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1976

Tod  (13)   „Zeige mir den Mann, der weiß, was das Leben ist, und der den Tod fürchtet, und ich zeige dir einen Gefangenen, der seine Freiheit scheut.

Ist es nicht besser, mein lieber Bruder Toby (denn merke dir, unsere Lüste sind eigentlich nur Gebrechen), ist es nicht besser, gar keinen Hunger zu haben, als zu essen? Keinen Durst, als eine Mixtur zu nehmen, um ihn zu stillen?

Ist es nicht besser, von Sorgen und Schmerzen, von Liebe und Melancholie und von all den anderen heißen und kalten Anfällen des Lebens frei zu sein, als wie ein Wanderer, der erschöpft und mit wundgelaufenen Füßen in seiner Herberge anlangt, die Reise noch einmal machen zu müssen?

Es ist nichts Grauenvolles, Bruder Toby, in seinem Anblick, wenn man das abzieht, was er vom Ächzen und von den Zuckungen borgt und von dem Nasenschneuzen und Augenwischen mit den Gardinenzipfeln im Sterbezimmer. Nimm ihm das, was bleibt dann von ihm übrig?" — „Er ist besser in der Schlacht als im Bett", sagte mein Onkel Toby. — „Nimm ihm seine Bahre, sein bezahltes Trauergefolge, seinen schwarzen Flor, seine Federbüsche, Sargschilde und anderen mechanischen Hilfsmittel — was bleibt dann von ihm übrig? Besser in der Schlacht!" fuhr mein Vater lächelnd fort, denn meinen Bruder Bobby hatte er völlig vergessen. „Er ist durchaus nicht furchtbar, denn sieh nur, Bruder Toby: "Wenn wir sind, so ist der Tod nicht, und ist der Tod, so sind wir nicht." Mein Onkel Toby legte seine Pfeife nieder, um über diesen Satz nachzudenken; meines Vaters Beredsamkeit war jedoch zu reißend, um auf  einen Menschen zu warten, sie eilte weiter und zog meines Onkels Toby Ideen mit sich fort.

„Deswegen ist es", fuhr mein Vater fort, „der Mühe wert zu bemerken, wie wenig Schrecken das Nahen des Todes großen Männern verursacht hat. Vespasian starb mit einem Scherz auf seinem Nachtstuhl, Galba mit einer Sentenz, Septimius Severus verfaßte eben eine Depesche, Tiberius machte einem Jemand etwas weis und Cäsar Augustus ein Kompliment." — „Ich hoffe, es war ein aufrichtiges", sagte mein Onkel Toby.

„Es war an seine Frau gerichtet", sagte mein Vater.

„Und schließlich — denn von all den ausgewählten Anekdoten, welche die Geschichte zu diesem Thema aufweisen kann", fuhr mein Vater fort, »ziert diese wie ein vergoldetes Kuppeldach das ganze Gebäude.

Sie handelt von Cornelius Gallus, dem Prätor — du hast sie gewiß gelesen, Bruder Toby." — „Ich habe sie gewiß nicht gelesen", erwiderte mein Onkel. — „Er starb", sagte mein Vater, „als er ****************************
********************. "

— „Nun, wenn's mit seinem Weib war", sagte mein Onkel Toby, »so konnte nichts Anstößiges dabei sein." — „Das ist mehr, als ich weiß", versetzte mein Vater.  - (shan)

Tod  (14)  Unsere Ideen über den Tod sind ohne Hintergedanken. Die einen glauben, daß man nicht stirbt. Das ist - offensichtlich - zu naiv. Die anderen glauben, daß Sterben nichts ist, in Anbetracht daß man vorher lebt und nachher nicht mehr darüber nachdenkt. Das ist - nicht weniger offensichtlich - zu gut durchdacht. Es scheint, will man kalt urteilen, daß die Zweiten recht haben, weil sie besser die Tatsachen zum Ausdruck bringen. Aber das ist eine Illusion: die Tatsachen beweisen hier gar nichts, wenn sie jemals irgendetwas beweisen. Der Tod ist ironisch. - Julien Torma, nach (jar)

Tod  (15)  Und was ist denn der Tod, fragte er, der deiner Mutter oder deiner oder mein eigener? Du hast bloß deine Mutter sterben sehen. Ich seh' die Leute jeden Tag abkratzen im Mater und Richmond, seh' wie man ihnen in den Kutteln rumschneidet im Seziersaal. Eine Dreckerei ist das und nichts sonst. Hat einfach gar nichts zu besagen. Du wolltest nicht niederknien, um zu beten für deine Mutter an ihrem Sterbebett, als sie dich bat. Warum? Weil du den verfluchten Jesuitenzug in dir hast, bloß daß er dir verkehrtherum eingeimpft worden ist. Für mich ist das alles urkomisch und dreckig. Ihre Gehirnlappen funktionieren nicht mehr. Sie nennt den Doktor Sir Peter Teazle und pflückt sich Butterblümchen von der Steppdecke. Halt sie bei Laune, bis es vorbei ist. - (joy)

Tod  (16)    Der Tod, vormals der Bauer mit der Sense, ein grober Flegel immerhin, aber als solcher eine respektable, durch zahllose Bilder sehenswerter Maler akkreditierte Persönlichkeit, er nimmt in meiner Vorstellung immer komischere Gestalten an. Ich seh ihn nicht als schwarzen Ritter, er kommt als nahender Meister, oder ein Clown tritt auf, streckt die Zunge heraus, sie wächst ins Unendliche und durchsticht mich ... ich seh den Tod als Kondukteur, der meinen Fahrschein einzwickt, für ausgenützt erklärt, nicht warten will bis zur nächsten Haltestelle, mich zum Aussteigen drängt... mit eines tschechischen Akzentes nicht entbehrenden Worten . . . ich seh ihn als rohen Jungen, Fledermäuse annagelnd, als Laternen auslöschenden Studenten, Reichstag auflösenden Minister, und jüngst sah ich den Tod gar als Motorführer. »Dem Wagenführer ist es verboten, mit den Fahrgästen zu sprechen.« Die Übereinstimmung ist auffallend!

Ich glaub, ich werd es nicht ertragen, wenn mich auch noch der Tod mit einer Enttäuschung abspeist.  - Albert Ehrenstein, Tubutsch, nach  A.E.: Gedichte und Prosa. Neuwied u.a. 1961

Tod  (17)

du  übermeister  necrophilus
du   fleischfraß   sarcophagus
du nimmersatteswürmgehäus
o miserere nobis!
du kühler blasser matthäus
miserere miserere...
du stummer aschenrosenbaum
du   leuchterloser   abertraum
du   genialer   schneidabsherz
o miserere nobis!
du   wegweiser   jenseitswärts
miserere miserere...
du jammerweinberg ohne end
du hartknöcherns sacrament
du   lorbeerblume   bitterheit
o miserere nobis!
du   unerwartetes   totenkleid
miserere miserere...
du unbekannter numerus gar
in staub aus haut und haar
du sterbengel!
schwing die latern ..
et miserere nobis!

- Aus: treuherzige kirchhoflieder, nach (artm)

Tod  (18)  Post mortem nihil est, ipsaque mors nihil. — Mors individua est no-xia corpori, nee patiens animae. — Toti morimur, nullaque pars manet nostri. (Nach dem Tod kommt nichts mehr, und auch der Tod selbst ist nichts. - Der Tod ist unteilbar, vernichtet den Leib und verschont auch die Seele nicht. - Wir sterben vollständig, und kein Teil bleibt von uns. Seneca, Troas, Chorus II.)  - Nach: Sir Thomas Browne, Religio medici. Berlin 1976 (zuerst 1642)

Tod  (19)  1. Das Schicksal fuhrt uns, und wieviel einem jeden übrigbleibt, hat die erste Stunde der Neugeborenen bestimmt. Seneca, Dial., I 57.

2. Nichts ist so trügerisch wie das menschliche Leben, nichts so tückisch; keiner wahrlich hätte es angenommen, wenn es ihm nicht in seiner Unwissenheit gegeben würde. Vgl. Seneca, Dial., V 22.

3. Hinterrücks droht der Tod. Er ist Räuber aller Dinge.

4. Das ganze Leben ist beweinenswert. Neue Beschwernisse werden herandrängen, bevor du die alten bewältigt hast. Seneca, Dial., VI 11, 1.

5. Der Tod ist die Befreiung von allen Schmerzen, die uns in jene Ruhe, in der wir vor der Geburt lagen, zurückbringt.

6. Der Tod ist die beste Einrichtung der Natur, er weist die Unglücksfälle zurück, begrenzt die Müdigkeit des Greises, fuhrt aus dem Kerker, erleichtert die Ketten. Keinen ist er von größerem Vorteil als jenen, zu denen er kommt, bevor er gerufen wird. Gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens habe ich die Wohltat des Todes. Vgl. Seneca, Dial., VI 20-21.

7. Die Lebensalter gehen mit unglaublicher Schnelligkeit dahin.

8. Alles Menschliche ist kurz und vergänglich. Die Erde mit den Völkern gilt uns wie ein Punkt. Einen kleineren Umfang als den Teil eines Punktes hat unser Leben, wenn wir es mit aller Zeit vergleichen. Vgl. Seneca, Dial., VI 21,1, 2.

9. Es geht das Schicksal aus eigener Kraft. Seneca, Dial., VI 21, 6, 7, (wo es »via sua« heißt). Vergebens sind Gebete und Anstrengungen. Von dem Tag, an dem wir das Licht erblickt haben, sind wir auf dem Weg zum Tode. Das Schicksal vollbringt sein Werk, raubt uns das Gefühl für den eigenen Tod, damit er um so leichter heranschleichen kann, verbirgt sich sogar unter dem Namen Leben. Das Säuglingsalter geht in Kindheit über, Kindheit m die Zeit des Heranwachsens, Jugend ins Greisenalter. Wachsen heißt Verlieren. Das Altern trifft alles und wird alles mit sich wegführen.

10.  Alles, was den Höhepunkt erreicht hat, eilt zum Ende.

u. Das Schicksal übt sein Recht aus und wird durch keine Bitte bewegt, nicht durch Mitleid gebeugt, nicht durch Gnade; es hält seinen unwiderruflichen Kurs; es geht seinen vorbestimmten Weg. Das ewige Gesetz des Schicksals wendet die Ordnung der Dinge, sein erstes Gesetz ist: am Beschlossenen festzuhalten. Vgl. Seneca, Quaest. nat., II 35, 2. Der Tod ruft alle in gleicher Weise, ob die Götter zornig oder gewogen sind, man muß sterben.

12. Alle sind wir für den Tod bewahrt. Das ganze Volk, das du siehst, für alle ist die Todesstrafe festgesetzt. Was ist es für ein Unterschied, ob wir auf Befehl zum Tode gehen oder freiwillig? Wir werten es hoch, langsamer zu sterben.

13. Du müßtest gewollt haben, wenn du gewußt hättest, daß alles nach Gottes Willen geschieht. Seneca, Quaest.nat. III, praef. 12.

14. Wir sind nicht in der Macht eines anderen, wenn der Tod in unserer Macht ist.

15. Die Natur eilt überall zu ihrem Ende; zu Beginn der Dinge gebraucht sie sparsam die Kräfte, sie verteilt sich in trügerischem Wachstum, stürzt sich plötzlich mit aller Gewalt in den Untergang.

16. Wenn man zum Ende gekommen ist, sind wir alle in gleicher Lage. Es ist für mich ohne Bedeutung, wie groß mein Grabhügel nach meinem Tode ist, der Tod ist überall gleich. Vgl. Seneca, Quaest. nat., VI 1. 9-

17. Wir wollen großen Mut gegen jenen Untergang aufbieten, der weder zu vermeiden noch vorauszusehen ist. Vgl. Seneca, Quaest. nat., VI 1, 10.

18. Nichts ist so gering, daß es nicht reicht, um zum Untergang zu führen.

19. Diese Erde wird am Ende über mir liegen; es ist also ein Unterschied, ob ich sie über mich lege oder sie sich über mich [Linné dürfte ein ›nicht‹ ausgelassen haben, siehe Nr. 55]. Ein winziges Ding ist das Menschenleben. Wer es verachtet hat, wird ruhig die Meere aufgewühlt sehen, wird ruhig die Drohungen des blitzenden Himmels betrachten. Seneca, Quaest. nat., VI 1, 10.

20. Man muß sterben, wann? Was geht es dich an? Der Tod ist Gesetz der Natur, Heilmittel aller Übel. Seneca, Quaest. nat., VI 32, 12.

21. Er leugnet, daß von dort jemand zurückkehrt. (Man stellt sich vor daß der Tod dies sagt.) Vgl. Catull HI 12.

22. Ich habe gelebt und den Lauf vollendet, den das Schicksal gegeben hatte. Verg., Aen. IV 653. Unter denen, die vergehen werden, leben wir Ungleich werden wir geboren, gleich sterben wir.

23. Kein Lebewesen tritt ins Leben ohne Todesfurcht.

24. Niemand stirbt außer an seinem bestimmten Tag. Du verlierst nichts von deiner Zeit, denn was übrig ist, gehört einem anderen.

25. Es ist ohne Bedeutung, ob das Ende später oder früher kommt.

26. Täglich sterben wir, zu jeder Stunde wird ein Teil des Lebens genommen. Ein großer Teil des Todes ist schon vorausgegangen. Vgl. Seneca, Epist. III, 20.

27. In diesem Leben und dieser Welt gibt es Kriege, Seuchen, Brände, Überfälle, Diebe, Gifte, Schiffbrüche, Krankheiten, Verletzungen, Unwetter, Tyrannen, zehrende Sehnsucht nach den Liebsten, Knechtschaft, überall Steuern, Lüste, Neid, Feinde aller Art. Kriege aller gegen alle.

28. Überlege, was du willst, um in die Welt zu kommen, um durch sie zu gehen. In der Tat hätte niemand das Leben angenommen, wenn es ihm nicht in seiner Unwissenheit gegeben würde. Sen[eca] 619.

29. Das Leben nimmt keinen Teil einer unbegrenzten Zeit ein. Vgl. Nr. 8.

30. Alle Unglücklichen hätten glücklich sein können, wenn sie vorher gestorben wären.

31. Wir erstreben alle den Hafen, wenn wir segeln; töricht, wer Schmerz darüber empfindet, daß er zuerst angelangt ist und nicht länger von unsicheren Stürmen herumgeschleudert wird [Seneca] 658.

32.  Festgesetzt ist einem jeden das Ende.

33. Vor dem Tod keiner glücklich [Syr. u, 30].

34. Es geht das Schicksal aus eigener Kraft. Vergebens sind Gebete und Anstrengungen (s. Nr. 9). -Jeder wird so viel haben, wie ihm der erste Tag zugeschrieben hat. Seneca, Dial., VI 21, 6. - Er hat das Seine getragen und ist ans Ziel der gegebenen Zeit gelangt. Vgl. Verg., Aen. X 472.

35. (2. Chron. 34, 28 auf Schwedisch)

36. Nichts ewig, wenig ein Tag. Seneca, Consol.

37. Was Alter genannt wird, sind wenige Jahresläufe. Seneca. Sie trinken an der Flut des lethäischen Flusses sorgloses Naß und langes Vergessen. Verg., Aen. VI 714 f.

38. Dorthin wirst du gehen, wohin alles geht; zu diesem Gesetz bist du geboren. - Hör auf zu hoffen, daß der Willen der Götter durch Bitten gelenkt wird. Verg., Aen. VI 376.

39. Am allertörichsten, wer geweint hat, daß er vor 1000 Jahren nicht gelebt hatte. Gleich töricht ist, wer weint, daß er nach 1000 Jahren nicht leben wird.

40. Du wirst nicht sein, und du bist nicht gewesen. Das Schicksal vollbringt sein Werk, raubt uns das Gefühl für unseren eigenen Tod. Seneca, Epist., 77, n.

41. Der ist ebenso töricht, der den Tod fürchtet, wie der, der das Alter furchtet. Seneca. Vgl. Dial., VI 21, 6, 7.

42. Sicheres wird erwartet, Unsicheres gefürchtet. Das Leben ist gegeben mit der Einschränkung des Todes. Seneca, Epist., 30, 10.

43. Niemand wird ungestraft geboren. Seneca, Dial., VI 15, 4.

44. Zu Unrecht meinen wir, daß der längere Weg zum Tod der bessere sei.

45. Was nützt es, den Tod zu fürchten, dem wir alle geboren werden?

46. Das Leben ist nicht so viel wert, daß ich schwitze, mich erhitze. (Es folgt ein schwedischer Satz.)

47. Was bedeutet der Tod? Gehe zu den Kämpfern und ihren Gefechten, gehe zu Gottes eigenem Reich im Alten Testament. Wieviele tausend Myriaden sind an einem Tag, gleichsam durch einen Streich in Gefechten niedergemetzelt worden, die aufgezogen worden sind mit soviel Mühe, Schmerz und Eifer. Vergil (nicht von Vergil).

48. (Schwedischer Satz) - Von nirgendwo anders kommt dem Herz Stärke als von den schönen Künsten, als von der Betrachtung der Natur. Seneca, Quaest. nat., VI 32, 1. - Bedenke, wieviel Gutes ein rechtzeitiger Tod hat, wie vielen es geschadet hat, zu lange gelebt zu haben. Der Tod ist das Gesetz der Natur und aller Übel Heilmittel. (Siehe Nr. 20.)

49- Wenn man zum Ende gekommen ist, sind wir alle in gleicher Lage. (Siehe Nr. 16.) Daher macht es keinen Unterschied, ob ein Stein mich erschlägt oder ob mich ein ganzer Berg erdrückt. Es ist ohne Bedeutung, wie groß mein Grabhügel nach meinem Tod ist. Vgl. Seneca, Quaest. nat., VI 1, 8, 9.

50. Wohlan, wir wollen großen Mut gegen jenen Untergang aufbieten, der nicht vermieden werden kann. Seneca, Quaest. nat., VI 1, 10

51. Das selbst nehme ich also als Trost, wenn der Tor traurig ist ohne ein Heilmittel. - Die einzige Rettung für die Besiegten ist, auf keine Rettung zu hoffen. Verg., Aen., II 354.

52. Wir wollen einsehen, daß unsere vergänglichen Körper ohne Anstrengung vernichtet werden können.

53. Was ist törichter, als den Tod zu furchten, dem wir alle geboren werden?

54. Es ist notwendig zu sterben, wo auch immer und wann auch immer.

55. Was ist es also für ein Unterschied, ob ich die Erde über mich lege oder sie sich über mich? (Siehe Nr. 19.)  - (nem)

Tod  (20)

Tod  (21)  Ich höre den Menschenfresser, von dem Frazer in The Golden Bough berichtet, den Menschenfresser, der seinen Tod entscheidend beeinflußte und serialisierte: ›Mein Tod ist fern von hier im großen Ozean, und er ist schwer zu finden. In diesem Meer gibt es eine Insel, und auf der Insel wächst eine grüne Eiche, und unter der Eiche ist eine Truhe aus Eisen, und in der Truhe ist ein Körbchen, und in dem Körbchen ist ein Hase, und in dem Hasen ist eine Ente, und in der Ente ist ein Ei; und wer das Ei findet und es zerbricht, der wird mich zur gleichen Zeit töten.‹ - Nach (cort)

Tod  (22)  Die Theorie des Todes ist  ungeheuer praktisch. Einfach wegen des Gedränges muß man nach und nach Lebende ausscheiden. Das gibt es wahrscheinlich im kleinsten, im kleinen, im großen. Überall wird Totes ausgeschieden. Wir merken das gar nicht. Der Körper entleert sich, das Tote geht fort, und er hat sein Gewicht, sein Aussehen usw. nicht wesentlich verändert.  - Ernst Fuhrmann, Der Sinn des Todes. Nach (fuhr)

Tod  (23)  Für den, der stirbt, scheint der Tod nur ganz selten etwas Unerfreuliches an sich zu haben. Viele »wachen nicht wieder auf«, wie man sagt. Schon seit sehr alten Zeiten hat man versucht, solche Fälle festzuhalten, in denen Menschen »so gut wie tot« waren. Sie wurden auf verschiedene Arten wieder zum Leben zurückgebracht, durch echten oder falschen Zauber, aber es wird niemals etwas anderes erzählt, als daß diese Leute meinten, gut, fest und ziemlich lange geschlafen zu haben. Mit seinem eigenen Tod hat der Mensch eigentlich nichts zu tun. - Ernst Fuhrmann, Der Sinn des Todes. Nach (fuhr)

Tod  (24)

Welch Mühsal!
Welch Mühsal des Pferdes, Hund zu sein!
Welch Mühsal des Hundes, Schwalbe zu sein!
Welch Mühsal der Schwalbe, Biene zu sein!
Welch Mühsal der Biene, Pferd zu sein!
Und das Pferd,
welch spitzen Pfeil es aus der Rose preßt!,
welch graue Rose es aus seinen Lefzen hebt!
Und die Rose,
welche Herde von Lichtern und von Aufschrein
sie an den lebendgen Zucker ihres Stockes bindet!
Und der Zucker,
welch kleine Dolche träumt er wach bei Nacht!;
und die Dolche,
welch einen Mond ganz ohne Ställe, welche Nacktheiten!,
ewige Haut und Röte, suchen sie.
Und ich, auf den Traufdächern,
welch Flammenseraph suche ich und bin es!
Doch der Bogen aus Gips,
wie groß, wie unsichtbar, wie winzig!,
ohne Mühsal.

- Federico Garcia Lorca, Dichter in New York. Frankfurt am Main 1963 (Übs. Enrique Beck, zuerst 1930)

Tod  (25)  Der Tod ist ein mit weißer Kreide auf eine weiße Tafel geschriebener Brief, der Tod ist eine blockierte Schreibmaschine, ein Automat, der wahnwitzigen Ausschuß produziert, eine unsichtbare drohende Hand ohne Finger, der Tod ist der Sturz eines Schnellzugs in einen bodenlosen Abgrund, herumliegende Figuren aus einem explodierten Flugzeug.  - (hra2)

Tod  (26)

Tod  (27)  

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