bgrund  Wir stehen am Rande eines Abgrunds. Wir spähen hinab in den Schlund - es wird uns schlimm und schwindlig. Unser erster Antrieb ist, zurückzuweichen vor der Gefahr. Doch unerklärlicherweise bleiben wir. Ganz langsam gehen Übelkeit und Schwindel und Schauder in einem Gewölk von unbenennbarem Fühlen auf. Stufenweis', doch gar unmerklicher noch, nimmt dies Gewölk Gestalt an, wie's der Dunstrauch bei der Flasche tat, aus welcher sich der Geist in den ‹Arabischen Nächten› erhob. Doch aus dieser unserer Wolke an des Abgrunds Rand erwächst, zum Greifen deutlich bald, eine Gestalt, weit schrecklicher denn jeder Dämon oder gute Geist in einem Märchen, und dennoch ist's nur ein Gedanke, wennschon ein fürchterlicher, dessen Horror in uns so wildes Entzücken weckt, daß wir ins Mark unserer Knochen hinein erschauern. Es ist bloß die Vorstellung, was wir beim rasend jähen Sturz aus solcher Höhe wohl empfinden würden. Und dieser Sturz ins Nichts, in das Vernichtet-Sein - aus eben dem Grunde, daß er das eine allergräßlichste und - widerwärtigste von all den gräßlichen und widerwärtigen Bildern des Todes und des Leidens in sich beschließt, die je vor unsrer Einbildung aufgestiegen sind, - aus eben dieser einen Ursache verlangt es uns nun um so heftiger danach. Und weil uns unsre Vernunft mit aller Macht von der Kante zurückreißen will, darum grad zieht es uns nur um so ungestümer zu ihr hin. Es gibt in der ganzen Natur keine Leidenschaft von so dämonischer Gewalt, wie sie ein Mensch empfindet, der schaudernd am Rande eines Abgrunds steht und solcherart dann einen Sprung erwägt. Auf einen Augenblick nur der Versuchung des Gedankens daran nachzugeben, heißt unentrinnbar verloren sein; denn ruhige Überlegung drängt uns, davon abzustehen, und eben darum, sag' ich, können wir es nicht. Wenn dann kein Freundesarm zur Stelle ist, uns zurückzuhalten, oder wenn es uns nicht gelingt, uns in jäher Anstrengung aller Kräfte rückwärts vom Schlunde weg niederzuwerfen, so springen wir - und springen ins tiefste Verderben.  - Edgar Allan Poe, Der Alb der Perversheit, in (poe)

Abgrund (2) Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit, begleitete Tischbein mich heute auf den Vesuv. Ihm, dem bildenden Künstler, der sich nur immer mit den schönsten Menschen- und Tierformen beschäftigt, ja das Ungeformte selbst, Felsen und Landschaften, durch Sinn und Geschmack vermenschlicht, ihm wird eine solche furchtbare, ungestalte Aufhäufung, die sich immer wieder selbst verzehrt und allem Schönheitsgefühl den Krieg ankündigt, ganz abscheulich vorkommen.

Wir fuhren auf zwei Kalessen, weil wir uns als Selbstführer durch das Gewühl der Stadt nicht durchzuwinden getrauten. Der Fahrende schreit unaufhörlich: "Platz, Platz!", damit Esel, Holz oder Kehricht Tragende, entgegenrollende Kalessen, lastschleppende oder frei wandelnde Menschen, Kinder und Greise sich vorsehen, ausweichen, ungehindert aber der scharfe Trab fortgesetzt werde.

Der Weg durch die äußersten Vorstädte und Gärten sollte schon auf etwas Plutonisches hindeuten. Denn da es lange nicht geregnet, waren von dickem, aschgrauem Staube die von Natur immergrünen Blätter überdeckt, alle Dächer, Gurtgesimse und was nur irgend eine Fläche bot, gleichfalls übergraut, so daß nur der herrliche blaue Himmel und die herleinscheinende mächtige Sonne ein Zeugnis gab, daß man unter den Lebendigen wandle.

Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe, auf seinen eigenen Füßen, desto leichter emporhilft.

So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen Norden die Trümmer der Somma.

Ein Blick westwärts über die Gegend nahm wie ein heilsames Bad alle Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg, und wir umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche auswerfenden Kegelberg. Solange der Raum gestattete, in gehöriger Entfernung zu bleiben, war es ein großes, geisterhebendes Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlunde hervortönte, sodann Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Luft geschleudert, von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund zurück. Die andern nach der Seite zu getriebenen Brocken, auf die Außenseite des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Geräusch: erst plumpten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein, und zuletzt rieselte die Asche nieder. Dieses alles geschah in regelmäßigen Pausen, die wir durch ein ruhiges Zählen sehr wohl abmessen konnten.

Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu sein, auch noch gefährlich werden wollte.

Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. Ich ratschlagte hierüber mit den Führern, unter einem überhängenden Felsen der Somma, wo wir, in Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten Vorräten erquickten. Der jüngere getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen, unsere Hutköpfe fütterten wir mit leinenen und seidenen Tüchern, wir stellten uns bereit, die Stäbe in der Hand, ich seinen Gürtel fassend.

Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Gerölle hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich, aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt, wir standen auf einem scharfen Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert. - Goethe, Italienische Reise, 6. März 1787

Abgrund (3) Wie ich von einem hilfsbereiten Pharmazeuten später erfuhr, gehörten die Purpurpillen nicht einmal zu der großen und edlen Familie der Barbiturate, und obschon sie einem Neurotiker, der sie für ein wirksames Mittel hielt, Schlaf hätten bringen können, waren sie doch ein zu schwaches Beruhigungsmittel, um ein alertes, wenn auch übermüdetes Nymphchen für längere Zeit auszuschalten. Ob der Arzt in Ramsdale ein Scharlatan war oder ein durchtriebener alter Gauner, fällt und fiel nicht ins Gewicht. Ins Gewicht fiel lediglich, daß ich betrogen worden war. Als Lolita zum zweiten Mal die Augen öffnete, wurde mir klar, daß selbst dann, wenn die Wirkung später in der Nacht doch noch eintreten sollte, die Sicherheit, auf die ich gebaut hatte, eine trügerische war. Langsam wandte sich ihr Kopf weg und sank auf ihre unfair üppige Kissenportion zurück. Ich lag ganz still am Rand meines Abgrunds, spähte nach ihrem verwuschelten Haar, nach dem Schimmer von Nymphchennacktheit, wo undeutlich ein halber Schenkel und eine halbe Schulter zu erkennen waren, und versuchte, aus ihrer Atemrate die Tiefe ihres Schlafes abzuschätzen. Einige Zeit verging, nichts änderte sich, und ich beschloß, das Risiko auf mich zu nehmen und diesem lockenden, verrücktmachenden Schimmer etwas näher zu rücken; kaum aber war ich in seinen warmen Umkreis vorgedrungen, da stockte ihr Atem, und ich hatte das abscheuliche Gefühl, daß die kleine Dolores hellwach sei und losschriee, wenn ich sie mit irgendeinem Teil meines armseligen, jammervollen Körpers berührte.  - (lo)

Abgrund (4) Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und der platte Menschenverstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon die beiden eineiige Zwillinge sind, betrachtet man in der Regel den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegeneilt. Ich weiß jedoch von einem Chronophobiker, den so etwas wie Panik ergriff, als er zum ersten Male einige Amateurfilme sah, die ein paar Wochen vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Er erblickte eine praktisch unveränderte Welt — dasselbe Haus, dieselben Leute -, und dann wurde ihm klar, daß es ihn dort nicht gab und daß niemand sein Fehlen betrauerte. Er sah seine Mutter aus einem Fenster im ersten Stock winken, und diese unvertraute Geste verstörte ihn, als wäre sie irgendein geheimnisvolles Lebewohl. Aber was ihm besonderen Schrecken einjagte, war der Anblick eines nagelneuen Kinderwagens, der dort vor der Haustür selbstgefällig und anmaßend stand wie ein Sarg; auch er war leer, als hätte sich im umgekehrten Lauf der Dinge sogar sein Skelett aufgelöst.

Jungen Menschen sind dergleichen Phantasien nicht fremd. Oder anders ausgedrückt: die ersten und die letzten Dinge haben oft etwas Pubertäres an sich - es sei denn, eine ehrwürdige und strenge Religion ordnete sie. Die Natur erwartet vom erwachsenen Menschen, daß er die schwarze Leere vor sich und hinter sich genauso ungerührt hinnimmt wie die außerordentlichen Visionen dazwischen. Die Vorstellungskraft, die höchste Wonne des Unsterblichen und des Unreifen, soll ihre Grenzen haben. Um das Leben zu genießen, dürfen wir es nicht zu sehr genießen.

Ich lehne mich auf gegen diesen Zustand. Ich verspüre den Wunsch, meine Auflehnung nach außen zu tragen und die Natur zu bestreiken. Ein um das andere Mal habe ich in Gedanken enorme Anstrengungen unternommen, um auch nur den allerschwächsten persönlichen Lichtschimmer in der unpersönlichen Dunkelheit auf beiden Seiten meines Lebens wahrzunehmen. Daß an dieser Dunkelheit nur die Mauern der Zeit schuld sind, die mich und meine zerschundenen Fäuste von der freien Welt der Zeitlosigkeit trennen, das ist eine Überzeugung, die ich freudig mit dem buntestbemalten Wilden teile.  - (nab)

Abgrund (5) Das vollkommenste aller Wesen, aller Äonen, der Abgrund, ruhte an der Brust der Tiefe mit dem Geist. Aus ihrer Verbindung ging die Vernunft hervor, die zur Gefährtin die Wahrheit hatte.

Die Vernunft und die Wahrheit zeugten das Wort und das Leben, diese wieder zeugten den Menschen und die Kirche; - das sind acht Äonen.

Das Wort und die Wahrheit brachten zehn weitere Äonen hervor, also fünf Paare. Der Mensch und die Kirche zeugten noch zwölf weitere, darunter den Paraklet und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, das Vollkommene und Sophia, die Weisheit.

Diese dreißig Äonen zusammen bilden das Pleroma oder die Universalität Gottes. So wie das Echo einer sich entfernenden Stimme, wie der Duft eines verhauchenden Parfüms, wie die Glut der untergehenden Sonne werden die dem Grund entströmenden Kräfte schwächer.

Aber Sophia in ihrer Leidenschaft, den Vater zu erkennen, stürzte sich aus dem Pleroma; — und da schuf das Wort ein weiteres Paar, das alle Äonen miteinander verband, Christus und den Heiligen Geist; und gemeinsam bildeten sie Jesus, die Blüte des Pleroma.

Aber Sophias Anstrengung, sich loszureißen, hatte im Leeren ein Bild von ihr hinterlassen, eine böse Substanz, Acharamoth. Der Erlöser hatte Mitleid und befreite sie von ihren Leidenschaften; — aus dem Lächeln der Acharamoth wurde das Licht geboren; ihre Tränen brachten die Wasser hervor, ihre Traurigkeit gebar die schwarze Materie.

Aus Acharamoth ging der Demiurg hervor, der Schöpfer der Welten, der Himmel und des Teufels. Er wohnt tief unter dem Pleroma, nimmt es gar nicht wahr, hält sich darum für den wahren Gott und wiederholt durch den Mund seiner Propheten: »Es gibt keinen Gott außer mir!« Dann schuf er den Menschen und senkte ihm den geistigen Samen, die Kirche, den Abglanz der anderen Kirche im Pleroma, in die Seele.

Eines Tages wird Acharamoth in die höchste Region aufsteigen und sich mit dem Erlöser vereinen; das in der Welt verborgene Feuer wird alle Materie vernichten, sich selbst verzehren, und die Menschen, zu reinen Geistern geworden, werden sich mit den Engeln vermählen!  - (vers)

Abgrund (6) Gestern bin ich nach Buron gefahren und abends zurückgekehrt. Ich hätte, als ich die Verwüstung auf dem Gut sah, heulen können. Früher standen dort die herrlichsten alten Bäume. Mein Sohn hat sie bei seiner letzten Reise alle fällen lassen, hat sogar noch eine kleine Baumgruppe verkauft, die besonders hübsch aussah. All dies ist trostlos. 4000 Louis d'or hat er dafür heimgebracht und davon einen Monat später keinen Sou mehr besessen. Es ist unbegreiflich, wie er es anstellt, und ebenso, was ihn seine Reise in die Bretagne gekostet hat, wo er wie ein Hergelaufener aufgetreten ist, nachdem er Diener und Kutscher nach Paris zurückgesandt hatte. In der Stadt, wo er ja noch zwei Monate geblieben ist, war nur Larmechin bei ihm. Er besitzt ein Talent zum Geldausgeben, ohne daß man weiß wofür, zu verlieren ohne zu spielen, zu bezahlen ohne seine Schulden zu begleichen. Immer lechzt er nach Geld, im Krieg wie im Frieden. Es ist ein Abgrund von ich weiß nicht was, denn Liebhabereien hat er nicht; aber in seinen Händen zerrinnt das Geld. Und Sie, meine Gute, müssen das alles über sich ergehen lassen.

Alle diese trauernden Dryaden, die alten Waldgötter, die nun nicht mehr wissen wohin, all die würdevollen Raben, die seit zweihundert Jahren im Dunkel dieser Wälder hausten, die Käuzchen, die im Finstern mit ihrem unheimlichen Ruf den Menschen Unglück verkünden, sie allesamt trugen mir gestern ihre erschütternden Klagen vor. Und wie soll man wissen, ob manche dieser alten Eichen nicht reden konnten wie jene, in der Clorinda lebte? Wenn je ein Wald verzaubert war, so ist dieser es gewesen. Ich kam also sehr betrübt zurück. - (sev)

Abgrund (7)  Ich mißtraue allen Worten, denn die geringste Überlegung erweist es als sinnlos, darauf zu trauen. Ich bin, leider, soweit gekommen, die Worte, auf denen man so unbekümmert die Weite eines Gedankens überquert, leichten Brettern über einem Abgrund zu vergleichen, die wohl den Übergang, nicht aber ein Verweilen aushalten. Der vorwärtseilende Mensch benützt sie leihweise und macht, daß er weiterkommt; doch falls er nur im mindesten darauf verharrt, so zerbricht das bißchen Zeit sie, und das Ganze verschwindet in der Tiefe. Wer sich beeilt, hat begriffen; nur nicht verweilen: man fände bald heraus, daß die klarsten Wortgespinste aus dunklen Ausdrücken gewoben sind. - Paul Valéry, Herr Teste. Frankfurt am Main 1965 (BS 162, zuerst ca. 1895)

Abgrund (8)  Die tödliche Bedrohung, die über unserem Dasein schwebt, macht alles unfruchtbar. Nur der Aufschrei läßt leben; die Exaltation tritt an die Stelle der Wahrheit. Auf dieser Stufe wird der Weltuntergang ein Wert, in dem alles verschmilzt, Liebe und Tod, Gewissen und Schuld. In einer aus der Bahn geratenen Welt gibt es kein anderes Leben als das des Abgrunds, wohin - nach einem Wort Alfred Le Poittevins - die Menschen hinabrollen «vor Wut zitternd und ihre Verbrechen hochhaltend», um dort den Schöpfer zu verfluchen. Der rasende Rausch und, an der äußersten Grenze, das schöne Verbrechen schöpfen dann in einer Sekunde den ganzen Sinn eines Lebens aus.   - Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Reinbek bei Hamburg  1969 (zuerst 1951)

Abgrund (9)  KAN / Das Abgründige, das Wasser

oben Kan, das Abgründige, das Wasser
unten Kan, das Abgründige, das Wasser

Das Zeichen besteht aus der Wiederholung des Zeichens Kan. Es ist eines der acht Doppelzeichen. Das Zeichen Kan bedeutet das Hineinstürzen. Ein Yangstrich ist zwischen zwei Yinstriche hineingestürzt und wird von ihnen eingeschlossen wie das Wasser in einer Talschlucht. Es ist der mittlere Sohn. Das Empfangende hat den mittleren Strich des Schöpferischen erlangt, und so entsteht Kan. Als Bild ist es das Wasser, und zwar das Wasser, das von oben kommt und auf der Erde in Bewegung ist in Flüssen und Strömen und das alles Leben auf Erden veranlaßt. Auf den Menschen übertragen stellt es das Herz, die Seele dar, die im Leib eingeschlossen ist, das Lichte, das im Dunkeln enthalten ist, die Vernunft. Der Name des Zeichens hat, weil es wiederholt ist, den Zusatz: Wiederholung der Gefahr. Damit soll das Zeichen eine objektive Lage, an die man sich zu gewöhnen hat, nicht eine subjektive Gesinnung bezeichnen. Denn Gefahr als subjektive Gesinnung bedeutet entweder Tollkühnheit oder Hinterlist. Darum wird die Gefahr auch als Schlucht bezeichnet, d. h. ein Zustand, in dem man sich befindet wie das Wasser in einer Schlucht, und aus der man herauskommt wie das Wasser, wenn man sich richtig verhält.

Das Urteil

Das wiederholte Abgründige.
Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen,
und was du tust, hat Erfolg.

Durch die Wiederholung der Gefahr gewöhnt man sich daran. Das Wasser gibt das Beispiel für das rechte Verhalten in solchen Zuständen. Es fließt immer weiter und füllt alle Stellen, durch die es fließt, eben nur aus, es scheut vor keiner gefährlichen Stelle, vor keinem Sturz zurück und verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art. Es bleibt sich in allen Verhältnissen selber treu. So bewirkt die Wahrhaftigkeit in schwierigen Verhältnissen, daß man innerlich im Herzen die Lage durchdringt. Und wenn man einer Situation erst innerlich Herr geworden ist, so wird es ganz von selbst gelingen, daß die äußeren Handlungen von Erfolg begleitet sind. Es handelt sich in der Gefahr um Gründlichkeit, die alles, was zu tun ist, auch wirklich erledigt, und um Vorwärtsschreiten, damit man nicht in der Gefahr verweilend darin umkommt.. - (ig)

Abgrund (10)  

Wir blicken in den
Abgrund des Alters,
und die Kinder
kommen von hinten
und stoßen uns hinein.

- Ramón Gómez de la Serna, Der Traum ist ein Depot für verlegte Gegenstände. Greguerías. Berlin 1989

Abgrund (11)  Wie denn verhindern, daß sich das Mädchen Carla, nachdem sie die tausend Reize jenes Meeresufers genossen, im Verlauf des Umherwanderns der beiden schließlich an der kurzen Brüstung auch über den Abgrund beugte? Schlimmer noch: wie denn verhindern, daß sie, so frisch und so rein, aus natürlichem Gegensatz dessen unwiderstehliche Anziehungskraft spürte? Es begann mit kleinen Aufschreien und damit, daß sie, erschaudernd, auf einzelne Stellen im Abgrund und an den Wänden deutete, so etwa auf das fast zur Gänze in den Felsen hineingehauene schwindelerregende Treppchen mit den glitschigen Stufen; dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der kleinen Felsenburg zu und fand es schön, sich die ehemaligen Bewohner vorzustellen; schließlich (unvermeidlich) äußerte sie den dringenden Wunsch, die Felsenburg zu besichtigen. Antonio mühte sich vergebens, sie davon abzubringen: indessen war sie das Opfer eines kindisch amerikanischen Ehrgeizes oder womöglich schon der Mächte der Unterwelt.

Da ein kleinerer Spalt knapp darüber in den größeren mündet und auch besser als dieser zu begehen ist, konnte man recht und schlecht die Stelle erreichen. Von da unten sah man eine Himmelsdecke, der ein Großteil des Lichts genommen war; und das Innere des Baues (wenn man überhaupt von Innerem sprechen kann) versank in einem düsteren, dunkelgrünen Halbschatten.

Das Mädchen war verloschen, während es da hinuntergegangen war, wie eine freie Sternschnuppe verlöschen kann, wenn sie mit der schweren Erdatmosphäre in Berührung kommt.. - (land2)

Abgrund (12)    Für eine Sekunde fühlte Trelkovsky physisch mit unheimlicher Intensität den Abgrund, über dem er sich bewegte. Ihm schwindelte. Dann kamen die fürchterlichen Details: der Sarg, der zugenagelt wird, die Erde, die gegen seine Wände donnert, der allmähliche Verfall des Leichnams.

Er suchte sich zu beherrschen. Vergebens. Er mußte sich unbedingt kratzen, um sicher zu sein, daß die Würmer nicht kamen, daß sie noch nicht da waren. Er tat es zunächst diskret, dann wie rasend. Er spürte, wie Tausende von widerlichen Tierchen ihn zerfraßen, sein Inneres aussaugten.  - Roland Topor, Der Mieter. Zürich 1976 (detebe 20358, zuerst 1964)

Abgrund (13) An einem Sommerabend, als sie mit ihrer Mutter über die Felder heimging, war sie einem Gespenst begegnet; seit jenem Abend hatte sie das Haus nicht mehr verlassen wollen. Jetzt ist sie allein zurückgeblieben; ihre Schwester bringt ihr täglich mit der kleinen Kalesche das Essen und stellt das Tablett vor der Tür ab. Lerana besitzt ein altes, vor Rost quietschendes Grammophon zum Aufziehen; zuweilen hört sie, verkleidet, die alten Schallplatten. Sie hat keine Angst vor der Dunkelheit, aber die Welt draußen ist ein Abgrund, man braucht bloß eine Tür aufzumachen, und schon stürzt man hinein. Das Haus erhebt sich hoch oben auf einem Felsen, der von bodenlosen Schluchten umgeben ist.  - J. Rodolfo Wilcock, Das Stereoskop der Einzelgänger. Freiburg  1995 (zuerst 1972)

Abgrund (14)  Sie stößt mit den Lenden, wie man Schreie ausstößt. Sie dreht ihr Becken und ihren Bauch im Kreise herum, sie wölbt sich empor, ihre Schenkel öffnen sich und schmiegen sich nun um das Glied des unbeweglichen Mannes. Erweicht mit einer großartigen Gebärde zurück und zeigt seiner Gefährtin, daß seine Begierde nach ihr noch nicht nachgelassen hat. Er zieht aus der zuckenden Höhle seinen riesigen rauchenden Schwanz. Der verzichtet aber nicht, er richtet sich auf und zittert, als sein empfindliches Ende reibend den Eingang der ihn verfolgenden Grotte verläßt. Die vollen Hoden schlagen sanft die Möse. Junger Bürger, fleißiger Arbeiter und du, hoher Beamter dieser Republik, ich erlaube euch, einen Blick auf Irenes Möse zu werden. Oh, die zarte Möse von Irene!

So klein und so groß! Hier fühlst du dich wohl, Mann, der du endlich dieses Namens würdig bist, hier entsprichst du der Stärke deiner Begierden. Fürchte nicht, dein Gesicht diesem Ort zu nähern, und schon kann deine Zunge, die geschwätzige, nicht mehr stillhalten; dieser Ort der Wonne und des Schattens, dieser Vorhof der Glut, und in seinen perlmuttfarbenen Grenzen das schöne Bild des Pessimismus. Oh, du Spalte, du feuchte und sanfte Spalte, du geliebter, schwindelerregender Abgrund!  - Louis Aragon, nach: Geteilte Nächte. Erotiken des Surrealismus. Hg. Heribert Becker. Hamburg und Zürich 1990

Abgrund (15)  

- N.N.

Abgrund (16)  Nicht der tausende Theil von dem, was beobachtet wird, darf dem Papiere vertraut werden. – Eitelkeit oder Stolz ist der allgemeine Charakter aller Weiber. – Man darf nur Eins von beyden beleidigen, um Züge zu sehen, die uns auf den Abgrund ihres Charakters blicken lassen. Diese Züge zeigen sich seltener in der Stirn, als in den Nasenflügeln, dem Naserümpfen, Wangenfalten und den Lippen, besonders im Lächeln. - Lavater

Abgrund (17)  Patient sagt: Sie können sich nicht vorstellen, dass sich jemand, der tatsächlich wahnsinnig ist, dennoch an anderen Wahnsinnigen orientieren könnte, um so seinen Wahnsinn glaubhaft zu machen. Für Sie ist das ein Simulant und Scharlatan, aber meinen Sie, dass das so stimmen muss? Stellen Sie sich jemanden vor, der vor einem Abgrund steht und der nur zwei Möglichkeiten hat, entweder er lässt sich unkontrolliert fallen, oder er springt gezielt. Er steht am Abgrund, das ist die Voraussetzung. Es gibt Menschen, die nicht merken, dass dort ein Abgrund ist, und einfach hineinstürzen, es gibt Menschen, die nicht wissen, was ein Abgrund ist, und einfach hineinspringen, es gibt Menschen, die den Abgrund für keinen Abgrund halten, und so weiter. Aber er steht da, und er sieht die einen fallen, die anderen springen. Weil er dasteht, meint er am Anfang, er könnte sich auch gegen den Sturz oder den Sprung entscheiden, aber das ist ein Irrtum, das ist ein großer Irrtum. Er tröstet sich eine Weile damit, dass er nicht zu den Fallenden gehört, und tut so, als hätte er die Möglichkeit umzukehren, dem Abgrund den Rücken zu kehren. So geht das eine Weile hin und her, bjs er einsieht, dass er die Möglichkeit zur Umkehr nicht hat. Kann man es ihm verdenken, noch eine letzte Wahlfreiheit erhäschen zu wollen? Aber auch diese Wahlfreiheit ist keine, denn es bleibt ihm nur der Sprung, die Gnade des Sturzes ist ihm längst verwehrt, durch sein Innehalten, durch seine bewusste Kontemplation des Abgrunds. Und da bemerkt er, dass er diese Kontemplation nur begonnen hat, weil ihm die Fähigkeit zum Sprung fehlt. - (raf)

Abgrund (18) Athanasius Kircher und andere bilden sich ein, daß es im Zentrum der Rinne des Malstroms einen Abgrund gebe, der den ganzen Erdball durchdringe und in irgendeiner sehr entlegnen Gegend wieder münde - mit einiger Entschiedenheit wird in einem Falle der Bottnische Meerbusen genannt. Diese an und für sich recht müßige Meinung war es jedoch, welcher sich meine Phantasie jetzt, da ich hinabblickte, am ehesten zuneigte.  - E. A. Poe, Ein Sturz in den Malstrom, nach (poe)

Bodenlosigkeit Loch
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Sturz Tiefe
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