imulant    Jedesmal, wenn er sich unter den üblichen onkelhaften Doktor-Redensarten, wie zum Beispiel: »Ei, ei, was machen wir da?« oder: »Was sind denn das für Sachen?« meinem Bette genähert, sich niedergelassen und mich ein wenig betrachtet und befragt hatte, - jedesmal, sage ich, kam der Augenblick, wo ein Schweigen, ein Lächeln, ein Blinzeln von seiner Seite mich aufforderte, ihm insgeheim auf dieselbe Weise zu erwidern und mich ihm als »schulkrank«, wie er es in seiner Gewöhnlichkeit nennen mochte, zu bekennen. Nie bin ich ihm das kleinste Schrittchen entgegengekommen. Und nicht sowohl Vorsicht hinderte mich daran (denn ich hätte ihm wahrscheinlich vertrauen dürfen) als vielmehr Stolz und Verachtung. Meine Augen wurden nur trüber und ratloser, meine Wangen hohler, meine Lippen schlaffer, meine Atemzüge kürzer und beklommener angesichts seiner Versuche, sich mit mir ins Einvernehmen zu setzen, und vollkommen bereit, auch ihm, wenn es wünschenswert scheinen sollte, mit einem Anfall von Brechkrampf aufzuwarten, hielt ich so unerschütterlich verständnislos diesen Versuchen stand, daß er sich endlich besiegt geben und sich bequemen mußte, die Lebensklugheit beiseite zu lassen und dem Falle mit Hilfe der Wissenschaft beizukommen.

Das mochte ihm sauer werden, erstens seiner Dummheit wegen und zweitens, weil es in der Tat ein Krankheitsbild von großer Allgemeinheit und Unbestimmtheit war, das ich bot. Er behorchte und beklopfte mich mehrfach von allen Seiten, bohrte mir den Stiel eines Suppenlöffels in den Schlund, belästigte mich mit dem Fieberthermometer und mußte dann wohl oder übel zum Spruche kommen. »Migräne«, erklärte er. »Kein Grund zur Beunruhigung. Wir kennen ja diese Neigung bei unserem jungen Freunde. Leider ist der Magen nicht unerheblich in Mitleidenschaft gezogen. Ich empfehle Ruhe, keine Besuche, wenig Gespräche, am besten Verdunkelung des Zimmers.«   - Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1965 (Fischer-Tb. 639, zuerst 1954)

Simulant  (2) «Am längsten hat sich der gehalten, was von einem tollen Hund gebissen worn ist. Er hat gebissen, geheult, wirklich, das hat er ausgezeichnet getroffen, aber den Schaum beim Maul hat er nicht und nicht zuwege bringen können. Wir ham ihm geholfen, wie wir ham können. Wir ham ihn paarmal eine ganze Stunde vor der Visit gekitzelt, bis er Krämpfe gekriegt hat und ganz blau geworn is, aber der Schaum beim Maul is nicht und nicht gekommen. Es war schrecklich. Wie er sich einmal früh bei der Visit ergeben hat, hat er uns leid getan. Er hat sich beim Bett auf gestellt wie eine Kerze, hat salutiert und gesagt: ‹Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, daß der Hund, was mich gebissen hat, wahrscheinlich nicht toll war.› Der Oberarzt hat ihn so eigentümlich angeschaut, daß der Gebissene am ganzen Leib zu zittern angefangen hat und fortgesetzt hat: <Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, daß mich überhaupt kein Hund gebissen hat, ich hab mich selbst in die Hand gebissen.›  Nach diesem Geständnis hat man gegen ihn wegen Selbstverstümmlung eine Untersuchung eingeleitet, daß er sich die Hand abbeißen wollt, um nicht ins Feld zu müssen.»

«Alle solche Krankheiten, wo man Sdiaum vorm Maul braucht», sagte der feiste Simulant, «lassen sich schlecht simulieren. Wie zum Beispiel die hinfallende Krankheit. Da war hier auch einer mit hinfallender Krankheit, der hat uns immer gesagt, daß es ihm auf einen Krampf nicht ankommt, so hat er euch manchmal zehn in einem Tag zuwege gebracht. Er hat sich in Krämpfen gewunden, hat die Fäuste geballt, hat die Augen herausgewälzt, daß es ausgesehen hat, wie wenn er sie auf Stielen hätt, hat um sich geschlagen, die Zunge herausgesteckt, kurz ich sag euch, eine herrliche erstklassige hinfallende Krankheit, so eine ganz echte. Auf einmal hat er Asten bekommen, zwei am Hals, zwei am Rücken, und aus wars mit den Krämpfen und mit dem Auf-den-Boden-Schlagen, weil er den Kopf nicht hat rühren können, nicht sitzen und nicht  liegen. Er hat Fieber gekriegt, und im Fieber hat er bei der Visit alles verraten. Und er hat uns mit diesen Asten ordentlich zugesetzt, weil er mit ihnen noch drei Tage hat zwischen uns liegen müssen und zweite Diät gekriegt hat, früh Kaffee mit einer Semmel, abends Brei oder Suppe, und wir ham zuschaun müssen mit hungrigem ausgepumptem Magen und ganzer Diät, wie der Kerl frißt, schmatzt und vor Sattheit faucht und rülpst. Dreie hat er damit ins Unglück gestürzt, sie ham auch gestanden. Die sind mit Herzfehler gelegen.»

«Am besten», sagte einer von den Simulanten, «läßt sich Wahnsinn simulieren. Von unserm Lehrkörper sind nebenan im Zimmer zwei, einer schreit fortwährend bei Tag und Nacht; ‹Der Scheiterhaufen Giordano Brunos raucht noch, erneuert den Prozeß Galileis! ›, und der zweite bellt, erst dreimal langsam: haf — haf — haf, dann fünfmal schnell nacheinander: hafhafhafhafhaf und wieder langsam und so gehts immerfort. Er hats schon über drei Wochen ausgehalten. Ich hab auch ursprünglich einen Narren machen wolln, hab religiösen Wahnsinn heucheln, von der Unfehlbarkeit des Papstes predigen wolln, aber zum Schluß hab ich mir von einem Raseur auf der Kleinseite für fünf zehn Kronen einen Magenkrebs besorgt.»

«Ich kenn einen Rauchfangkehrer in Brewnow», bemerkte ein anderer Patient, «der macht euch für zehn Kronen so ein Fieber her, daß ihr aus dem Fenster springt.» - Jaroslav Hašek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Reinbek 1969 (zuerst 1923)

Simulant  (3) Ich hatte mir nichts Besonderes vorgenommen, keine Stimmen, keine Anfälle - der Maler George Grosz ist in ähnlicher Situation damit schwer reingefallen; er hatte es in längerer Praxis und mit großer Kunst fertiggebracht, Schaum vor den Mund zu produzieren, ein besonderer Trick in der Atemtechnik, den Tiefatem ständig zu unterbrechen und abzudrosseln - eine Prozedur, die einem epileptischem Anfall täuschend ähnlich ist. Das Pech für Grosz ist gewesen, daß die andern im Saal ihre Ruhe haben wollten, vor allem aber mußte vermieden werden, die Wärter in den Saal zu ziehen. Sobald Grosz seine Technik durch tieferes Stöhnen vorbereitete - lautlos geht so etwas nicht -, fielen die Kameraden über ihn her und prügelten ihn windelweich. Grosz mußte die Sache schließlich einstellen. - Franz Jung, Der Weg nach unten. In: Franz Jung, Schriften, Bd. 1, Salzhausen / Frankfurt am Main 1981
 

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