aum  Ich stieg eine Böschung hinan und legte mich unter einen Baum. Der Baum war eine Pappel oder eine Erle. Warum ich seine Gattung nicht behalten habe? Weil, während ich ins Laubwerk sah und seiner Bewegung folgte, mit einmal in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, daß sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog.

Die Äste und mit ihnen auch der Wipfel wogen sich erwägend oder bogen sich ablehnend; die Zweige zeigten sich zuneigend oder hochfahrend; das Laub sträubte sich gegen einen rauhen Luftzug, erschauerte vor ihm oder kam ihm entgegen; der Stamm verfügte über seinen guten Grund, auf dem er fußte; und ein Blatt warf seinen Schatten auf das andre. Ein leiser Wind spielte zur Hochzeit auf und trug alsbald die schnell entsprossenen Kinder dieses Betts als Bilderrede unter alle Welt. - Walter Benjamin

Baum (2) Das Erfassen der ewigen Ideen von den höhern Geistern ist daher ein Zusammenwachsen derselben durch diese Ideen zu größeren geistigen Organismen; und wie alle individualen Ideen in allgemeinen und diese in allgemeinem wurzeln, so werden zuletzt alle Geister als Gliedmaßen mit dem größten Geist, mit Gott, zusammenhängen.

Die Geisterwelt in ihrer Vollendung wird daher nicht eine Versammlung, sondern ein Baum von Geistern sein, dessen Wurzel in dem Irdischen eingewachsen ist und dessen Krone in den Himmel reicht.

Nur die größten und edelsten Geister, Christus, die Genien und Heiligen, vermögen unmittelbar mit ihrem besten Teil bis zur innern Höhe Gottes hinanzuwachsen; die kleineren und geringeren wurzeln in sie wie Zweige in Äste und Äste in Stämme ein, und hängen so mittelbar durch sie mit dem, was in dem Höchsten das Höchste ist, zusammen. - Gustav Theodor Fechner

Baum (3) Lächerlich war jener berühmte Xerxes, wenn er, der sogar die Werke des Zeus — Erde und Meer — nicht achtete und sich neue Wege zu Land und zu Wasser schuf, sich vor einer Platane neigte und diesen Baum verehrte! Einst, als er in Lydien eine herrlich hochgewachsene Platane sah, blieb er, ganz ohne zwingenden Grund, den ganzen Tag über dort und schlug auch dort in der Einsamkeit um die Platane herum sein Lager auf. Er behängte sie mit kostbarem Schmuck, ehrte ihre Zweige mit Ketten und Armbändern. Sogar einen Posten ließ er zurück, als ob er eine Geliebte zu behüten und zu bewachen habe. Welchen Nutzen aber hatte der Baum davon? Der neugewonnene Schmuck, der in keiner Weise zu ihm paßte, war ein nutzloses Anhängsel, das nichts zu seiner natürlichen Schönheit beitrug. Denn die Schönheit eines Baumes besteht in seinen wohlgewachsenen Zweigen, dem dichten Laub, einem kräftigen Stamm, tiefreichenden Wurzeln, darin, daß die Winde ihn schütteln, sein Schatten weit reicht, die Jahreszeiten wechseln und das Wasser ihn durch seine feinen Adern nährt oder vom Himmel herab ihn benetzt. Doch die Kleider des Xerxes, das Gold des Barbaren und die anderen Geschenke paßten weder zu der Platane noch zu irgendeinem anderen Baum. - (ael)

Baum (4) "Ich liebe die Bäume, die das vollbracht haben, woran wir scheiterten, allein durch das Wunder ihrer Majestät und ihres Schweigens, in Schönheit den Kampf und das Aufeinanderstoßen der Gewalten und des Egoismus verwirklichen, Kämpfe, denen ähnlich, die auch über unsere Zukunft entscheiden. ...  Unter ihnen gebietet der Stärkste durch Gestalt und Gebärde; er schöpft ohne Rücksicht Kraft und Nahrung aus dem Boden, den seine Wurzeln sich erobert haben, und der Schwache ordnet sich willig ihm unter, findet einen bescheidenen Weg, sein geringeres Ansehen ohne Scham und Klage, ohne Geschrei nach Recht zu tragen." Und im selben Text heißt es später: "Ich liebe die Maschinen, sie sind wie Geschöpfe einer höheren Stufe." - Henry van de Velde, Amo. Leipzig 1912

Baum (5) Der kastanienbaum im park hat elf hauptarme, ich habe zeit gehabt, sie zu zählen, da ich warten mußte. Ein schöner, naturgeschützter baum, unter dem im sommer die huren mit ihren Zuhältern die lauen abende verbringen. Drei seiner mächtigen arme werden jetzt gegen winter von drei starken pfosten gestützt. Der baum muß unwahrscheinlich alt sein, durch seine riesenkrone flimmern sterne, der geruch von nahem meer hält sich in ihr auf, stille kiemenatmer durchschwimmen sie unsichtbar. Von einem der äste baumelt ein dickes seil herunter, ein veritabler henkersstrick, aber so fest und so schön, daß einem fast lust ankommt, sich dreinzuhängen. Ich langte nach dem ausgefaserten ende und erreichte es, als ich mich ein wenig auf die zehenspitzen stellte. Der strick griff sich wunderbar an. Weil es viele schiffe hier im hafen gibt, halte ich ihn für ein abgetakeltes schiffstau. Wer zum teufel aber hat es da so hoch in den baum hineingehängt? - (hca)

Baum (6)   Sie schauten in ein höchst ungewöhnliches Gesicht. Es gehörte zu einer großen, menschenähnlichen, fast trollähnlichen Gestalt, mindestens vierzehn Fuß lang, sehr stämmig, mit einem hohen Kopf und kaum einem Hals. Ob sie in einen Stoff, der wie grüne und graue Rinde aussah, gekleidet war oder ob das ihre Haut war, war schwer zu sagen. Jedenfalls waren die Arme, ziemlich nahe am Rumpf, nicht runzlig, sondern mit einer braunen, glatten Haut bedeckt. Die großen Füße hatten je sieben Zehen. Der untere Teil des langen Gesichts war mit einem wallenden grauen Bart bedeckt, buschig, fast zweigartig an den Wurzeln, dünn und moosig an den Enden. Aber im Augenblick bemerkten die Hobbits wenig außer den Augen. Diese tiefliegenden Augen sahen sie jetzt prüfend an, gemessen und ernst, aber sehr durchdringend. Sie waren braun, mit einem hellen Grün gesprenkelt. Später hat Pippin oft versucht, seinen ersten Eindruck von diesen Augen zu beschreiben.

»Man hatte das Gefühl, als ob ein gewaltiger Brunnenschacht hinter ihnen lag, angefüllt mit den Erinnerungen einer unendlich langen Zeit und langem, bedächtigem, beharrlichem Denken; aber auf ihrer Oberfläche schillerte die Gegenwart: wie Sonne, die auf den äußeren Blättern eines riesigen Baumes schimmert, oder wie das Wellengekräusel auf einem sehr tiefen See. Ich weiß nicht, aber man hatte das Gefühl, als ob etwas, das im Boden wächst — schlafend, könnte man sagen, oder sich einfach selbst als etwas zwischen Wurzelspitze und Blattspitze, zwischen tiefer Erde und Himmel Empfindendes —, plötzlich erwacht war und einen mit derselben bedächtigen Aufmerksamkeit betrachtete, die es seit endlosen Jahren seinen eigenen inneren Gedanken geschenkt hatte.«  - J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe. Stuttgart 1972 (zuerst 1966)

Baum (7)  Seiner Gewohnheit nach mit einem Buch auf und abgehend, war er darauf gekommen, sich in die etwa schulterhohe Gabelung eines strauchartigen Baumes zu lehnen, und sofort fühlte er sich in dieser Haltung so angenehm unterstützt und so reichlich eingeruht, daß er so, ohne zu lesen, völlig eingelassen in die Natur, in einem beinah unbewußten Anschaun verweilte. Nach und nach erwacht seine Aufmerksamkeit über einem nie gekannten Gefühl: es war, als ob aus dem Innern des Baumes fast unmerkliche Schwingungen in ihn übergingen; er legte sich das ohne Mühe dahin aus, daß ein weiter nicht sichtlicher, vielleicht den Hang flach herab streichender Wind im Holz zur Geltung kam, obwohl er zugeben mußte, daß der Stamm zu stark schien, um von einem so geringen Wehen so nachdrücklich erregt zu sein. Was ihn überaus beschäftigte, war indessen nicht diese Enge oder eine ähnliche dieser Art, sondern mehr und mehr war er überrascht, ja ergriffen von der Wirkung, die jenes in ihn unaufhörlich Herüberdringende in ihm hervorbrachte: er meinte nie von leiseren Bewegungen erfüllt worden zu sein, sein Körper wurde gewissermaßen wie eine Seele behandelt und in den Stand gesetzt, einen Grad von Einfluß aufzunehmen, der bei der sonstigen Deutlichkeit leiblicher Verhältnisse eigentlich gar nicht hätte empfunden werden können. Dazu kam, daß er in den ersten Augenblicken den Sinn nicht recht feststellen konnte, durch den er eine derartig feine und ausgebreitete Mitteilung empfing; auch war der Zustand, den sie in ihm herausbildete, so vollkommen und anhaltend, anders als alles andere, aber so wenig durch Steigerung über bisher Erfahrenes hinaus vorstellbar, daß er bei aller Köstlichkeit nicht daran denken konnte, ihn einen Genuß zu nennen. Gleichwohl, bestrebt, sich gerade im Leisesten immer Rechenschaft zu geben, fragte er sich dringend, was ihm da geschehe, und fand fast gleich einen Ausdruck, der ihn befriedigte, vor sich hinsagend: er sei auf die andere Seite der Natur geraten. - Rainer Maria Rilke

Baum (8)  Nur die Pappel im Garten hatte standgehalten wie eine Damaszenerklinge, und in ihr Laub hatten sich einige Wellensittiche aus ihren zerbrochenen Käfigen geflüchtet. Überhaupt die Bäume! Mit rührender Eile setzten sie schon nach wenigen Tagen neue Knospen an Stelle der versengten Blätter an und schufen sich einen Frühling, um wieder atmen zu können. - Hans Erich Nossack, Der Untergang. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)

Baum (9)  Ihre Blicke schossen hoch zu dem Ast, der fast direkt über ihr zu der Mauer hinüberragte. Er war dick, ziemlich rund und stark genug, um - alles mögliche tragen zu können. Irgendwas war mit dem Ast passiert, er hatte sich verändert. Trotz der Dunkelheit konnte sie erkennen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Bisher war er in gerader Linie und ohne die Mauerkrone zu berühren, über sie hinausgeragt, er war waagerecht aus dem Stamm herausgewachsen. Jetzt neigte er sich schräg nach unten, hing am äußersten Ende, wo ihre Augen ihn nicht mehr verfolgen konnten, weitaus tiefer herunter als innen am Stamm. Und darüber hinaus streifte er die Mauer. Erzeugte ein Geräusch. Er klopfte leicht vibrierend gegen den oberen Mauerrand, sie als eine Art Stützpunkt nehmend, er schwankte merklich, zitterte unter dem auf ihn ausgeübten Druck. Irgendein Wesen hatte ihn in Besitz genommen - oder saß auf ihm drauf, klammerte sich bei seinem leisen, umsichtigen, mühsamen Aufstieg zur Mitte des Baumes hin an ihn.

Sie konnte keinen Ton mehr herausbringen. »Wer ist das?« wisperte sie heiser. Sie konnte sich nicht losreißen, sich nicht umwenden und weglaufen, wie sie es gern gewollt hätte. Sie stand wie angewurzelt da, war hypnotisiert wie in einem Alptraum, den Kopf angespannt nach hinten gebogen, starrte sie in die Schwärze über sich, die sich zu einem Kopf zu verdichten schien.

Bisher hatte es nichts gegeben, worauf ein Lichtstrahl hätte treffen können. Der Baum war von den anderen Bäumen ringsherum mit dunklen Schatten eingehüllt, die Mauer und der Boden darunter waren es gleichermaßen. Der Mond war zwar die ganze Zeit über irgendwie im Hintergrund gewesen, bereit, sein Licht zur Verfügung zu stellen, aber es war nichts dagewesen, das es hätte auffangen können.

Jetzt war etwas da. Durch die sich bewegenden, wogenden Laubmassen, die die äußerste Spitze des Astes schmückten, dort, wo er über der Mauer verschwand, starrte etwas zu ihr herab, durch das Laub hindurch und auf sie herunter. Etwas schwach Glänzendes, Blaßgrünes, Phosphoreszierendes. Ähnlich einem gierigen, unbarmherzigen Auge; wurde dadurch erkennbar, weil es die unvermuteten Lichtstäubchen des Mondes, die unsichtbar in der Dunkelheit herumschwebten, auf sich zog, und blickte nun, so entfacht, durch das Laubdach unheilvoll auf sie herab.

Ihre Lippen teilten sich krampfartig, versuchten den letzten Schrei von sich zu geben, für den es schon keine Zeit mehr gab.   - Cornell Woolrich, Schwarzes Alibi. München 1986 (zuerst 1942)

Baum (10)  Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, ging ich mit meinen Eltern im Wald von Viroflay spazieren. Auf einer Lichtung rasteten wir, um eine Kleinigkeit zu essen, und dort sah ich einige Kinder, Mädchen und Jungen etwa meines Alters, die mit bloßen Füßen auf Bäume kletterten. Ich war davon sehr erregt, und so fand meine erste Erektion statt.

Damals war mir keine direkte Verbindung zwischen der Veränderung meines Geschlechtsteils und dem von mir beobachteten Schauspiel bewußt. Ich stellte lediglich die verwirrende Gleichzeitigkeit beider Vorkommnisse fest. Heute glaube ich, mich an das sehr eigenartige Gefühl zu erinnern, das von der Vorstellung in mir ausgelöst wurde, welche zugleich angenehme und schmerzhafte Empfindung der Kontakt der Fußsohlen und nackten Zehen mit der schartigen Rinde bei den Kindern hervorrufen mußte...

Ich füge hinzu, daß gegenwärtig der Anblick einer schönen Frau mit nackten und staubbedeckten Füßen eines der Dinge ist, die mich am meisten erregen. - Michel Leiris, Leidenschaften. Frankfurt am Main 1992 (Fischer-Tb. 10560)

Baum (11)  

Du hast mir, Sommer, der du plötzlich bist,
zum jähen Baum den Samen aufgezogen.
(Innen Geräumige, fühl in dir den Bogen
der Nacht, in der er mündig ist.)
Nun hob er sich und wächst zum Firmament,
ein Spiegelbild das neben Bäumen steht.
O stürz ihn, dass er, umgedreht
in deinen Schoß, den Gegen-Himmel kennt,
in den er wirklich bäumt und wirklich ragt.

- Rainer Maria Rilke

Baum (12)  Ein Baum ist eine nichtleere Menge von Knoten und Kanten, die gewissen Forderungen genügt. Ein Knoten ist ein einfaches Objekt, das einen Namen haben und andere mit ihm verknüpfte Informationen tragen kann; eine Kante ist eine Verbindung zwischen zwei Knoten. Ein Pfad in einem Baum ist eine Liste von unterschiedlichen Knoten, in welcher aufeinanderfolgende Knoten durch Kanten im Baum verbunden sind. Einer der Knoten im Baum wird als die Wurzel bezeichnet; die für die Definition entscheidende Eigenschaft eines Baumes ist, daß es zwischen der Wurzel und jedem beliebigen anderen Knoten im Baum genau einen Pfad gibt. Falls es zwischen der Wurzel und einem bestimmten Knoten mehr als einen Pfad gibt, oder falls es zwischen der Wurzel und einem bestimmten Knoten keinen Pfad gibt, so ist das, was vorliegt, ein allgemeiner Graph und kein Baum. Abbildung 4.1 zeigt ein Beispiel eines Baumes.

Baum, binärer

Abb. 4.1

 - Aus: Robert Sedgwick, Algorithmen in C++. Bonn u.a 1999, zuerst 1992

Baum (13)  Ein Baum mit schlangengleichem rotschuppigem Geäst, ein betäubendes Purpurrot oder blutendes Rot, die verschlungenen Arme des Baumes im Sturm, das blutrote Gefieder des Baumes : das ließ mich nicht wieder los. Es stürmte gewaltig. Die Frühjahrstracht nun schon angesetzt und -gelegt. Dieser Flaum / Höllenflaum, sage ich, dieser unvorstellbare blutrote Höllenflaum, und die Schlangenleiber der Äste, steigerten meine Angst ins kaum mehr Erträgliche. So standen sie da, so dehnten sie ihre Gliedmaßen, die Bäume des Gartens, so räkelten, reckten sie sich, so konnte ich alles erblicken in Blutrot und Safran, als ob eine entsprechende Vorsatzlinse eingesteckt worden wäre, Purpur und Safran, während der Sturm die Häupter der Bäume gewaltig drehte, verdrehte, nun nicht mehr ruhen ließ. Und ich mich nun nicht mehr lösen konnte von diesem gräßlichen Bild, während die knorrigen (knalligen) Fäuste der blutroten safranfarbenen Kronen mir drohten, die drohenden knorrigen Kronen, ebenso Aststümpfe gegen den Himmel sich reckten, und ich mich angesteckt fühlte, an meiner ganzen Körperhaut. Das Drohende, mit Fäusten Drohende dieser knorrigen knarrenden im Sturm wehenden und gepeitschten Aststümpfe, nämlich im Frühlingssturm knarrend, welcher über den Himmel raste, über den safranfarbenen, blutenden Himmel, übertrug seine herrischen Farben auf mich, meine ganze Körperhaut, daß ich mich fühlte wie angesteckt und mich immer tiefer verfärbte, und das gräßliche Spiegelbild mir entgegenfieberte, in Agonie oder was, in würgender Angst, daß ich alle Kleider mir abreißen wollte von Hals und Brust, weil alles mich schnürte, würgte, weil mir alles Gewalt antat, daß ich kaum mehr die eigene Stimme, daß ich kaum mehr ein Wort. - Friederike Mayröcker, Magische Blätter III. Frankfurt am Main 1991 (es 1646)

Baum (14) Ich betrachte die Photographien der kalifornischen Mammutbäume (Redwood groves) und die außergewöhnlichen Umrisse jener Primaten im Pflanzenreich, General Sherman (4000 Jahre alt — 90 Meter hoch), General Grant (5500 Jahre) und General Lee. Ich denke an den Amerikaner, dem ein Indianer im Jahre 1858 die Existenz dieser Bestände verriet und den Weg zeigte, der zu ihnen führte: überwältigt grub er sich eine Behausung in den Stamm eines der gefällten Bäume und verbrachte darin den Rest seines Lebens als Einsiedler.  - (grac)

Baum (16)  Der Baum war mächtig und kahl. Nur ein paar dunkle Blätter hingen herab - und einige verdorrte Äpfel, von Wind und Nebeln getrocknet und verwittert. Sie hingen noch immer an den Zweigen, vergessen und verlassen. Der Boden um den Baum herum war rissig und trostlos. Steine und vermoderte Haufen alter Blätter in struppigen Büscheln.

»Ich bin gekommen«, wiederholte Lori. Sie nahm das Blatt aus der Tasche und hielt es behutsam vor sich. »Es hat ans Fenster geklopft. Als ich es hörte, habe ich sofort verstanden.« Sie lächelte schelmisch, die roten Lippen gekräuselt. »Es hat geklopft und geklopft und versucht hereinzukommen. Ich hab es ignoriert. Es war so - so aufdringlich. Es hat mich geärgert.«

Der Baum schwankte unheilvoll. Seine knorrigen Äste scheuerten aneinander. Irgend etwas an dem Geräusch ließ Lori zurückweichen. Entsetzen durchfuhr sie. Verzweifelt eilte sie die Hügelkette entlang zurück und kletterte außer Reichweite.

»Nicht«, flüsterte sie. »Bitte.«

Der Wind erstarb. Der Baum wurde still. - Philip K. Dick, Menschlich ist ...  Zürich  1996

Baum (17)  Der Mapu Ché glaubt, daß Bäume Herzen haben, daß sie sich freuen können und auch Leid kennen, ein Schicksal haben durch ihr Herz; besonders Hartholzbäume sind damit ausgezeichnet. Es ist eine feine, zarte, menschenhaut-ähnliche Schicht, an der man selbst Äderchen zu sehen vermeint, die das ›Pelliñ‹ genannte feste Herz der Bäume schützt, der vom großen Gott ausersehenen. Zu der Zeit als die Bäume noch reden konnten, bekamen sie es.  - (arauk)

Baum (18)   Die Knochen des toten Vaters mußten nun gefunden werden, um sie in die Heimat des Vaters und zu seinem Stamm zurückzubringen. Der Wächter hatte Rata von einem merkwürdigen Volk erzählt, das die Knochen weggeschleppt hatte, und dieses Volk lebte angeblich unter dem Meer.

So machte sich Rata denn auf in sein Dorf, und begann dort darüber nachzudenken, wie er die Knochen des Vaters wohl finden könne.

Bald hatte er sich einen Plan zurechtgelegt und er ging in den Wald, einen Baum zu finden, der ihm für den Bau eines Kanus geeignet schien. Er fand auch einen geeigneten Baum, ja er fand einen gar mächtigen Baum, der noch dazu fast kerzengerade in seiner ganzen Länge gewachsen war; kein Baum konnte besser sein für sein Kanu. Ohne sich viel dabei zu denken, fällte er den mächtigen Baum und schlug ihm die stolze Krone ab. Er hatte es jedoch versäumt, die nötigen Gesänge an Tane, den Gott des Waldes zu richten, und all die Insekten, die in den Bäumen lebten, die Vögel und alle Geister des Waldes waren sehr erbost über Rata. Und kaum hatte er den Wald verlassen, da kamen sie aus allen Ecken und Winkeln des Waldes, und machten sich daran, den Baum wieder aufzurichten. Alle Lebewesen des Waldes halfen mit, und bei der Arbeit sangen sie:

»Kommt zusammen ihr Splitter und Spane
Haltet euch aneinander fest!
Richtet euch auf zu einem neuen Baum!«

Afs Rata am nächsten Morgen in den Wald zurückkam, um weiter an seinem Kanu zu arbeiten, da konnte er es nicht mehr finden! Der einzige Baum, der dem Baum ähnlich sah, en er am Vortag gefällt hatte, stand an seinem alten Platz, aufrecht und stolz.  - Märchen aus Neuseeland. Überlieferungen der Maori. Hg. und Übs. Erika Jakubassa. Köln 1985 (Diederichs, Die Märchen der Weltliteratur)

Baum (19)  Der Wille  wurde der Wurzel, der Intellekt der Krone des Baumes verglichen: so ist es innerlich, oder psychologisch. Aeußerlich aber, oder physiologisch, sind die Genitalien die Wurzel, der Kopf die Krone. Das Ernährende sind zwar nicht die Genitalien, sondern die Zotten der Gedärme: dennoch sind nicht diese, sondern jene die Wurzel: weil durch sie das Individuum mit der Gattung zusammenhangt, in welcher es wurzelt. Denn es ist physisch ein Erzeugniß der Gattung, metaphysisch ein mehr oder minder unvollkommenes Bild der Idee, welche, in der Form der Zeit, sich als Gattung darstellt. In Uebereinstimmung mit dem hier ausgesprochenen Verhältniß ist die größte Vitalität, wie auch die Dekrepität [Verfall], des Gehirns und der Genitalien gleichzeitig und steht in Verbindung. Der Geschlechtstrieb ist anzusehn als der innere Zug des Baumes (der Gattung), auf welchem das Leben des Individuums sproßt, wie ein Blatt, das vom Baume genährt wird und ihn zu nähren beitragt: daher ist jener Trieb so stark und aus der Tiefe unserer Natur. Ein Individuum kastriren, heißt es vom Baum der Gattung, auf welchem es sproßt, abschneiden und so gesondert verdorren lassen: daher die Degradation seiner Geistes- und Leibeskräfte. - Daß auf den Dienst der Gattung, d. i. die Befruchtung, bei jedem thierischen Indlviduo, augenblickliche Erschöpfung und Abspannung aller Kräfte, bei den meisten Insekten sogar baldiger Tod erfolgt, weshalb C e l s u s  sagte seminis emissio est partis animae jactura [Die Ausstoßung des Samens bedeutet den Verlust eines Teils der Seele]; daß beim Menschen das Erlöschen der Zeugungskraft anzeigt, das Individuum gehe nunmehr dem Tode entgegen; daß übertriebener Gebrauch jener Kraft in jedem Alter das Leben verkürzt, Enthaltsamkeit hingegen alle Kräfte, besonders aber die Muskelkraft, erhöht, weshalb sie zur Vorbereitung der Griechischen Athleten gehörte; daß die selbe Enthaltsamkeit das Leben des Insekts sogar bis zum folgenden Frühling verlängert; - alles Dieses deutet darauf hin, daß das Leben des Individuums im Grunde nur ein von der Gattung erborgtes und daß alle Lebenskraft gleichsam durch Abdämmung gehemmte Gattungskraft ist. Dieses aber ist daraus zu erklären, daß das metaphysische Substrat des Lebens sich unmittelbar in der Gattung und erst mittelst dieser im Individuo offenbart. Demgemäß wird in Indien der Lingam [Penis] mit der Yoni [weiblichen Scham] als das Symbol der Gattung und ihrer Unsterblichkeit verehrt und, als das Gegengewicht des Todes, gerade der diesem vorstehenden Gottheit, dem Schiwa, als Attribut beigegeben.   - (wv)

Baum (20)  

El libro de la naturaleza

Profesor de sollozo - he dicho a un árbol -
palo de azogue, tílo
rumoreante, a la orilla del Marne, un buen alumnoleyendo va en tu naipe, en tu hojarasca,
entre el agua evidente y ei sol falso,
su tres de copas, su caballo de oros.

Rector de los capitulos del cielo,
de la mosca ardiente, de la calma manual que hay
     en los asnos;
rector de honda ignorancia, un mal alumno
leyendo va en tu naipe, en tu hojarasca,
el hambre de razón que le enloquece
y la sed de demencia que le aloca.

Técnico en gritos, árbol consciente, fuerte,
fluvial, döble, solar, dóble, fanático,
conocedor de rosas cardinales, totalmente
metido, hasta hacer sangre, en aguijones, un      alumno
leyendo va en tu naipe, en tu hojarasca,
su rey precoz, telúrico, volcánico, de espadas.


Oh profesor, de haber tanto ignorado!
Oh rector, de temblar tanto en ei aire!
Oh técnico, de tanto que te inclinas!
Oh tílo! Oh palo rumoroso junto al Marne!

Das Buch der Natur

Professor des Jammers, so sprach ich zu einem Baum,
quecksilbernes Holz, munkelnde Linde
am Ufer der Marne, hier kommt ein guter Schüler,
um zu lesen aus deinem Kartenspiel, aus deinem welken Laub,
zwischen dem offenbaren Wasser und der falschen Sonne,
was sein Herzdreier ist und seine Schellenkönigin.

Vorsteher aller Kapitel des Himmels,
der brennenden Mücke, der gelehrigen Ruhe der Esel,
Vorsteher der tiefen Unwissenheit, hier kommt ein schlechter
   Schüler,
um zu lernen aus deinem Plan, aus deinem welken Laub,
den Hunger nach der Vernunft der ihn toll macht,
den Durst nach dem Wahnsinn der ihn zum Wahnsinn treibt.

Sachverständiger für alle Schreie, wissender, starker Baum,
Flußbaum, Doppelbaum, Sonnenbaum, Doppelbaum, Fanatiker,
Kenner der hauptsächlichen Rosen, durchbohrt, bis daß du  blutest,
von Stacheln, hier kommt ein Schüler zu dir,
um zu lesen aus deinem Kartenspiel, aus deinem welken Laub, was sein verfrühter tellurischer König, sein vulkanischer
    Pik-König ist.

O Professor, der du so vieles nicht gewußt hast!
O Vorsteher, wie zitterst du in der Luft!
O Sachverständiger, wie bist du niedergebeugt!
O Linde! O brausendes Holz an der Marne!

- César Vallejo, Gedichte. Frankfurt am Main 1963 (zuerst ca. 1939)

Wald Pflanze
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Purzebaum
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