eräusch   Man hat viel darüber gestritten, ob das Nordlicht von einem eignen Geräusche begleitet werde. Parry will es auf seiner 1ten Reise am Churchill Fluß gehört haben; Richardson dagegen, welcher den Capt. Franklin auf der Landreise in den nördlichsten Theile von Amerika begleitete, und ordentliche Tagebücher über dies Phänomen geführt hat, will während 200 Nächten, wo er Nordlichte beobachtete, nicht ein einzigesmal irgend ein Geräusch gehört haben.  - Alexander von Humboldt, Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. Frankfurt am Main 1993 (it 1540)

Geräusch (2) Wir sinken lautlos. Still steht, wie in der Badewanne,
das Wasser in den strahlend erleuchteten Palmensälen,
Tennishallen, Foyers, und spiegelt sich in den Spiegeln.
Tintenschwarze Minuten, erstarrt wie in Gelatine.
Kein Streit, kein Wortwechsel. Halblaute Dialoge.
Bitte nach Ihnen. Grüß die Kinder. Erkälte dich nicht.
In den Booten kann man sogar das Knirschen der Taue hören,
und phosphoreszierende Tropfen sieht man vom Ruderblatt,
das in Zeitlupe aus dem Meer taucht, ins Meer zurückspringen.
Erst ganz am Ende - der dunkle Bug hat sich lotrecht empor
aus dem Bodenlosen gehoben wie ein absurder Turm,
die Lichter im Rumpf sind erloschen, niemand sieht auf die Uhr -
zertrümmert ein unerhörtes Geräusch die glasige Ruhe:
»Ein Ächzen war es, nein, ein Rasseln, ein Dröhnen,
eine rollende Folge von Schlägen, als würden in einem Gewölbe
Gegenstände, tonnenschwer, in die Tiefe geworfen,
und diese undenkbar schweren Dinge zerschmetterten fallend
alles. Es war ein Geräusch, wie es nie zuvor ein Mensch
vernommen hat, und wie es keiner von uns, solange er lebt,
je wieder zu hören hofft.« Von diesem Augenblick an
war kein Schiff mehr vorhanden. Was dann kam, waren die Schreie.

- Hans Magnus Enzensberger, Der Untergang der Titanic. Eine Komödie. Frankfurt am Main 1978

Geräusch (3) Basini lächelte. Lieblich, süßlich. Starr festgehalten, wie das Lächeln eines Bildes, hob es sich aus dem Rahmen des Lichtes heraus.

Törleß saß an seinen Balken gepreßt und fühlte das Zittert seiner Augenmuskeln.

Nun zählte Beineberg die Schandtaten Basinis auf; gleichmäßig, mit heiseren Worten.

Dann die Frage: «Du schämst dich also gar nidit?» Dann ein Blick Basinis auf Reiting, der zu sagen schien: «Nun ist es wohl schon an der Zeit, daß du mir hilfst.» Und in dem Augenblicke gab ihm Reiting einen Faustschlag ins Gesicht, so daß er rückwärts taumelte, über einen Balken stolperte, stürzte. Beineberg und Beiting sprangen ihm nach.

Die Laterne war umgekippt, und ihr Licht floß verständnislos und träge zu Törleß' Füßen über den Boden hin...

Törleß unterschied aus den Geräuschen, daß sie Basini die Kleider vom Leibe zogen und ihn mit etwas Dünnem, Geschmeidigem peitschten. Sie hatten dies alles offenbar schon vorbereitet gehabt. Er hörte das Wimmern und die halblauten Klagerufe Basinis, der unausgesetzt um Schonung flehte; schließlich vernahm er nur noch ein Stöhnen, wie ein unterdrücktes Geheul, und dazwischen halblaute Schimnpfworte und die heißen leidenschaftlichen Atemstöße Beinebergs.

Er hatte sich nicht vom Platze gerührt. Gleich anfangs hatte ihn wohl eine viehische Lust mit hinzuspringen und zuzuschlagen gepackt, aber das Gefühl, daß er zu spät kommen und überflüssig sein würde, hielt ihn zurück. Über seinen Gliedern lag mit schwerer Hand eine Lähmung.

Scheinbar gleichgültig sah er vor sich hin zu Boden. Er spannte sein Gehör nicht an, um den Geräuschen zu folgen, und er fühlte sein Herz nicht rascher schlagen als sonst. Mit den Augen folgte er dem Lichte, das sich zu seinen Füßen in einer Lache ergoß. Staubflocken leuchteten auf und ein kleines häßliches Spinnengewebe. Weiterhin sickerte der Schein in die Fugen zwischen den Balken und erstickte in einem staubigen, schmutzigen Dämmern.

Törleß wäre auch eine Stunde lang so sitzen geblieben, ohne fies zu fühlen. Er dachte an nichts und war doch innerlich vollauf beschäftigt.  - Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Reinbek bei Hamburg 1965 (zuerst 1906)

Geräusch (4) Man wagte nicht, Luft zu holen, um es nicht einzuatmen. Es war das Geräusch von achtzehnhundert Flugzeugen, die in unvorstellbaren Höhen von Süden her Hamburg anflogen. Wir hatten schon zweihundert oder auch mehr Angriffe erlebt, darunter sehr schwere, aber dies war etwas völlig Neues. Und doch wußte man gleich: es war das, worauf jeder gewartet hatte, das wie ein Schatten seit Monaten über all unserm Tun lag und uns müde machte, es war das Ende. Dies Geräusch sollte anderthalb Stunden anhalten, und dann in drei Nächten der kommenden Woche noch einmal. Gleichmäßig hielt es sich in der Luft. Gleichmäßig hörte man es auch dann, wenn sich das viel lautere Getöse der Abwehr zum Trommelfeuer steigerte. Nur manchmal, wenn einzelne Staffeln zum Tiefangriff ansetzten, schwoll es an und streifte mit seinen Flügeln den Boden. Und doch war dies furchtbare Geräusch wieder so durchlässig, daß auch jeder andere Laut zu hören war: nicht nur die Abschüsse der Flak, das Krepieren der Granaten, das heulende Rauschen der abgeworfenen Bomben, das Singen der Flaksplitter, nein, sogar ein ganz leises Rascheln, nicht lauter als ein dürres Blatt, das von Ast zu Ast fällt, und wofür es im Dunkeln keine Erklärung gab. - Hans Erich Nossack, Der Untergang. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)

Geräusch (5)  Manchmal wird der Klang euch eindeutig als Geräusch erscheinen, und ihr werdet anfangen nachzuforschen, welches Gerät, welche Höllenmaschine, welches Knarren von Balken oder Rieseln von Kies dieses Geräusch erzeugen könnte, das euch zugleich eindeutig und faszinierend erscheint: denn in jener verlassenen nächtlichen Flußstadt suggeriert euch dieses Geräusch die Existenz von Dingen, die nicht nur nicht unwiederbringlich fern sind, sondern auch mit einer auf irgendeine Weise lebendigen Anmut ausgezeichnet, denn ganz sicher bewegen sie sich, oder sie altern oder sind unbeständig oder werden von etwas bewegt, ja vielleicht sogar, wenn das nicht aberwitzig erscheint, von jemandem - kurzum, auch das zweideutige Abrutschen von ein wenig Erde wird euch rasende Bilder suggerieren, ungestüm wie euer aufgescheuchtes Herz: ein Haus hat angefangen abzubröckeln oder setzt sein langsames Zerfallen fort, plant womöglich einen ruinösen Einsturz; oder eine Schicht ausgemergelten Bodens sinkt ab und bekennt, ein ehrwürdiges Straßenpflaster, ein Stadtviertel, ja die ganze Stadt nicht mehr tragen zu können - vor allem ihre schweren und robusten Brücken; und wenn es, was wahrscheinlich ist, in jener Ortschaft oder Stadt oder Siedlung etwas gibt, das eine Burg zu nennen nicht unmöglich ist, dann wird das Absinken der Schichten beweisen, wie untragbar die Last jener alten Mauern und ihrer Verbrechen für einen Boden ist, der die Süße einer paradiesischen Erinnerung bewahrt. Doch die Burg selbst, mit ihrer nicht mehr jungen und wahrscheinlich von der eigenen Verruchtheit zerfressenen Masse - denn es versteht sich von selbst, daß Burgen an einer abgefeimten Ruchlosigkeit teilhaben - die Burg also wird durch ihr eigenes nicht geehrtes Alter brüchig und baufällig sein, von gefährlicher Baufälligkeit, so daß ein wenig Wind oder ein Regenschauer genügt, um einen Stein ins Rollen zu bringen, einen lockeren Sims zu lösen oder zwei verbundene Ziegelreihen zu trennen, während der Druck von etwas Efeu einen großen Turm zu Fall bringen kann. - Giorgio Manganelli, Geräusche oder Stimmen. Berlin 1989 (zuerst 1987)

Geräusch (6) Im Westen der Präfektur K'i, siebzig Li von der Unterpräfektur Long entfernt, gibt es eine Grotte, die Höhle der Drachen und Fische genannt wird. Dort findet sich ein Stein, der bald groß, bald klein ist. Zerbricht man ihn und forscht sein Inneres aus, so gewahrt man Figuren von Drachen und Fischen.

Die vor dieser Höhle vorbeigehen, hören auf zu sprechen. Sie vernehmen ferne Geräusche von Donner und Sturm. Vor Schrecken bleiben sie stehen. Kein Mensch versteht diese Geräusche.  - Nach (cail)

Geräusch (7) Dieser Klang wird in jedem Fall verschieden sein; manchmal wird er euch eindeutig als Geräusch erscheinen, und ihr werdet anfangen nachzuforschen, welches Gerät, welche Höllenmaschine, welches Knarren von Balken oder Rieseln von Kies dieses Geräusch erzeugen könnte, das euch zugleich eindeutig und faszinierend erscheint: denn in jener verlassenen nächtlichen Flußstadt suggeriert euch dieses Geräusch die Existenz von Dingen, die nicht nur nicht unwiederbringlich fern sind, sondern auch mit einer auf irgendeine Weise lebendigen Anmut ausgezeichnet, denn ganz sicher bewegen sie sich, oder sie altern oder sind unbeständig oder werden von etwas bewegt, ja vielleicht sogar, wenn das nicht aberwitzig erscheint, von jemandem - kurzum, auch das zweideutige Abrutschen von ein wenig Erde wird euch rasende Bilder suggerieren, ungestüm wie euer aufgescheuchtes Herz: ein Haus hat angefangen abzubröckeln oder setzt sein langsames Zerfallen fort, plant womöglich einen ruinösen Einsturz; oder eine Schicht ausgemergelten Bodens sinkt ab und bekennt, ein ehrwürdiges Straßenpflaster, ein Stadtviertel, ja die ganze Stadt nicht mehr tragen zu können - vor allem ihre schweren und robusten Brücken; und wenn es, was wahrscheinlich ist, in jener Ortschaft oder Stadt oder Siedlung etwas gibt, das eine Burg zu nennen nicht unmöglich ist, dann wird das Absinken der Schichten beweisen, wie untragbar die Last jener alten Mauern und ihrer Verbrechen für einen Boden ist, der die Süße einer paradiesischen Erinnerung bewahrt. Doch die Burg selbst, mit ihrer nicht mehr jungen und wahrscheinlich von der eigenen Verruchtheit zerfressenen Masse - denn es versteht sich von selbst, daß Burgen an einer abgefeimten Ruchlosigkeit teilhaben - die Burg also wird durch ihr eigenes nicht geehrtes Alter brüchig und baufällig sein, von gefährlicher Baufälligkeit, so daß ein wenig Wind oder ein Regenschauer genügt, um einen Stein ins Rollen zu bringen, einen lockeren Sims zu lösen oder zwei verbundene Ziegelreihen zu trennen, während der Druck von etwas Efeu einen großen Turm zu Fall bringen kann. - Giorgio Manganelli, Geräusche oder Stimmen. Berlin 1989
 

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