chatten  Er kopiert die Gestalt eines Menschen, der Mensch bekommt plötzlich einen Zwilling und kann sich seiner nicht entledigen. Und dann hat dieser Zwilling auch noch einen eigenen Willen: Er verzerrt uns, entstellt uns und hat immer auch mit Dunkelheit zu tun. In fast allen Kulturen gibt es Geschichten, die dem Schatten ein Eigenleben, eine Seele zuschreiben. Die Zulu in Südafrika etwa fürchten das Nahen des Todes, wenn der Schatten kürzer wird ... weil Leichen, die auf dem Boden liegen, kaum Schatten werfen .... und in China binden sich die Totengräber mit einem Gürtel symbolisch ihren Schatten am Leib fest, damit er nicht ins Grab fällt — der Tote fände dann keine Ruhe.

In Transsilvanien haben noch im 19. Jahrhundert Schattenverkäufer Menschen vermessen und deren Schatten an die Architekten neuer Häuser verkauft. Der eingemauerte Schatten sollte Einbrecher in die Flucht schlagen. - Roberto Casati (Spiegel 11/2000)

Schatten (2)  Kurze Schatten  Wenn es gegen Mittag geht, sind die Schatten nur noch die schwarzen, scharfen Ränder am Fuß der Dinge und in Bereitschaft, lautlos, unversehens, in ihren Bau, in ihr Geheimnis sich zurückzuziehen. Dann ist, in ihrer gedrängten, geduckten Fülle, die Stunde Zarathustras gekommen, des Denkers im »Lebensmittag«, im »Sommergarten«. Denn die Erkenntnis umreißt wie die Sonne auf der Höhe ihrer Bahn die Dinge am strengsten.  - (Walter Benjamin)

Schatten (3)

... schießt schneller als sein Schatten

- Lucky Luke, "Morris" (Maurice de Bévère)

Schatten (4)  Die Schatten sind nach unserem Tod die Ankläger, die Zeugen, die Beweise dessen, was wir im Leben getan haben; und einigen von ihnen schenkt man volles Vertrauen, weil sie immer mit uns sind und den Körper nie verlassen. - Lukian, nach: Alberto Savinio, Neue Enzyklopädie. Frankfurt am Main  1986

Schatten (5)  Die Situation der Menschen, so stellte Plato fest, gleiche der von Gefangenen, die in einer Höhle mit dem Rücken zum Eingang angekettet seien. Von allem, was sich vor der Höhle abspiele, bekämen sie nur die Schatten zu Gesicht, die von dem Höhleneingang auf die ihnen gegenüberliegende Wand geworfen würden.

Diese Schatten aber, so fährt Plato fort, hielten die Menschen für die Wirklichkeit selbst. So seien sie eigentlich doppelt Betrogene. Deshalb bestehe die vornehmste Aufgabe der Philosophen darin, die Menschen über ihre wahre Situation aufzuklären. Sie müßten wenigstens wissen, daß sie die wahre Welt erst vor sich haben würden, wenn sie in der Lage wären, sich umzudrehen und aus dem Höhlengang hinauszublicken, oder wenn es ihnen gar möglich wäre, die Höhle zu verlassen und die Dinge selbst zu betrachten, anstatt nur deren vage vorüberhuschende Schatten an der Wand. - Hoimar von Ditfurth, Wir sind nicht nur von dieser Welt. München 1984 (zuerst 1981)

Schatten (6)

PUCK [Droll] Wenn wir Schatten euch beleidigt,
O so glaubt - und wohl verteidigt
Sind wir dann —: Ihr alle schier
Habet nur geschlummert hier
Und geschaut in Nachtgesichten
Eures eignen Hirnes Dichten.
Wollt ihr diesen Kindertand,
Der wie leere Träume schwand,
Liebe Herrn, nicht gar verschmähn,
Sollt ihr bald was Beßres sehn.
Wenn wir bösem Schlangenzischen
Unverdienterweis entwischen,
So verheißt auf Ehre Droll
Bald euch unsres Dankes Zoll;
Ist ein Schelm zu heißen willig,
Wenn dies nicht geschieht, wie billig.
Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden,
Begrüßt uns mit gewognen Händen!

- Shakespeare, Ein Sommernachtstraum

Schatten (7)  In diesem Augenblick beginnen die Schatten sich aufzustellen - fern, aber nicht fern genug, um ihre bizarre Unförmigkeit zu verbergen; nah, aber nicht nah genug, um mir ihre exquisite, zerquälte Unvollkommenheit restlos zu offenbaren. Ich merke deutlich, wie sie einer vom andern verschieden sind, und ahne zugleich, daß sie alle an einer Ähnlichkeit, einer schattenhaften Blutsbrüderschaft teilhaben, die mir nicht fremd ist. Das Entsetzen lockt mich. Ich nehme die Verfolgung auf. Eigentlich ist das ja ein Spiel, zumal die Schatten nur andeutungsweise fliehen; sie rennen nicht, sie entziehen sich nicht, sie weichen nur aus, nicht ohne Hinterlist. Oh, diese Schatten! Sie wissen sehr gut, was sie tun. Sie kennen sich und kennen mich; sie wissen, daß es nicht ihre Aufgabe ist, vor mir zu fliehen, sondern daß es meine Aufgabe ist, sie nicht zu fangen, zu packen, zu berühren. Sie lassen mich so weit herankommen, daß ich ihre Züge erkennen und die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit entziffern kann, die uns verbindet. Ähnlich sind mir alle diese Schatten, und seien sie noch so unförmig, unmöglich, unsinnig, verdorben, verwundet, verhext, monströs, elegant, dignitös oder kunstvoll vom Aussatz zerfressen, der auch die Schatten befällt. Sie wissen es, sie wissen ganz genau, daß das, was mich an sie bindet, auch das ist, was mich von ihnen trennt. Ich werde mich ihnen so weit nähern, daß ich sie erkennen kann, aber ich werde es nicht wagen, diese transparenten Wracks, diesen Fleischdunst mit meiner identischen und verschiedenen Hand zu berühren. Könnte ich nicht in finaler Freundschaft mit jenem entbeinten Schatten verharren, der sich von der Droge des Traums ernährt? oder besser diesem lasterhaften Schädel auf die Schulter klopfen, der sich meinem Horoskop anvertraut? Oder mit jenem runzligen, nie gewachsenen und trotzdem alten und greisenhaften Fötus mit dem zahnlos grinsenden und greinenden Mund? Oder jenem Gespenst mit dem großen lautstarken Mund, jenem wirrköpfigen Redner, geschwätzigen Logorithenprotz, schmutzigen Selbstlautkrämer. Dieser bietet mir billig seine Schläfrigkeit an, jener würde sich lange mit mir über die verschlungenen Wege des Labyrinths unterhalten, und seine lächerlichen Ratschläge wären mir kostbar. Sie alle lügen, alle sind fähig und bereit, mit ungezwungener Liebenswürdigkeit über ihre widerlichen Wunden zu sprechen oder ihre weise Unförmigkeit scheinbar zu beklagen. Es gibt viel Gelächter unter den Gespenstern, ein hintertückisches Spiel zwischen Schatten und Schatten. Ich werde euch nicht berühren, meine nebelhaften Brüder, ich werde keinen von euch erreichen. Ich fliehe, und ihr tut so, als verfolgtet ihr mich. Auf meinem Kopf häufen sich die Armstümpfe, während kreischende Lachsalven, fröhliche Spottlieder und ein wohlmeinendes Wortspiel, das so alt ist wie ich, mich verfolgen. Niemand wird mich berühren, ebenso wie ich niemanden berührt habe. Ich sehe das Gesicht des Scharlatans, ich verehre ihn, ich stottere und stammle, aber ich muß es ihm sagen, was ich verstanden habe: daß auch bei dieser Zeremonie wieder ich es bin, der verlieren muß, und ich muß ihm erklären, daß ich mich nicht selbst berühren kann, weil ich ich selbst nicht bin. Ich werde sie meiden, weil sie mir ähnlich sind, ich werde mich ignorieren, weil ich mir Bruder aber nicht Ichselbst bin. Die Schatten verschwinden und ich finde mich vor dem Scharlatan. Mit raschem Frohlocken sage ich ihm, daß ich verloren habe, doch in Wirklichkeit fürchte ich, daß das Spiel der Schatten sich wiederholen könnte und daß ich mich überreden ließe, mich zu erreichen - für immer mit einem perfektionierten Entsetzen verheiratet, das von mir forderte, ich selbst zu sein.

»Es gibt schreckliche Freuden«, sage ich zum Scharlatan, »die man nur in der Hölle erleben kann.« - (hoelle)

Schatten (8)  Der Schatten auf dem Südufer des Flusses ist eine Frau. Trübe Gedanken an ihre Liebschaften erfüllen sie mit einer inneren Kälte. Im Ungewissen gelassen über den Vormarsch der Zeit, richtet sie den Blick nach Norden und beginnt freundliche Taten zu planen. Sie mischt heißes und kaltes Wasser. Ihr Körper hat geräumige Höhlungen. Sie ist eine Schlange im Gras, sie ist Licht und Schatten, ein verdeckter Abfluß. Mit stillem Anstand führt sie langen Regen herbei. Dunkler Lohn erwartet ihre Vagina in der Unterwelt. Der Geist eines toten Mannes reitet auf einer schwarzen Wolke. Mit jedem Bruchteil der Zeit geht er schonend um.  - (liu)

Schatten (9) Einige der faszinierendsten Fragen unserer Kindheit betrafen das Wesen des Schattens: Kann man ihn unter Erdhaufen begraben? Was macht ein Schatten, wenn er einen anderen trifft? Legt er sich über ihn? Gehen sie ineinander über? Wenn ich das Licht ausschalte und wieder ein: Sehe ich dann denselben Schatten wieder oder einen anderen? Wo ist mein Schatten, wenn es dunkel wird? Solche Sachen. Einige der schönsten Werke der Philosophie wie der Literatur beschäftigen sich mit Mensch und Schatten. Platons Gespräche mit Skia. seinem Schatten. Chamissos Geschichte von Peter Schlemihl. der dem Teufel seinen Schatten gegen ein Glückssäckl verkauft, das immer mit Dukaten gefüllt ist: Trotz seines Reichtums verfällt der Schattenlose der Ächtung durch die Mitmenschen, ja, er verliert die geliebte Försterstochter Mina. Und Peter Pan! Dessen Schatten bleibt in einem Fenster hängen, und Frau Darling rollt ihn ein und verstaut ihn im Schrank.

Übrigens erzählt man sich in Polynesien die Geschichte vom Krieger Tukaitawa, dessen Kraft mit der Länge seines Schattens wuchs und schwand. Seine Feinde mussten nur die Mittagszeit abwarten, da war Tukaitawa nur ein Schatten seiner selbst und leicht zu töten. In Italien sagt man: Das Kind, auf dessen Schatten man trete, wachse nicht mehr. Im Altertum glaubte man, dass der, dessen Schatten von einer Hyäne berührt werde, Lähmung zu fürchten habe. - Axel Hacke, Tagesspiegel v. 4.1.2004

Schatten (10)  Stellt euch vor: ein schöner Edelmann oder ein Mensch, den ein »guter Schatten« oder eine gute Ausstrahlung umgibt, findet im Hause eines Eingeborenen Unterkunft. Während der Nacht wird er vergiftet oder sonst auf eine Weise umgebracht. Der Mann wird aber nicht etwa wegen des Geldes getötet, sondern die Bewohner möchten seinen guten Schatten, seine edle Ausstrahlung, seine Klugheit und seine Seele in ihrem eigenen Hause festhalten.   - (polo)

Schatten (11)   Der Wilde macht  es sich zur Regel, den Schatten gewisser Leute zu meiden, die er aus verschiedenen Gründen für gefährlich hält. Zu den gefährlichen Kategorien rechnet er gewöhnlich Klageweiber und Frauen im allgemeinen, ganz besonders jedoch seine Schwiegermutter. Die Shuswap-Indianer meinen, wenn der Schatten eines Klageweibes auf jemanden falle, so werde er krank. Bei den Kurnai Victorias wurden die Novizen bei ihrer Weihe gewarnt, nicht den Schatten einer Frau auf sich fallen zu lassen, da sie dies dünn, träge und dumm machen werde. Ein australischer Eingeborener soll einmal fast vor Schreck gestorben sein, weil der Schatten seiner Schwiegermutter auf seine Beine gefallen war, als er unter einem Baume schlief. - (fraz)

Schatten (12)   Es war kurz vor Mittag. Ich sah einen Schatten nahen. Zu meinem Erstaunen rührte er von keinem Körper her, sondern bewegte sich frei und unabhängig.

Er lag schräg auf dem Boden. Kam er an ein Trottoir, knickte er plötzlich zweimal ein, und zuweilen, an einer Mauer, richtete er sich kerzengerade auf, so als wollte er jemandem die Stirn bieten, der Sonne womöglich, der sich kein Körper entgegenstellte.

Ich begann seine Verfolgung in dem Moment, da er an der Ecke in eine gänzlich verwaiste Straße verschwand, in die er allem Anschein nach nicht ohne Zögern einbog.

Muß ich ihn aber nicht beschreiben oder besser von seinen Umrissen reden? Ein Schatten wechselt bekanntlich, er magert ab, streckt sich ins Maßlose und drängt sich mitunter bis auf die Größe eines Fleischkloßes zusammen. Was nun jenen vereinsamten Schatten betrifft, von dem hier die Rede ist, so hatte er, als er anscheinend sein normalstes Aussehen besaß, etwas von einem gutgewachsenen jungen Mann mit klarem Profil, an dem sich zuweilen die Spitze eines Schnurrbarts zeigte.

Am anderen Ende der kleinen Straße, in die wir eingebogen waren, erschien ein junges Mädchen, und als der Schatten bei ihr war, klomm er sozusagen an ihr empor, wie um sie auf die Stirn zu küssen.

Das junge Mädchen erbebte, und sie wandte sich sogleich nach ihm um, aber er war schon vorüber und entfernte sich gleitend, kriechend auf dem holprigen Pflaster der Gasse. - (apol)

Schatten (13)  Schatten, die, eine Organisation für Königsmord, die Gradus (q. v.) damit beauftragte, den selbstverbannten König umzubringen; der schreckliche Name ihres Anführers darf nicht erwähnt werden, nicht einmal im Register des obskuren Werks eines Gelehrten; sein Großvater mütterlicherseits, ein bekannter und sehr tapferer Baumeister, war gegen 1885 von Thurgus dem Schwülstigen engagiert worden, um gewisse Reparaturen in dessen Gemächern auszuführen, und verstarb bald darauf unter mysteriösen Umständen vergiftet in der königlichen Küche, zusammen mit seinen drei jungen Lehrlingen, deren hübsche Vornamen Yan, Yonny und Angeling uns in einer Ballade erhalten sind, wie man sie noch immer in einigen unserer wilderen Täler hören kann. - Register zu (ff)

Schatten (14)  Im Gebüsch der Ufer lagen die Schatten wie geschmolzenes Blei, wenn es Abend wurde und die Stunde des Übergangs alles zu entwirklichen begann. Wie Heckenschützen bargen sie sich, bereit offenbar, in ihrer Reglosigkeit inmitten der Blutlachen zu überwintern, die von der Herbstsonne durch das an Purpur erkrankte Chlorophyll geträufelt worden waren; so ruhten sie gespannt in den Schattenmulden der Sandhaufen, vor dem Geflimmer in ihren Späheraugen hingen Gezweige nieder, die, kaum erzitternd, im Begriff waren, sie zu enttarnen . . . lange schon waren sie von der sterbenden Farbe des Laubs gewarnt worden, doch sie nahmen es nicht mehr wahr; sie waren schon seit vielen Wintern unentdeckt geblieben, ihre starren Blicke waren erloschen, wie alle Toten hatten sie sich an die Bewegungslosigkeit ihrer Lage gewöhnt. Das Laub, das in den Sand fiel, war zu spärlich, um sie ganz zu bedecken; längst hatte auch ihre Haut die grünliche Schwärze verfärbter Militärmäntel angenommen, in deren Geweben die Metallfäden oxydierten; im Schneestaub, der von entfernten Pappelreihen ausging, im Regen der Winter, der in dem aus großer Tiefe herauf gesprengten Sand sonderbar schäumte, waren sie längst mit Gras, Zement und Kies, und mit allen Erdelementen zu Beton zusammengewachsen, und mit aller toten Spreu von den Feldern, und aus dem Rauch schüttete sie der Wind langsam zu. - Wolfgang Hilbig, Alte Abdeckerei. Frankfurt am Main 1991

Schatten (15)  

Schatten (16)  

- N. N.

Schatten (17)     Nachdem Buddha tot war, zeigte man noch jahrhundertelang seinen Schatten in einer Höhle — einen ungeheueren schauerlichen Schatten. Gott ist tot: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch jahrtausendelang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. - Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (1882)

Schatten (18)  Er merkte, was in mir vorging und stand auf, als wolle er mich endgültig überzeugen: «Ich werde durch das Zimmer gehen, damit Sie es selbst sehen. Achten Sie bitte auf meinen Schatten.» Er drehte das Licht der Lampe höher, schob den Tisch ans andere Ende des Eßzimmers und begann auf und ab zu gehen. Da erfaßte mich das größte Erstaunen. Der Schatten dieses Menschen bewegte sich nicht! Er fiel, von der Taille aufwärts, in eine Ecke des Zimmers, während der andere Teil des Schattens auf dem hellen Holzfußboden lag. So glich er einer Membrane, die sich je nach größerer oder geringerer Entfernung der Person verlängerte oder verkürzte. Hingegen konnte ich unter dem Lichteinfall, in dem sich der Mann jeweils befand, keinerlei Verschiebung feststellen. Da ich befürchtete, ich könne einem Wahn erlegen sein, wollte ich davon loskommen und sehen, ob ich bei einem Experiment mit meinem Gastgeber zu einem ähnlichen Ergebnis kam. Um seine Silhouette zu erhalten, bat ich ihn um die Erlaubnis, das Profil seines Schattens mit einem Bleistift nachzuzeichnen.

Er gab sie mir, und ich klebte mit vier Brotkügelchen, die ich zur besseren Haftfähigkeit angefeuchtet hatte, ein Blatt Papier so an die Wand, daß der Schatten des Gesichts mitten auf das Blatt fiel. Ich wollte also die Übereinstimmung des Profils zwischen Gesicht und Schatten (was eigentlich selbstverständlich war, von der halluzinierten Person jedoch geleugnet wurde) und damit die Herkunft des Schattens und seine Unbewegtheit erklären.

Ich würde lügen, wollte ich behaupten, meine Hände hätten nicht gezittert, als sie sich auf den dunklen Fleck legten, der übrigens exakt das Profil meines Gesprächspartners wiedergab. Aber ich kann mit absoluter Gewißheit sagen, daß ich die Zeichnung mit völlig sicherer Hand machte. Mit einem blauen Hardtmuthstift zeichnete ich die Linie in einem Zug, und bevor ich das Blatt löste, vergewisserte ich mich durch eine sorgfältige Kontrolle, daß meine Zeichnung genau mit dem Profil des Schattens und dieser mit dem Gesicht der halluzinierten Person übereinstimmten.

Mein Gastgeber verfolgte das Experiment mit größtem Interesse. Als ich mich dem Tisch näherte, sah ich seine Hände vor Erregung zittern. Mein Herz hämmerte, als ahnte es das grauenvolle Ende.

«Schauen Sie nicht her!» sagte ich. «Ich werde schauen», erwiderte er so herrisch, daß ich unwillkürlich das Papier ans Licht hielt. Wir wurden beide schreckensbleich. Vor unseren Augen zeichnete der Bleistiftstrich eine flache Stirn, eine platte Nase, eine bestialische Schnauze. Der Affe! Das Teufelswerk!

Es muß ausdrücklich gesagt werden, daß ich nicht zeichnen kann.  - Leopoldo Lugones, Ein unerklärliches Phänomen. In: L. L., Die Salzsäule. Stuttgart 1984 (Die Bibliothek von Babel 15, Hg. Jorge Luis Borges)

Schatten (19)

- Milo Manara

Zwei Licht
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