atschläge  Früher einmal«, sagte Madame von Bartmann zu ihrer Tochter, »war ich ein Kind wie du. Dicker, gesünder - aber eben doch wie du. Ich mochte schöne Dinge. Allerdings«, setzte sie hinzu, »andere als du, stelle ich mir vor. Dinge, die lebensbejahend waren. Ich ging abends gern aus, nicht, weil der Abend süß und üppig war - sondern um mich zu ängstigen, weil ich das alles erst so kurze Zeit kannte und es nach mir noch so lange existieren würde. Doch das...«, Madame von Bartmann brach ab.

»Das Leben«, sagte sie, »ist schmutzig. Und beängstigend ist es ebenfalls. Es enthält einfach alles: Mord, Schmerz, Schönheit, Krankheit, - Tod. Weißt du das?«

Das Kind antwortete: »Ja.«

»Woher weißt du das?«

Das Kind antwortete. »Ich weiß nicht.«

»Siehst du!«, fuhr Madame von Bartmann fort, »du weißt nichts. Du mußt alles wissen und dann beginnen. Du mußt ein ungeheures Verständnis haben, oder du fällst. Pferde tragen dich geschwind aus der Gefahr; Züge bringen dich dorthin zurück. Gemälde versetzen dem Herzen einen tödlichen Stich - sie hängen über einem Mann, den du liebtest und vielleicht in seinem Bett ermordet hast. Musik treibt uns in das Grauen der Wiederholung. Nachdenken führt zum Vorurteil, und Betten sind Felder, auf denen Säuglinge eine aussichtslose Schlacht schlagen. Weißt du das alles?«

Keine Antwort.

»Der Mensch ist verderbt von Anbeginn«, fuhr Madame von Bartmann fort, »verderbt von Tugend und Laster. Er wird von beiden erdrosselt und zunichte gemacht. Ich will nicht, daß du über irgendeine Hure in welcher Straße auch immer die Nase rümpfst; bete und wandle und vergehe, doch ohne Vorurteil. Ein Mörder mag weniger Vorurteile haben als ein Heiliger. Manchmal ist es besser, ein Heiliger zu sein. Halt dir nichts zugute auf deine Gleichgültigkeit, solltest du von Gleichgültigkeit gepackt werden, und«, sagte sie, »mißversteh den Wert unserer Leidenschaften nicht. Er ist nur die Würze des ganzen Grauens. Ich wünsche mir...«

»Was?«, fragte das Kind.

Madame von Bartmann erschauderte. »Denkst du denn etwas?«, sagte sie.

»Nein«, antwortete das Kind.

»Dann denke«, sagte Madame von Bartmann laut und wandte sich dem Kind zu. »Denk alles. Gutes, Schlechtes, Gleichgültiges, alles, und tu alles, alles! Versuch herauszufinden, was du bist, ehe du stirbst. Und«, sagte sie, indem sie den Kopf zurücklegte und mit geschlossenen Augen schluckte, »komm als wohlgeratene Frau wieder zu mir.« - Djuna Barnes, Eine Nacht mit den Pferden. Berlin (ca.) 1998

Ratschläge für einen amoklauf vorübungen machst du auf dem freien land, indem du durch ein mannshohes maisfeld läufst. / vorübungen machst du in einer leeren konzerthalle, indem du von einem ende zum andern durch die leeren stuhlreihen läufst. / vorübungen machst du, indem du aus deinem bewußtsein ein pflichtbewußtsein machst.

bist du dann fähig, wenn du auf die straße trittst, nur noch geistesgegenwärtig zu sein? / bist du fähig, wenn du auf die straße getreten bist, dich nur noch zu betätigen? / bist du fähig, wenn der entschluß gefaßt ist, keinen anderen entschluß mehr zu fassen? / bist du fähig, niemanden spüren zu lassen, daß du erst anfängst, wenn du anfängst? / bist du fähig, nicht mehr von selber aufzuhören, wenn du angefangen hast? / bist du fähig, nicht mehr die gegenstände zu sehen, sondern die bewegungen der gegenstände? / bist du fähig, nicht mehr einzelheiten zu unterscheiden, sondern bewegungen? / bist du fähig, dich jeder bewegung nur einmal zu widmen? / bist du fähig zu allem?

wo versammeln sich leute? - leute versammeln sich, wo sich schon leute versammeln. / wo versammeln sich leute, bevor sich dort leute versammelt haben? - leute versammeln sich vor ausgehängten zeitungen. / wo versammeln sich leute? - leute versammeln sich vor verkehrsampeln. / wo noch versammeln sich leute? - leute versammeln sich vor schaltern. / wo noch? - vor tclefonzellen. / wo noch? - vor bahnschranken. / wo noch? - vor einem mann, der auf offener straße seine wäre anbietet. / wo noch? - vor einem mann, der auf offener straße eine heilsbotschaft verkündet. / wo noch? - vor einem mann, der auf offener straße nicht vorwärts, sondern rückwärts, zu boden oder in die luft schaut. / wo noch? - unter markisen und in hauseingängen, wenn es unversehens zu regnen anfängt.

wo gehst du hin? - zuerst gehe ich zu einer ampel und warte, bis rot kommt. / und dann? - dann stoße ich einen obstkarren um und warte, bis genug kinder herbeilaufen, um das obst aufzuheben. / und dann? - dann sorge ich für eine Verzögerung der Straßenbahn und warte an der Station, bis sich genug leute versammelt haben. / und dann? — dann warte ich vor dem kinoeingang, bis die leute aus dem kino kommen. / und dann? — dann verkünde ich an einer straßenecke eine frohe botschaft und warte, bis genug leute stehengeblieben sind. / und dann? - dann gehe ich die reihe der wartenden autos entlang zu geschlossenen bahnschranken. / und dann? - dann schaue ich zum himmel und warte, bis sich genug leute versammelt haben. / und dann? - dann warte ich darauf, daß genug leute für jemanden ein spalier bilden. / und dann? - dann sorge ich dafür, daß jemand spießruten laufen muß, und warte, bis sich genug leute versammelt haben. / und dann? - dann stelle ich mich tot und springe auf, wenn sich genug leute versammelt haben. / und dann? - dann treibe ich eine wette hoch, wieviele leute in ein auto passen, und warte, bis genug leute im auto sind. / und dann? - dann warte ich vor einem möglichst hohen haus, bis der aufzug mit möglichst vielen leuten herunterkommt. / und dann? - dann werbe ich für führungen und warte, bis sich genug leute versammelt haben. / und dann? - dann lade ich eine gesellschaft ein und warte, bis die gesellschaft vollzählig ist / und dann? - dann veröffentliche ich ein Preisausschreiben, bei dem jeder teilnehmet einen preis gewinnt, und warte, bis sich möglichst viele teilnehmer gemeldet haben. / und dann? - zur gerade ausgehängten zeitung. / und dann? - zu den telefonzellen. / und dann? - zu den pissoirs in der stauzeit. / und dann? - bahnhofssperren. / und dann? - rolltreppen in kaufhäusern. / und dann? -geisterbahnen. / und dann? - landebrücken. / und dann? - heimkehrerzüge. / und dann? - schießbuden. / und dann? - aussichtstürme. / und dann? - kurorte. / und? - ausfallstraßen. / und? -paßhöhen bei strahlendem sonnenschein. / und? - beliebte ausflugsziele. / und? - parkbänke in den büropausen. / und dann? - fenster in vororten bei feierabend. / und zuallererst? - zuallererst beschäftige ich mich mit einem einzelnen und warte, bis sich genug leute um den einzelnen versammelt haben.

die erste dchrecksekunde nützt du also dazu aus, für eine zweite schrecksekunde zu sorgen, und die zweite schrecksekunde, für noch eine schrecksekunde zu sorgen, damit du, weil du ja selber von keiner schrecksekunde betroffen bist, ihnen immer, wenn sie sich gerade von einer schrecksekunde erholt haben, gerade um die weitere schrecksekunde voraus bist, für die du gesorgt hattest, während sie sich noch von der ersten schrecksekunde erholten, so daß schließlich die schrecksekunden kein ende mehr nehmen. und wie? - kurzen prozeß machen. / ausmerzen. / erledigen. / beiseite. / nieder. / weg damit. / niemanden zählen lassen, nicht einmal bis drei.

und zuguterletzt? - zuguterletzt lasse ich jemanden übrig, der später die tradition fortsetzen kann.- Peter Handke, in: Tintenfisch 1. Jahrbuch für Literatur. Berlin 1968

Ratschläge gute    Ihre beste Seite ist Ihre schlechte Seite - schlecht, meine ich, vom Standpunkt ehrbarer Leute aus gesehen. Entwickeln Sie diese Seite. Trinken Sie, essen Sie, lieben und lachen Sie nach Herzenslust. Kümmern Sie sich nicht um Leute, die durch Fensterritzen spähen. Verletzen Sie niemanden anderen, aber lassen auch Sie sich von niemand anderem verletzen. Man wird es jedesmal versuchen, wenn man Sie auf der Flucht ertappt. Die Menschen beneiden Leute, die mit Erfolg unmoralisch sind. Auch hassen sie sie. Was Ihre Generation als einen Kater bezeichnet, ist nicht unbedingt ein Zeichen der Schande. Es gibt Platz genug auf dieser Welt für einen anständigen Trunkenbold. Nüchternheit ist nur für bestimmte Menschen gut. Sie gehören nicht dazu. - (lam)

Ratschlag guter Man muß denen, die regieren, Furcht machen. Man soll niemals dem Volk Furcht machen. - Saint-Just, nach: Friedrich Sieburg, Robespierre. München 1965 (zuerst 1935)

Ratschläge  für unglücklich verheiratete Frauen

Ich habe mir vorgenommen, euch zu lehren, wie ihr eure Ehemänner im Geiste betrügen könnt.

Glaubt mir: Nur gewöhnliche Frauen betrügen ihren Ehemann wirklich. Schamgefühl ist eine Conditio sine qua non der sexuellen Lust. Sich mehr als einem Mann hingeben tötet das Schamgefühl.

Ich gestehe eurer weiblichen Minderwertigkeit ein männliches Wesen zu. Doch denke ich, sollte sich jede Frau zumindest auf einen Mann beschränken, den sie, wenn nötig, zum Mittelpunkt eines wachsenden Kreises imaginärer Männer macht.

Die beste Gelegenheit, dies zu tun, bietet sich an den Tagen unmittelbar vor der Menstruation.

Also:
    Stellt euch euren Mann mit einem weißeren Körper vor. Gelingt euch dies, werdet ihr ihn weißer auf euch spüren.
    Enthaltet euch jeglicher Anwandlung ungezügelter Sinnlichkeit.
Küßt euren Gatten, wenn er auf euch liegt, und stellt euch rasch einen anderen vor: den Mann, der in eurer Seele auf euch liegt.

Das Wesen der Lust liegt in der Verdopplung. Öffnet in euch das Fenster zum Katzenhaften.

Wie man den Ehemann schikaniert.
    Merkt: Dazu muß sich der Ehemann ab und an ärgern.
    Vor allem aber lernt, Abstoßendes als anziehend zu empfinden, und bewahrt dabei die äußere Disziplin.

    Die größtmögliche innere Disziplinlosigkeit ergibt zusammen mit der größtmöglichen äußeren Disziplin höchste Sinnenlust. Jede Bewegung, die einen Traum oder ein Verlangen verwirklicht, entwirklicht wirklich.

Ersetzen ist weniger schwierig als ihr glaubt. Ich verstehe unter ersetzen jene Verfahrensweise, die es erlaubt, sich mit Mann A einen Orgasmus vorzustellen, während man mit Mann B kopuliert. - Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich 2003

Ratschlag guter, 2 Schiebe alles auf. Tue niemals heute, was du auf morgen verschieben kannst. Alles Tun ist müßig, heute wie morgen.

Überlege nie, was du tun wirst. Tue es nicht.

Lebe dein Leben. Laß dich nicht von ihm leben. Im Recht oder im Unrecht, im Schmerz oder im Wohlergehen: Sei du selbst. Dies aber vermagst du nur im Traum, denn dein wirkliches, menschliches Leben gehört nicht dir, es gehört den anderen. Ersetze also das Leben durch den Traum, und sei einzig darauf bedacht, vollendet zu träumen. Bei allem Geschehen im wirklichen Leben, vom Geborenwerden bis zum Sterben, bestimmst nicht du das Geschehen: Das Geschehen bestimmt dich; und nicht du lebst, das Leben lebt dich.

Werde in den Augen anderer eine absurde Sphinx. Schließe dich ein in deinen Elfenbeinturm, doch schlage nicht die Tür zu hinter dir. Dein Elfenbeinturm bist du selbst.

Und sagt man zu dir, all dies sei falsch und absurd, glaube es nicht. Doch glaube auch nicht an das, was ich dir sage, denn man soll an nichts glauben. - Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich 2003

Ratschläge gute,  paranoide   Liest dir gegenüber in einem Lokal ein Herr so unablenkbar Zeitung, daß du dich wunderst, so blicke auf, wenn du dem Kellner zahlst. Schaut in diesem Augenblick jener Zeitungsleser dir auf die Finger, wirst du dich wohl nicht mehr wundern.

Vielleicht hast du einmal, aus irgendeiner phantastischen Stimmung heraus, den Typus der alten pfiffigen Negerin gepriesen. Ist er drei Tage später in deiner Umgebung aufgetaucht, so hat kein Zufall obgewaltet.

Wechseln, kurz nachdem du Stammgast geworden bist, zwei oder drei Kellner des Lokals, so ist es eine dir erwiesene Aufmerksamkeit.

Sitzt dir im Cafe jemand gegenüber, ohne dich während einer Stunde auch nur einmal anzublicken, so muß er ebenso deinen Verdacht erregen wie einer, der dich immer wieder mit unverhohlener Offenheit anlächelt. Ein Harmloser lenkt in dieser Zeit etwa sechsmal ruhig und kurz den Blick auf dich. (Auch das könnte allerdings gemacht sein; es wird aber auffallender Weise nicht gemacht.)

Kannst du nicht umhin, eine Frau auf der Straße anzusprechen, so lasse es dir erst in zweiter Hinsicht angelegen sein, heraus zu bekommen, ob du eine Dame oder eine Hure vor dir hast. In erster Hinsicht versuche dir klar darüber zu werden, ob ihre Fragen ebenso unverdächtig sind wie ihre Antworten.

Willst du ganz sicher sein, daß niemand hört, was du sagst, so meide jedes Lokal und jede Straße. Wähle eine freistehende Bank im Freien.

Halte jedes Ohr, das in Hörweite ist, für ein feindliches. Wehe dir, wenn du dir sagst: »Ach, das ist doch nur ein alter Mann.«

Nimm immer an, daß die Wände Ohren haben.   - (ser)

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