piel   In der Nacht vom 9ten auf den 10ten Februar träumte mir, ich speiste auf einer Reise in einem Wirtshause, eigentlich auf einer Straße in einer Bude, worin zugleich gewürfelt wurde. Gegen mir über saß ein junger gut angekleideter, etwas windig aussehender Mann, der ohne auf die umher Sitzenden und Stehenden zu achten seine Suppe aß, aber immer den 2ten oder dritten Löffel voll in die Höhe warf, wieder mit dem Löffel fing und dann ruhig verschluckte.

Was mir diesen Traum besonders merkwürdig macht, ist, daß ich dabei meine gewöhnliche Bemerkung machte, daß solche Dinge nicht könnten erfunden werden, man müsse sie sehen. (Nämlich kein Romanenschreiber würde darauf verfallen) und dennoch hatte ich dieses doch in dem Augenblick erfunden. Bei dem Würfelspiel saß eine lange, hagere Frau und strickte. Ich fragte, was man da gewinnen könnte: sie sagte: Nichts, und als ich fragte, ob man was verlieren könne, sagte sie: Nein! Dieses hielt ich für ein wichtiges Spiel. - (licht)

Spiel (2) Wer am wenigsten liebt, führt sein Spiel am besten: hübsch ist an dieser Regel, daß sie keine Ausnahme kennt. Für die Männer besteht das Problem darin, zu erobern und sich zu lösen, für die Frauen, erst abzuwehren und dann zu behalten, und schließlich in zahlreichen Fällen ebenfalls sich zu lösen. - (joli)

Spiel (3) Vom amerikanischen Psychologen Alan Watts stammt der Aphorismus, das Leben sei ein Spiel, dessen Spielregel Nr. 1 lautet: Das ist kein Spiel, das ist todernst. Und Laing hatte offensichtlich Ähnliches im Sinne, als er in seinen Knoten schrieb: »Sie spielen ein Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel zu spielen. Zeige ich ihnen, daß sie spielen, dann breche ich die Regeln und sie werden mich bestrafen.«  - Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein. München und Zürich 1983

Spiel (4)

RICCAUT Mein Namen wünscht Ihro Gnad? — Vous voyez en moi —  Ihro Gnad seh in mik le Chevalier Riccaut de la Marlinière, Seigneur de Pret-au-val, de la branche de Prens-d‘or. — Ihro Gnad steh verwundert, mik aus so ein groß, groß Familie zu hören, qui est véritablement du sang Royal. — Il faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la maison a jamais eu — Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire d‘honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Päpstliken Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen, und den Staaten-General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, que je voudrais n‘avoir jamais vu ce pays-là! Hätte man mik gelaß im Dienst von den Staaten-General, so müßt ik nun sein aufs wenikst Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar sein ein abgedankte Capitaine —
DAS FRÄULEIN Das ist viel Unglück.
RICCAUT Oui, Mademoiselle, me voilà reformé, et par-là mis sur le pavé!
DAS FRÄULEIN Ich beklage sehr.
RICCAUT Vous êtes bien bonne, Mademoiselle — Nein, man kenn sik hier nit auf den Verdienst. Einen Mann, wie mik, su reformir! Einen Mann, der sik nok dasu in diesem Dienst hat rouinir! — Ik haben dabei sugesetzt, mehr als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je n‘ai pas le sou, et me voilà exactement vis-à-vis du rien. —
DAS FRÄULEIN Es tut mir ungemein leid.
RICCAUT Vous êtes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein jeder Unglück schlepp nak sik seine Bruder; qu' un malheur ne vient jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnète-homme von mein Extraction kann anders haben für Ressource, als das Spiel? Nun hab ik immer gespielen mit Glück, so lang ik hatte nit vonnöten der Glück. Nun ik ihr hätte vonnöten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iß vergangen keine, wo sie mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je sais bien, qu‘il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi mes pontes se trouvaient certaines dames - Ik will niks weiter sag. Man muß sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, mir su geben revanche; mais — Vous m‘entendez, Mademoiselle — Man muß erst wiß, wovon leben; ehe man haben kann, wovon su spielen —
DAS FRÄULEIN Ich will nicht hoffen, mein Herr —
RICCAUT Vous êtes bien bonne, Mademoiselle —
DAS FRÄULEIN (nimmt die Franziska beiseite) Franziska, der Mann dauert mich im Ernste. Ob er mir es wohl übelnehmen würde, wenn ich ihm etwas anböte?
FRANZISKA Der sieht mir nicht darnach aus.
DAS FRÄULEIN Gut! — Mein Herr, ich höre, — daß Sie spielen; daß Sie Bank machen; ohne Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muß Ihnen bekennen, daß ich — gleichfalls das Spiel sehr liebe -
RICCAUT Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d‘esprit aiment le jeu à la fureur.
DAS FRÄULEIN Daß ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage, der — zu spielen weiß. — Wären Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gönnen?
RICCAUT Comment, Mademoiselle, Vous voulez être de moitié avec moi? De tout mon coeur.
DAS FRÄULEIN Vors erste, nur mit einer Kleinigkeit — (Geht und langt Geld aus ihrer Schatulle.)
RICCAUT Ah, Mademoiselle, que Vous êtes charmante! —
DAS FRÄULEIN Hier habe ich, was ich ohnlängst gewonnen; nur zehn Pistolen -  ich muß mich zwar schämen, so wenig —
RICCAUT Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.)
DAS FRÄULEIN Ohne Zweifel, daß Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist —
RICCAUT Ja wohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafür interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf ein Dreiteil sollen sein — etwas mehr. Dok mit einer schöne Damen muß man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence bien augurer de ma fortune.
DAS FRÄULEIN Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr.
RICCAUT Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike Leut untereinander.
DAS FRÄULEIN Wenn wir glücklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil schon bringen. Sind wir aber unglücklich --
RICCAUT So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?
DAS FRÄULEIN Auf die Länge dürften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld daher ja wohl, mein Herr.
RICCAUT Wofür seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfalspinse? für ein dumme Teuf?
DAS FRÄULEIN Verzeihen Sie mir —
RICCAUT Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik bin von die Ausgelernt -
DAS FRÄULEIN Aber doch wohl, mein Herr —
RICCAUT Je sais monter un coup —
DAS FRÄULEIN (verwundernd) Sollten Sie?
RICCAUT Je file la carte avec une adresse —
DAS FRÄULEIN Nimmermehr!
RICCAUT Je fais sauter la coupe avec une dextérité —
DAS FRÄULEIN Sie werden doch nicht, mein Herr? —
RICCAUT Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau à plumer, et —
DAS FRÄULEIN Falsch spielen? betrügen?
RICCAUT Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betrügen? Corriger la fortune, l‘enchaîner sous ses doigts, être sûr de son fait, das nenn die Deutsch betrügen? Betrügen! O, was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak!
DAS FRÄULEIN Nein, mein Herr, wenn Sie so denken —
RICCAUT Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an, wie ik spiel? — Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit — Votre très-humble, Mademoiselle, votre très-humble — (Eilends ab.) - Lessing, Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück

Spiel (5)

In abgeschabten Sesseln alte Kurtisanen, bleich, mit gemalter Braue, katzenhaftem und unheilvollem Auge, sich zierend und an magern Ohren klirrend mit Gehängen von Steinen und Metall;

Um grüne Tische lippenlose Gesichter, farblose Lippen, zahnlose Kiefer, und Finger verkrampft von einem Höllenfieber, die in der leeren Tasche und im bangen Busen wühlen;

Unter schmutziger Decke eine Reihe fahler Lüster und riesiger Öllampen auf den Tischen, welche ihren Schein auf düstre Stirnen erlauchter Dichter werfen, die ihren Blutschweiß hier zu vergeuden kommen;

Dies war das schwarze Bild, das deutlich in einem Traumgesicht vor meinem Auge sich nachts entrollte. Mich selber sah ich auch: in einem Winkel der stummen Höhle, die Arme aufgestützt, kalt, wortlos und voll Neid,

Voll Neid auf dieser Leute zähe Gier, der alten Huren trübe Fröhlichkeit; und alle dreist vor meinen Blicken Schacher treibend, dieser mit seiner alten Ehre, mit ihrer Schönheit jene!

Und mein Herz entsetzte sich ob diesem Neid auf manchen armen Mann, der eifrig in den offnen Abgrund rannte und der, von seinem Blute trunken, dem Schmerz trotz allem vor dem Tod und vor dem Nichts der Hölle den Vorzug gab!

  - Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen (zuerst 1857). Übs. Friedhelm Kemp Frankfurt am Main 1966 (Fischer Tb. 737)

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