rme   Es wurde das große Fanggerät über Bord gelassen, und die Männer, zwei vorn, zwei hinten, begannen die Haltetaue von den Rollen abzudrehen. Mit einemmal berührte es Grund; aber eine hohe Welle neigte das Boot, der junge Javel, der auf dem Vorderdeck das Niederlassen des Netzes leitete, kam ins Taumeln, und sein Arm geriet zwischen das Haltetau, das durch die Erschütterung für einen Moment lose lief, und das Holz, an dem es entlangglitt. Er machte verzweifelte Anstrengungen, das Tau mit der freien Hand anzuheben, aber das Netz schleppte schon, und das wieder gespannte Tau gab nicht nach.

Der Mann, vor Schmerz gekrümmt, rief um Hilfe. Alle eilten herbei. Sein Bruder ließ das Steuer sein. Sie packten das Tau, mühten sich, das Glied, das es zermalmte, zu befreien. Es war umsonst. »Durchschneiden«, sagte ein Matrose und zog ein großes Messer aus der Tasche, das den Arm des jungen Javel mit zwei Schnitten retten konnte.

Aber schneiden hieß das Schleppnetz verlieren, und ein Schleppnetz kostete Geld, viel Geld, fünfzehnhundert Francs; und es gehörte dem älteren Javel, der auf das Seine hielt.

Er schrie aus gequältem Herzen: »Nein, schneid nicht, warte, ich geh luven.« Und er lief ans Steuer und warf das Rad herum. In seiner Beweglichkeit gelähmt durch das Netz und überdies von der Gewalt der Dünung und des Windes getrieben, gehorchte das Boot nur geringfügig.

Der junge Javel hatte sich auf die Knie fallen lassen, mit zusammengebissenen Zähnen, irrem Blick. Er sagte nichts. Sein Bruder kam angelaufen, noch immer in der Furcht vor dem Messer eines Seemanns: »Warte, warte, schneid nicht, wir müssen Anker werfen.«

Der Anker wurde geworfen, die ganze Kette abgelassen, dann begannen sie mit dem Spill zu wenden, um die Taue zu lockern. Endlich gaben sie nach, und der leblose Arm in dem blutigen Wollärmel konnte befreit werden.

Der junge Javel schien um den Verstand gekommen. Sie zogen ihm die Joppe aus und erblickten etwas Grauenvolles, eine breiige Fleischmasse, aus der in Strömen das Blut schoß, als würde es von einer Pumpe ausgestoßen. Der Mann betrachtete seinen Arm und sagte: »Futsch.«

Aber da der Blutsturz auf dem Bootsdeck eine Lache bildete, schrie ein Matrose: »Er verblutet, wir müssen die Ader abbinden.«

Da nahmen sie einen Strick, einen braunen geteerten Strick, umschlangen das Glied oberhalb der Wunde und zerrten ihn mit aller Kraft zusammen. Die Blutsprudel ließen allmählich nach und hörten schließlich ganz auf.

Der junge Javel erhob sich, sein Arm hing neben ihm herab. Er faßte ihn mit der anderen Hand, hob ihn an, drehte ihn, schüttelte ihn. Alles war kaputt, die Knochen zerbrochen; nur die Muskeln hielten das Stück seines Körpers noch. Er betrachtete es sinnend mit düsterem Auge. Dann setzte er sich auf ein gefaltetes Segel, und die Kameraden rieten ihm, seine Wunde ständig zu spülen, damit nicht der schwarze Brand hinzukäme.

Sie stellten einen Eimer neben ihn, und Minute für Minute schöpfte er mit einem Glas daraus und badete die grausige Wunde, indem er einen dünnen Strahl klares Wasser darüberrinnen ließ.

»Du gingst besser nach unten«, sagte sein Bruder. Er ging hinunter, aber nach einer Stunde kam er wieder, da er sich so allein nicht gut fühlte. Auch zog er die frische Luft vor. Er setzte sich wieder auf das Segel und wässerte seinen Arm.

Der Fang war gut. Die breiten Fische mit den weißen Bäuchen lagen neben ihm, zuckend im Todeskampf; er sah es, ohne aufzuhören, sein zerquetschtes Fleisch zu begießen.

Als sie nach Boulogne zurück wollten, kam abermals Sturm auf;

und von neuem begann das kleine Schiff seine Irrfahrt, stoßend und stolpernd, und schüttelte den traurigen Verwundeten.

Die Nacht kam. Das Wetter war schlimm bis zum Morgen. Bei Sonnenaufgang war von neuem England in Sicht, aber die See ging nun weniger hoch, und sie kreuzten hinüber nach Frankreich.

Gegen Abend rief der junge Javel seine Kameraden und zeigte ihnen an dem Teil des Gliedes, das ihm nicht mehr gehörte, schwarze Bahnen, die ganz den widerwärtigen Anschein von Fäulnis hatten.

Die Matrosen besahen das, äußerten ihre Meinung.

»Das könnte der Schwarze sein«, meinte einer.

»Da müßte Salzwasser drüber«, sagte ein anderer.

Sie brachten also Salzwasser und gössen es über den Arm. Der Verwundete wurde leichenfahl, knirschte mit den Zähnen, krümmte sich ein wenig, aber er schrie nicht,

Dann, als das Brennen sich gelindert hatte, sagte er zu seinem Bruder: »Gib mir dein Messer.« Der Bruder gab ihm sein Messer.

»Halt mir den Arm hoch, ganz gerade, zieh dran.«

Es wurde getan, wie er verlangte.

Nun begann er selber zu schneiden. Er schnitt langsam, mit Bedacht, zerschnitt die letzten Sehnen mit der Klinge, die scharf wie ein Rasiermesser war; und bald hatte er nur noch einen Stumpf. Er stieß einen schweren Seufzer aus und sagte: »Es mußte sein. Ich wär draufgegangen.«

Er schien erleichtert und atmete kräftig. Wieder goß er Wasser über den Gliederrest, der ihm geblieben war.

Noch einmal war die Nacht schlimm, und sie konnten nicht landen.

Als es tagte, nahm der junge Javel seinen abgetrennten Arm und betrachtete ihn lange. Die Zersetzung zeigte sich deutlich. Auch die Kameraden kamen und sahen, reichten ihn von Hand zu Hand, betasteten ihn, drehten, berochen ihn.

Sein Bruder sagte: »Werft das jetzt ins Meer.« Aber der junge Javel wurde böse: »Nein, nicht! Nicht! Das gibt es nicht. Das gehört mir, verstehst du, das ist mein Arm.«

Er nahm ihn und legte ihn zwischen seine Füße.

»Deshalb verfault er doch«, sagte der ältere. Da kam dem Verwundeten ein Gedanke. Wenn man lange auf See blieb, wurden die Fische in Salzfässer geschichtet, damit sie haltbar blieben.

Er fragte: »Könnt ich ihn nicht mit in die Lake legen?«

»Das ist wahr«, stimmten die anderen bei.

Also wurde ein Faß leer gemacht, das schon vom Fang der letzten Tage voll war, und ganz unten legten sie den Arm hinein. Sie schütteten Salz darüber, dann wurden die Fische einzeln wieder eingeschichtet.

Ein Matrose scherzte: »Daß ich den bloß nicht mit verkauf.«

Und alle lachten, außer den beiden Javels.

Der Wind blies noch immer. Sie kreuzten bis anderntags zehn Uhr vor Boulogne. Der Verwundete goß stetig Wasser über seinen Stumpf.

Von Zeit zu Zeit stand er auf und lief von einem Ende des Bootes zum andern.

Sein Bruder, der das Steuer führte, folgte ihm kopfschüttelnd mit den Augen.

Endlich fuhren sie in den Hafen ein.

Der Arzt untersuchte die Wunde und fand sie in gutem Zustand. Er machte einen festen Verband und verordnete Ruhe. Aber Javel wollte sich nicht hinlegen, ohne seinen Arm wiederzuhaben, und er eilte zurück zum Hafen, um das Faß zu suchen, das er mit einem Kreuz gezeichnet hatte.

Es wurde vor ihm ausgeleert, und er nahm seinen Arm, der durch die Salzlake gut erhalten, geschrumpft, aber aufgefrischt war. Er wickelte ihn in ein Tuch, das er eigens dazu mitgebracht hatte, und ging nach Hause.

Frau und Kinder betrachteten lange den abgetrennten Teil des Vaters, betasteten die Finger, entfernten Salzkörner, die unter den Nägeln staken; dann wurde der Tischler geholt, daß er Maß nahm für einen kleinen Sarg.  - (nov)

Arm (2)  Einer dieser langen Fangarme glitt wie eine Schlange durch die Öffnung und zwanzig weitere bewegten sich über ihm. Mit einem Axthieb zerschnitt Kapitän Nemo den furchtbaren Fangarm, und er glitt zuckend die Stufen herunter.

Während wir uns drängten, um die Plattform zu erreichen, peitschten zwei andere Arme durch die Luft, umschlangen den Matrosen, der vor Kapitän Nemo stand, und rissen ihn mit unwiderstehlicher Gewalt vom Boden.

Kapitän Nemo stieß einen Schrei aus und stürzte auf die Plattform. Wir folgten ihm Hals über Kopf.

Was für ein Schauspiel! Der Unglückliche, vom Fangarm ergriffen und an die Saugnäpfe gepreßt, wurde wild in der Luft herumgeschwenkt. Er keuchte, er rang nach Atem, er schrie: »A moi! A moi!« Diese Worte, auf französisch gerufen, ließen mich erstarren vor Erstaunen. Ich hatte also einen Landsmann an Bord, mehrere vielleicht gar! Diesen herzzerreißenden Hilfeschrei werde ich mein ganzes Leben hören!

Der Unglückselige war verloren. Wer konnte ihn dieser mächtigen Umklammerung entreißen? Kapitän Nemo hatte sich auf den Kraken gestürzt und ihm mit dem Beil einen weiteren Fangarm abgeschlagen. Sein Erster Offizier kämpfte wütend gegen die andern Monstren an, die sich auf die Flanken des Nautilus schlängelten. Die ganze Mannschaft schlug mit Beilen drein. Der Kanadier, Conseil und ich hieben mit unseren Waffen in die fleischigen Massen. Heftiger Moschusgeruch verpestete die Luft. Es war scheußlich.

Kraken-Arme

Einen Augenblick lang glaubte ich, der Unglückliche werde dem Kraken entrissen. Sieben von acht Armen waren dem Tier bereits abgehauen worden. Ein einziger noch wand sich in der Luft und schwenkte das Opfer wie eine Feder. Aber im Augenblick, da sich Kapitän Nemo und sein Erster Offizier auf es stürzten, schleuderte ihnen das Tier eine schwärzliche Flüssigkeit entgegen, die aus einem Beutel in seinem Leib ausgespritzt wurde. Wir wurden davon geblendet. Als diese Wolke sich verzog, war der Kalmar verschwunden, und mit ihm mein unseliger Landsmann!  - Jules Verne, Zwanzigtausend Meilen unter Meer. Zürich 1976 (zuerst 1870)

Arm (3)  Die Hetzmasse bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist auch nah. Sie ist aufs Töten aus, und sie weiß, wen sie töten will. Mit einer Entschlossenheit ohnegleichen geht sie auf dieses Ziel los; es ist unmöglich, sie darum zu betrügen. Es genügt, dieses Ziel bekanntzugeben, es genügt zu verbreiten, wer umkommen soll, damit eine Masse sich bildet. Die Konzentration aufs Töten ist eine besonderer Art und an Intensität durch keine andere zu übertreffen.  Jeder will daran teilhaben, jeder schlägt zu. Um seinen Schlag führen zu können, drängt sich jeder in die nächste Nähe des Opfers. Wenn er nicht treffen kann, will er sehen, wie es von anderen getroffen wird. Alle Arme kommen wie aus ein und demselben Geschöpf.   - (cane)

Arm (4)  Es war  ein unbenannter Mann aus Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter, fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut angespritzte Arm war ihm gewuchert, keinen Schmerz hatte er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken im Rumpf, in der Wirbelsaule, an den Knien und Hüftgelenken nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte, so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren, hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen Stiel hing sein Korper, es war sein Arm, ein Riesenarm, eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes Wesen, dicht an seiner Schulter Und plötzlich stürzte er ab und war bewußtlos.

Dieser Mann aus einer Mekifabrik war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden worden, wurde da er noch atmete nach Christiana transportiert wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war Der Mann war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig weich, ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der parasitare Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen, der braungelb bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzahlte er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter einer Betäubung lag, von Blitzen, die durch ihn gegangen waren, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende Mann meinte, ihm fehle etwas.   - (gig)

Arm (5)

Arm (6)

Arm (7)

- Aus Adolph von Menzels Atelierwand

Körperteile, menschliche
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