riester  Er bringt Salben und Balsam mit, es ist kein Zweifel; aber erst hat er nötig, zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die Wunde macht, vergiftet er zugleich die Wunde — darauf vor allem nämlich versteht er sich, dieser Zauberer und Raubtier-Bändiger, in dessen Umkreis alles Gesunde notwendig krank und alles Kranke notwendig zahm wird. Er verteidigt in der Tat gut genug seine kranke Herde, dieser seltsame Hirt, —  er verteidigt sie auch gegen sich, gegen die in der Herde selbst glimmende Schlechtigkeit, Tücke, Böswilligkeit und was sonst allen Süchtigen und Kranken untereinander zu eigen ist, er kämpft klug, hart und heimlich mit der Anarchie und der jederzeit beginnenden Selbstauflösung innerhalb der Herde, in welcher jener gefährlichste Spreng- und Explosivstoff, das Ressentiment, sich beständig häuft und häuft. Diesen Sprengstoff so zu entladen, daß er nicht die Herde und nicht den Hirten zersprengt, das ist sein eigentliches Kunststück, auch seine oberste Nützlichkeit; wollte man den Wert der priesterlichen Existenz in die kürzeste Formel fassen, so wäre geradewegs zu sagen: der Priester ist der Richtungsveränderer des Ressentiment. - Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral (1887)

Priester (2) Gestern begab ich mich zur Berichterstattung zum Kriegskommissar, der im Hause des geflohenen Priesters abgestiegen war. In der Küche empfing mich Pani Eliza, die Haushälterin des Jesuiten. Sie gab mir bernsteinfarbenen Tee und Biscuits. Ihre Biscuits rochen, wie das Kruzifix. Der Saft der Schläue war in ihnen eingeschlossen und der wohlriechende Ingrimm des Vatikans.

Neben dem Haus in der Kirche brüllten die Glocken, geläutet von dem wahnsinnig gewordenen Glöckner. Es war ein Abend voller Julisterne. Pani Eliza, das aufmerksame Grauhaar schüttelnd, häufte Gebäck vor mir auf, und ich genoß die Jesuitenspeise.

Die alte Polin nannte mich »Pan«, auf der Schwelle stramm standen graue alte Männer mit verknöcherten Ohren, und irgendwo durchs Schlangendämmer wand sich eine Mönchssoutane. Der Pater war geflohen, aber zurückgelassen hatte er seinen Gehilfen — Pan Romuald.

Der näselnde Kastrat mit dem Körper eines Riesen, Romuald, redete uns mit »Genossen« an. Mit seinem gelben Zeigefinger fuhr er über die Karte und zog Kreise um die polnischen Niederlagen. Von heiserer Begeisterung erfaßt, zählte er die Wunden seiner Heimat auf. Möge gnädiges Vergessen die Erinnerung an Romuald verschlingen, der uns erbarmungslos verriet und nebenbei erschossen wurde. An jenem Abend aber streifte seine enge Soutane sämtliche Portieren, kehrte voller Ingrimm sämtliche Wege und lächelte jedem zu, der Vodka trinken wollte. An jenem Abend folgte mir der Schatten des Mönchs auf Schritt und Tritt. Bischof wäre er geworden — Pan Romuald, wenn er kein Spion gewesen wäre.

Ich trank mit ihm Rum, der Atem einer unbekannten Lebensart schimmerte unter den Ruinen des Priesterhauses, und ihre einschmeichelnden Versuchungen machten mich schwach. Oh, Kruzifixe, winzig klein, wie Talismane einer Kurtisane, oh Pergament päpstlicher Bullen und Atlas von Frauenbriefen, vermodert in blauseidenen Westen!. . .

Ich sehe dich von hier, verräterischer Mönch in deinem violetten Ornat, die Weichheit deiner Hände, deine Seele, zärtlich und erbarmungslos, wie die Seele einer Katze, ich sehe die Wunden deines Gottes, aus denen der Samen tropft, das duftende Gift, das Jungfrauen trunken macht.

Wir tranken Rum, in Erwartung des Kriegskommissars, aber er kam und kam nicht aus dem Stab zurück. Romuald war in der Ecke umgefallen und eingeschlafen. Er schläft und bebt, und vor dem Fenster im Garten unter der schwarzen Leidenschaft des Himmels ergießt sich eine Allee. Dürstende Rosen wiegen sich im Dunkel. Grüne Blitze lodern in den Kuppeln. Eine entkleidete Leiche liegt an der Böschung. Und Mondschein strömt über die toten Beine, die gespreizt in die Luft ragen. - Isaak Babel, Die Reiterarmee. Berlin 1994 (Friedenauer Presse, neu übs. von Peter Urban - zuerst 1926)

Priester (3) MOKADDASA AL-SAFER (9., 10. und 11.. Jahrhundert) - chasarischer Priester in einem Nonnenkloster. Mit einem Mönch aus einem anderen Kloster spielte er im Verlaufe seines zweiten Lebens Schach ohne Brett und Figuren. Sie spielten jährlich einen Zug über dem riesigen Raum zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer, und die Tiere, auf die sie wechselseitig ihren Falken losließen, dienten ihnen als Figuren. Berücksichtigt wurde nicht nur das Feld, auf dem die Tiere gejagt wurden, sondern auch die Meereshöhe des Jagdgebietes. Mokaddasa al-Safer war einer der besten Traumjäger unter den Chasaren. Man ist der Auffassung, daß er in seinem Wörterbuch der Träume ein Haar des Haares von Adam Ruhani gestaltete.

Seine Art des Betens und die Regel des Klosters, dem er zugehörte, trieben ihn dazu, zehntausend jungfräuliche Nonnen zu schwängern. Die letzte von ihnen schickte ihm, einer Legende zufolge, den Schlüssel ihres Schlafgemachs - Prinzessin Ateh. Einen kleinen weiblichen Schlüssel mit einer Goldmünze anstelle eines Griffes. Dieser Schlüssel kostete Mokaddasa al-Safer den Kopf, denn er beschwor die Eifersucht des Kagan. Er starb, gefangen in einem Käfig, aufgehängt über dem Wasser... - (pav)

Priester (4)  Ma-noh ging straffer in seinem langen geflickten Priestermantel. Sein kleines spitzes Gesicht ähnlich dem Antlitz einer Krähe. Unheimlich lebendig zuckte es über seine niedrige, schrägfliehende Stirn, fuhren Gedanken um seinen liniendünnen Mund. Während er mit mageren Händen gestikulierte, schlangen seine Blicke Taue, die nicht losließen. Er redete hastig wie früher, aber mehr dringend und gehalten. So sah das Boot aus, auf dem viele die Große Überfahrt antraten. - Alfred Döblin, Die drei Sprünge des Wang-lun. München 1970 (zuerst 1915)

Priester (5)

"Dämonenpriester"

- Aus: Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Hl. Antonius

Priester (6)  Under den Wallfischen ist der Physeter oder Priester, Sprützwall genennet, welches Länge biß in die zweyhundert Elenbogen ist, sehr eyner greulicher Natur. Er erhebet und thut sich bißweilen zu grossem Schaden deren, so im Schiff sein, hoch über die Sägelstang und schüttet das Wasser, welches er gesammlet und in sich gesoffen, mit solchem großen Hauffen auß den Rören, die er am Kopff hat, in die Schiff, daß er bißweilen die allerstärckeste Schiff entweder durch solches Wasser versencket oder die Schiffleuth in grosse Gefärligkeyt bringet.

Es hat diß Thier sehr eyn grosses, weites, rundes Maul wie eyn Lampret,- damit er die Speiß nimmt und das Wasser schöpffet. Es fället offt mit seinem großen Leib entweder vornen oder hinden in die Schiff, trücket sie under sich und versencket sie. Bißweilen ist es an solchem und daß es mit Wasserschöpffen den Schiffen Schaden thut, nit zufriden, sonder stosset das gantz Schiff darzu mit dem Rücken auff eyn Seite oder schlecht es mit dem Schwantz umb. An seinem gantzen Leib hat es eyn dick und schwartzes Leder, lange Federn wie die breyte Fuß, eyn zertheylten Schwantz mit zweyen Spitzen, fünffzehen oder zwentzig Schuch breyt, damit es den Schiffen vil Leyds thut. Jedoch kan man seiner Boßheyt durch eyn Posaunen oder Trummeten begegnen, deren harten und hellen Klang es nit leiden kan, und mit sehr grossen Fassen, die man hinauß ins Meer wirfft und seinen Lauff damit hindert. Dann es spilet damit und vergisset eyn Weil der Schiff. Oder mit grossen und starcken Büchsen, ab welcher hellen Knall es vil mehr dann von dem Steyn und Schuß erschricket. Dann es verleuret der Steyn gemeynlich sein Krafft, entweder durch das Wasser oder durch die Feysste des Fisches. Dann wann man ihn schon triffet, so gehet es doch nit mehr dann nur eyn wenig in den grossen Leib, der allenthalben mit dicker Feysste als mit eynem Bollwerck umbgeben ist. Man findet auch stätigs im nordwegischen Meer alte und neue Meerwunder von wegen der unergründlichen Tieffe. So sein auch mancherley Fisch in der Tieffe auff dem Grund, die nimmer oder gar selten gesehen werden. - Olaus Magnus, Die Wunder des Nordens. Erschlossen von Elena Balzamo und Reinhard Kaiser. Frankfurt am Main 2006 (Die Andere Bibliothek 261, zuerst 1555

Priester (7)  Zwei Männer im Priesterrock  kamen vorüber, ein Diener Buddhas und ein Jünger des Tao. Der Bonze ging barfuß, sein Kahlkopf war voll Grind und Krätze, der Taoist hinkte auf einem Fuß, das Haar auf seinem bloßen Kopf hing wirr und ungekämmt. Lebhaft gestikulierend und lachend wie zwei Irre kamen sie daher. Vor Schi Yins Türschwelle blieben sie stehen und schauten ihn und sein Kind groß an. Dann hüb der Bonze auf einmal laut zu seufzen an und sprach zu Schi Yin: »Patron, was hältst du da für ein unseliges Lebewesen an der Brust; Es wird nur Leid über seine Eltern bringen.«

Schi Yin glaubte es mit einem Verrückten zu tun zu haben und achtete nicht weiter auf seine Rede. Der Bonze fuhr fort, auf ihn einzureden: »Laß es mir! Laß es mir!« drängte er, auf das Kind an seiner Brust weisend.

Schi Yin wurde die  Sache jetzt zu dumm.  Er drückte das Kind fester an sich und wandte sich bereits zum Gehen, als der Bonze eine gellende Lache anschlug und ihm die vier Sätze zurief:     

»Dein Vaterherz zum Narrn dich macht
Der zarten Blüte Rauhreif droht
Um Neujahr, am Laternenfest, hab acht!
Es kommt die Zeit der Feuersnot.«

Schi Yin zauderte wieder. Er hätte sich gern den Sinn des dunklen Spruches erklären lassen. Da hörte er den Taopriester zum Bonzen sagen: »Von nun ab scheiden sich unsere Pfade. Wir werden getrennt wirken. Nach drei Äonen erwarte ich dich auf dem bekannten Totenacker am Peh-mang-Hügel bei Loh yang. Dann wollen wir gemeinsam zum ›Wahnreich der großen Leere‹ zurückkehren.«  - Der Traum der roten Kammer. Frankfurt am Main  1995 (zuerst 1791)

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