ahn   Apfelwein, Tabak, Süßigkeiten, Eis, Schlafen mit offenem Mund und Trinken gleich nach der Suppe sind schlecht für die Zähne. - Augenzahn: Gefährlich, ihn zu ziehen, weil er mit dem Auge verwachsen ist. - Weisheitszahn. - Zähneziehen ist kein Zuckerschlecken. - (fla)

Zahn (2) Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß die Kinder im 7. Monate nach der Geburt die ersten Zähne, und zwar vorn und zuerst gewöhnlich in der obern Kinnlade bekommen. Im 7. Jahre fallen diese wieder aus, und andere wachsen nach. Manche Kinder werden auch gleich mit den Zähnen geboren, wie M. Curius, der deshalb den Beinamen Dentatus erhielt, und Cn. Papirius Carbo, beide berühmte Männer.

Bei den Mädchen galt dies zu den Zeiten der Könige für ein sehr unglückliches Zeichen. Als Valeria so geboren war, verkündete der Ausspruch der Wahrsager derjenigen Stadt den Untergang, in welche sie gebracht würde; man führte sie in das damals blühende Suessa Pometia,und der Erfolg zeigte die Wahrheit der Weissagung.
Manche Mädchen werden mit zusammengewachsenen Geschlechtsteilen geboren; dies ist eine unglückliche Vorbedeutung, wie sich an der Cornelia, der Mutter der Gracchen, erwies.

Andere bringen statt Zähne einen zusammenhängenden Knochen mit zur Welt, wie [ihn] der Sohn des bithynischen Königs Prusias in der obern Kinnlade hatte. - (pli)

Zahn (3)

zähne die nach dem diktat verreisen züchten minushosen noch bevor die falle die sie beugen oder zu den nackten legen (wo in schmelzenden kontakten sich metamorphosenblasen aus tabellenfalten losend schimmel zeugen) in die eisen von prothesen kommen wo sie unverdrossen eilends nichterledigtes vergreisend zu den meilensteinen des vergessens lotsen

 - (vok)

Zahn (4) Es gehört zur Bestimmung des ZAHNS, wiederzukehren und das SYSTEM zu kauen. Der Schmerz, den der ZAHN zufügt, hat Eigenschaften, die ihn zu etwas Vollkommenem und Unverwechselbarem machen: er hat nämlich keinen offensichtlichen Grund, er ist grauenvoll, er ist unvergeßlich, er verhält sich fragend und erwartet doch keine Antwort; und das ist wohl seine düsterste Eigenschaft; aber selbst seine Düsterheit hat etwas zufälliges. Zerstreutes an sich; der ZAHN scheint nämlich in keiner Hinsicht am Geschick des Systems interessiert zu sein, im Gegensatz zu den anderen BILDERN, die mit dem SYSTEM doch auf irgendeine Weise ins Gespräch kommen; der ZAHN hat einzig die Aufgabe zu verwunden. Seine Höhe und seine Tiefe lassen die Vermutung aufkommen, daß in der höchsten Höhe und in der tiefsten Tiefe der Sinn der Folter liegt, die der ZAHN bringt; wenn aber, wie man glaubt, der ZAHN unendlich ist, dann läge der Grund für seine Grausamkeit immer jenseits von allem, wäre nie erreichbar und nie begreiflich. Es ist das Wort Grausamkeit gefallen, aber es paßt hier keineswegs; denn der ZAHN hat keinerlei Affekte; empfindet somit weder Haß noch Liebe, weder Hunger noch Strapazen. Im eigentlichen Sinne ZAHN, wegen seiner Ausmaße jedoch nicht zu erkennen, läßt er sich nur als Biß erleben; der Biß aber ist nichts anderes als er selbst: er geht keinem Kauen und keinem Schlucken voraus, und auf jeden Fall ist nirgends etwas Mundähnliches. Wenn der ZAHN erscheint und das Zeitalter des Bisses anhebt, fällt das ganze SYSTEM in ein tiefes Schweigen; jeder ORT oder MACHTHABER wird langsamer, bleibt fast stehen; und es sieht tatsächlich so aus, als ob jeder ORT, jedes FEUER oder sonstiges - so peinlich es auch sein mag - nichts sehnlicher wünschte, als sich dem ZAHN als natürlicher Empfänger des Bisses anzubieten. Der ZAHN öffnet sich und schließt sich wieder: aber nichts geschieht, was von Flucht und Schrecken zeugte; beinahe, als hätte jener Biß, der sich in die FEUER eingräbt, die ALGE zerreißt oder den WIND spaltet, einen Anstand und eine Würde, die man nicht missen möchte. Es wurde gesagt, der ZAHN zerreißt und spaltet: aber das kann er nicht immer. Das IDEOGRAMM kann er nicht zerreißen, sondern ihm nur eine spezifische Mißgestalt einverleiben, so daß diese ihrerseits ein Teil des IDEOGRAMMS wird, nicht anders als alle übrigen Teile des IDEOGRAMMS; und das ist sehr wichtig, denn darin zeigt sich, daß der Biß doch etwas mit der Bedeutung zu tun hat, deren Projekt und vielleicht auch geographische Karte das Ideogramm ist. Das Verb ABSTÜRZEN kann durch die unendliche Unglückseligkeit des ZAHNS laufen, und somit ist auch ihm bewußt, in welchem Jenseits der ZAHN wurzelt; und somit sind der ZAHN und das Verb irgendwie miteinander verschwägert, was sie beide am Biß teilhaben läßt. Auf jeden Fall besteht kein Zweifel darüber, daß auch das Verb einen Biß bekommt, aber vielleicht, indem ihm der Zahn stillschweigend eine Vollmacht hinterläßt.

Wenn der ZAHN die Saison des Bisses beschließt und sich allmählich zurückzieht, betrachtet jeder schweigend seinen Biß und sinnt darüber nach; denn kein Biß ist dem anderen gleich, jeder hat seine spezifischen Eigenschaften als Zeichen, das entweder etwas bedeutet oder eine Bedeutung vortäuscht. Der Augenblick, in dem der ZAHN von dannen zieht, ist sicherlich der einzige Augenblick, in dem das SYSTEM vollkommen einsam ist; man hört kein Reden, es gibt keine Drohung und keine Aggression, keine Flucht und keinen Riß: selbst der Wolf und der Hirsch liegen nebeneinander, verstummt und erschöpft. Unter der Herrschaft einer schweigsamen Starre schwebt das SYSTEM in seiner eigenen Einöde und scheint kein Gespräch und keinen Zorn mehr zu kennen. Man wartet nicht darauf, von dem Biß zu genesen, denn von diesem Biß kann man nicht genesen; jeder aber betrachtet seinen Biß als das, was er offensichtlich war, als eine Frage nämlich; und obwohl er daran zweifelt oder eigentlich weiß, daß diese Frage keine Antwort erwartet, versucht und probiert jeder, ob es nicht vielleicht doch eine sinnvolle Antwort gibt; auch wenn alle wissen, daß niemand eine sinnvolle Antwort geben wird und somit jede - und keine - die richtige Antwort sein wird. Die Pause, die auf den Biß folgt, erscheint unendlich, und vielleicht würde sie sich über eine unberechenbar lange Zeit erstrecken, würde ihr nicht die Ankunft eines anderen BILDES ein Ende bereiten: entweder der rasende körperliche Wahnwitz des TIERES oder die ausgeklügelte, belanglose Lüge des TRAUMES oder die zartfühlende Flucht, die weise Distanz des EXILS. - Giorgio Manganelli, System. In: (irrt)

Zahn (5)  Herr Zivnostek, der eine Fabrik für künstliche Zähne besaß, warf alleweil jemandem ein paar Zähne oder ein Stück falsches Gebiß ins Bier, und einmal wäre er fast erstickt, weil er die eigenen Zähne in die Kehle bekam, die er seinem Nachbarn in den Kaffee getan hatte, doch der hatte die Tassen vertauscht. Herr Zivnostek also wäre um ein Haar erstickt, doch der Tierarzt versetzte ihm einen kräftigen Schlag auf den Rücken, so daß die Zähne herausflogen und unter den Tisch schurrten, und Herr Zivnostek, der sie für Zähne aus der Fabrik hielt, trat darauf und erkannte zu spät, daß es seine eigenen maßgefertigten Zähne waren, und das wiederum brachte Herrn Sloser, den Zahntechniker, zum Lachen, der gerne Schnellreparaturen machte, denn an denen verdiente er am meisten, schon deshalb, weil es auch seine Saison war, wenn die Jagd auf Hasen und Fasane begann, denn am Abend nach dem Geschieße betranken sich die Jagdgesellschaften so sehr, daß viele Schützen ihre Zähne ausspuckten und zerbrachen, und so arbeitete Herr Sloser ganze Tage und ganze Nächte, um die Zähne zu reparieren, denn die Gattin sollte nichts erfahren, oder die Geschichte sollte vor der Familie verheimlicht werden ... - Bohumil Hrabal, Ich habe den englischen König bedient. Frankfurt am Main  1990 (zuerst 1971)

Zahn (6) Die Zähne stehen in hohem Preise und geben den köstlichsten Stoff zu Götterbildern. Die Üppigkeit hat noch einen andern Wert am Elefanten erdacht, man findet nämlich die Schwarte des Rüssels von besonders gutem Geschmack, aber, wie mir scheint, wohl aus keinem andern Grunde, als weil man glaubt, das Elfenbein selbst zu speisen. Die größten Zähne findet man zwar nur in den Tempeln; allein in den entferntesten Ländern Afrikas, da, wo es an Äthiopien grenzt, vertreten sie auch die Stelle der Pfosten in den Häusern, ferner dienen sie bei den Zäunen um dieselben sowie um die Viehställe statt der Pfähle, wie Polybius nach dem Berichte des Königs Gulussa schreibt.   - (pli)

Zahn (7) Was die Deutung der Zähne anbetrifft, die eine vielfache Bestimmung zuläßt, so ist erst in unseren Tagen von ganz wenigen Traumdeutern ein echtes Verständnis erarbeitet worden, wobei Aristandros aus Telmessos die meisten und besten Richtlinien gegeben hat. Es verhält sich damit folgendermaßen: Die oberen Zähne weisen auf die Bessergestellten und Standespersonen im Haus des Träumenden hin, die unteren auf die kleinen Leute. Man hat nämlich den Mund als ein Haus, die Zähne als die Menschen im Haus aufzufassen; dabei bezeichnen die der rechten Reihe Männer, die der linken Frauen; von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, z. B. wenn ein Bordellbesitzer nur Frauenzimmer oder ein Landwirt nur Männer in Dienst genommen hat; bei diesen bedeuten die rechten Zähne die älteren, die linken die jüngeren Männer oder Frauen.

Ferner bezeichnen die sogenannten Schneidezähne, d.h. die Vorderzähne, die ganz jungen Leute, die Eckzähne Personen von mittlerem Alter, die Backenzähne die bejahrten. Welcher Art der Zahn ist, den einer zu verlieren träumt, dementsprechend wird er den Verlust eines Menschen beklagen, dessen Symbol er ist. Da die Zähne aber nicht nur Menschen, sondern auch das Hab und Gut bedeuten, hat man die Backenzähne auf die Kostbarkeiten, die Eckzähne auf die weniger wertvollen Gegenstände, die Schneidezähne auf die Hausgeräte zu beziehen. Ganz folgerichtig zeigt also ihr Ausfallen den Verlust eines Hab und Gutes an. Sodann bedeuten die Zähne die Lebensbedürfnisse, und zwar die Backenzähne die geheimen und unaussprechlichen, die Eckzähne diejenigen, die nur wenigen Leuten bekannt sind, die Schneidezähne aber die ganz offenkundigen und die durch Wort und Stimme verrichtet werden. Ausfallende Zähne sind somit ein Hindernis in der Befriedigung der entsprechenden Bedürfnisse.  - (art)

Zahn (8)  Zähne sollen blendend weiß sein. Das gilt wohl bei allen Kulturvölkern. Nur die Japaner machten bis in die neueste Zeit hievon eine Ausnahme, da sich ihre Frauen, vornehmlich die verheirateten, ihre Zähne schwarz färbten. Wie manche Japan-Reisende annahmen, nicht als Zierat, sondern um nicht in die Gefahr zu kommen, anderen Männern zu gefallen. Die Erklärung ist nicht richtig, da auch die öffentlichen Mädchen in Japan, deren Beruf es doch wahrlich nicht mit sich bringt, die Männer abzustoßen, sich ebenfalls ihre Zähne schwarz färbten. Aehnlich wie sich auch manche karaibische Stämme und andere Völker Südamerikas die Zähne auch heute noch färben. Oder, wie Darwin von den Frauen in Macassar berichtet, daß diese sich die Zähne rot und gelb färben, und zwar derartig, daß ein roter Zahn immer auf einen gelben folgt. Die Naturvölker erblicken in der Zahnfärbung eine Steigerung ihrer körperlichen Schönheit, und bei den Nikobaresen vermeidet es deshalb eine Frau, »die Huldigungen eines Mannes entgegenzunehmen, der wie ein Hund oder Schwein weiße Zähne besitzt«. - (erot)

Gebiß

 

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