chwein   Vogel; bemerkenswert wegen der Katholizität seines Appetits uind bestens als Vorbild für uns geeignet. Unter Mohammedanern und Juden genießt das Schwein keine Wertschätzung als dieticum, doch achtet man es wegen der Feinheit seiner Gebräuche, der Schönheit seines Gefieders und der Anmut seiner Stimme. Vor allem als Sänger ist dieser Vogel beliebt; ein ganzer Käfig in vollem Geschmetter hat, wie man sagt, schon zwei Personen gleichzeitig zu Tränen gerührt. Der wissenschaftliche Name dieses Piepmatzes ist porcus rockefelleri. Mr. Rockefeller hat das Schwein nicht entdeckt, doch hält man es aus Gründen der Ähnlichkeit für sein rechtmäßiges Eigentum. - (bi)

Schwein (2) Thauvin, ein feister 50-Jähriger kurz vor dem Zusammenbruch, der in einer Art geschlechtsloser Scheußlichkeit stets zu weiblichen Spitznamen anregt, verkörpert in seinem Fleisch die Kennzeichen des Unwürdigen, denn seine Rolle ist die Darstellung dessen, was sich im klassischen Begriff des "Schweins“ (ein Schlüsselbegriff jedes Catchkampfes) als organisch widerwärtig anbietet. Der durch Thauvin bewusst erzeugte Ekel geht deshalb sehr weit in der Ordnung der Zeichen. Hier dient die Hässlichkeit nicht nur dazu, das Niederträchtige zu bezeichnen, sondern diese Hässlichkeit ist auch in einer besonders abstoßenden Eigenschaft der Materie gebündelt: der fahlen Schlaffheit eines Stücks Fleisch.

Erster Schlüssel des Kampfes ist mithin der Körper des Catchers. Ich weiß von Anfang an, dass Thauvins Taten, seine Verrätereien, seine Grausamkeiten und Feigheiten das erste Bild, das er mir vom Unwürdigen vermittelt, nicht enttäuschen werden. Ich kann mich darauf verlassen, dass er alle Gesten einer bestimmten unförmigen Niedertracht intelligent und bis zum Letzten vollführt und damit restlos das Bild des fiesesten Schweins überhaupt ausfüllt: das der Hyäne. - (barthes)

Schwein (3) Bis zu einem halben Liter Samenflüssigkeit kann der Eber des Hausschweins bei einer einzigen Paarung abgeben. Forscher fanden an Warzenschweinen in Afrika heraus, daß ein Teil des Spermas im Gebärmutterhals des Weibchens zu einem Propf gerinnt. So soll verhindert werden, daß ein anderer Eber die Sau begattet. Nur durch einen im Vergleich zu anderen Tieren sehr langen Geschlechtsakt (bis zu zehn Minuten) und enorme Mengen von Ejakulat kann ein Rivale den Pfropf wieder lösen. - (mier)

Schwein (4)  Da es innen »genau gleich wie ein Mensch ist«, sollte man es im Seziersaal zum Studium der Anatomie benutzen. - (fla)

Schwein (5) Positive Aspekte des Schweins liest man zuerst bei Conrad Gesner, der wenigstens die Innereien der Ferkel oder Säue eine große Menschenähnlichkeit zuspricht und den angehenden Anatomen empfiehlt, an diesem Objekt ihre ersten Seziererfahrungen zu sammeln. »Das Schwein ist ein gar gemeines [verbreitetes] gebräuchliches und nutzliches Tier«, heißt es dann dort [1669] weiter.

Den Nutzen zog man insbesondere aus der Körperfülle dieses Tieres, die schon damals eine sagenhafte war: Zu Basel bei einem Ölmacher, erzählt Gesner, »seien so fette Schweine gewesen, dass die Mäus oder Ratten ihnen Löcher in das Fette gefressen und darinnen genistet haben«. - (schen)

Schwein (6) Stoß gegen die Tür, sie federt, schwingt hin und her. Puh, der Dampf! Was dampfen die. Da bist du im Dampf wie in einem Bad, da nehmen die Schweine vielleicht ein russisch-römisches Bad. Man geht irgendwo, du siehst nicht wo, die Brille ist einem beschlagen, man geht vielleicht nackt, schwitzt sich den Rheumatismus aus, mit Kognak allein gehts nicht, man klappert in Pantoffeln. Es ist nichts zu sehen, der Dampf ist zu dicht. Aber dies Quietschen, Röcheln, Klappen, Männerrufe, Fallen von Geräten, Schlagen von Deckeln. Hier müssen irgendwo die Schweine sein, sie sind von drüben her, von der Längsseite reingekommen. Dieser dicke weiße Dampf. Da sind ja schon Schweine, da hängen ja welche, die sind schon tot, die  hat man gekappt, die sind beinah reif zum Fressen. Da steht einer mit einem Schlauch und spritzt die weißen Schweinehälften ab. Sie hängen an Eisenständern, kopfabwärts, manche Schweine sind ganz, die Beine oben sind mit einem Querholz gesperrt, ein totes Tier kann eben nichts machen, es kann auch nicht laufen. Schweinsfüße liegen abgehackt auf einem Stapel. Zwei Mann tragen aus dem Nebel was an, an einem Eisenbalken ein ausgeweidetes geöffnetes Tier. Sie heben den Balken an den Laufring. Da schweben schon viele Kollegen herunter, gucken sich stumpfsinnig die Fliesen an.

Im Nebel gehst du durch den Saal. Die Steinplatten sind gerieft, sie sind feucht, auch blutig. Zwischen den Ständern die Reihen der weißen ausgeweideten Tiere. Hinten müssen die Totschlagsbuchten sein, da klatscht es, klappt, quiekt, schreit, röchelt, grunzt. Da stehen dampfende Kessel, Bottiche, von da kommt der Dampf. Männer hängen in das siedende Wasser die getöteten Tiere rein, brühen sie, schön weiß ziehn sie sie raus, ein Mann kratzt mit einem Messer noch die Oberhaut ab, das Tier wird noch weißer, ganz glatt. Ganz sanft und weiß, sehr befriedigt wie nach einem anstrengenden Bad, nach einer wohlgelungenen Operation oder Massage liegen die Schweine in Reihen auf Bänken, Brettern, sie bewegen sich nicht in ihrer gesättigten Ruhe und in ihren neuen weißen Hemden. Sie liegen alle auf der Seite, bei manchen sieht man die doppelte Zitzenreihe, wieviel Brüste ein Schwein hat, das müssen fruchtbare Tiere sein. Aber sie haben alle hier einen graden roten Schlitz am Hals, genau in der Mittellinie, das ist sehr verdächtig.

Jetzt klatscht es wieder, eine Tür wird hinten geöffnet, der Dampf zieht ab, sie treiben eine neue Schar Schweine rein, ihr lauft da, ich bin vorn durch die Schiebtür gegangen, drollige rosige Tiere, lustige Schenkel, lustige Ringelschwänze, der Rücken mit bunten Strichen, Und sie schnüffeln in der neuen Bucht. Die ist kalt wie die alte, aber es ist noch etwas von Nässe am Boden, das unbekannt ist, eine rote Schlüpfrigkeit. Sie scheuern mit dem Rüssel daran.

Ein junger Mann von blasser Farbe, mit angeklebtem blondem Haar, hat eine Zigarre im Mund. Siehe da, das ist der letzte Mensch, der sich mit euch beschäftigt! Denkt nicht schlecht von ihm, er tut nur, was seines Amtes ist. Er hat eine Verwaltungsangelegenheit mit euch zu regeln. Er hat nur Stiefel, Hose, Hemd und Hosenträger an, die Stiefel bis über die Knie. Das ist seine Amtstracht. Er nimmt seine Zigarre aus dem Mund, legt sie in ein Fach an der Wand, nimmt aus der Ecke ein langes Beil. Es ist das Zeichen seiner behördlichen Würde, seines Rangs über euch, wie die Blechmarke beim Kriminal. Er wird sie euch gleich vorzeigen. Das ist eine lange Holzstange, die der junge Mann bis zur Schulterhöhe über die quiekenden kleinen Schweine unten hochhebt, die da ungestört wühlen, schnüffeln und grunzen. Der Mann geht herum, den Blick nach unten, sucht, sucht. Es handelt sich um ein Ermittlungsverfahren gegen eine gewisse Person, eine gewisse Person in Sachen x gegen y. — Hatz! Da ist ihm eins vor die Füße gelaufen, hatz! ooch eins. Der Mann ist flink, er hat sich legitimiert, das Beil ist heruntergesaust, getaucht in das Gedränge mit der stumpfen Seite auf einen Kopf, noch einen Kopf. Das war ein Augenblick Das zappelt unten. Das strampelt. Das schleudert sich auf die Seite. Das weiß nichts mehr. Und liegt da. Was machen die Beine, der Kopf. Aber das macht das Schwein nicht, das machen die Beine als Privatperson. Und schon haben zwei Männer aus dem Brühraum herübergesehen, es ist so weit, sie heben einen Schieber an der Totschlagbucht hoch, ziehen das Tier heraus, das lange Messer zum Schärfen an einem Stab gewetzt und hingekniet, schubb schubb in den Hals gestoßen, ritsch ein langer Schnitt, ein sehr langer in den Hals, das Tier wird wie ein Sack geöffnet, tiefe tauchende Schnitte, das Tier zuckt, strampelt, schlägt, es ist bewußtlos, jetzt nur bewußtlos, bald mehr, es quiekt, und nun die Halsadern geöffnet. Es ist tief bewußtlos, wir sind in die Metaphysik, die Theologie eingetreten, mein Kind, du gehst nicht mehr auf der Erde, wir wandern jetzt auf Wolken. Rasch das flache Becken ran, das schwarze heiße Blut strömt ein, schäumt, wirft Blasen im Becken, rasch rühren. Im Körper gerinnt das Blut, soll Pfröpfe machen, Wunden stopfen. Jetzt ist es aus dem Körper raus, und noch immer will es gerinnen. Wie ein Kind noch Mama, Mama schreit, wenn es auf dem Operationstisch liegt und gar keine Rede von der Mama ist, und die Mama will gar nicht kommen, aber das ist zum Ersticken unter der Maske mit dem Äther, und es schreit noch immer, bis es nicht mehr kann: Mama. Ritsch, ritsch, die Adern rechts, die Adern links. Rasch rühren. So. Jetzt läßt das Zucken nach. Jetzt liegst du still. Wir sind am Ende von Physiologie und Theologie, die Physik beginnt. - Aus: Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz (1929)

Schwein (7) Dies ist eine phrygische Geschichte; sie stammt nämlich von dem Phryger Aisopos. Die Geschichte lautet: Wenn man ein Schwein ergreift, so schreit es; und das ist ganz natürlich. Denn es hat keine Wolle, keine Milch, nichts als Fleisch. Sofort ahnt es, daß es sterben muß, da es weiß, wozu es den Leuten, die es halten, dient. Dem Schwein des Aisopos gleichen die Tyrannen, die alle Leute verdächtigen und fürchten. Denn sie wissen, daß auch sie wie die Schweine allen mit dem Leben zu zahlen haben. - (ael)

Schwein (8)

Der Sezierkunst des berühmten Chirurgen Galen (129—199 n.Chr.)
sind entscheidende Erkenntnisse in der Medizin zu verdanken.
Durch Vivisektionen an Schweinen versuchte er
beispielsweise die Funktion des Nervensystems zu erforschen.

 - (erf)

Schwein (9) Dürer hat seine erste bekannte Zeichnung von einem Schwein für Brants Narrenschiff angefertigt, und es sieht darauf dem Tier rechts auf der Vorzeichnung zum Verlorenen Sohn sehr ähnlich. Dieses unbekümmerte Schwein trägt seine Krone fröhlich grinsend; mit aufgestelltem Schwanz und erhobenem Vorderfuß begrüßt es den herankommenden Narren. Die Krone auf dem Schweinskopf bedeutet den Triumph obszöner Reden und schmutziger Witze:

Herr Glimpfius ist leider tot!
Der Narr die Sau beim Ohre hat,
schüttelt sie, daß die Sauglock kling
und sie den Möhringer ihm sing.

Im Stich Der verlorene Sohn  nehmen die Schweine über ein Viertel der gesamten Bildfläche ein.

Das Schwein mit der Glocke als Sinnbild für Obszönität griff Dürer noch einmal in einer dämonischen Hexenszene auf, wo ein Schwein genüßlich grinsend einem Paar zuschaut, das der Teufel in lüsterner Umarmung umfangen hält. Auf einem anderen Blatt findet sich ein winziges Teufelchen mit Schweinskopf, das die zur Messe versammelten Priester und Nonnen in Versuchung führt. - Colin Eisler, Dürers Arche Noah. Tiere und Fabelwesen im Werk von Albrecht Dürer. München 1996 (zuerst 1991)

Schwein (10)  Circe ist durch den Wald gegangen. Es gibt keinen Mann mehr auf Erden, das bewirkte die Macht der Zauberin. Heute ist jeder Mann eine Herde Schweine und zugleich ihr Hirt. Der Hirt zeigt den Schweinen den Himmel, sie schnaufen und grunzen zur Erde. Der Hirt zwingt die Schweine mit dem Treibstachel, die Schnauzen zu heben, und sie schnuppern zum Himmel hinauf, die gierigen Schweine. Da ist ein Futtertrog am Himmel: diese große Sonne voller Verdammnis. Schweine und Hirt marschieren am Himmel, den Rücken zur Erde gekehrt. Wenn die Nacht kommt, bleibt nur noch ein leerer Mond. Die Schweine grunzen nach ihrer Erde, die jetzt ein Planet an ihrem neuen Himmel ist. Der Hirt hat die Herde getrieben, und er hat gesagt: »Um die Erde zu sehen, muß man im Himmel sein.« Ach, wie sollten jene, für die der Himmel die Weide ist, die Erde sehen, wenn sie ihr den Rücken zukehren? - (apol)

Schwein (11)  Eine Frau träumte, ihr Liebhaber mache ihr einen Schweinskopf zum Geschenk. Sie begann einen Widerwillen gegen ihn zu empfinden und gab ihm schließlich den Laufpaß; denn das Schwein ist unempfindlich für Liebe. - (art)

Schwein (12)   Wenn man ein Schwein ergreift, so schreit es; und das ist ganz natürlich. Denn es hat keine Wolle, keine Milch, nichts als Fleisch. Sofort ahnt es, daß es sterben muß, da es weiß, wozu es den Leuten, die es halten, dient. Dem Schwein  gleichen die Tyrannen, die alle Leute verdächtigen und fürchten. Denn sie wissen, daß auch sie wie die Schweine allen mit dem Leben zu zahlen haben. - (ael)

Schwein (13)  

Fleck, schweinischer
 

Wer hierzulande Flecken hinterläßt
gilt gleich als Schwein.
Wer einen Klecks in eine Ordnung preßt
kann schon ein Künstler sein.

 - Peter Rühmkorf, Kleine Fleckenkunde. 1988 (Insel-Bücherei 1082)

Schwein (14)  

Schwein (15)  Mister MacFrolick beobachtete mich mit trübem Blick. Er hatte bläuliche Äuglein und eine dicke, wulstige, leicht aufwärts gebogene Nase. Es war schwierig, darüber hinwegzusehen, dass dieser überaus vornehme, fromme Mann mit seinem untadeligen Lebenswandel das menschliche Ebenbild eines großen weißen Schweins war. Ein gewaltiger Schnauzbart hing auf sein fleischiges, aber ein wenig fliehendes Kinn herab. Ja, Mister MacFrolick ähnelte einem Schwein, aber einem schönen, einem frommen und vornehmen Schwein.   - (wind)

Schwein (16)   In Griechenland opferten Frauen Schweinefleisch der weiblichen Erd- und Muttergottheit. Adonis steht in Verbindung mit dem Eber. Der Geist des Getreides war ein Schwein. Das Schwein spielt in den Kulten von Attis, Adonis und Demeter eine Rolle. Die Kreter verehrten Schweine. Schweine wurden im griechischen Thesmophoria zur Zeit der Oktoberaussaat geopfert. Die Schweine wurden in einer unterirdischen Kammer begraben. Die Überreste der Tiere des letzten Jahres wurden fortgenommen und mit der Saat vermischt. In Wales glaubt man, daß das Schwein an Samain erscheint; während einer Sonnenfinsternis ahmten die Leute das Grunzen der Schweine nach.  

Muic-inis, Schweine-Insel ist ein alter Name für Irland. Ein schwarzes Schwein bringt Unglück, und Krankheit kann abgewendet werden, indem man dreimal um den Schweinestall läuft.   - Anhang zu (anders)

Tierarten Menschen, gemischte Tiere, eßbare
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Unterbegriffe
  Erdschwein Sau FeuerschweinGemütsschwein Menschenschwein Eisenchwein
VB
Menschen, gemischte
Synonyme