Geschehenchicksal  Richter und Priester, Generale und Diktatoren, Könige und Kaiser haben im Laufe der Jahrhunderte Dinge  so entschieden: mit Würfeln, Vogelflug, Pferdegewieher, dem Freßverhalten heiliger Hühner, der Eingeweideschau, einer Mißgeburt, dem Durchzug eines Kometen, dem Lesen im Kaffeesatz, den rätselhaften Sprüchen der Pythia, der Glut im Herd, einer Rauchwolke, den Linien der Hand, einem Niesen, einem Rufen, einem Traum. Die Menschheit ist begierig, das Schicksal zu erforschen und seine Zeichen zu deuten; hat sie nicht zugleich auch den Wunsch, hinter die Absichen des unbekannten anderen zu kommen? Haben wir es mit der Partie gegen einen Spieler zu tun, dessen überlegenes Geschick darin besteht, nicht nur seine Strategie, sondern sogar seine Existenz und seine Erwartung an uns vor uns zu verhehlen? - Aus: Ivar Ekeland, Zufall, Glück und Chaos. Mathematische Expeditionen.  München 1996 (zuerst 1991)

Schicksal (2) Karl Lashley, der herausragendste amerikanische Neuropsychologe der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, erinnerte sich gern an seine erste Begegnung mit der Komplexität des Nervensystems. 1907, als siebzehnjähriger Laborgehilfe in der Zoologie, "fand ich in einer Schachtel mit Abfällen ... Golgi-eingefärbte Schnitte des Froschhirns. Ich sagte, ich würde ... alle Verbindungen zwischen den Zellen herausarbeiten, damit wir wüßten, wie der Frosch funktioniert ... Diesem Problem bin ich nie mehr entkommen". - Howard Gardner, Dem Denken auf der Spur. Der Weg der Kognitionswissenschaft. Stuttgart 1992 (zuerst 1985)

Schicksal (3)  Ich bekam  Besuch - Freund Beale, der Kerl, der meine Frau liquidiert hatte. Feist und feierlich, sah er mit seinen Bulldoggenbacken, seinen kleinen schwarzen Augen, seiner dickgeränderten Brille und seinen auffallend großen Nüstern wie eine Art Scharfrichtergehilfe aus, als John ihn hereinführte, mit vollendetem Takt die Tür schloß und uns allein ließ. Mit der verbindlichen Bemerkung, er habe Zwillinge in der Klasse meiner Stieftochter, entrollte mein grotesker Besucher ein großes Diagramm, das er von dem Unfall angefertigt hatte. Es war, wie meine Stieftochter gesagt hätte, «eine Wucht», mit allerlei eindrucksvollen Pfeilen und Punktlinien in verschiedenfarbiger Tinte. Mrs. H. H. s Trajektorie war an mehreren Stellen mit einer Reihe kleiner konturierter Figuren markiert-winzigen, puppenhaften Sekretärinnen oder Mitgliedern des Frauenhilfscorps -, wie sie zur Veranschaulichung von Statistiken benutzt werden. Sehr deutlich und beweiskräftig kam diese Bahn mit einer kühn geschwungenen Linie in Berührung, die zwei aufeinanderfolgende Kurven beschrieb - eine, die das Bealesche Auto gemacht hatte, um dem Troedel-Hund auszuweichen (Hund nicht eingezeichnet), und die zweite, eine Art übertriebener Fortsetzung der ersten, in der Absicht, die Tragödie abzuwenden. Ein sehr schwarzes Kreuz bezeichnete die Stelle, wo die akkurate kleine Silhouettenfigur schließlich auf dem Bürgersteig zur Ruhe gekommen war. Ich suchte nach einem ähnlichen Zeichen, das die Stelle auf dem Rasenhang markierte, wo der riesige Wachsvater meines Besuchers geruht hatte, aber da war nichts. Selbiger Herr jedoch hatte als Zeuge seinen Namen unter diejenigen Leslie Tomsons, Miss Visavis' und einiger anderer Leute auf das Dokument gesetzt.

Frederick, dessen Stift mit der Präzision und Leichtigkeit eines Kolibris geschwind und zart von einem Punkt zum anderen huschte, wies seine absolute Unschuld und die Unbesonnenheit meiner Frau nach: Während er im Begriff stand, dem Hund auszuweichen, sei sie auf dem frischgesprengten Asphalt ausgeglitten und vornüber gefallen, und dabei hätte sie sich nicht nach vorn, sondern nach hinten fallen lassen müssen (Fred zeigte mit einem Ruck seiner gepolsterten Schultern, wie). Ich sagte, es sei bestimmt nicht seine Schuld, und die gerichtliche Untersuchung kam zum gleichen Schluß.

Er blies heftig durch schwarze, geblähte Nüstern, schüttelte seinen Kopf und meine Hand; dann bot er mir mit der Miene vollendeter Lebensart und nobler Großzügigkeit an, die Rechnung des Bestattungsinstituts zu begleichen. Er erwartete, daß ich sein Angebot ablehne. Mit einem trunkenen Schluchzer der Dankbarkeit nahm ich es an. Darauf war er nicht gefaßt gewesen. Ungläubig wiederholte er langsam, was er gesagt hatte. Ich dankte ihm aufs neue, noch überschwenglicher als zuvor.

Diese etwas gruselige Unterredung hatte zur Folge, daß meine Seele sich für einen Augenblick aus ihrer Benommenheit löste. Kein Wunder! Ich hatte den leibhaftigen Mittler des Schicksals gesehen. Ich hatte das fleischgewordene Schicksal und seine gepolsterte Schulter mit Händen berührt. Eine glänzend gelungene, monströse Mutation hatte plötzlich stattgefunden, und das hier war das Werkzeug gewesen. In dem verwickelt ineinandergreifenden Muster (eilende Hausfrau, schlüpfriger Fahrdamm, blödsinniger Hund, steiles Gefälle, großes Auto, Gorilla am Steuer) konnte ich undeutlich meinen eigenen niederträchtigen Beitrag erkennen. Wäre ich nicht solch ein Tor gewesen - oder solch ein intuitives Genie -, das Tagebuch aufzubewahren, so hätte keine Augenflüssigkeit rachsüchtigen Zorns und brennender Scham Charlotte bei ihrem Spurt zum Briefkasten die Sicht geraubt. Aber selbst wenn sie sie ihr geraubt hätten, so wäre vielleicht noch immer nichts geschehen, wenn das fehlerlose Schicksal, das synchronisierte Phantom, in seiner Retorte nicht Auto, Hund, Sonne, Schatten, Nässe, Schwäche, Stärke und Stein zusammengeschüttelt hätte. Adieu, Marlene! Des feisten Schicksals feierlicher Händedruck (stellvertretend von Beale verabfolgt, ehe er das Zimmer verließ) entriß mich meiner Erstarrung; und ich weinte.  - (lo)

Schicksal (4)  Ich habe ein sehr interessantes Buch gelesen, wie sich ein junger Mann in eine junge Person verliebte, aber diese junge Person liebte einen anderen jungen Mann, und dieser junge Mann liebte eine andere junge Person, und diese junge Person wiederum liebte einen anderen jungen Mann, der nicht sie liebte, sondern eine andere junge Person.

Und plötzlich tritt diese junge Person auf eine Falltür und verletzt sich an der Wirbelsäule. Als sie jedoch schon fast wieder ganz geheilt ist, erkältet sie sich plötzlich und stirbt. Da setzt der junge Mann, der sie liebt, seinem Leben mit einem Revolverschuß ein Ende. Da wirft sich die junge Person, die diesen jungen Mann liebt, vor den Zug. Da klettert der junge Mann, der diese junge Person liebt, vor Kummer auf einen Hochspannungsmast, berührt die Stromleitung und stirbt am Schlag. Da ißt die junge Person, die diesen jungen Mann liebt, zerstoßenes Glas und stirbt an inneren Verletzungen. Da flieht der junge Mann, der diese junge Person liebt, nach Amerika und ergibt sich dort dem Trunk, derart, daß er sein letztes Kleidungsstück verkauft, und da er nichts mehr anzuziehen hat, ist er gezwungen, im Bett liegen zu bleiben, er liegt sich den Rücken durch und stirbt daran.   - Daniil Charms, Der Brief. Nach: Das Tintenfaß 4. Zürich 1981

Schicksal (5)  Das Schicksal ist das Gericht Gottes, vor dem es kein Entkommen gibt. Das Schicksal könne nicht zusammen mit dem freien Willen, der dem Menschen gegeben wurde, bestehen, behaupten die Philosophen und leugnen deshalb so völlig das Schicksal. Sie sagen, ein jeder sei der Schöpfer seines Schicksals, was kaum der Teufel auszuposaunen wagt.

Wie läßt sich der freie Wille mit dem unausweichlichen Schicksal vereinbaren? Ich will es durch ein Gleichnis beweisen.

Ein Mensch kann sich erhängen, ertränken, den Hals durchschneiden; es steht auch in seinem Willen, es nicht zu tun. Wenn aber jemand vom höchsten Richter wegen irgendeiner Sache verurteilt wurde und mit dem Leben büßen muß, steht es nicht in seiner Entscheidung, dies zu vermeiden; er wird mit unausweichlicher Notwendigkeit getötet werden.

Also kann ein Mensch ein Verbrechen begehen, oder nicht. Wenn er es aber begangen hat und verurteilt wird, kann er nicht davonkommen.

Der Mensch hat einen freien Willen, er kann tun, was er will; wenn er ihn mißbraucht und nicht von einem Richter bestraft wird, wenn der Verletzte vor Gott anklagt, ordnet Gott, der alles sah und hörte, die Natur so, daß das unausweichliche Schicksal geschieht. Gottes Urteil ist also das Schicksal.  - (nem)

Schicksal (6) Die Kukuju sind auf alles Unvorhergesehene gefaßt. Darin unterscheiden sie sich von den Weißen, die meist das Bestreben haben, sich vor dem Unbekannten und vor bösen Zufällen zu sichern. Der Neger steht auf gutem Fuße mit dem Schicksal, in dessen Hand er sein Leben verbringt; es ist gewissermaßen seine Heimat, das vertraute Dunkel seiner Hütte, das tiefe Erdreich, in dem er wurzelt. Er begegnet jeder Veränderung in seinem Leben mit großer Ruhe. - (blix2)

Schicksal (7)  Es ist außerordentlich, wie sehr die Alten von dem Begriff eines allwaltenden Schicksals (fatum) erfüllt und durchdrungen waren: hievon zeugen nicht nur die Dichter, zumal die Tragödie, sondern auch die Philosophen und Historiker. In der christlichen Zeit ist dieser Begriff in den Hintergrund getreten und wird weniger urgirt; weil er verdrängt worden ist von dem der Vorsehung, welche einen intellektuellen Ursprung voraussetzt, und, als von einem persönlichen Wesen ausgehend, nicht so starr und unabänderlich, auch nicht so tiet gefaßt und geheimnisvoll ist, jenen daher auch nicht ersetzen kann, vielmehr ihn zum Vorwurf des Unglaubens gemacht hat.   - Schopenhauer, Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen

Schicksal (8) Vor dem Abendessen setzten sich alle, Junge und Alte, hin, »Schicksal« zu spielen. Dazu brauchte man zwei Kartenspiele: das eine wurde gleichmäßig an alle ausgeteilt, das andere legte man verdeckt auf den Tisch.

»In wessen Hand diese Karte ist«, begann feierlich der alte Schelestow, wobei er die obere Karte des zweiten Spieles aufhob, »dessen Schicksal ist es, sogleich ins Kinderzimmer zu gehen und dort der Kinderfrau einen Kuß zu geben.«

Das Vergnügen, sich mit der Kinderfrau zu küssen, fiel auf Schebaldin, Alle umringten ihn in hellem Haufen, man schleppte ihn ins Kinderzimmer und zwang ihn mit Gelächter und Händeklatschen, sich dort mit der Kinderfrau zu küssen. Lärm erhob sich und Geschrei.

»Nicht so leidenschaftlich!« schrie Schelestow, vor Lachen weinend. »Nicht so leidenschaftlich!«

Nikitin fiel das Schicksal zu, allen die Beichte abzuhören. Er setzte sich auf einen Stuhl inmitten des Saales. Man trug einen Schal herbei und deckte den über sein Haupt. Als erste kam Warja, ihm zu beichten.

»Ich kenne Ihre Sünden«, begann Nikitin, der im Halbdunkel ihr strenges Profil sah. »Gestehen Sie mir, Gnädigste, aus welchem Grunde Sie jeden Tag mit Poljanskij Spazierengehen; Gefahren gibt's, Gefahren, geht man mit Husaren!«

»Das ist sehr bescheiden«, sagte Warja und ging.

Hierauf blitzten unter dem Schal große regungslose Augen auf, es zeichnete sich im Halbdunkel ein liebes Profil ab, und es roch nach etwas Teurem, längst Bekanntem, was Nikitin an das Zimmer Manjusjas erinnerte.

»Marie Godefroy«, sagte er und erkannte die eigene Stimme nicht wieder, so zärtlich und weich war sie, »worin besteht Ihre Sünde?« Manjusja zwinkerte mit den Augen und wies ihm ihre Zungenspitze, dann lachte sie und ging. Eine Minute darauf aber befand sie sich bereits in der Mitte des Saales, klatschte in die Hände und schrie: »Abendessen, Abendessen, Abendessen!«   - Anton Tschechow, Der Literaturlehrer. Nach (tsch)

Schicksal (9)  Es gibt drei zusammenwirkende Schicksalsgöttinnen, gekleidet in weiße Gewänder. Erebos zeugte sie mit der Nacht. Sie hießen Klotho, Lachesis und Atropos. Von ihnen hatte Atropos die kleinste Gestalt, aber sie war die schrecklichste.

Klotho ist die ‹Spinnerin›, Lachesis die ‹Maßnehmende›, Atropos die, ‹die nicht umgangen noch vermieden werden kann›.

Zeus wägt das Leben der Menschen und tut den Schicksalsgöttinnen seine Beschlüsse kund. Er kann, so sagt man, seine Meinung ändern und die, die ihm gefallen, retten, wenn der Faden des Lebens, der auf Klothos Spindel gesponnen ist und gemessen mit dem Maß der Lachesis, von den Scheren der Atropos zerschnitten werden soll. In der Tat behaupten die Menschen, daß sie in einem gewissen Maße ihr eigenes Schicksal lenken können, indem sie unnötige Gefahren vermeiden. Darum lachen die jüngeren Götter über die Schicksalsgöttinnen und erzählen, daß Apollon sie einst in seinem Mutwillen trunken machte, um seinen Freund Admetos vom Tode zu retten.

Andere glauben im Gegensatz zum Vorhergesagten, daß selbst Zeus den Schicksalsgöttinnen untertan ist: Dies offenbarte einst die pythische Priesterin in einem Orakel. Denn sie sind nicht Kinder des Zeus, sondern parthenogene Töchter der Großen Göttin Schicksal, gegen die sich auch die Götter nicht auflehnen können. Sie wird ›das starke Geschick‹ genannt.  - (myth)

Geschehen Verhängnis
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