Scham Der schönste Schmuck der Frau - (fla)

Scham (2)  Wird man wohl vor Scham rot im Dunkeln? Daß man vor Schrecken im Dunkeln bleich wird, glaube ich, aber das Erstere nicht. Denn bleich wird man seiner selbst, rot seiner selbst und anderer wegen. — Die Frage, ob Frauenzimmer im Dunkeln rot werden, ist eine sehr schwere Frage; wenigstens eine, die sich nicht bei Licht ausmachen läßt. - (licht)

Scham (3)  Die Schamesröte auf den Wangen einer Jungfrau war für das Damen-Conversationslexikon 1835 der »glänzende Faden am Gürtel der Venus«, der »gleich einem himmlischen Thautropfen den zartesten und zugleich reinsten Seelenschmerz birgt«. Es gibt keine »reinere und geistigere Wallung als die, welche bei unzarter Berührung des idealen Selbstbewußtseins die Frauen plötzlich bewegt«.

Und doch haben Männer immer wieder roh an diesem Keuschheitsgürtel herumgefingert, um jenes ideale Selbstbewußtsein aufzuschließen. »Meist errötet man nur bis zum Halse«, enthüllte 1902 der vorwitzige Meyer im Artikel »Schamröte», »viele erröten bis zur Brust, manche auf dem ganzen Körper.« Das Tier kann im Prinzip auch erröten, »es fehlt ihm nur an einer feinfühlig entwickelten Psyche». Brockhaus ließ 1928 seine Blicke bei der ägyptischen »Scham« noch tiefer schweifen: »So schämt sich z. B. die Fellachin, ihr Gesicht zu zeigen, und entblößt ihren Körper, um es verhüllen zu können.« - (lex)

Scham (4)  einmal erhängt er sich, ein andermal sie, hinterm Bahnhof wohnte der Kaura, der schusterte tagsüber und stahl nachts, seine Frau war eine Deutsche, und weil sie überhaupt nicht stehlen konnte, hängte er sich vor Schande an dem Hahnenbalken auf, oder der Chytil! seine Frau ging von Haus zu Haus und verkaufte Hemden und klaute dabei, bis Polizisten sie eines Tages brachten und ihm nichts anders übrigblieb, als sich vor lauter Scham aufzuhängen, der lackierte Korec wiederum, er war Beamter bei der Krankenversicherung und hatte seinen Sohn zum Studium in Olmütz, bekam Besuch vom Doktor Karafiát, und der sagte, Herr Korec, die Leute beschweren sich, daß sie keine Krankengelder kriegen, was ist das für eine Ordnung? schließlich rückte der Korec mit der Wahrheit heraus, er habe die Gelder genommen und seinem Sohn fürs Studium geschickt, worauf der Doktor erwiderte, daß ihn das nichts angehe, auch wenn er es verstehe, und so nahm Korec eine Sense und trank wie ein Opferlamm des alten Österreich einen Liter Rum und schnitt sich hinter der Scheune die Kehle durch - (hra)

Scham (5)  Eines Tages betrat ein sehr reicher, aber ›wohlanständiger‹ Mann, der das Leben kannte, auch weil er in den Genuß von Vergnügungen und unwichtigen, kostspieligen Dingen kam, sein weitläufig angelegtes Haus mit der Absicht, seiner Frau ›begreiflich zu machen‹, daß er sie nicht mehr liebe, obwohl er sie noch sehr gern habe. Schon unzählige Male hatte er versucht, dies zu tun, aber immer war im letzten Augenblick etwas dazwischen gekommen, und vielleicht war es jetzt schon gar nicht mehr notwendig, es ihr begreiflich zu machen, vielleicht wußte seine Frau es längst, aber der fragliche Mann befand sich an jenem Tag in einem besonderen Gemütszustand, er war unzufrieden mit sich selbst und folglich grausam gegen andere.

Schon seit ungefähr zehn Jahren fühlte er sich nicht mehr zu seiner Frau hingezogen (sie waren beide nicht mehr jung), und dies erweckte in ihm ein Gefühl tiefer Scham vor seiner Frau; ihm schien, als offenbare sie ihm eine vulgäre Seite seiner eigenen Natur. Vor einigen Jahren hatten sie wie zufällig begonnen, in getrennten Zimmern zu schlafen, aber sie wußten beide, daß es nicht ›zufällig‹ geschah, und daß etwas Unmerkliches und Unabwendbares vorgefallen war, das es undenkbar machte, weiterhin in demselben Bett zu schlafen. Ebenso undenkbar war es, sich anders als bekleidet und möglichst immer in Gegenwart anderer Personen zu sehen, die besser nicht zur Familie gehörten.

Je mehr Zeit verging, desto mehr fühlte der Mann in sich die Verpflichtung, seiner Frau etwas zu erklären, von dem er wußte, daß es unerklärlich war, um so unerklärlicher, als die Zeit und die Gewöhnung aneinander, anstatt die natürliche Scham, die sie beide voreinander empfanden, zu mildern, diese so sehr steigerte, daß der Mann sich oft schämte und auch ärgerte, wenn seine Frau ihn im Morgenrock überraschte, oder wenn er gerade aufgewacht war, oder wenn er dabei war, ein Buch zu lesen. In solchen Augenblicken wäre er lieber nur sich selbst oder Fremden begegnet, nicht aber ihr. Mit ihr fühlte er sich nur wohl in Abendrobe, wenn steifer Kragen und Plastron eine schmerzliche und elegante Unnahbarkeit zwischen sie legten, die ›das Geheimnis ihrer beider Faszination‹ war.

Und dennoch berührte er manchmal mit Gefallen ihre Locken oder eines ihrer Kleider aus Crepe Georgette, das er an ihr noch eleganter fand als die elegantesten ihrer übrigen Kleider; manchmal sah er voller Freude, wie sie lachte, und einmal sogar fühlte er einen Stich im Herzen, als sie stolperte und wie ein kurzsichtiges kleines Mädchen fast hingefallen wäre. Aber dieses Wohlgefallen war blutleer, und voller Mißbehagen erinnerte er sich an die Zeit ihrer jungen Liebe, als sie, rundlicher, auf einer Wiese auf ihn wartete, leicht schwitzend, die Achseln unrasiert, bebend wie eine Stute edelster Rasse mit kurzen, roten Haaren, die nur von Locken in Form gehalten wurden, und mit wenig gepflegten Händen, spröde und zittrig, nicht ruhig und cremeweich. Dieses Mißbehagen, das nicht nur von dem Gefühl der Kurzlebigkeit der Dinge, sondern vor allem dem Gefühl der Unmöglichkeit ihrer Erneuerung und Wiederbelebung in denselben Menschen (ihnen beiden) herrührte, nach Meinung des Mannes durch seine Schuld, war der Grund für die Scham, die er ihr gegenüber empfand. - Goffredo Parise, Alphabet der Gefühle. Berlin 1997 (zuerst 1972, 1982)

Scham (6)   Ich habe ein Maß und verliere es oft: das ist dann die Scham - (bleist)

Scham (7) BOSWELL. «Aber schamhaft ist der Mensch doch von Natur aus?»

JOHNSON. «Das läßt sich schwer feststellen, da Menschen ganz im Naturzustand nirgends vorkommen; ich glaube eher, je gesitteter die Menschen sind, um so schamhafter sind sie. Die Franzosen zum Beispiel sind ein unfeines und ungesittetes Volk, auch Damen spucken dort auf den Boden und zerreiben es dann mit dem Fuß. Der Gewinn, den ich aus meinem Aufenthalt in Frankreich zog, war lediglich, daß es mir nachher im eigenen Lande um so besser gefiel. - (johns)

Scham (8)  Gefühl, »in den Boden zu versinken«. Die Bedrohung der ganzen Existenz und Würde, d.h. dessen, was unverkäuflich und nach Verlust nicht wiederzuerlangen ist, ja, nicht die Bedrohung, sondern der Verlust, das ist die Scham. Entstehen aus dieser Gefühlslage Aktionen, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß ein Mensch sich schuldig macht. Er wird hierdurch neuen Grund zur Scham haben. Es entsteht die Scham-Schuld-Spirale. - (klu)

Scham (9)   Wenn man mitten auf der Straße stirbt, herrscht ein grauenhafter Lärm um einen herum. Es ist nicht wahr, daß man einsam stirbt. Unbekannte Gesichter drängen sich nahe heran, fremde Menschen berühren Beine und Arme, um festzustellen, ob der Tod eingetreten ist oder ob es sich lohnt, den Krankenwagen zu holen. Der Gesichtsausdruck von Schwerverletzten und Sterbenden zeigt die gleiche Angst. Und die gleiche Scham. Es mag seltsam erscheinen, aber einen Augenblick vor dem Ende gibt es eine Art Scham. Hier nennen sie das scuorno. Ein bißchen wie Nacktheit in der Öffentlichkeit. Das gleiche Gefühl kommt auf, wenn ein Mensch auf der Straße tödlich getroffen wird. Ich habe mich nie an den Anblick von Ermordeten gewöhnt. Die Notärzte und die Polizisten sind alle ruhig und unerschütterlich, führen ihre auswendig gelernten Bewegungen aus, egal, wen sie vor sich haben. »Wir haben Hornhaut auf dem Herzen, und der Magen ist mit Leder ausgekleidet«, hat mir einmal der blutjunge Fahrer eines Leichenwagens gesagt. - Roberto Saviano, Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. München 2006

Scham (10)   Die Unbefangenheit in der Genitalverehrung leitet über zu dem Schamphänomen. Was wir Europäer als Schamteile bezeichnen, sind keineswegs überall die Teile, deren man sieh schämen zu müssen glaubt. Selbst die Begattungsscham findet sich nicht überall. Es gibt Völker mit spezieller Gesichtsscham, Haarscham, Beinscham, Ernährungsscham, Notdurftscham. Insbesondere erfährt die körperliche Nacktheit durchaus nicht überall die gleiche Beurteilung und Verurteilung.

Auf meiner Weltreise fuhr ich im Zuge von Assuan nach Luxor mit einem englischen Beamten zusammen, der aus dem Sudan kam, wo er 15 Jahre gelebt hatte. Er erzählte mir, daß unter den Eingeborenen Sittlichkeitsverbrechen, insbesondere Vergewaltigungen erst vorgekommen seien, seit ihnen die Engländer vor einigen Jahren das von altersher gebräuchliche Nacktgehen verboten hätten. - Magnus Hirschfeld, Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32. Frankfurt 2006 (zuerst 1933)

Scham (11)  Thomas von Aquin stellte nach einer mystischen Erfahrung beim Zelebrieren der Messe in Neapel Feder und Tinte beiseite und überließ die Vollendung der letzten Kapitel seiner Summa Theologica einer anderen Hand. »Die Tage meines Schreibens«, stellte er fest, »sind vorüber; denn solche Dinge sind mir offenbart worden, daß alles, was ich geschrieben und gelehrt habe, mir von nur geringem Wert erscheint, weshalb ich in meinem Gott hoffe, daß so, wie das Ende meines Lehrens gekommen ist, bald das meines Lebens kommen möge.« Bald darauf, in seinem neunundvierzigsten Jahr, starb er. - Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten.  Frankfurt am Main 1978 (st 424, zuerst 1949)

Scham (12)   Die Zeugung ist in Beziehung auf den Erzeuger nur der Ausdruck, das Symptom, seiner entschiedenen Bejahung des Willens zum Leben: in Beziehung auf den Erzeugten ist sie nicht etwan der Grund des Willens, der in ihm erscheint, da der Wille an sich weder Grund noch Folge kennt; sondern sie ist, wie alle Ursache, nur Gelegenheitsursache der Erscheinung dieses Willens zu dieser Zeit an diesem Ort. Als Ding an sich ist der Wille des Erzeugers und der des Erzeugten nicht verschieden; da nur die Erscheinung, nicht das Ding an sich, dem principio individuationis unterworfen ist. Mit jener Bejahung über den eigenen Leib hinaus, und bis zur Darstellung eines neuen, ist auch Leiden und Tod, als zur Erscheinung des Lebens gehörig, aufs Neue mitbejaht und die durch die vollkommenste Erkenntnißfähigkeit herbeigeführte Möglichkeit der Erlösung diesmal für fruchtlos erklärt. Hier liegt der tiefe Grund der Schaam über das Zeugungsgeschäft.  - (wv)

Scham (13)   

- Leone Frollo (?)

Scham (14)   Die edelsten Geister sind besonders anfallig. Aristoteles ertränkte sich vor Kummer und Scham in der Meerenge von Euripus, weil er die Natur der Wasserbewegung nicht zu ergründen vermochte. Homer schämte sich zu Tode, weil er das Rätsel des Fischers nicht lösen konnte. Sophokles beging Selbstmord, weil eine seiner Tragödien ausgezischt und abgesetzt wurde. Lukretia erdolchte sich wie auch Kleopatra, um der Schande zu entgehen, als Gefangene im Triumphzug mitgeführt zu werden. Als Antonius geschlagen war, saß er drei Tage lang auf dem Vorderschiff ohne mit Kleopatra oder einem anderen Menschen zu sprechen, und legte dann wegen der Schmach Hand an sich. Apollonios Rhodios ging freiwillig in die Verbannung, verließ sein Land und seine teuren Freunde, weil er beim Rezitieren seiner Gedichte steckenblieb. Aias verlor den Verstand, als seine Beutewaffen dem Odysseus zugesprochen wurden. In China ist es gang und gäbe, daß diejenigen, die bei den berühmten Mandarinenexamen durchfallen, vor Kummer und Scham wahnsinnig werden, wie Matthäus Riccius berichtet. Und der Mönch Hostratus nahm sich das Buch, das Reuchlin unter dem Titel Dunkdmännerbriefe gegen ihn geschrieben hatte, so zu Herzen, daß er seinem Leben ein Ende setzte. Ein würdevoller und gebildeter Geistlicher, Pfarrer im holländischen Alkmaar, machte eines Tages einen Spaziergang durch die Felder, um sich zu entspannen, als er plötzlich Durchfall bekam. Er zog sich also notgedrungen in den nächsten Graben zurück, wurde aber bei seinem Geschäft von einigen Damen aus sei­ner Pfarrei überrascht, die ebenfalls des Weges kamen. Das beschämte ihn so, daß er sich nie wieder in der Öffentlichkeit sehen ließ und auf die Kanzel stieg, sondern, melancholisch geworden, dahinsiechte. - (bur)

Oberbegriffe
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Unterbegriffe
{?}
VB

Schamlosigkeit

Synonyme
{?}