ache  So ist es mit einigen Nattern und den geflügelten Schlangen in Arabien. Wenn sie entständen, wie ihre Natur es ihnen erlaubt, dann könnten die Menschen nicht mehr bestehen.

Nun aber, wenn sie sich paaren und das Männchen grade dabei ist und den Samen ausstößt, packt das Weibchen es am Hals und beißt sich fest und läßt nicht los, bis es ihn durchgebissen hat. Das Männchen stirbt also auf die besagte Art, das Weibchen aber hat Buße zu zahlen für das Männchen, und zwar so: Die Kinder rächen ihren Vater noch im Mutterleib und beißen sich durch die Mutter, und wenn sie sich durchgefressen haben durch ihren Leib, haben sie so ihren Ausschlupf. - (hero)

Rache (2) Artaxerxes mit dem Beinamen Ochos soll durch die Nachstellungen des Eunuchen Bagoas, der ein Ägypter war, getötet, in Stücke geschnitten und den Katzen vorgeworfen worden sein. An seiner Stelle wurde ein anderer begraben und in der königlichen Gruft beigesetzt.

Doch Bagoas genügte es nicht, Ochos getötet zu haben, er machte auch aus seinen Schenkelknochen Dolchgriffe, wodurch er seine Mordlust zeigte. Er haßte Ochos, weil der bei seinem Aufenthalt in Ägypten ebenfalls, wie früher schon Kambyses, den Apisstier getötet hatte. - (ael)

Rache (3)  Der Charakter von Lope de Aguirre wird am besten illustriert mit einer Anekdote aus der Chronik des Garcilaso de la Vega, der berichtet, Aguirre habe 1548 einem Zug Soldaten angehört, der indianische Sklaven von den Minen bei Potosi [Bolivien] zu einem Depot der Krone eskortierte. Die Indianer waren mit unzulässig großen Mengen Silber beladen. Aguirre wurde von der örtlichen Behörde wegen Unterdrückung der Indianer verhaftet und statt zu einer Geldbuße zu 200 Peitschenschlägen verurteilt. »Als der Soldat Aguirre davon erfuhr, beschwor er den Alkalden, die Hiebe seien für ihn gleichbedeutend mit dem Tod, da er von edler Geburt sei ... All das beeindruckte den Alkalden nicht, der anordnete, ein Lasttier zu holen und das Urteil zu vollstrecken. Das Tier wurde zum Gefängnis gebracht und Aguirre darauf festgebunden ... Das Tier wurde angetrieben, und Aguirre erhielt seine Peitschenschlage ... «Nachdem man ihn losgebunden hatte, bekundete Aguirre seine Absicht, den Alkalden Esquivel, der ihn verurteilt hatte, zu töten. Esquivels Amtszeit lief aus, und er floh ins 960 Meilen entfernte Lima. Doch innerhalb von 15 Tagen hatte ihn Aguirre dort aufgespürt. Der verängstigte Richter ging nach Quito, weitere 1200 Meilen entfernt, doch 20 Tage später war Aguirre dort.

»Als Esquivel von Aguirres Ankunft erfuhr«, so Garcilaso, »legte er noch einmal 1500 Meilen zurück und ging nach Cuzco; aber nach wenigen Tagen war auch Aguirre dort. Er hatte die Strecke ohne Schuhe zu Fuß zurück-gelegt, weil ein ausgepeitschter Mann, wie er sagte, nichts auf einem Pferd zu suchten hat und sich auch nicht dort aufhalten kann, wo andere seiner ansichtig werden können. Auf diese Weise verfolgte Aguirre seinen Richter drei Jahre und vier Monate.« Der Jagd müde, blieb Esquivel schließlich in Cuzco, denn die Stadt war unter einem so strengen Regiment, daß er glaubte, dort vor Aguirre sicher zu sein. Er nahm sich ein Haus in der Nähe der Kathedrale und wagte sich nie ohne Schwert und Dolch nach draußen.

»Doch an einem Montag betrat Aguirre gegen Mittag das Haus, durchquerte den Flur, ein Wohnzimmer und kam in ein Hinterzimmer, wo der Richter seine Bücher auf bewahrte. Dort fand er Esquivel, eingeschlafen über einem Buch, und erstach ihn. Der Mörder machte sich auf den Rückweg, doch an der Haustür merkte er, daß er seinen Hut vergessen hatte, und besaß die Frechheit umzukehren und ihn zu holen. Dann ging er seelenruhig auf die Straße.« - THE GOLDEN DREAM: SEEKERS OF THE ELDORADO, VON WALKER CHAPMAN, 1967, nach (macht)

Rache (4) Einsmals hieß mich die Magd einen lausigen Landschuften und Kratzhansen, da schmiß ich in ihrem Absein wohl eine ganze Handvoll tote Fliegen in den Kraut- und Fleischtopf, und als das Essen so unsauber auf den Tisch kam, konnte sich der Schulmeister abscheulich darüber zereifern und schlug also die Magd eine Treppe hinunter, die andere wieder hinauf. Wenn er sich unterweilen einen roten Vigerner Wein, welchen er überaus gerne trank, holen ließ und etwan zu der Stube ging, da raufte ich mir selbst die Haare aus dem Kopfe und schmiß solche heimlich in das Geschirr, denn ich wußte, daß er nichts essen noch trinken konnte, worinnen er nur das allergeringste Härlein fand. Solchermaßen bekam ich den Wein zu saufen, und er ließ sich einen frischen holen. Er hatte seine Instrumenten, als Clavicimbel, Lauten, Geigen und Clavichordien, kaum so bald bezogen, als ich dort und dar die Saiten wieder hinweggerissen. Ich ließ es auch nicht bei dem bleiben, sondern zerschnitt ihm Mantel, Rock und Hosen, und was ich nur an einer Wand hangen sah, darüber wischte ich mit meinem Taschenmesser her und zerlästerte fast alles, was mich ankam. Wenn der Küfer kam und die Faß ausbesserte, so satzte sich die Schulmeisterin gemeiniglich auf eine Bank, daselbsten dem Arbeiter zuzusehen, und indem er mit seinen Gesellen zu klopfen anfing, nahm ich einen Stein und Nagel, und damit nagelte ich die Schulmeisterin unter währendem Klopfen der Küfer perfect an die Bank, und wenn sie hernach wieder davongehen wollte, so schleppte sie entweder die Bank hintennach, oder sie riß ein Loch in den Rock.  - Johann Beer, Die teutschen Winter-Nächte & kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt am Main 1985 (it 872, zuerst 1682, Hg. Richard Alewyn)

Rache (5)  »Es ist nicht genug«, schrieb Gallienus, dieser weichliche aber unmenschliche Fürst, »daß Du Diejenigen ausrottest, welche gegen mich in Waffen erschienen sind: eine Schlacht hätte mir eben so wirksam dienen können. Das männliche Geschlecht jedes Alters muß weggetilgt werden, vorausgesetzt, daß Du bei Hinrichtung der Kinder und Greise es so anstellen kannst, daß unser Ruf gerettet bleibt. Laß Jeden tödten, der gegen mich, gegen mich, den Sohn des Valerian, den Vater und Bruder so vieler Fürsten, ein Wort hat fallen lassen, oder einen Gedanken gehegt. Gedenke, daß Ingenuus zum Kaiser gemacht worden ist: zerfleische, tödte, haue in Stücke. Ich schreibe mit eigner Hand, und wünsche dir meine Gefühle einzuflößen.«   - Edward Gibbon, Verfall und Untergang des Römischen Reiches. Nördlingen 1987 (Die Andere Bibliothek 29, zuerst 1776 bis 1788)

Rache (6)   Nach dem Tod des Aiolos bemächtigte sich Salmoneus des thessalischen Throns. Sisyphos, der der rechtmäßige Erbe war, wandte sich an das Orakel in Delphi. Dort wurde ihm gesagt: «Zeuge mit deiner Nichte Kinder; sie werden dich rächen!» Daraufhin verführte er Tyro, die Tochter des Salmoneus. Als Tyro erkannte, daß er die Tat nicht aus Liebe zu ihr begangen hatte, sondern aus Haß gegen ihren Vater, tötete sie die beiden Söhne, die sie ihm geboren hatte. Da betrat Sisyphos den Marktplatz von Larissa, zeigte die toten Körper, beschuldigte fälschlicherweise Salmoneus der Inzucht und des Mordes und ließ ihn aus Thessalien verjagen.  - (myth)

Rache (7)  Larcius Macedo, ein Mann vom Rang eines Prätors,  ein hochmütiger und wilder Mann, der sich zu wenig oder vielmehr zu sehr daran erinnerte, daß sein Vater als Sklave gedient hatte, badete in seinem Landhaus in Formiae, als plötzlich die Sklaven um ihn herumstehen. Einer geht auf seine Kehle los, ein anderer schlägt seinen Mund, ein weiterer stößt ihn gegen die Brust und den Mangen und sogar - scheußlich zu sagen - die Geschlechtsteile. Und, sobald sie ihn für leblos halten, werfen sie ihn auf den heißen Fußboden, um zu prüfen, ob er noch lebte. Jener erfüllte sie mit der Sicherheit des eintetretenen Todes, weil er unbeweglich und ausgestreckt dalag, sei es, weil er es nicht fühlte, sei des, weil er vortäuschte, es nicht zu fühlen. Dann schließlich wird er hinausgetragen, als wäre er durch die Hitze erstickt.  
Es nehmen ihn die treueren Sklaven, seine Geliebten laufen mit Heulen und Geschrei mit. So wird er durch die Stimmen geweckt und wiederbelebt durch die Kühle des Ortes; mit geöffneten Augen und bewegtem Körper gibt er zu erkennen, daß er lebt (es war schon sicher). Die Sklaven fliehen auseinander; ein großer Teil von ihnen wurde ergriffen, die übrigen sucht man. Er selbst wurde nur für wenige Tage kaum mehr wiederbelebt und starb nicht ohne den Trost der Rache, so als Lebender gerächt, wie es sonst nur bei Ermordeten üblich ist.  -
Plinius der Ältere, Briefe

Rache (8)

1

Unter dem Felsen am Wege
Erschlagen liegt er,
In dessen Blut
Kein Tau herabträuft.

2

Große Last legt' er mir auf
Und schied;
Fürwahr, diese Last
Will ich tragen.

3

„Erbe meiner Rache
Ist der Schwestersohn,
Der Streitbare,
Der Unversöhnliche.

4

Stumm schwitzt er Gift aus,
Wie die Otter schweigt,
Wie die Schlange Gift haucht,
Gegen die kein Zauber gilt."

5

Gewaltsame Botschaft kam über uns,
Großen, mächtigen Unglücks;
Den Stärksten hätte sie
Überwältigt.

6

Mich hat das Schicksal geplündert,
Den Freundlichen verletzend,
Dessen Gastfreund
Nie beschädigt ward.

7

Sonnenhitze war er
Am kalten Tag,
Und brannte der Sirius,
War er Schatten und Kühlung.

8

Trocken von Hüften,
Nicht kümmerlich,
Feucht von Händen,
Kühn und gewaltsam.

9

Mit festem Sinn
Verfolgt' er sein Ziel,
Bis er ruhte;
Da ruht' auch der feste Sinn.

10

Wolkenregen war er,
Geschenke verteilend;
Wenn er anfiel,
Ein grimmiger Löwe.

11

Staatlich vor dem Volke,
Schwarzen Haares, langen Kleides,
Auf den Feind rennend
Ein magrer Wolf.

12

Zwei Geschmäcke teilt' er aus,
Honig und Wermut,
Speise solcher Geschmäcke
Kostete jeder.

13

Schreckend ritt er allein,
Niemand begleitet' ihn
Als das Schwert von Jemen,
Mit Schatten geschmückt.

14

Mittags begannen wir Jünglinge
Den feindseligen Zug,
Zogen die Nacht hindurch,
Wie schwebende Wolken ohne Ruh.

15

Jeder war ein Schwert,
Schwertumgürtet,
Aus der Scheide gerissen
Ein glänzender Blitz.

16

Sie schlürften die Geister des Schlafes,
Aber wie sie mit den Köpfen nickten,
Schlugen wir sie,
Und sie waren dahin.

17

Rache nahmen wir völlige;
Es entrannen von zwei Stämmen
Gar wenige,
Die wenigsten.

18

Und hat der Hudseilite,
Ihn zu verderben, die Lanze gebrochen,
Weil er mit seiner Lanze
Die Hudseiliten zerbrach.

19

Auf rauhen Ruhplatz
Legten sie ihn,
An schroffen Fels, wo selbst Kamele
Die Klauen zerbrachen.

20

Als der Morgen ihn da begrüßt',
Am düstern Ort, den Gemordeten,
War er beraubt,
Die Beute entwendet.

21

Nun aber sind gemordet von mir
Die Hudseiliten mit tiefen Wunden.
Mürbe macht mich nicht das Unglück,
Es selbst wird mürbe.

22

Des Speeres Durst ward gelöscht
Mit erstem Trinken,
Versagt war ihm nicht
Wiederholtes Trinken.

23

Nun ist der Wein wieder erlaubt,
Der erst versagt war,
Mit vieler Arbeit
Gewann ich mir die Erlaubnis.

24

Auf Schwert und Spieß
Und aufs Pferd erstreckt ich
Die Vergünstigung,
Das ist nun alles Gemeingut.

25

Reiche den Becher denn,
Oh! Sawad Ben Amre:
Denn mein Körper um des Oheims willen
Ist eine große Wunde.

26

Und den Todeskelch
Reichten wir den Hudseiliten,
Dessen Wirkung ist Jammer,
Blindheit und Erniedrigung.

27

Da lachten die Hyänen
Beim Tode der Hudseiliten.
Und du sahest Wölfe,
Denen glänzte das Angesicht.

28

Die edelsten Geier flogen daher,
Sie schritten von Leiche zu Leiche,
Und von dem reichlich bereiteten Mahle
Nicht in die Höhe konnten sie steigen.

- Unbekannter Araber, nach: Goethe, Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Östlichen Divans (zuerst 1819)

Rache (9)  Schauerlich wird es, wenn erst die Dinge lebendig werden, zur Revanche sich aufstemmen, Spießruten, wenn der Mensch gerichtet wird. Dann mag ihn seine eigene Visage angrinsen. Der Höllensturz, die große Revolution des Seelenlosen gegen die Entseelten. Wo Schoßhündchen die Damen an der Leine führen, Sänger in Käfige gesperrt hüpfen, Tramways sich heiraten, Fische die Fischer angeln, Federhalter ihren Herren erstechen. - Carlo Mierendorff, nach: Vom Geheimnis der alltäglichen Dinge. Hg. Johannes Werner. Frankfurt am Main 1998

Rache (10)  Sich rächen wollen und sich rächen. — Einen Rachegedanken haben und ausführen heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen. -  Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Stuttgart 1964 (zuerst 1878)

Rache (11)  In der Stadt Waldshut am Rhein, in der Diözese Konstanz, lebte eine Hexe, die den Einwohnern sehr verhaßt war und auch zu einer Hochzeitsfeier nicht eingeladen wurde, während doch fast alle Einwohner derselben beiwohnten. Voll Zorn und Rachbegierde ruft sie den Dämon an und sagt ihm dem Grund ihrer Traurigkeit, bittet auch, daß er einen Hagel erregen und alle Leute im Hochzeitszuge damit treffen möchte. Jener sagte zu, hob sie hoch und führte sie vor den Augen einiger Hirten durch die Luft hinweg, zu einem Berge nahe der Stadt. Da ihr, wie sie später gestand, das Wasser fehlte, um es in eine Grube zu gießen, (welches Mittel sie, wie sich zeigen wird, beobachten, wenn sie Hagel erregen), da ließ sie selbst in die Grube, die sie gemacht hatte, ihren Urin an Stelle des Wassers hinein und rührte das nach der gewöhnlichen Sitte in Gegenwart des Dämons mit dem Finger um. Dann warf der Dämon die feuchte Masse plötzlich in die Luft und schickte einen Hagelschlag mit gewaltigen Schloßen, aber bloß über die Hochzeitler und Städter. Als diese dadurch auseinander gejagt waren und sich dann gegenseitig über die Ursache besprachen, kehrte die Hexe nach der Stadt zurück, weshalb der Verdacht noch mehr bestärkt ward. Als aber jene Hirten berichtet, was sie gesehen hatten, da wuchs der Verdacht gegen die Verbrecherin gewaltig. Sie ward also verhaftet und gestand, daß sie jene Tat deshalb verübt hätte, weil sie nicht eingeladen worden war. Wegen vieler anderer Hexentaten, die sie vollbracht hatte, ward sie eingeäschert. - Jakob Sprenger, Hexenhammer (1487), nach (bisch)

Rache (12)  Dies der Grundgedanke: ich mußte, und zwar mit dem Instrumentarium meiner eigenen Demütigung, eine Frau völlig verstören, verletzen, in ihren zartesten und empfindlichsten Gefühlen erniedrigen und mich solcherart an allen rächen; in ihrer Seele eine möglichst unheilbare Wunde aufreißen. Anders ausgedrückt, ich mußte sie sterblich in mich verliebt machen, und wenn sie dann wirklich soweit war, ihr meine Behinderung offenbaren oder sie von ihr selbst feststellen lassen; der schwere Schlag, den sie dadurch bekäme, ihr Außerstandesein, mit ihrer Liebe ein körperliches Gebrechen (obgleich ich heute sehr wohl weiß, daß es nicht nur ein solches ist) des Geliebten zu überwinden, dies alles würde dann meinen Sieg bedeuten. - Tommaso Landolfi, Ewige Provinz, nach (land)

Rache (13)   Der Fürst N ... schlägt  ihm die Hand seiner Tochter, der Prinzessin, just in dem Augenblick vor, in dem der Herzog von Lucca seinen Günstling mit seiner Tante, der verwitweten Königin von Neapel verheiraten will. »Aber Sie werden einsehen, daß ich meine Gründe habe«, sagt N ... zu ihm. »Meine Tochter ist nämlich schwanger.« La Roche-Pouchin heiratet sie.

Ein paar Tage darauf tritt er ins Zimmer seiner Frau. »Madame, ich wußte, daß Sie schwanger sind, aber ich wußte nicht, daß Sie auch krank sind, und ich bin es jetzt. Das hatte man mir vorenthalten; ich bringe Ihnen aber zur Kenntnis, daß Sie an der Krankheit sterben werden.« Von da an strengste Überwachung, die Dienerschaft ist bestochen, um keinerlei Arznei und keinen Arzt zu seiner Frau einzulassen. Allerdings war er gezwungen, sie manchmal in Gesellschaften zu führen. Der junge und schöne Herzog von Bentivoglio war in sie verliebt; im Ballgespräch bei einem Kontertanz sagt sie zu ihm: »Ich will Ihnen gern angehören, aber ich bin krank; Sie werden es werden, Sie werden mir Ihre Arzneien zustecken.« Sie schlafen zusammen, aber er steckt sich nicht an, geht aber zu seinem Arzt und sagt ihm, er habe die Lues. Da der Arzt nichts feststellt, gibt er ihm nur harmlose Mittel, die der Herzog in der Kirche Madame Pouchin zusteckt. La Roche-Pouchin ist zwar ein wenig eifersüchtig, doch er beruhigt sich, als er Bentivoglio immer ausreiten sieht. Bentivoglio verreist, beauftragt Plonplon (den Prinzen Napoleon, Sohn von Jérôme) Vermittler für seine Korrespondenz zwischen ihr und ihm zu sein.

Als Plonplon einmal in der Loge von Madame ist, sagt sie zu ihm: »Sie betreiben ein für einen Prinzen ziemlich merkwürdiges Geschäft! Und dazu auch noch für einen anderen . . .« - »Ich täte es sehr gern für mich selbst!« antwortet Plonplon. »Ganz einfach, töten Sie meinen Gatten, und ich werde Ihnen gehören. Ich bin krank . . .«usf. Der Gatte kommt in die Loge zurück, Plonplon beleidigt ihn, der andere antwortet, Plonplon versetzt ihm eine Ohrfeige, aber er selbst trägt eine Platzwunde an der Stirn vom Opernglas des Beleidigten davon.

Plonplon geht mit ihr ins Bett, erwischt die Lues, wegen der Ricord (ein Spezialist für die Syphilis) ihn heute noch behandelt. Er steckt ihr die Arzneien zu. Während acht Monaten wird das Duell stets durch die Dazwischenkunft der Gendarmen verhindert. Endlich stellt der König von Württemberg, ein Verwandter Jerömes, der das Duell wünscht, das Gebiet seiner Staaten zur Verfügung. La Roche-Pouchin wird am Arm leicht verwundet. Während seiner Abwesenheit liebt der schönste aller griechischen Prinzen Madame und bringt ihr Arzneien, er verschafft sich einen Schlüssel und kommt auch nachts. La Roche-Pouchin wird bei seiner Rückkehr davon informiert, läßt in seinem Palais mit riesigen Türen von Gaza die Angeln seiner Bronze-Tür entfernen, und sie fällt auf den griechischen Prinzen, als er den Schlüssel ins Schlüsselloch steckt, bricht ihm die Wirbelsäule. Acht Tage lang dauert es, bis er stirbt, während seine untere Körperpartie schon in Verwesung übergeht. Und die Frau, strenger überwacht als je, ohne Arznei und ohne Liebhaber, stirbt von der Seuche zerfressen, nachdem ihr Haare und Zähne ausgefallen sind. - (gon)

Rache (14)  Ein ellenlanger pechschwarzer Regenwurm beschloß, dem Besitzer des Bauernhofs, auf dem er lebte, einen Streich zu spielen. Er wußte, daß die Menschen sich vor den Würmern ekeln und hatte beschlossen, sich dafür zu rächen.

Während der Nacht erklomm der Regenwurm mühsam die Treppe des Hauses und erreichte das Zimmer des Bauern. Unter dem Bett standen seine Schuhe. Der Regenwurm entfernte den schwarzen Schnürsenkel von einem Schuh und bezog seinen Platz, indem er durch die Löcher schlüpfte. Dabei lachte er sich schon ins Fäustchen, weil er an das ekelverzerrte Gesicht des Bauern dachte, wenn er die Sache am nächsten Morgen merkte.

Der Bauer wachte sehr früh auf und zog schlaftrunken mit halbgeschlossenen Augen seine Schuhe an, wobei er in den pechschwarzen Regenwurm, der wirklich wie ein Schnürsenkel aussah, einen Doppelknoten machte. Dann verließ er das Haus und ging zur Arbeit aufs Feld. Dem doppelt verknoteten Wurm gelang es den ganzen Tag über nicht, sich aus dem Schuh zu befreien. - (ma2)

Rache (15)   Jahrelang verfolgte er sie, und nicht nur mit Briefen. Er mußte sich an ihr rächen, wußte bloß nicht, wie. Rache, das war während jener Zeit sein fast alleiniger Gedanke.

Doch nie fiel ihm zu dem Gedanken eine mögliche Handlung ein. Weder Töten, nicht einmal Schlagen, noch Vergewaltigen kamen bei der Frau da in Frage, weder Hausanzünden noch - das einzige, was er flüchtig erwogen hatte - Entführen ihres Kindes. Blieb nur das Warten, daß ihre Strafe von anderer Seite vollstreckt würde, von emem ähnlich ins Unglück Gestürzten, oder meinetwegen vom Himmel oder, am besten, von ihr selbst, denn ihr Schuldgefühl ihm gegenüber mußte doch mit der Zeit unerträglich werden; in Gedanken an das über ihn verhängte Unrecht konnte sie nur eines hoffentlich baldigen Tages sich aus der obersten Etage ihres Bürohauses in den Zusammenfluß der beiden Flüsse stürzen oder, noch berückenderer Gedanke, wahnsinnig werden.  - Peter Handke, Der Bildverlust. Frankfurt am Main 2002

Rache (16) Bald jährte sich  der Tag, an dem Huangs Vater umgebracht worden war. Huang ging auf Yuan zu, ergriff sein Schwert und sagte mit zorniger Miene: »Yuan Drei, hast du nicht vor önem Jahr an diesem Tage meinen Vater ermordet? Wer mordet, muß sterben!» Und damit zog er ihm sein Gewand aus, fesselte ihn wie ein zürn Opfer bestimmtes Schwein und legte An in einen Weidenkorb, den er am Grabe seines Vaters niedersetzte. Alsdann brachte er ein Weinopfer dar und sprach unter schmerzlichen Klagen seine Opferrede. Als er damit fertig war, schlitzte er Yuans I,eib auf und nahm Herz und lieber heraus, verbrannte sie und begrub die Asche.

Nun stand etwa drei Meilen vom Hause des Huang entfernt ein Weidenbaum, unter dem seinerzeit sein Vater den Tod gefunden hatte. An diesem Baum hing Huang den Kopf des Yüan auf und kehrte dann wieder heim.

Ein halbes Jahr später wurde in seinem Hof ein Esel mit schwarzem Fell geboren, der sehr kräftig und willig war. Jemand wollte ihn um zehn Geldstücke kaufen, doch Huang mochte das Tier nicht hergeben. Eines Tages ritt er auf dem Esel in die Kreisstadt und kam auf dem Rückweg auch an jenem Weidenbaum vorbei. Da fing der Esel plötzlich mit menschlicher Stimme an zu sprechen: «Ich bin der dritte Yüan. Ich habe deinen Vater getötet und dadurch meinen Tod verdient. Aber wozu warst du so grausam, mir den Leib aufzuschneiden und mich zu schlachten?» Unter diesen Worten schnappte der Esel nach Huangs linkem Bein und warf ihn zu Boden. Dann biß er ihn so, daß an Schultern und Rücken keine heile Stelle mehr blieb, und zerbiß ihm auch einen Arm. Wenn nicht Huangs Mütze verrutscht wäre und seinen Hals geschützt hätte, so hätte das Tier ihm sogar die Gurgel durchgebissen. Nachdem Huang so mit knapper Not dem Tode entronnen war, konnte er sich gerade noch schnell in einen ausgetrockneten Brunnen wälzen, der sich dort befand. Der Esel aber schaute in den Brunnen hinunter und begann, um den Brunnen herumzulaufen, immer wieder, und das Blut Huangs, das am Brunnenrand klebte, aufzulecken. - Aus: Die Goldene Truhe. Chinesische Novellen aus zwei Jahrtausenden. München 1961

Rache (17)  Ich achte die Rache an sich. Auf ihr bauen sich alle großen Gefühle auf, und auch die Liebe macht da keine Ausnahme. Aber ich kann nur akzeptieren, wenn jemand in der ersten Anwandlung des Zornes Rache nimmt. Im Zorn ist man moralisch blind. Oder es rächt sich einer kaltblütig, weil er weiß, er wird nicht bestraft. Das ist nicht die Haarspalterei des Feiglings, mein Lieber, was ich Ihnen da sage, sondern die Überlegung eines erfahrenen Mannes. In dem Moment, wo Sie aufhören, sich von der Leidenschaft blenden zu lassen, werden Sie auch frei von der Idee des Mordes um des Mordes willen. Dann haben Sie plötzlich nicht mehr ein vages Etwas vor sich; es gehen Ihnen vielmehr die Augen auf für die Gemeinheit, die Niedrigkeit Ihres Gegenübers, und Sie müssen sich sagen, daß Ihr Leben mehr wert ist als dasjenige dieser Kanaille. Versteifen Sie sich auf den Gedanken einer Rache um jeden Preis, dann tun Sie das aus irgendeiner falschen Scham sich selbst gegenüber, aus einer Art fanatischer Halsstarrigkeit. Sie haben sich geschworen, eine bestimmte Tat zu begehen, und Sie wollen Wort halten. Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Man soll sich nie festlegen, und schon gar nicht durch Schwüre, die man seinem eigenen Ich leistet. So was kommt immer teuer zu stehen. Sie werden sagen, es sei eine große Schwäche, vor den Folgen einer Tat zurückzuschrecken, der man entgegenfiebert. Da haben Sie recht. Aber wenn die Folgen mehr Unannehmlichkeiten bringen als die Tat an freudiger Genugtuung, dann finde ich diese Schwäche sehr menschlich, sehr einleuchtend. Sie zeugt sogar von Mut; sie geht von der nüchternen Einschätzung der Dinge aus und befreit sich vom trügerischen Vorsatz. Die Stoa hat behauptet, Leiden sei kein Übel. Die Stoiker waren groteske Schwachköpfe.  - Georges Darien, Der Dieb. Nördlingen 1989 (Die Andere Bibliothek 54, zuerst 1897)

Rache (18)  „Rache"— das Verlangen nach Vergeltung — ist nicht das Gefühl, daß Unrecht geschehen sei, sondern daß ich besiegt bin — und daß ich mit allen Mitteln jetzt meine Geltung wiederherstellen muß.   - Friedrich Nietzsche, "Die Unschuld des Werdens" (Nachlaß)

Gefühle, unfreundliche

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Verwandte Begriffe
Vergeltung
Synonyme