Spinnerin   Die Luft war wie ein ungeheurer Schatten; am Himmel stand ein schwarzer strahlender Körper. Man konnte alles auf das deutlichste unterscheiden, weil jede Figur einen anderen Anstrich von Schwarz zeigte, und einen lichten Schein hinter sich warf; Licht und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben. Fabel freute sich in einer neuen Welt zu seyn. Sie besah alles mit kindlicher Neugierde. Endlich kam sie an das Thor, vor welchem auf einem massiven Postument eine schöne Sphinx lag.

Was suchst du? sagte die Sphinx. Mein Eigenthum, erwiederte Fabel. - Wo kommst du her? - Aus alten Zeiten. - Du bist noch ein Kind - Und werde ewig ein Kind seyn. - Wer wird dir beystehn? - Ich stehe für mich. Wo sind die Schwestern, fragte Fabel? - Überall und nirgends, gab die Sphinx zur Antwort. - Kennst du mich? - noch nicht. - Wo ist die Liebe? - In der Einbildung. - Und Sophie? - Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin, und rauschte mit den Flügeln. Sophie und Liebe, rief triumphirend Fabel, und ging durch das Thor. Sie trat in die ungeheure Höhle, und ging frölich auf die alten Schwestern zu, die bey der kärglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschäft trieben. Sie thaten nicht, als ob sie den kleinen Gast bemerkten, der mit artigen Liebkosungen sich geschäftig um sie erzeigte. Endlich krächzte die eine mit rauhen Worten und scheelem Gesicht: Was willst du hier, Müßiggängerin? wer hat dich eingelassen? Dein kindisches Hüpfen bewegt die stille Flamme. Das Öl verbrennt unnützer Weise. Kannst du dich nicht hinsetzen und etwas vornehmen? - Schöne Base, sagte Fabel, am Müßiggehn ist mir nichts gelegen. Ich mußte recht über eure Thürhüterin lachen. Sie hätte mich gern an die Brust genommen, aber sie mußte zu viel gegessen haben, sie konnte nicht aufstehn. Laßt mich vor der Thür sitzen, und gebt mir etwas zu spinnen; denn hier kann ich nicht gut sehen, und wenn ich spinne, muß ich singen und plaudern dürfen, und das könnte euch m euren ernsthaften Gedanken stören. - Hinaus sollst du nicht, aber in der Nebenkammer bricht ein Strahl der Oberwelt durch die Felsritzen, da magst du spinnen, wenn du so geschickt bist; hier liegen ungeheure Haufen von alten Enden, die drehe zusammen; aber hüte dich: wenn du saumselig spinnst, oder der Faden reißt, so schlingen sich die Fäden um dich her und ersticken dich. - Novalis, Heinrich von Ofterdingen (Klingsohrs Märchen)

Spinnerin (2)  Für uns waren die Moirai Spinnerinnen, Klothes, obwohl nur die erste Klotho heißt. Die zweite heißt Lachesis, die »Zuteilerin«, die dritte Atropos, die »Unabwendbare«. Homer spricht meist nur von einer Moira,von einer einzigen »starken«,»schwer zu ertragenden«, »vernichtenden«, spinnenden Göttin. Was die Moirai spinnen, sind unsere Lebenstage, von denen einer unentrinnbar zum Todestage wird. Welche Länge des Fadens sie einem Sterblichen zuteilen, hängt nur von ihnen ab, nicht einmal Zeus kann daran etwas ändern. Er kann höchstens seine goldene Waage nehmen, am besten in der Mittagsstunde, und daran ermessen, wessen Tag völlig untergehen wird, beispielsweise, wenn zwei Gegner sich im Kampfe gegenüberstehen. Die Macht der Moirai stammt wahrscheinlich von einer älteren Zeit her als die Herrschaft des Zeus. Und sie bilden nicht immer eine Dreiheit. Bei der Hochzeit der Göttin Thetis mit dem sterblichen Peleus erscheinen sie auf einem berühmten alten Vasengemälde vier an der Zahl. In Delphi hingegen wurden ihrer nur zwei verehrt: eine Geburts- und eine Todesmoira. Zwei nahmen am Kampf gegen die Giganten teil - mit ehernen Mörserkeulen. Junge Götter achteten ihrer manchmal sehr wenig. Apollon machte die greisen Göttinnen betrunken - so erzählte uns ein alter Bühnendichter - um seinen Freund Admetos vom Todestag zu retten.  - (kere)
 
 

Faden Schicksal

 

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