erdrängung    Noch im Mutterleib verdrängt Jakob seinen Zwillingsbruder Esau, indem er ihn an der Ferse packt und ihm so seine virtuelle Königswürde entzieht. Hosea, 12,4,5 bringt dieses Verdrängen mit dem Ringkampf mit dem Engel in Verbindung, was darauf hindeutet, daß Jakobs wirklicher Name Jah-akeb lautete, der »Fersen-Gott«. Jakob wird in der King James Bibel »the supplanter«, der Verdränger genannt, und was könnte »to supplant« anders bedeuten als die Hand sub plantam alicujus, unter jemandes Fuß zu legen und ihn so straucheln zu lassen. Das griechische Wort pternizein, das die Septuaginta in diesem Kontext gebraucht, trifft den Sachverhalt noch genauer: es heißt, »jemandes Ferse straucheln lassen«, und es wird dort zum erstenmal in diesem Wortsinn gebraucht. Jakob ist also der Sakralkönig, der die Nachfolge antritt, indem er einen Rivalen straucheln ließ; die Strafe für diesen Sieg ist aber, daß er nie wieder seine eigene heilige Ferse auf den Boden setzen darf. (1. Mose, 52,35) Und in Genesis 52,55, heißt es: »Daher essen die Kinder Israel keine Spannader aus dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag.« - (grav)

Verdrängung (2) Der Arsch entwickelte so etwas wie kleine zahnähnliche Widerhaken, und jetzt konnte er plötzlich außer reden auch essen. Der Mann fand das zuerst ganz witzig, und er baute es zu einer Nummer aus; aber das Arschloch fraß sich durch die Hose und redete auf offener Straße und verlangte lauthals nach Gleichberechtigung. Es betrank sich sogar und flennte dann jedesmal: >Warum liebt mich keiner, und warum werd ich nicht geküßt wie j eder andere Mund auch? < Schließlich redete es Tag und Nacht, und den Mann konnte man mehrere Straßen weit hören, wie er es anbrüllte, es solle endlich still sein. Er traktierte es mit Fäusten, er rammte Kerzen rein, aber es half nichts, und das Arschloch sagte zu ihm: ›Am Ende wirst du derjenige sein, der das Maul hält, und nicht ich. Du wirst hier nämlich überhaupt nicht mehr gebraucht. Ich kann jetzt reden und essen und scheißen.‹

Schließlich kam es soweit, daß er morgens aufwachte und auf seinem Mund ein Stück durchsichtige Gallerte hatte, die aussah wie ein Kaulquappenschwanz. Diese Gallerte war das, was die Wissenschaft als ›undifferenziertes Gewebe‹ bezeichnet: es kann sich am menschlichen Körper zu jeder beliebigen Art von Gewebe entwickeln, er riß es sich jedesmal vom Mund, aber die Fetzen blieben an seinen Händen kleben wie brennendes Napalm und wuchsen dort fest. Egal wo sie landeten — sie wuchsen überall an. Am Ende wuchs ihm also der Mund zu, und wahrscheinlich hätte sich schließlich der ganze Kopf spontan amputiert.  - (lun)

Verdrängung (3)  Ein Penis ist nichts als ein Penis, aber eine gute Zigarre ist ein Raucherlebnis.   - Sigmund Freud, nach: Ray Bradbury, Der Tod ist ein einsames Geschäft. Zürich 1989

Verdrängung (4)

Verdrängung (5)   Die These, die ich hier vortrage, besagt, daß die Biosphäre keine prognostizierbare Klasse von Objekten oder Erscheinungen enthält, sondern selber ein besonderes Ereignis darstellt, das gewiß mit den fundamentalen Prinzipien vereinbar, aus ihnen aber nicht ableitbar ist, das seinem Wesen nach also unvorhersehbar ist.

Man verstehe mich richtig. Wenn ich sage, daß die Lebewesen als Klasse nicht von den fundamentalen Prinzipien her voraussagbar sind, so will ich damit keineswegs suggerieren, daß sie aus diesen Prinzipien nicht erklärbar wären, daß sie sie irgendwie überschreiten und daß andere, allein und ausschließlich anwendbare Prinzipien herangezogen werden müßten. Nach meiner Ansicht ist die Biosphäre genauso unvorhersehbar wie die spezielle Konfiguration der Atome, aus denen der Kieselstein in meiner Hand besteht. Gegen eine universelle Theorie wird niemand den Vorwurf erheben, daß sie die Existenz dieser speziellen Atomkonfiguration nicht behauptet und voraussieht; es genügt uns, daß dieses vorliegende, einzigartige und reale Objekt mit der Theorie vereinbar ist. Der Theorie zufolge muß. dieses Objekt nicht, aber es darf existieren.

Das genügt uns, wenn es um den Kieselstein geht, nicht aber für uns selbst. Wir möchten, daß wir notwendig sind, daß unsere Existenz unvermeidbar und seit allen Zeiten beschlossen ist. Alle Religionen, fast alle Philosophien und zum Teil sogar die Wissenschaft zeugen von der unermüdlichen, heroischen Anstrengung der Menschheit, verzweifelt ihre eigene Zufälligkeit zu verleugnen.  - Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. München 1996 (zuerst 1970)

Machtmittel Unterdrückung

 

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