inschlafen  Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, daß ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ›Jetzt schlafe ich ein.‹ Und eine halbe Stunde später wachte ich über dem Gedanken auf, daß es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen; es kam mir so vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften. Diese Vorstellung hielt zuweilen noch ein paar Sekunden nach meinem Erwachen an; meine Vernunft nahm kaum Anstoß an ihr, aber sie lag wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte mich daran, Klarheit darüber zu gewinnen, daß das Licht nicht brannte. Dann wurde sie immer weniger greifbar, wie nach der Seelenwanderung die Gedanken einer früheren Existenz; der Gegenstand meiner Lektüre löste sich von mir ab, ich konnte mich damit beschäftigen oder nicht; gleichzeitig kehrte mein Sehvermögen zurück, und ich war erstaunt, rings um mich her eine Finsternis wahrzunehmen, die für meine Augen sanft und ausruhend war, mehr aber vielleicht sogar noch für meinen Geist, dem sie grundlos, unbegreiflich, wahrhaft ›dunkel‹ erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei; ich hörte das Pfeifen der Eisenbahnzüge, das — mehr oder weniger weit fort wie ein Vogellied im Wald — die Entfernungen markierte und mich die Weite der öden Landschaft erraten ließ, durch die sich der Reisende zur nächsten Station begibt; der kurze Weg, dem er folgt, wird in sein Gedächtnis eingegraben bleiben durch die erregende Neuheit der Stätten, die ungewohnten Dinge, die er tut, ein Gespräch, das er eben geführt hat, oder den Abschied unter einer fremden Lampe, der ihm noch nachgeht in der Stille der Nacht, die nahe Süße der Heimkehr.

Zärtlich drückte ich meine Wange an die schönen Wangen des Kopfkissens, die in ihrer Fülle und Kühle wie die Wangen unserer Kindheit sind. Ich strich ein Zündholz an und schaute auf die Uhr. Bald Mitternacht. Dies ist der Augenblick, da der Kranke, der verreisen mußte, der in einem unbekannten Hotel die Nacht verbringt und dort von einem Anfall aufgeweckt wird, sich freut, wenn er unter der Tür einen Lichtstreifen entdeckt. Gottlob, der Morgen ist da! Gleich wird das Personal aufgestanden sein, er kann schellen, es wird jemand kommen und ihm Hilfe bringen. Die Hoffnung auf Erleichterung gibt ihm Mut zu leiden. Schon glaubt er Schritte zu hören: die Schritte kommen näher, dann entfernen sie sich. Und der Streifen Tageslicht unter der Tür ist verschwunden. Es ist Mitternacht; das Gaslicht ist ausgelöscht worden; der letzte Hausbediente ist fort, und er wird nun die ganze Nacht unerlöst leiden müssen.

Ich schlief wieder ein und wachte dann manchmal nur noch sekundenlang auf, gerade lang genug, um ein Knacken im Gebälk zu hören oder den Blick dem Kaleidoskop der Dunkelheit zu öffnen und dank einem kurzen bewußten Augenblick wohlig den Schlaf zu genießen, in dem die Möbel, das Zimmer lagen, dies Ganze, von dem ich nur ein kleiner Teil war und in dessen Unbewußtheit ich rasch zurücksinken würde. Oder ich war im Schlafe mühelos in eine für immer abgelaufene Phase aus meinem kindlichen Urzustand zurückgekehrt und hatte wieder den Weg zu den Ängsten der ersten Jugend gefunden, wie etwa jener, die ich verspürte, wenn mein Großonkel mich an den Locken zog: sie war an dem Tage dahingeschwunden — für mich das Datum eines neuen Lebensbeginns —, wo sie mir abgeschnitten wurden. Während des Schlafes hatte ich dies Ereignis vergessen, doch ich erinnerte mich sofort wieder daran, sobald es mir gelungen war aufzuwachen, um den Händen meines Großonkels zu entgehen, aber vorsichtshalber wickelte ich meinen Kopf vollständig in das Kopfkissen ein, bevor ich in die Welt der Träume zurückkehrte. - Marcel Proust, Combray (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Frankfurt am Main 1965 (zuerst 1913 ff.)

Einschlafen (2) Beim Einschlafen im Bett hielt ich wieder einmal meine abendliche Rede an die Menschheit. - (bleist)

Einschlafen (3) Wollt ihr eine seltsame Experienz machen, so leget einem vor Schlafengehen in geheim eine Düte oder Gucke voll Maienkäfer unter sein Haupt-Küssen. Wenn sich nun derjenige, deme es vermeinet und dem der Possen nicht vorhin schon bekannt muß sein, darauf leget, wird er, weilen die Käfer gedrückt werden, ein überaus großes Getös hören, sobald er aber den Kopf von dem Küssen erhebt, nichts mehr spüren und dies, sooft er den Kopf wieder niederlegt und wieder emporhebt, bis er endlich der Sache so überdrüssig und müde wird, daß, wo er änderst nicht die Düte mit den Käfern entdecket und auf die Seite schafft, er gar aufstehen und das Bett verlassen muß. - (zauber)

Einschlafen (4) Wenn man im Herbst die kleine Welt der Insekten betrachtet und nun sieht, wie das eine sich sein Bett bereitet, um zu schlafen, den langen, erstarrenden Winterschlaf; das andere sich einspinnt, um als Puppe zu überwintern und einst, im Frühling, verjüngt und vervollkommnet zu erwachen; endlich die meisten, als welche ihre Ruhe in den Armen des Todes zu halten gedenken, bloß ihrem Ei sorgfältig die geeignete Lagerstätte anpassen, um einst aus diesem erneuet hervorzugehn; - so ist dies die große Unsterblichkeitslehre der Natur, welche uns beibringen möchte, daß zwischen Schlaf und Tod kein radikaler Unterschied ist, sondern der Eine so wenig wie der Andere das Daseyn gefährdet. Die Sorgfalt, mit der das Insekt eine Zelle, oder Grube, oder Nest bereitet, sein Ei hineinlegt, nebst Futter für die im kommenden Frühling daraus hervorgehende Larve, und dann ruhig stirbt, - gleicht ganz der Sorgfalt, mit der ein Mensch am Abend sein Kleid und sein Frühstück für den kommenden Morgen bereit legt und dann ruhig schlafen geht, - und könnte im Grunde gar nicht Statt haben, wenn nicht, an sich und seinem wahren Wesen nach, das im Herbste sterbende Insekt mit dem im Frühling auskriechenden eben so wohl identisch wäre, wie der sich schlafen legende Mensch mit dem aufstehenden.  - (wv)

Einschlafen (5) Die Decke unserer Schlafkammer bestand aus ein paar Brettern, quer über das Gebälk gelegt. Zwischen den beiden Betten, die darin standen, war als Vorhang an einer Leine ein Weiberrock aufgehängt. Joseph ließ die Betten mit Laken, die uns meine Frau mitgegeben hatte, überziehen. Wir wurden lange nicht schlüssig, ob wir uns entkleiden oder in den Kleidern hinlegen sollten.

«Ich wage den Sprung», meinte ich schließlich, «das Ungeziefer kann sich weniger einnisten, wenn ich nichts anhabe.» Johnson sagte, er schrecke vor dem Bett zurück wie vor einem kalten Bad. Er war aber guter Dinge. Den großen Lehrer der Lebensweisheit zu sehen, wie ich ihn diese Nacht sah, war wahrhaft ergötzlich. — Nachdem jeder sein Gebet verrichtet hatte und wir vom Bett aus noch etwas geplaudert, sagte Johnson: «Gott behüte uns beide, um Jesu Christi willen! Gute Nacht!» Ich sprach das «Amen» dazu. Er entschlummerte sogleich, während ich lange keinen Schlaf fand, da ich mir einbildete, ich werde unter den Bettüchern von zahllosem Ungeziefer gezwickt; auch war mir, eine Spinne lasse sich geradewegs auf meinen Mund hernieder. Es dauerte geraume Weile, bis mir die Sinne schwanden.  - (johns)

Einschlafen (6) Ich lag zusammengerollt und konnte nicht einschlafen, und wenn, dann einzig für gleichermaßen sekundenlange wie endlose Schreckensträume. Das Haus des Vaters stand leer, als Ruine. Die Drau trat aus ihrem tiefen Trogtal und überschwemmte die ganze Ebene. Auf das Heidekraut der Dobrawa schien die Sonne, und es war der Krieg erklärt. Aber auch daß ich von meinem Schuhpaar einen verloren hatte, daß ich auf einmal den Scheitel statt rechts links hatte, daß bei uns zuhause die Erde in allen Blumentöpfen rissig wurde und die Pflanzen vertrockneten, ließ mich, dunstend vor Angstschweiß, unverzüglich erwachen. Einmal war es kein Traum, durch den ich auffuhr, sondern ein Nachtzug, welcher mit ungeheurem Getöse, kaum eine Schrittlänge jenseits der Brüstung, an mir vorbeischoß. - Peter Handke, Die Wiederholung. Frankfurt am Main 1992 (zuerst 1986)

Einschlafen (7) Joel liegt ausgestreckt auf dem Bett. Er hatte wohl irgendeine Arbeit verrichtet und war darüber vor Müdigkeit eingeschlafen, noch bevor er seinen Prügel, den er in der Hand hielt, weggesteckt hatte. Auf dem Boden lag eine Zeitschrift. Sie war auf der Seite aufgeschlagen, auf der ein charmantes, von hinten photographiertes Pariser Modell die Qualitäten eines Scandale genannten Strumpfbandhalters zur Schau stellt. Eine bezaubernde Person, und sie lächelt. Ihre Strümpfe spannen sich über die apollinischen oder eher aphroditischen, in jedem Falle aber göttlichen Beine und werden am Oberschenkel, damit sie keine Falten schlagen und die Haxen formen, von Strumpfbändern erfaßt, die an dem Halter befestigt sind, dessen leicht durchsichtiges Lastexgewebe die Teilung dieser köstlichen Kugel, die wir Frauen als Cul durch die Gegend tragen, in zwei Halbkugeln erkennen läßt.

Das Seltsamste an der Geschichte ist, daß dieses Reklamebild mit einer Art Leim bedeckt war, dessen Ursprung ich nicht auszumachen vermochte.  - (sally)

Einschlafen (8)  Kants Einschlafritual ist der Bekanntgabe wert. Zunächst setzte er sich auf die Bettkante, dann warf er sich mit einem leichten Hüftschwung schräg nach hinten auf seinen Platz. Sobald er ausgestreckt war, schob er einen Zipfel der Bettdecke unter seiner linken Schulter hindurch über den Rücken bis zur rechten Schulter. Das gleiche Manöver unternahm er mit dem anderen Zipfel, so daß er schließlich vollkommen eingewickelt war, bandagiert wie eine Mumie. In dieser Position brauchte er nur noch auf den Schlaf zu warten, der sich für gewöhnlich rasch einstellte. Wenn es einmal länger dauerte, sagte Kant mehrmals »Cicero« vor sich hin: diese drei Silben hatten eine einschläfernde Wirkung auf ihn. - Frédéric Pagès, Frühstück bei Sokrates,  nach (enc)

Einschlafen (9) Um vom Schlaf zu sprechen, diesem unheimlichen allabendlichen Abenteuer, so kann man sagen, daß die Menschen täglich mit einem Wagemut einschlafen, der unverständlich wäre, wüßten wir nicht, daß sie ihn der Unkenntnis der Gefahr verdanken.  - (cb)

Einschlafen (10) »Ich muß schlafen«, sagte Pickard. Er ließ sich fallen. »Hab' seit vier Wochen nicht mehr geschlafen. Hab's versucht, konnte aber nicht. Schlaf hier.«

Der Himmel wurde dunkler. Die Venusnacht brach herein; sie war so völlig schwarz, daß es gefährlich war, sich zu bewegen. Simmons und der Leutnant ließen sich ebenfalls auf die Knie fallen, und der Leutnant sagte: »Also gut, woll'n wir's wieder mal versuchen.«

Sie streckten sich lang aus, legten die Köpfe hoch, so daß ihnen das Wasser nicht in den Mund laufen konnte, und schlössen die Augen.

Der Leutnant zuckte.

Er schlief nicht.

Pflanzen krochen über seinen Körper. Winzige Pflanzen, die ihn lagenweise überwucherten. Tropfen fielen und vereinigten sich mit anderen Tropfen und wurden zu kleinen Bächen, die über seinen Körper rannen; und während sie über seine Haut flössen, schlugen die winzigen Gewächse des Waldes Wurzeln in seinen Kleidern. Er spürte, wie die Schlingpflanzen sich an ihn klammerten und ein zweites Kleid über ihn woben; er spürte, wie kleine Knospen blühten und aufbrachen und zerblätterten, und weiter klopfte der Regen auf seinen Körper und auf seinen Kopf. In der Dunkelheit — denn die Vegetation phosphoreszierte in der Nacht — konnte er die Umrisse der anderen beiden Männer erkennen, wie gestürzte Baumstämme, über die sich ein samtener Teppich aus Gras und Blumen gelegt hatte.

Plötzlich sprang er auf und begann, sich das Wasser vom Körper zu streifen. Tausend Hände berührten ihn, und er wollte sich nicht länger berühren lassen. Er konnte es nicht länger aushalten, berührt zu werden. Er stolperte und streifte jemand anderen und wußte, daß es Simmons war, der ebenfalls aufrecht im Regen stand, Wasser schnaubend, hustend und keuchend.   - Ray Bradbury, Der illustrierte Mann. München 1972 (Heyne 3057)

Einschlafen (11)  David konnte nicht einschlafen. Es trieb ihn aus seinem zerwühlten Bett, aus der dunklen, stillen Pension hinaus ins Freie. David war eifersüchtig.

Er lebte nun aber schon so lange mit dieser Eifersucht, daß sie nicht mehr so sehr in einzelnen schmerzlichen Vorstellungen und Erinnerungen an die Oberfläche seines Bewußtseins drang. Es war jetzt ganz einfach ‹die Situation›. Die Situation — das war der Stand der Dinge seit nunmehr fast zwei Jahren. Es lohnte sich nicht, mit Einzelheiten anzufangen. Die Situation war wie ein schwerer Stein. Wie ein fünf Pfund schwerer Stein, den er Tag und Nacht in der Brust herumtrug. Abends und nachts war es ein bißchen schlimmer als tagsüber während der Arbeit; das war der einzige Unterschied. - Patricia Highsmith, Der süße Wahn. Zürich 1974 (zuerst 1960)

Einschlafen (12)  Wenn der Schlaf den Menschen flieht und der Mensch im Bett liegt, die Beine töricht ausgestreckt, und neben ihm auf dem Nachttisch die Uhr tickt und der Schlaf die Uhr flieht, dann meint der Mensch, ein riesiges schwarzes Fenster öffne sich vor ihm und zu diesem Fenster hinaus fliege seine feine, graue menschliche Seele, sein lebloser Körper aber, die Beine töricht ausgestreckt, bleibe im Bett liegen und die Uhr singe mit ihrem leisen Laut: »Wieder ist ein Mensch entschlafen«, und das riesige und ganz und gar schwarze Fenster klappe zu.

Ein Mann namens Oknow lag im Bett, die Beine töricht ausgestreckt, und versuchte einzuschlafen. Aber der Schlaf floh Oknow. Oknow lag mit offenen Augen, und furchtbare Gedanken tickten in seinem menschlichen Kopf.  - (charms)

Einschlafen (13)  »Mein Vater war ein Trinker«, sagte ich, in einem Ton, als ob ich nur »My father was a gambling man« in »The House Of The Rising Sun« abwandeln wollte: »Und wenn ich im Bett lag, hörte ich es oft im Nebenzimmer gluckern, sooft er sich etwas ins Glas goß: bei der Erinnerung möchte ich ihm sofort mit einem Dreschflegel den Kopf abschlagen, damals wünschte ich nur schnell einzuschlafen. - Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt am Main 1972

Einschlafen (14)  Als Georgie sich im Treppenhaus am Geländer hochzog, rutschte er aus; er entschuldigte sich für den Lärm. Doch Lora lachte: In dieser Bruchbude sei man anderen Krach gewohnt. Im Appartement tastete sich Georgie gleich zur Toilette und blieb auf der Schüssel sitzen, den Kopf gegen die Wand gelehnt. Als er ins Zimmer zurückkam, trug Lora ein durchsichtiges Nachthemd. Er ließ sich aufs Bett plumpsen und fiel nach hinten. Lora wühlte ihren Kopf zwischen seine Schenkel; nach einer Weile sah sie auf: ob er einer von denen sei, die vorher ein geiles Heftchen anschauten. Georgie murmelte etwas, er versuchte die Schuhe von den Füßen zu streifen und fiel in Schlaf.  - Hugo Loetscher, Die Papiere des Immunen. Zürich 1986

Einschlafen (15) Giorgio  trat tappend in sein Zimmer, in dem der Bruder schlief und mit seinem flachen Atem den üblen Gestank eines alten Mundstücks verströmte. Die Stiefel und die Schuhe schienen alle einen langen Marsch hinter sich zu haben und knirschten schwitzend.

Giorgio zog sich im Dunkeln aus und fand mit der Spitze seines Knies den Sessel, seine Unterhosen und das Kopfende des Bettes. Schließlich kroch er unter die Bettdecke, und nachdem er drei-, sechs-, neunmal mit seinem Nacken über das Kissen gestrichen war, schlief er ein. Aber sein Schlaf war voller Stimmen und Geräusche, die vom Flur und von der Straße herüberkamen. Im Flur erging sich der Notar Bartolo, dann der Vater, dann das Dienstmädchen der Bartolos; dort sprach man schlecht über eine gewisse Agata und gut über einen Schneider: »Er hat sie in der Hochzeitsnacht aus dem Haus gejagt!«, »Weißt du, was für einen Magen ich habe? Wie eine Trommel!«, »Es geht Ihnen doch hoffentlich gut?«, »Wenn man das überhaupt gut nennen kann: ich werde immer kurzsichtiger, und andere Angelegenheiten dafür immer länger!« Ein Karren knarrte, Windstöße fuhren in die Wäsche, und die Uhren schlugen jede Viertelstunde.- Vitaliano Brancati, Geräusche. Nach (branc)

Einschlafen (16)  ((In der Oubliette der Nacht : Wie Murren schallte es, in Pausn, aus unsern pennenden Leibern. Bauchlaute. / Ihr Hertz wanduhrte. / Meingehirn faselte noch wie bedruckt : eine Wint=Mühle, innen mit Schpiegeln tappeziert. (Und Alles flog sammft durcheinander, wie bei Schaggalls; (der ‹Untergrund› schien überall das fahle Wiesngilb von heutnachmittag; wintgeschtrichlt; manchmal regtn sich kreisförmije Schtellen darin, wie Grundrisse von Bäum'm. / »Bei mier ooch=Du : ich hatt bis jetz noch nie a Reh=in=Freiheit gesehn. Und noch nie anne Kuh an gefaßt.« (Aber weenijer Bitterkeit, als murmelndes Behagen; mein Hemdematz. (Auch Karlmay=Seine war schließlich erst Gul=i=Schiras geweesn; dann Pekala; dann Bestie & Hexe , genau nach Leopoldschteins Defmizjohn. (Und schwebte sammft mit über den graugrünen Untergrund; Rehe, und Kühemeinetweegn; einmal hab' ich als Junge bei Frostwetter auf grauem Sandweeg weißgelb gefrorenen Feerdemist gesehen : unvergeßlich schön dies feinfaasrije Hellgelpaufgrau : siehda der Vetterprintsbuchhändler Balder, Messinkgewichte Buchdeckel Diearchenoah Lemurenkartoffeln (auch Mädchennackt nicht=tantsend in der Landkreisluft, und Schterne bleckten kleine Funkelfressen, (Hemdhemd; da reekte's'ich noch einmal, Linon im Barchentmeer, von Kopfbisschulter Hüft' zur Zeh, und zungte Hablalle ins fastzue Ohr, »Hemmdelemmper Biereinschenker Tüppelkucker Kaularsch« (und schnorchelnd ab, ins Traumcaspicum : rrrrrrrrrr ..... : rrrrrrrrrr .......... - Arno Schmidt, Kaff auch Mare Crisium. Zürich 1987 (zuerst 1960)

Einschlafen (17)  Wie alle andern, hat auch mich der Gedanke aufs höchste erregt, einen weichen nackten Frauenkörper mit den Armen zu umschlingen und so einzuschlafen, mein Gesicht an ihrem Hals, und meine Schenkel zwischen den ihren; die Erfahrung hat mich gelehrt, daß dies unausführbare, akrobatische Komplikationen sind, denn nach zehn Minuten macht ihr Körper unseren Arm gefühllos und verursacht ihm ein Gefühl der Erstarrung. Immer drückt sich ein Ellbogen gegen die Hüfte oder ein Knie gegen den Bauch, so daß man die Lage ändern muß; dir ist zu kalt, wenn ihr zu heiß ist, und durch den leichten Schweiß klebt deine Haut an der ihren. Nach verschiedenen Versuchen habe ich gefunden, daß es noch das angenehmste ist, allein zu schlafen und höchstens, in langen Zwischenräumen, die integrale Liebe aufzusuchen, wie man sich alle zehn Tage die Haare schneiden läßt.   - Pitigrilli, Der falsche Weg. Reinbek bei Hamburg 1988 

Einschlafen (18)  Als es Nacht wurde, rief der Afa den Knaben Mama und sagte: »Dies hier ist der Sohn des Königs. Es ist der Junge, den ich unterrichten soll. Schlaf mit ihm in diesem Zimmer. Ich werde im Raum nebenan schlafen.« Der Afa ließ die beiden Jungen in ihrem Raum und legte sich selbst nebenan nieder. Der Sohn des Königs schlief ein. Der Afa schlief ein. Mama war noch wach. Der Sohn des Königs furzte. Mama hörte dies. Er ging in den anderen Raum zu dem Afa, weckte ihn und sagte: »Der Junge, mit dem ich schlafen soll, furzt zu sehr. Ich kann nicht mit ihm schlafen.« Der Afa sagte: »So rücke ein wenig von ihm ab und schlaf an einem anderen Platz.« Mama sagte: »Ich will es versuchen. «

Mama ging zurück. Er rückte seine Matte von der des Königssohnes ab und legte sich an einem anderen Platz nieder. Nach einiger Zeit furzte der Sohn des Königs abermals. Mama stand auf, ging in den Nebenraum, weckte den Afa und sagte: »Der Sohn des Königs furzt so, daß ich nicht schlafen kann. Wenn er noch einmal furzt, muß ich ihn töten.« Der Afa sagte: »Nun schlaf endlich und laß mich schlafen!«

Der Afa schlief wieder ein. Mama ging in den Raum des Königssohnes zurück und legte sich auf seine Matte. Nach einiger Zeit furzte der Sohn des Königs abermals. Mama stand auf. Er nahm ein Messer. Er ging zu dem schlafenden Sohn des Königs. Er schnitt dem Sohn des Königs den Hals durch. Dann ging er in den Nebenraum. Er weckte den Afa. Er sagte zum Afa: »Der Sohn des Königs hat noch einmal gefurzt, da habe ich ihn getötet. Nun wird er nicht mehr furzen.«  - Leo Frobenius, Schwarze Sonne Afrika. München 1996

Einschlafen (19)  Now l lay me down to sleep . . . Ich muß mir Verse hersagen, oder die Methode, nach Worten mit a zu suchen, danach mit a und e, mit allen fünf Vokalen, mit vier. Mit zwei und einem Konsonanten (Oma, Opa), mit drei Konsonanten und einem Vokal (Gras, Sarg) und -wieder Verse: Luna stieg hinab zur Schmiede in ihrem Reifrock aus Narden, das Kind, es schaut und schaut, das Kind schaut sie immerzu an. Mit drei und drei abwechselnd, Kabale, Lagune, Araber; Manolo, marode, Basuto.

So verbringe ich Stunden: mit vier, mit drei und zwei, und später Palindrome. Die einfachen, Reliefpfeiler, Schlaf; die komplizierten und schönen, die Liebe ist Sieger, rege ist sie bei Leid; ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie. Oder die köstlichen Anagramme: Salvador Dali, Avida Dollars; Alina Reyes, es la reina y ... Sehr schön, dieses, weil es etwas einleitet, weil es nicht endet: Sie ist die Königin und ...

Nein, schrecklich. Schrecklich, weil es dieser da einen Weg bereitet, die nicht die Königin ist und die ich nachts -wieder hasse. Dieser, die Alina Reyes ist, aber nicht die Königin des Ana-gramms; die gleich was sein mag, Bettlerin in Budapest, Bordelldirne in Jujuy oder Dienstmädchen in Quetzaltenango, irgendwo weit weg, und nicht Königin. Aber Lina Reyes, und deshalb war es gestern abend wieder, sie fühlen und den Haß.   - Julio Cortázar, Die Nacht auf dem Rücken. Die Erzählungen Bd. 1. Frankfurt am Main 1998

Einschlafen (20)  Die Körperhaltungen Schlafender höchst aufschlußreich: In meinem eigenen Fall weist meine Haltung vor dem Schlaf nicht nur das charakteristische Zusammenrollen auf, sondern bildet auch eine ausgesprochene Pantomime, die aus kleinen Gesten zusammengesetzt ist, Muskelzuckungen und Stellungswechseln, die das heimliche Ballett eines beinahe liturgischen Zeremoniells darstellen, das die Überführung von Körper und Seele in jenes zeitweilige Nirwana des Schlafes einleitet, durch welches wir Zugang zu kostbaren Fragmenten unseres verlorenen Paradieses erhalten. Vor dem Schlafen rolle ich mich in die embryonale Stellung, die Daumen so fest von den anderen Fingern zusammengepreßt, daß sie schmerzen, habe ein tyrannisches Bedürfnis, meinen Rücken an der symbolischen Plazenta der Bettlaken zu spüren, die ich, durch aufeinanderfolgende Anstrengungen immer perfekter, der hinteren Partie meines Körpers anzuschmiegen versuche, ungeachtet der Temperatur; selbst während der größten Hitze muß ich so bedeckt sein, wie dünn meine Hülle auch sei. Außerdem muß  meine endgültige Schlafstellung von peinlicher Genauigkeit sein. Es ist zum Beispiel nötig, daß mein kleiner Zeh mehr links oder rechts liegt, meine Oberlippe kaum spürbar auf das Kissen gedrückt ist, damit Morpheus, der Gott des Schlafes, das Recht bekommt, mich zu sich zu rufen, mich ganz in Besitz zu nehmen; wenn er mich besiegt, verschwindet mein Körper zusehends und sammelt sich sozusagen ganz in meinem Kopf, dringt in ihn ein und füllt ihn mit seinem ganzen Gewicht aus.  - (dali)

Einschlafen (21) In jener Nacht lagen wir im Zimmer auf dem Fußboden, und ich hörte dem Fressen der Seidenraupen zu. Die Seidenraupen fraßen Maulbeerblätter auf den Hürden, und die ganze Nacht über hörte man sie fressen und ein fallendes Geräusch in den Blättern. Ich für mein Teil wollte nicht schlafen, weil ich schon sehr lange mit dem Wissen lebte, daß meine Seele, falls ich je im Dunkeln die Augen zumachte und mich gehenließ, meinen Körper verlassen würde. So war ich schon sehr lange, seit damals, als ich nachts in die Luft gesprengt worden war und gefühlt hatte, wie sie aus mir herausgefahren und weg und dann wieder zurückgekehrt war. Ich versuchte, niemals daran zu denken, aber sie pflegte jetzt immer nachts aus mir herauszufahren, gerade m dem Augenblick, wenn ich am Einschlafen war, und ich konnte es nur mit sehr großer Anstrengung verhindern. Und während ich jetzt ziemlich sicher bin, daß sie meinen Körper nicht wirklich verlassen hätte, wollte ich es damals in jenem Sommer nicht auf den Versuch ankommen lassen. - Ernest Hemingway, Die Nick Adams Stories. Reinbek bei Hamburg 1973

Einschlafen (22) In der besonderen Art des Einschlafens — jedes Einschlafen ist übrigens auch ein Erwachen — und des Traumes, von der hier die Rede ist und über die ein jeder mitreden kann, wenn er sich nur scharf besinnt, stellt die Erschütterung nur den ersten Augenblick dar. Der Trinker kennt ihn wohl, es ist der Augenblick, in dem es »so gemütlich« wird, das heißt, in dem ein neuer Glanz aus den Dingen zu brechen beginnt. Es ist dies allerdings eine Gemütlichkeit, die einer gelegentlichen Untersuchung bedarf.

Das Einschlafen findet nicht plötzlich statt, obwohl es einen ganz bestimmten Wendepunkt besitzt. Der Schläfer gleicht einem Menschen, der den Eingang einer Höhle betritt, an deren Wände noch einige Zeit das Tageslicht seine immer blasser werdenden Figuren wirft. Das Bewußtsein durchschreitet einen Zustand der Dämmerung, des Zwielichtes, in dem die Bilder noch einen gewissen Gehalt an Tageslicht besitzen — sie unterstehen immer noch der geschwächten Kontrolle einer bewußten Kritik, die sich langsam verwischt. Erst kürzlich schrak ich noch einmal an einem sehr bezeichnenden Punkte der ersten Wegstrecke auf. Ich hatte das Bild eines Mannes beobachtet, der Freiübungen machte, indem er beide Arme seitlich ausstreckte und wieder senkte. Nach einiger Zeit begannen seine Konturen zu verschmelzen und sich in eine schwarze Flamme zu verwandeln, die in denselben Abständen, aber mit wachsenden Ausschlägen nach der Seite züngelte. Ein letzter Widerstand, ein Gefühl, das die Entwicklung dieses Bildes als bösartig und gefährlich ablehnte, führte das Erwachen herbei.

Dieser Augenblick ist wirklich sehr bezeichnend, denn mit jedem Schritte tiefer in den Schlaf werden die Farben des Tages durch nächtliche Farben ersetzt. Die Nacht besitzt ihren eigenen Glanz, und hat dieser eine genügende Stärke erreicht, so stellt sich die Wirkung der Maske ein. An irgendeiner Stelle faßt man den Fries von Bildern, an dem man gedankenlos entlangschlenderte, schärfer ins Auge und wird durch einen neuen, geheimen Sinn erschreckt, der sich plötzlich offenbart. Nun tritt gleichsam die Komplementärfarbe des Tageslichtes auf der inneren Netzhaut hervor. Man gleicht einem Soldaten, der bemerkt, daß er während eines friedlichen Spazierganges unversehens in die gefährliche Zone geraten ist, die ganz andere Gesetze des Handelns verlangt.  - (ej)

Schlaf Augenblick Übergang
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