rähe   Die Universität ist ein wundervolles Beispiel dafür, was Gleichheit als Prinzip unter den Menschen anrichtet. Im Grunde sind alle Hochschullehrer gleich. Man merkt es an ihrem Habitus, ihren Wünschen, ihrer Sprache, ihrer »Kultur«. Sie haben die gleiche Sozialisation hinter sich, jetzt haben sie die gleichen Rechte, das gleiche Einkommen, sie üben die gleichen Tätigkeiten aus. Es ist interessant zu sehen, wie sie sich gegenseitig aus dem Weg gehen, um nicht im anderen sich selbst erkennen zu müssen. Oder sie beobachten einander mißtrauisch. Alles, was ihnen selbst zur Disposition steht, die Gastprofessur im Ausland, die besondere Urlaubsreise, ein neues teures Jackett, ärgert sie am anderen: Weil sie ständig gezeigt bekommen, daß sie vor diesem nichts voraus haben. Um so mehr wird der Unterschied in der Wissenschaftsauffassung betont und mißgünstig am anderen verfolgt. Die Heftigkeit hierbei entspricht der Willkür der Differenz. Es hilft nichts, daß die Gleichheit auf einem ziemlich hohen materiellen und ideellen Niveau hergestellt ist. Daß eine Krähe der anderen am liebsten die Augen aushacken würde, ist durch keinen Wohlstand und keine (relative) Autonomie zu verhindern.   - Jürgen Manthey, In Deutschland und um Deutschland herum. Ein Glossar. Frankfurt am Main 1995

Krähe (2) Ich konnte nur sehen und hören. Ich konnte jedes Wort wiederholen, das Don Juan gesagt hatte. Ich folgte jeder seiner Anweisungen. Sie schienen klar, logisch und einfach. Er sagte, daß mein Körper verschwand und daß nur mein Kopf übrigbleiben würde, und um in einer derartigen Lage wachzubleiben und mich bewegen zu können, müßte ich eine Krähe werden. Ich mußte mich anstrengen und blinzeln, und er fügte hinzu, daß ich dann, wenn ich es fertig brächte, zu blinzeln, weitermachen könnte. Dann sagte er, daß mein Körper völlig verschwunden war und daß ich nur meinen Kopf hatte; er sagte, der Kopf verschwindet nie, weil es der Kopf ist, der zur Krähe wird. Ich sollte blinzeln. Er muß diese und all seine anderen Aufforderungen unzählige Male wiederholt haben, weil ich mich an sie alle mit außergewöhnlicher Klarheit erinnern konnte. Ich muß geblinzelt haben, denn er sagte, ich sei jetzt bereit. Er forderte mich auf, den Kopf aufzurichten und ihn auf mein Kinn zulegen. Er sagte, daß im Kinn die Krähenbeine seien. Ich mußte die Beine fühlen und beobachten, wie sie langsam herauskamen. Dann sagte er, daß ich noch nicht vollständig sei, daß ich mir einen Schwanz wachsen lassen mußte und daß der Schwanz aus meinem Hals kommen würde. Er forderte mich auf, den Schwanz wie einen Fächer auszubreiten und zu fühlen, wie er über den Boden glitt. Dann sprach er über die Flügel der Krähe und sagte, sie würden aus meinen Backenknochen kommen. Er sagte, es würde anstrengend und schmerzhaft sein. Er forderte mich auf, sie auszubreiten. Er sagte, sie müßten außerordentlich lang sein, so lang wie ich sie strecken konnte, sonst würde ich nicht fliegen können. Er s?.gte mir, die Flügel kamen heraus und waren lang und sehr schon und daß ich sie schlagen müßte, bis sie zu wirklichen Flügeln würden.

Dann sprach er über meinen Schädel und sagte, er sei noch sehr groß und schwer, und seine Masse würde mich am Fliegen hindern. Er sagte mir, daß ich seine Masse durch Blinzeln verringern könne; mit jedem Blinzeln würde mein Kopf kleiner werden. Er forderte mich auf zu blinzeln, bis die Kopflast verschwunden wäre und ich frei springen könnte. Dann sagte er mir, ich hätte meinen Kopf zur Größe eines Krähenkopfes verringert und müsse nun umherlaufen und springen, bis ich meine Starre verloren hätte.

Bevor ich fliegen könnte, hätte ich noch eine letzte Sache zu ändern, sagte er. Es sei die schwierigste Veränderung, und um sie auszuführen, müßte ich gut zuhören und genau tun, was er mir sagte. Ich müßte lernen, wie eine Krähe zu sehen. Er sagte, daß mein Mund und meine Nase zwischen meinen Augen wachsen würden, bis ich einen starken Schnabel hätte. Er sagte, daß Krähen starr zur Seite sehen, und ich müßte meinen Kopf drehen und ihn mit einem Auge anblicken. Er sagte, wenn ich wechseln und mit dem anderen Auge sehen wollte,- müßte ich meinen Schnabel schütteln, und durch diese Bewegung könnte ich mit dem anderen Auge sehen. Ich mußte von einem Auge zum anderen wechseln. Und dann sagte er, ich sei bereit zu fliegen, und um loszufliegen, müßte ich mich von ihm in die Luft werfen lassen. Ich hatte überhaupt keine Schwierigkeiten, zu jeder seiner Aufforderungen die entsprechenden Empfindungen auszulösen. Ich nahm das Wachsen der Vogelbeine wahr, die zuerst schwach und wacklig waren. Ich merkte einen Schwanz aus meinem Nacken und Flügel aus meinen Wangenknochen wachsen. Die Flügel waren eng gefaltet. Ich fühlte sie allmählich herauskommen. Der Vorgang war anstrengend, aber nicht schmerzhaft. Dann blinzelte ich meinen Kopf zur Größe einer Krähe. Aber die erstaunlichste Wirkung vollbrachten meine Augen. Meine Augen sahen wie Vogelaugen!  - Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens. Frankfurt am Main 1980

Krähe (3)  Aus der Luft kommen ungeheure Krähenzüge. Tausende schreiende Tiere tauchen aus der Höhe herunter, verteilen sich in Gruppen, ziehen Kreise übereinander, winden sich spiralig hoch. Manchmal kommen sie außer Sicht, dann strudeln sie wieder über die Promenade. Ganz schwarz wird es oben, sie erheben ein heftiges Geschrei. Ich habe, wie sie in den kolossalen Haufen anschwärmen, das Gefühl, es ist Ungeziefer. So dicht, beängstigend nahen sie. Und wenn ein Einzeltier sich ablöst und noch näher kommt, sehe ich nicht die Krähe. Dies Wesen mit ausgebreiteten Flügeln, schwarz, das sich gleich in den Zug mischt, aus dem dämmrigen Himmel herabsaust, ist etwas Unheimliches von Tier, ist Tier, Lebendigbewegliches, sich mir Näherndes, mich Anfallendes, Gefahrvolles. Wer schickt das gegen mich her? Jetzt schwimmen sie zu Hunderten nebeneinander, die schwarzen Körper, wie in einer durchsichtigen Gallerte. In Massen steigen sie auf und ab. Wenige Menschen auf der Promenade blicken hoch.  - Alfred Döblin, Reise in Polen. München 1987 (zuerst 1925)

Krähe (4)  Die Krähe, die von ihm, Apollo, auf die Mutter des Asklepios angesetzt worden war, mit dem Befehl angesetzt worden war, dieser Mutter bei einer etwaigen Verfehlung ohne zu zögern die Augen auszuhacken, was diese Krähe mit ihrem strahlend weißen Gefieder jedoch verweigert hatte, weshalb sie von Apollo verflucht und dazu verurteilt wurde, fortan mit schwarzem Gefieder herumzufliegen als Zeichen ihrer moralischen Integrität, ihres eigenen Willens, als Zeichen ihrer Intelligenz, weshalb sie auch immer etwas einsam scheint, finde ich, merkwürdig einsam, finde ich, selbst in Scharen immer irgendwie vereinzelt und unglücklich, so als dächten Krähen zu viel, als könnten sie deshalb nicht wie andere Tiere einfach dahinleben, einfach rumhüpfen und rumfliegen, wie es andere Vögel doch auch tun, sondern müssten immer nachdenklich und traurig herumstaksen auf der Hundewiese vor der Asklepios Klinik.  - (raf)

Krähe (5) Eines glaubte er sicher zu wissen: Die Krähe in seinem Rücken, oder was immer es sein mochte, dieses gewisse Etwas tauchte nur in seinem Peugeot auf, und vor allem dann, wenn er, was seine Arbeit betraf, besonders gefordert war.

Oder irrte er sich? War da nicht vom Korridor her ein Geräusch zu hören? Es war ein leichtes Flügelschlagen, dann ein heiseres, unterdrücktes Krächzen. Und tatsächlich: Als wäre da ein Teltower Bürger, der um eine Auskunft bitten wollte, saß plötzlich ein Vogel auf der Schwelle zur Tür. Er hielt sich unbeweglich, hatte den Kopf zur Seite geneigt, als müsse er jenen, der ihm gegenüberstand, genaues-tens in Augenschein nehmen. Der Rücken war grau meliert, der Schädel schwarz. Unverkennbar: Es war ein ausgewachsener Corvus corone cornix.

Als Schmittke, um die Krähe zu verscheuchen, in die Hände klatschte, sprang sie auf und hüpfte, ohne die Flügel zu heben, in Richtung Sofa, und kaum dass Andreas Schmittke versucht hatte, sie dort wegzujagen, stand sie wieder auf der Schwelle zur Tür, und wieder hielt sie sich unbeweglich, hatte den Kopf zur Seite geneigt, als müsse sie jenen, der ihr gegenüberstand, genauestens in Augenschein nehmen. Andreas Schmittke Öffnete das Fenster. Die Krähe rührte sich nicht, wich auch nicht aus, als er nochmals, um sie zu verscheuchen, in die Hände klatschte, und nun wusste er sich nicht mehr zu helfen, griff zum Telefonhörer, um den Pförtner um Hilfe zu bitten.

Was folgte, konnte Andreas Schmittke nicht ahnen. Der Pförtner erschien, hatte auch ein Stück Pappe in der Hand, um damit notfalls auf das Tier, das den Bürgermeister belästigte, einzuschlagen. Er trat ein, um zu erfahren, wo sich die Krähe versteckt hielt. Aber dies war unnötig, denn sie hockte immer noch auf der Schwelle und damit dem Pförtner direkt vor den Schuhen.

»Da ist sie! Seien Sie vorsichtig!«, rief Andreas Schmittke, aber der andere verstand nicht, was damit gemeint war.

Für ihn war da niemand, und die Geste des Bürgermeisters, der mit dem Finger auf seine Schuhe wies, erschien ihm irgendwie sinnlos. Dies dauerte einige Sekunden, und schließlich sagte Andreas Schmittke, um die fragenden Blicke des anderen abzuwehren:

»Gut, dann bitte ich um Entschuldigung. Ich habe mich geirrt. Ich danke Ihnen aber, dass Sie gekommen sind.«

»Wie Sie meinen«, antwortete der Pförtner.

Er ging fort, und nun war Andreas Schmittke mit sich und dem Corvus corone cormx allein.

Das Handy klingelte. Es war seine Frau. Er versuchte, sie zu beruhigen.

»Ich muss noch etwas erledigen, dann bin ich wieder bei euch«, sagte er.

Aber was sollte er jetzt tun? Und wem konnte er sich in dieser Frage anvertrauen, er, der Bürgermeister von Teltow, der vor kurzem noch die Krähen am Kanalufer als Aasfresser verspottet hatte! Sollte er jetzt, und wieder vor der Stadtverordnetenversammlung, eingestehen, dass sich eines dieser Tiere bei ihm eingenistet hatte! Und falls es nicht so war, falls er sich dies lediglich einbildete, umso schlimmer.

Er schloss die Tür, sah noch, wie die Krähe, indem sie mit den Flügeln ruderte, in eine Ecke des Zimmers flüchtete, aber sie richtete sich wieder auf, drehte den Kopf hierhin und dorthin, als wollte sie sich nicht nur in dem Peugeot, sondern auch in diesem Raum, genauer in dem Büro des Bürgermeisters von Teltow, für längere Zeit einrichten.  - Hartmut Lange, Das Haus in der Dorotheenstraße. Zürich 2013

 

Leben, akademisches Rabe

 

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