pfer  Ist der Tausch die Säkularisierung des Opfers, so erscheint dieses selber schon wie das magische Schema rationalen Tausches, eine Veranstaltung der Menschen, die Götter zu beherrschen, die gestürzt werden gerade durch das System der ihnen widerfahrenden Ehrung.

Das Moment des Betrugs im Opfer ist das Urbild der odysseischen List, wie denn viele Listen des Odysseus gleichsam einem Opfer an Naturgottheiten eingelegt sind.  Überlistet werden die Naturgottheiten wie vom Heros so von den solaren Göttern. Die olympischen Freunde des Odysseus benutzen den Aufenthalt des Poseidon bei den Äthiopiern, den Hinterwäldlern, die ihn noch ehren und ihm gewaltige Opfer bringen, dazu, ihren Schützling ungefährdet zu geleiten.

Betrug ist schon im Opfer selbser involviert, das Poseidon mit Behagen annimmt.  - Max  Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1947)

Opfer (2) »Das Opfern-müssen schlechthin betrifft einen jeden, weil jeder, wie wir gesehen haben, vom Leben und allen Gütern des Lebens den ihm umfaßbaren Anteil — das ursprüngliche suum cuique — nur dadurch empfängt, daß er beständig gibt und wiedergibt. Es ist aber nicht vom Tauschen im Sinne des gewöhnlichen Gütertauschs die Rede (der freilich uranfänglich gleichfalls vom Opfergedanken die Weihe erhält), sondern vom Austausch der Fluiden oder Essenzen durch Hingebung der eigenen Seele an das tragende und nährende Leben der Welt« - Ludwig Klages, Der Geist als Widersacher der Seele. 1932. Nach: Max  Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969 (zuerst 1947)

Opfer (3) Wenn eine Gurke die Stelle des Opfers einnimmt, sprechen die Nuer von ihr, als sei sie ein Ochse, und indem sie sich so ausdrücken, gehen sie ein wenig über die einfache Behauptung hinaus, daß die Gurke den Ochsen ersetzt. Gewiß, sie behaupten nicht, daß Gurken Ochsen seien, und wenn sie sich auf diese einzelne Gurke, die gerade geopfert werden soll, wie auf einen Ochsen beziehen, sagen sie nur, daß sie in diesem besonderen Rahmen einem Ochsen vergleichbar ist; und sie handeln dementsprechend, indem sie jeden Ritus der Opferung vollziehen, soweit es möglich ist, genauso wie sie es tun, wenn das Opfer ein Ochse ist. Die Ähnlichkeit liegt im Begriffsbereich, nicht im Wahrnehmungsbereich; das »ist« gründet auf einer qualitativen Analogie, die nicht den Ausdruck einer Symmetrie einschließt: eine Gurke ist ein Ochse, aber ein Ochse ist keine Gurke. - Evans-Pritchard, nach: Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973 (0rig. 1962)

Opfer (4) Poularden im älteren und eigentlichen Sinne sind weibliche Kapaune, hoffnungsvolle Hühnerjungfrauen, denen die unheilvolle Schere alle Aussichten auf das Vergnügen der Mutterschaft abgeschnitten hat. Neuerdings hat man jedoch erkannt, daß das Fett der edlen Weiblichkeit sich ziemlich unabhängig von der Liebe entwickelt, und begnügt sich daher mit der einfachen Klausur der Tierchen ohne alle Operation. Die auf diese Weise gezogenen reinen Masthühner sollen sogar leichter und vollständiger fett werden als die eigentlichen Poularden. Das Fettwerden aber ist in diesem Falle die große Hauptsache, denn »das Fett ist der Stolz der Poularde, wie die Schwindsucht der Stolz des lyrischen Dichters ist« (Grimod). Eine Poularde kann gar nicht fett genug sein, ist sie‘s aber, so liefert sie, besonders wenn man ihre Eingeweide durch Trüffeln ersetzt, den denkbar zartesten, saftigsten und würzigsten Braten, den je eines Menschen Nase gerochen und eines Menschen Zunge verschmeckt hat. Für eine solche getrüffelte Poularde könnte man seine letzte Liebe abschwören oder sonst ein heroisches Opfer bringen. - (ap)

Opfer (5)

Es schlummern orphische Zellen
in Hirnen des Okzident,
Fisch und Wein und Stellen,
an denen das Opfer brennt,
die Esse aus Haschisch und Meten
und Kraut und das delphische Lied
vom Zuge der Auleten,
wenn er am Gott verschied.

Wer nie das Haupt verhüllte
und niederstieg, ein Stier,
ein rieselnd Blut erfüllte
das Grab und Sargrevier,
wen nie Vermischungslüste
mit Todesschweiß bedrohn,
der ist auch nicht der Myste
aus der phrygischen Kommunion.

Um Feuerstein, um Herde
hat sich der Sieg gerankt,
er aber haßt das Werde,
das sich dem Sieg verdankt,
er drängt nach andern Brüsten
nach andern Meeren ein,
schon nähern sich die Küsten,
die Brandungsvögel schrein.

Nun mag den Sansibaren
der Himmel hoch und still,
eine Insel voll Nelkenwaren
und der Blüte der Bougainville,
wo sie in Höfen drehen
die Mühlen für Zuckerrohr,
nun mag das still vergehen -:
Er tritt als Opfer vor.

Und wo Vergang: in Gittern,
an denen der Mörder weint,
wo sonst Vergang, ach Zittern
löst schon die Stunde, die eint -:
ihm beben Schmerz und Schaden
im Haupt, das niemand kennt,
die Brandungsvögel baden,
das Opfer brennt.

- (benn)

Opfer (6)  Mit dem wahren Ursprung alles Theismus genau verwandt und eben so aus der Natur des Menschen hervorgehend ist der Drang seinen Göttern Opfer zu bringen, um ihre Gunst zu erkaufen, oder, wenn sie solche schon bewiesen haben, die Fortdauer derselben zu sichern, oder um Uebel ihnen abzukaufen. (S. Sanchoniathonis fragmenta, ed. Orelli, Lips. 1826. p. 42.) Dies ist der Sinn jedes Opfers und eben dadurch der Ursprung und die Stütze des Daseyns aller Götter; so daß man mit Wahrheit sagen kann, die Götter lebten vom Opfer. Denn eben weil der Drang, den Beistand übernatürlicher Wesen anzurufen und zu erkaufen, wiewohl ein Kind der Noth und der intellektuellen Beschränktheit, dem Menschen natürlich und seine Befriedigung ein Bedürfniß ist, schafft er sich Götter. Daher die Allgemeinheit des Opfers, in allen Zeitaltern und bei den allerverschiedensten Völkern, und die Identität der Sache, beim größten Unterschiede der Verhältnisse und Bildungsstufe. So z. B. erzählt Herodot (IV, 152), daß ein Schiff aus Samos, durch den überaus vortheilhaften Verkauf seiner Ladung in Tartessos einen unerhört großen Gewinn gehabt habe, worauf diese Samier den zehnten Theil desselben, der sechs Talente betrug, auf eine große eherne und sehr kunstvoll gearbeitete Vase verwandt und solche der Here in ihrem Tempel geschenkt haben. Und als Gegenstück zu diesen Griechen sehn wir, in unsern Tagen, den armsäligen, zur Zwerggestalt eingeschrumpften, nomadisirenden Rennthierlappen sein erübrigtes Geld an verschiedenen heimlichen Stellen der Felsen und Schluchten verstecken, die er Keinem bekannt macht, als nur in der Todesstunde seinem Erben, - bis auf eine, die er auch diesem verschweigt, weil er das dort Hingelegte dem genio loci, dem Schutzgott seines Reviers, zum Opfer gebracht hat. (S. Albrecht Pancritius, Hägringar, Reise durch Schweden, Lappland, Norwegen und Dänemark im Jahre 1850. Königsberg 1852. S. 162.) - So wurzelt der Götterglaube im Egoismus.  - (schop)

Opfer (7) Und ihn, der die Gestalt gewandelt hat, seinen eigenen Sohn hebt der Vater empor, schlachtet ihn und spricht auch noch ein Gebet dazu, der arge Tor! Sie aber sind verstört, die den Flehenden opfern wollen; doch jener taub gegen seine Rufe rüstet, nachdem er ihn schlachtete, damit im Hause ein böses Mahl. Ebenso ergreift seinen Vater der Sohn und ihre Mutter die Kinder, entreißen ihnen das Leben und schlingen das eigene Fleisch hinunter. - Empedokles, nach (lte)

Opfer (8)  Sezer sieht aus wie einer dieser Halbstarken, die sich gegenseitig als "Opfer" anreden und es tatsächlich ein bisschen sind, weil ihr Hauptschulabschluss sie nicht weit bringen wird. Die manchmal auch zu Tätern werden, zu Straftätern, prügeln oder klauen, Sachen abziehen. Manche enden im Knast, manche auf der Bühne, manche erst im Knast und dann auf der Bühne. Sezer trägt ein schwarzes Shirt, Sneakers - und die 472. Seine Haare sind an den Seiten rasiert, oben hat er sie mit Gel aufgestellt.

Tatsächlich hat Sezer früher Unsinn gemacht, so ähnlich wie die türkischen Jungs in Filmen wie "Knallhart". Kein Respekt vor den Lehrern, Schule scheißegal.

Es war wirklich einiger Unsinn dabei, er redet nicht gern drüber. Die Sache hat sich nämlich grundlegend geändert, er hat sich geändert. "Jetzt bin ich Einzelhandelskaufmann", sagt Sezer. - Johannes Gernert, taz vom 19.Oktober 2006

Opfer (9)  Daß Penthesilea in einen Dämmerzustand verfällt, das kommt besonders aus Liebesgram zweifellos täglich vor. Daß sie dann einen Menschen angreift: ist auch häufig; in den meisten Fällen hat Geschirr und Scheiben dran zu glauben. Daß sie ihn halb verschlingt, ist zwar selten, aber Irre verschlingen noch ganz andere Sachen. Das Ganze ist: sie merkt nicht in ihrer Erregung, daß Achilles als Liebender kommt; das ist der Kernpunkt, darauf baut sich alles auf, diese Voreiligkeit: ich muß mich damit abfinden, ich bin verpflichtet, es zu bewundern. Aber dies ist nur ein Mittel zum Zweck; worauf es ankommt, Kleist wie uns: es muß einer gefressen werden, bildlich, und was hier so sensationell ist, auch unbildlich. Das ist in allen Tragödien so, und hier läßt es sich mit Händen greifen. Ein Schlachtopfer muß uns fallen, das Schlachtopfer, das wir brauchen. Tragödie hat seinen Namen vom Böcklein, das einstmals geopfert wurde; das Böcklein ist verschwunden, wir halten uns an Menschen! Denn wir sind Kannibalen und brechen täglich die irdische Speiseordnung; wir füttern uns im Theater satt. Ein Vegetarier sieht sich keine Tragödie an; ein wirklicher Vollvegetarier. Wir verklären es schlau, reden von Kunst, halten uns Professoren, die dicke Bücher darüber schreiben müssen, was tragisch sei. Aber wir lassen gern unser Gehirn umdüstern, wir nehmen leichtgläubig den grenzenlosen Unsinn, die hanebüchene Borniertheit der Heroen hin, wenn es nur geschieht, wie es im Homer beim Gastmahl der Freier heißt: «Und siehe, ein großes Gelächter erregte Pallas Athene im Saal und verwirrte der Freier Gedanken; und schon lachten sie alle mit gräßlich verzuckten Gesichtern. Blutbesudeltes Fleisch verschlangen sie jetzo, die Augen waren mit Tränen erfüllt und Jammer umschwebte die Seele.»

Wir schmausen Othello und Desdemona, König Lear und seine süße Tochter. Je strahlender ein Achill ist, um so lieber nehmen wir ihn, denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht. - (poot)

Opfer (10)  Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat. - Karl Kraus, Pro Domo et Mundo, nach   (enc)

Opfer (11)  »Nun magst du büßen!« Lin riß ihm das Wams auf und stieß ihm den Dolch tief in die Herzgrube. Dann blickte er nach rückwärts. Der Aufseher hatte sich inzwischen von seiner Betäubung erholt und rappelte sich gerade wieder in die Höhe. Mit einigen Sätzen war Lin bei ihm und hatte ihm den Kopf vom Rumpf getrennt. Das gleiche grausige Werk verrichtete er an Lu und Fu An. Dann trug er die drei Köpfe, an den zusammengeknoteten Schöpfen baumelnd, in den Tempel und legte sie als Opfergabe auf dem Altar vor dem Standbild des Berggeistes nieder. Hierauf trank er in großen durstigen Zügen die Kürbisflasche leer, zog seinen linnenen Schneekittel über, stülpte den Filzhut auf, verabschiedete sich vom Berggeist und schritt ostwärts in die Nacht hinaus.   - (raub)

Opfer (12)    Das letzte Drittel - oder tercio de muerte - ist das des eigentlichen Opfers. Mit den Instrumenten des Todes bewaffnet (Stoßdegen und Muleta) unterjocht der Matador den Stier, lockt ihn in das straffe Netz von »Pases« hinein, versucht über ihn Herr zu werden, um ihn dann »einstellen« zu können, d. h. in die für die Hinrichtung geeignete Stellung zu bringen, schwer auf den Klauen lastend mit herunterhängendem Kopf. In diesem letzten Drittel enthüllt der Gegensatz - der im ersten tercio erregt und konfus, im zweiten klarer und gegliederter war - seine schärfste Ambiguität: haßerfüllter Tanz der beiden Gegner; der Mensch zieht die Bestie in seinen Todeswalzer hinein, schillert mit seinem bunten Tuch vor deren Augen wie ein Sadist, der dem kleinen Mädchen, das er erwürgen will, Süßigkeiten anbietet.   - Michel Leiris, Spiegel der Tauromachie, eingeleitet durch Tauromachien. Mit Zeichnungen von André Masson. München 1982 (entstanden 1937)

Opfer (13)   »Es ist so einfach«, sagte Somoza. »Immer habe ich gefühlt, daß die Haut noch mit dem anderen in Berührung stand. Aber fünftausend Jahre Irrweg mußten rückgängig gemacht werden. Merkwürdig, daß sie selbst, die Nachkommen der Ägäer, an diesem Irrtum schuld waren. Aber das ist nun unwichtig. Schau, so ist das.«

Er trat neben das Götzenbild, hob seine Hand und legte sie sanft auf die Brüste und den Leib. Die andere liebkoste den Hals, stieg bis zu dem fehlenden Mund der Statue empor, und Morand hörte Somoza mit dumpfer, tonloser Stimme sprechen, fast so, als wären es seine Hände oder vielleicht jener fehlende Mund, welche von der Jagd in den Höhlen des Rauches redeten, von den eingepferchten Hirschen, dem Namen, den man nur danach sagen durfte, von den Kreisen aus blauem Talg, dem Spiel der doppelten Flüsse, von der Kindheit Pohks, dem Gang zu den Stufen des Westens und den Höhen in die unheilvollen Schatten. Er fragte sich, ob es ihm, falls er in einem unbewachten Augenblick telefonierte, wohl gelänge, Therese zu verständigen, daß sie Doktor Vernet mitbringe. Aber Therese mußte schon unterwegs sein, und am Rande der Felsen, -wo die Vielgestaltige brüllte, beschnitt der Anführer der Grünen das linke Horn des schönsten Stieres und streckte es dem Häuptling derer entgegen, die das Salz hüten, um den Pakt mit Haghesa zu erneuern.

»Hör zu, laß mich Atem schöpfen«, sagte Morand, erhob sich und tat einen Schritt nach vorn. »Es ist phantastisch, und im übrigen habe ich schrecklichen Durst. Trinken wir was, ich hole gern...«

»Der Whisky steht dort«, sagte Somoza und zog langsam die Hände von der Statue zurück. »Ich trinke nicht, ich muß vor dem Opfer nüchtern bleiben.«

»Schade«, sagte Morand, der nach der Flasche suchte. »Allein trinken macht mir keinen Spaß. Welches Opfer?«

Er goß das Glas bis an den Rand voll Whisky.

»Das der Vereinigung, um mit deinen Worten zu sprechen. Hörst du sie nicht? Die Doppelflöte, wie die der kleinen Statue, die wir im Athener Museum sahen. Der Ton des Lebens zur Linken, der der Zwietracht zur Rechten. Für Haghesa ist die Zwietracht auch das Leben, aber wenn das Opfer vollzogen wird, hören die Flötenspieler auf dem rechten Rohr zu blasen auf, und man hört nur das Pfeifen des neuen Lebens, das das vergossene Blut trinkt. Und die Flötenspieler füllen sich den Mund mit Blut und blasen es durch das linke Rohr, und ich werde mit Blut ihr Antlitz salben, siehst du, so, und unter dem Blut werden ihre Augen und der Mund zum Vorschein kommen.«

»Laß die Dummheiten«, sagte Morand und trank einen langen Schluck. »Das Blut würde unserem Marmorpüppchen übel stehen. Ja, es ist heiß.«

Somoza hatte mit einer langsamen, gemessenen Gebärde seinen Kittel abgelegt. Als Morand sah, daß er sich die Hosen aufknöpfte, sagte er sich, daß er ihn hätte hindern müssen, sich derart zu erregen, es nicht hätte dulden dürfen, daß sein Wahn sich entlud. Mager und dunkelhäutig reckte Somoza sich nackt unter dem Licht des Scheinwerfers empor und schien in die Betrachtung eines Punkts im Raum versunken. Aus dem halbgeöffneten Mund tropfte ihm ein Faden Speichel, und Morand, der hastig das Glas auf den Boden stellte, überlegte, daß er ihn irgendwie überlisten mußte, um zur Tür zu gelangen. Nie sollte er erfahren, woher die Steinaxt gekommen war, die plötzlich in der Hand So-mozas schwankte. Er begriff.

»Das war zu erwarten«, sagte er, langsam zurückweichend. »Der Pakt mit Haghesa, was? Das Blut wird dir der arme Morand spenden, ist's nicht so?«

Ohne ihn anzuschauen, begann Somoza sich auf ihn zuzubewegen, wobei er einen Kreisbogen beschrieb, als folge er einem vorgeschriebenen Kurs.

»Wenn du mich wirklich töten willst«, schrie, bis in den Halbschatten zurückweichend, Morand ihm zu, »wozu dann dieses ganze Theater? Wir wissen beide sehr gut, daß es wegen Therese ist. Aber was hilft es dir, wenn sie dich nie geliebt hat und niemals lieben wird?«

Der nackte Körper trat schon aus dem vom Scheinwerfer erhellten Kreis heraus. Morand, der in den Schatten des Winkels geflohen war, trat auf die feuchten Lappen am Boden und wußte, daß er nicht mehr weiter konnte. Er sah die erhobene Axt und sprang, wie es ihn Nagashi auf der Judoschule an der Place des Ternes gelehrt hatte. Der Fußtritt traf Somoza mieten auf den Oberschenkel und der Nishi-Schlag an der linken Halspartie. Die Axt fiel schräg herab, zu weit entfernt, und Morand stieß geschmeidig den Rumpf zurück, der sich über ihn wälzen wollte, und packte die wehrlose Puppe. Somoza war noch ein erstickter und bestürzter Schrei, als die Schneide der Axt ihm mitten in die Stirn fuhr.  

Ehe er ihn wieder ansah, erbrach Morand in dem Winkel des Ateliers auf die schmutzigen Lappen. Er fühlte sich wie ausgehöhlt, und Speien tat ihm gut. - Julio Cortázar, Die Nacht auf dem Rücken. Die Erzählungen Bd. 1. Frankfurt am Main 1998

Opfer (14)   Es gibt mehrere Arten von Opfern, denn bei dem einen, dem Brandopfer, wurde das Opfertier verbrannt, bei einem andern wurde Blut zum Opfer ausgegossen. Überdies gab es Heilsopfer zur Erlangung der Rettung, Friedensopfer zur Erlangung des Friedens, Lobopfer für die Befreiung von Übeln, oder die Erweisung von Wohltaten; ferner Dankopfer zur Verehrung Gottes und zur Danksagung. Einige wurden weder zur Ehre Gottes, noch aus gutem Willen dargebracht, wie z. B. bei den Hebräern das Opfer der Eifersucht, welches allein stattfand, um einen verborgenen Ehebruch zu entdecken. Bei den Heiden gab es einst ein Sühnopfer, wodurch Städte, die von einer Hungersnot, einer verheerenden Seuche oder sonst einem großen Unglück betroffen waren, gereinigt wurden. Das Verfahren bestand darin, daß man in einer solchen Gemeinde den abscheulichsten Menschen heraussuchte, ihn mit Käse, Kuchen und trockenen Feigen in den Händen an einen bestimmten Ort führte, und ihn siebenmal mit Ruten hieb, worauf er auf einem Holzstoße verbrannt und seine Asche ins Meer geworfen wurde. Lykophron und Hipponax sprechen von diesem Gebrauche. Nicht sehr verschieden hievon ist, was Philostratus von Apollonius von Tyana erzählt, als er zu Ephesus die Pest vertrieb. Außerdem gab es noch viele Arten von Opfern, wie die Agonalia, die Dapsa, die Farreationes, die Hekatomben, das Sühnopfer, die Hyacinthia, die Armilustra, die Janualia, die Lucalia, die Lupercalia, die Munychia, die Novendinalia, die Nic-tiluca, die Palatialia, die Pastuaria, die Popularia, die Protervia, die Skenopegia, die Solitorilia, die Stata, die Rubigalia, die Fon-tanalia, die Ormia, die Totenfeste und Totenopfer, die Lampte-ria, die Consualia, die Amburbia, die Ambarvalia, das Weinfest, die Thya, die Brandopfer, die Orgien, die Latialia, die Dianetauriba, die Bachanalen, die Trieterica, die Liberalia, die Cocyitia, das Ceresfest, die Tesmophoria, das Adonisfest, die Theonia, die Laurentialia, die Opalia, die Palilia, die Quirinalia, die Vertumnalia, die Gynäcia, die Panathenaa, die Quinquatria, die Diapalia, die Diasia, die Horrna, die Hormea, die Nemea, die Mytriaca, die Palogygia. Auch besondere Opfertiere wurden den einzelnen Gottheiten dargebracht, so dem Bacchus der Bock und Esel, der Ceres das Mutterschwein, der Sonne das Pferd, der Diana die Hirschkuh und Hunde, dem Priapus der Esel, der Isis die Gans, der Nacht der Hahn, dem Faun die Ziege, dem Neptun der Stier, dem Saturn Knaben, der Maja ein trächtiges Schwein, dem Äskulap der Hahn. Dem Herkules von Gnidus wurde durch Schimpfworte und Schmähungen geopfert. - (nett)

Opfer (15)  Man bereitete den Zippa fünf Tage im Tempel vor. Er betete, fastete und schlief nicht. Das Volk erfuhr, er werde selber zu Bochica gehen.

Vor Sonnenaufgang führten die Priester den Zippa den langen dunklen von Steinen eingefaßten Weg zum Opferring. Schwarz stand der dichte Wald, blaugrau der Himmel, die Luft wehte eisig.

Die Priester, Gesichter nach Osten, knieten. Der alte Zippa, schwarz und rot bemalt, im Königsschmuck, stand auf den Steinen zu Füßen der riesigen Säule Bochicas. Als der Himmel zu wogen und leuchten begann und der erste dünne Sonnenstrahl auf die Säule fiel, stieß Sugamuxi die Opferlanzc in den Zippa. Die Priester legten ihn auf die Steine, schlugen seine Brust auf, schnitten das blutende Herz heraus. Der Oberpricster zeigte es der Sonne. Die Flöten und Muscheln gingen, die Priester sangen.   - Alfred Döblin, Amazonas-Trilogie. Bd.1, Land ohne Tod. München 1991

Opfer (16)  Das Opfer ist bei allen Skythen und bei allen Heiligtümern das gleiche und wird so ausgeführt: Das Opfertier steht da, an den Vorderbeinen gefesselt, der Opfernde aber steht hinter dem Tier, zieht zuerst an dem Strick und wirft es nieder, und während das geweihte Tier stürzt, ruft er den Gott an, dem er opfert. Sodann schlingt er ihm ein Seil um den Hals, steckt einen Knüppel hinein, dreht ihn herum und erstickt es, und zündet dabei kein Feuer an, macht keine Vorweihe, gießt keine Spende aus. Hat er's erstickt und abgezogen, geht es ans Kochen. Nun ist die skythische Erde schrecklich holzarm,  und so fanden sie folgenden Ausweg für das Kochen des Fleisches. Wenn sie die Opfer enthäutet haben, lösen sie die Knochen aus dem Fleisch. Das werfen sie dann, wenn sie solche dabei haben, in ihre einheimischen Kessel, am ehesten den Mischkrügen von Lesbos ähnlich, nur viel größer; in die werfen sie's und kochen es, indem sie darunter ein Feuer machen aus den Knochen der Opfer. Haben sie aber keinen Kessel zur Hand, stopfen sie alles Fleisch in die Mägen der Opfer und füllen Wasser dazu und zünden darunter die Knochen an. Und so kocht das Rind sich selber gar und auch die andern Tiere jedes sich selber. Wenn das Fleisch nun gekocht ist, nimmt der Opfernde einen Erstlingsteil von dem Fleisch und den Innereien und wirft ihn nach vorne. Sie opfern alles mögliche Vieh, vor allem aber Pferde.  - (hero)

Opfer (17)  

Opfer (18)

Betrug Magie Tausch Besänftigung
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