tier Ein großer weißer Stier wird in die Schlachthalle getrieben. Hier ist kein Dampf, keine Bucht wie für die wimmelnden Schweine. Einzeln tritt das große starke Tier, der Stier, zwischen seinen Treibern durch das Tor. Offen liegt die blutige Halle vor ihm mit den hängenden Hälften, Vierteln, den zerhackten Knochen. Der große Stier hat eine breite Stirn. Er wird mit Stöcken und Stößen vor den Schlächter getrieben. Der gibt ihm, damit er besser steht, mit dem flachen Beil noch einen leichten Schlag gegen ein Hinterbein. Jetzt greift der eine Stiertreiber von unten um den Hals. Das Tier steht, gibt nach, sonderbar leicht gibt es nach, als wäre es einverstanden und willige nun ein, nachdem es alles gesehn hat und weiß: das ist sein Schicksal, und es kann doch nichts machen. Vielleicht hält es die Bewegung des Viehtreibers auch für eine Liebkosung, denn es sieht so freundlich aus. Es folgt den ziehenden Armen des Viehtreibers, biegt den Kopf schräg beiseite, das Maul nach oben.

Da steht der aber hinter ihm, der Schlächter, mit dem aufgehobenen Hammer. Blick dich nicht um. Der Hammer, von dem starken Mann mit beiden Fäusten aufgehoben, ist hinter ihm, über ihm und dann: wumm herunter. Die Muskelkraft eines starken Mannes wie ein Keil eisern in das Genick. Und im Moment, der Hammer ist noch nicht abgehoben, schnellen die vier Beine des Tieres hoch, der ganze schwere Körper scheint anzufliegen. Und dann, als wenn es ohne Beine wäre, dumpft das Tier, der schwere Leib, auf den Boden, auf die starr angekrampften Beine, liegt einen Augenblick so und kippt auf die Seite. Von rechts und links umwandert ihn der Henker, kracht ihm neue gnädige Betäubungsladungen gegen den Kopf, gegen den Kopf, gegen die Schläfen, schlafe, du wirst nicht mehr aufwachen. Dann nimmt der andere neben ihm seine Zigarre aus dem Mund, schnäuzt sich, zieht sein Messer ab, es ist lang wie ein halber Degen, und kniet hinter dem Kopf des Tieres, dessen Beine schon der Krampf verlassen hat. Kleine zuckende Stöße macht es, den Hinterleib wirft es hin und her. Der Schlächter sucht am Boden, er setzt das Messer nicht an, er ruft nach der Schale für das Blut. Das Blut kreist noch drin, ruhig, wenig erregt unter den Stößen eines mächtigen Herzens. Das Rückenmark ist zwar zerquetscht, aber das Blut fließt noch ruhig durch die Adern, die Lungen atmen, die Därme bewegen sich. Jetzt wird das Messer angesetzt werden, das Blut wird herausstürzen, ich kann es mir schon denken, armdick im Strahl, schwarzes, schönes, jubelndes Blut. Dann wird der ganze lustige Festjubel das Haus verlassen, die Gäste tanzen hinaus, ein Tumult, und weg die fröhlichen Weiden, der warme Stall, das duftende Futter, alles weg, fortgeblasen, ein leeres Loch, Finsternis, jetzt kommt ein neues Weltbild. Oha, es ist plötzlich ein Herr erschienen, der das Haus gekauft hat, Straßendurchbruch, bessere Konjunktur, er wird abreißen. Man bringt die große Schale, schiebt sie ran, das mächtige Tier wirft die Hinterbeine hoch. Das Messer fährt ihm in den Hals neben der Kehle, behutsam die Adern aufgesucht, solche Ader hat starke Häute, sie liegt gut gesichert. Und da ist sie auf, noch eine, der Schwall, heiße dampfende Schwärze, schwarzrot sprudelt das Blut heraus über das Messer, über den Arm des Schlächters, das jubelnde Blut, das heiße Blut, die Gäste kommen, der Akt der Verwandlung ist da, aus der Sonne ist dein Blut gekommen, die Sonne hat sich in deinem Körper versteckt, jetzt kommt sie wieder hervor. Das Tier atmet ungeheuer auf, das ist wie eine Erstickung, ein ungeheurer Reiz, es röchelt, rasselt. Ja, das Gebälk kracht. Wie die Flanken sich so schrecklich heben, ist ein Mann dem Tier behilflich. Wenn ein Stein fallen will, gib ihm einen Stoß. Ein Mann springt auf das Tier herauf, auf den Leib, mit beiden einen, steht oben, wippt, tritt auf die Eingeweide, wippt auf und ab, das Blut soll rascher heraus, ganz heraus. Und das Röcheln wird stärker, es ist ein sehr hingezogenes Keuchen, Verkeuchen, mit leichten abwehrenden Schlägen der Hinterbeine.

Die Beine winken leise. Das Leben röchelt sich nun aus, der Atem läßt nach. Schwer dreht sich der Hinterleib, kippt. Das ist die Erde, die Schwerkraft. Der Mann wippt nach oben. Der andere unten präpariert schon das Fell am Hals zurück.

Fröhliche Weiden, dumpfer, warmer Stall. -  Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz (1929)

Stier (2) Nach einer griechischen Legende verfiel Pasiphae, die Gemahlin des Königs Minos von Kreta, auf die ausgefallene Idee, sich mit einem Stier von ungewöhnlicher Schönheit zu vereinigen. Sie beauftragte Daidalos, Hofarchitekt und genialer Ingenieur, für sie das Modell einer Kuh zu bauen, in dem sie sich verbergen und dem Stier darbieten konnte. Aus der Verbindung mit dem Stier ging ein Kind hervor, das einen Stierkopf und einen menschlichen Leib hatte und als Minotauros bekannt wurde. Das Monster wurde in ein eigens von Daidalos erbautes Labyrinth gesperrt, das so verwinkelt war, daß niemand den Ausgang finden konnte. Jedes Jahr wurden sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge in das Labyrinth geschickt, wo sie hilflos umherirrten, bis sie der Minotauros fand und verschlang.  - (erf)

Stier (3) Einem islamischen Mythos zufolge ist Kujata ein großer Stier mit je viertausend Augen, Ohren, Nasen, Mäulern, Zungen und Füßen. Um von einem Auge zum anderen oder von einem Ohr zum anderen zu gelangen, braucht man nicht länger als 500 Jahre. Kujata steht auf dem Fisch Bahamut; auf dem Rücken des Stiers befindet sich ein Rubinfelsen, auf dem Felsen ein Engel, und auf dem Engel unsere Erde. - (bo)

Stier (astrologisch)

ANALOGIEN:     Das Rind, der Kürbis, die Linse, der Kohl, die Saubohne, die Rübe, die Banane, die Pfingstrose, der Flieder, die Levkoje, die Glyzinie, das Stiefmütterchen, die Erdbeere.
Die gepflügten Acker, die Freudenhäuser, die Kinnladen und der Hals. Das Joch.

STEINE:     der Smaragd, der Beryll.

METALL:     das Messing.

FARBEN:     (pastos und leuchtend): Kobaltblau, tiefroter Krapplack.

GESCHMACK:  fett und süß.

DÜFTE:      (schwer und sinnlich): Nachthyazinthe, Kakao, Vanille.

KLANG:      das Kornett und das Fagott.

PERSÖNLICHKEITEN:      Balzac, Delacroix, Carpeaux, Massenet, Catulle Mendès, Alphonse Daudet, Jules Lemaitre, Marcel Prévost, Henri Pourrat, Saint-Georges de Bouhélier, Henri Barbusse, Kierkegaard.

DER STIER LIEBT den Skorpion, steht in Einklang mit der Jungfrau und dem Steinbock, verträgt sich mit dem Krebs und den Fischen, liebt nicht den Löwen und den Wassermann, verträgt sich nicht mit dem Widder, dem Schützen, den Zwillingen und der Waage.

EMBLEM:     «Ein pflügender Bauer mit gebeugtem Rücken inmitten von Blumen» (die schwere Arbeit und die Routine, die Sicherheit verbürgen und bewahren).

Der Fortpflanzungstrieb und alle materialistischen Triebe (das Kleinhim oder Stammhirn). Die physischen oder moralischen Grobheiten. Gewalt und Konzentration. Die Geduldsarbeit. Verwaltung und Verwirklichung.

QUALITÄTEN: Ausdauer, Zähigkeit, Umsicht.

SCHWÄCHEN:  Grobschlächtigkeit, Argwohn, prosaischer Geist.

Leibverhaftete verschlossene Natur, erwärmt sich und entscheidet sich nur sehr langsam, schwer zugänglich oder undankbar. Tiefer instinktiver Argwohn. Oft innerer Reichtum, aber immer eine unsympathische Schale.

Eine Art Angst und Unbestimmtheit gegenüber der Umwelt rührt eben von diesem langsamen Aufnehmen, das entweder an Herz und Verstand zweifeln oder die Geduld verlieren läßt. Die Intelligenz ist nicht mittelmäßig, aber das Durchdenken mühsam. Der Stiermensch wird nur langsam und schwer einer Sache gewahr, danach aber ist er zur energischen Durchführung und Vertiefung fähig. Ein in sich gesammelter, zurückhaltender und griesgrämiger Geist, der Mühe hat, seine Vorstellungen denen der anderen anzupassen.

Zentripetale Kraft: an sich ziehen durch Annäherung an ein Zentrum. Soviel wie möglich in den Kreis bannen und so wenig wie möglich entweichen lassen. Der Stiertyp ist sowenig verschwenderisch wie er red- und gefühlsselig ist.

Langsam, behutsam vorgehen, um sicher zum Resultat zu gelangen. Angstlichkeit und Kon-zentration; Behutsamkeit im Nachdenken über das Gut des anderen und das Mittel, seiner habhaft zu werden.

  Der Stiermensch ist dickköpfig, hartnäckig, ausdauernd, hängt an seinen Gefühlen, ist schwer zu überzeugen oder abzuschrecken. Er bedarf stets eines Anstoßes, eines Ansporns, um sich in Bewegung zu setzen und Partei zu ergreifen. Wenn er seinen Ansatzpunkt gefunden hat, ist er imstande, die Welt aus den Angeln zu heben.

Schwerfälligkeit und Bauernschläue. Manchmal allerdings bedrückende Unbeholfenheit. Bei Schicksalsschlägen bezeugt er sein Mitgefühl durch ein grobes, mitleidiges Lachen.

Den Stiertypen fehlt es an Beweglichkeit wegen ihrer übermäßigen Trägheit und ihres prosaischen Geistes, dennoch ist ihre ganz und gar erdgebundene Phantasie sehr lebhaft. Ist der Betreffende erst einmal auf das richtige Geleise gesetzt, ist er zur energischen, gründlichen Durchführung fähig.

Stolz, eine hohe Meinung von sich selbst; unter der Maske des Opportunismus oder der Biederkeit sind sie sehr ehrgeizig. Geldgier. Begabt zur Verwaltung und zur Durchführung weitgespannter Unternehmungen. Sie sind praktisch, aber ohne Kleinlichkeit, sogar zur Großzügigkeit geneigt, wenn man sie nicht erbost oder wenn ihr unmittelbares Interesse nicht im Spiel ist.

Friedliche, doch für Gewalt anfällige Naturen, deren Explosionen Schrecken verbreiten. Sie sind ausschweifend und gierig. Die Stiertypen sind zweifach verriegelt; ihnen kommt man nur durch Einbruch bei.

DIE STIERFRAU ist Aphrodite, die ursprüngliche Schönheit wie sie den Wellen entsteigt, mit Veilchen im Haar und im Olymp wie auf Erden die Bewunderung aller erweckend. Ebenso ist sie der Zankapfel und Anlaß zu endlosen Liebeshändeln. Sie ist aber auch Helena und der spartanische (sic!) Krieg, oder auch Sappho. Die Stierfrau ist sinnlich, geheimnisvoll, manchmal rachsüchtig, immer zwischen der Leidenschaft und der Liebe hin- und hergerissen, die sie ohne Unterlaß erweckt.

KÖRPERLICHE KRANKHEITEN: Krankheiten des Halses, der Venen, des Blutkreislaufs. Anginen, der Kropf. Gewebskrankheiten. Stauungen. Phlebitis. Fortbestand des Botalschen Lochs (Vermischung des arteriellen und des venösen Blutes).

MORALISCHE KRANKHEITEN: Mangelnde Beweglichkeit. Trägheit. Kleine Statur, massive Gestalt, gedrungen und breit. Dicke, vorstehende gierige Lippen: Negerlippen. Breite Schultern. Fleischiger Rücken, feister Nacken, breiter Bauch. Der Hinterkopf ist entwickelt. Große, etwas kuhähnliche Augen. Breite Stirn. Rauhe Stimme, zumal in der Brunst. Schwerfälliger Gang.

Ihre Kraft sitzt im Nacken: die Hartnäckigkeit. - (jac)

Stier (5)

Rindvieh
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