atur Man fragte Herrn ***, warum die Natur die Liebe unabhängig von der Vernunft gemacht hätte. »Das kommt«, erwiderte er, »daher, daß die Natur nur an die Erhaltung der Gattung denkt, und um diese zu erhalten, braucht sie sich nur auf unsere Dummheit zu verlassen. Ob ich, außer mir, mich an die Kellnerin einer Schenke oder an eine Dirne wende, der Zweck der Natur kann dabei ebensogut erfüllt werden, wie wenn ich nach drei Jahren Werben Clarissa bekommen hätte. Die Vernunft hingegen hätte mich vor der Kellnerin bewahrt, vor der Dirne und vielleicht vor Clarissa. Denn hörte man nur auf die Vernunft — welcher Mann würde Vater sein wollen und sich so viele Sorgen für eine lange Zukunft aufladen? Welche Frau würde wegen der Epilepsie weniger Minuten die Krankheit eines ganzen Jahres auf sich nehmen? Indem die Natur uns unsere Vernunft entzieht, befestigt sie besser ihre Herrschaft, und deswegen rückt sie in dieser Hinsicht Zenobia und ihre Hühnerhofmagd, Mark Aurel und seinen Stallknecht auf eine Ebene.« - (Chamfort)

Natur (2)

Natur (3) WAS tue ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl, als dürfte ich kein Wort von dir verlauten lassen, ja, nicht zu deutlich an dich denken. Ich nenne dich ‹du›, als wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein wie ich. Da sehe ich schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort vergebens ist. Ich will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, Ungeheuer, die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin und wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser schwimmt. Ihr Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt mich, trägt mich, zerreibt mich.

Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin ich um euch. Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In meiner Demut vor euch war Angst vor Lähmung und Betäubung. Immer habe ich euch, ich gestehe es, als Schreckliches in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte ich euch verborgen, hielt die Türe zu.

Jetzt spreche ich — ich will nicht du und ihr sagen — von ihm, dem Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender Wind ist. Was im Feuer brennt, dem Züngelnden Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt und warm ist, blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch hin- und herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die Schlitzaugen nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was dem Reh Furcht macht. Von seinem Blut, das fließt und das das andere Tier trinkt, Von dem Tausendwesen, das in den Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich löst, verbindet, verweht. Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues Prasseln Verschmelzen Verwehen.

Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf dem Papier, in der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das auf das weiße knisternde Papier fällt. Wie sich das Papier biegt, Falten wirft unter der Feder. Wie die Feder sich biegt, streckt. Meine führende Hand wandert von links nach rechts, nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut läuft durch den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide Hände, die Arme, die Brust, den ganzen Körper, seine Haut Muskeln Eingeweide, in alle Flächen Ecken Nischen. So viel Veränderung in diesem hier. Und ich bin nur ein Einzelnes, ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen Tuch verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar reich. Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten auf dem Rasen Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es ist Mai. Ich habe nicht gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser in den Anlagen stehen. An jedem Blatt Stengel Wurzelschaft geschieht sekundlich etwas.

Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es.

Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da ist es.

Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von der ich doch weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige. Sich unaufhörlich Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende sich Kreuzende.

Ich gehe auf dem weichen, wippenden Boden am flachen Ende des Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten Fischerhütte, Dunst über dem Wasser und Schilf. Am Boden der Luft gehe ich. Eingeschlossen in diesem Augenblick mit Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir sind zusammen diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der Fischerhütte, Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten der Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht Wolken Angler Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang Wärme elektrische Spannung der Luft. Wie blendend tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne toben neben ihr, ich seh‘ sie nicht.

Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden, ineinander verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar schönen, kaum ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten. Zitternder greifender flirrender Tausendfuß Tausendgeist Tausendkopf.

Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß sprechen von euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich noch lebe.

Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich meine Kehle geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken, jetzt stille, lauschend, ahnend empfinde.  - (gig)

Natur (4) Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort ›Blut‹ nicht wohl vertragen können. Einige allgemeine Betrachtungen mögen sie überzeugen, daß wir nicht grausamer sind als die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein Auflodern des tellurischen Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat? Eine unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege lägen.

Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben? - Georg Büchner, Dantons Tod (Saint Just redet)

Natur (5) Wir wollen uns die Zeit nehmen, einen Augenblick mit der heiligen Fackel der Philosophie in unsere Seele zu leuchten; welche Stimme, wenn nicht die der Natur, inspiriert uns denn zu persönlichen Haß- und Rachegefühlen, zu Kriegen, kurz all diesen Motiven für unaufhörliches Morden? Wenn die Natur uns aber dazu inspiriert, bedarf sie also der Morde. Wie können wir uns demnach ihr gegenüber für schuldig halten, wo wir doch nur ihre Pläne ausführen?

Aber das war schon mehr, als nötig ist, um jeden aufgeklärten Leser zu überzeugen, daß ein Mord unmöglich der Natur zuwiderlaufen kann. - Marquis de Sade, Die Philosophie im Boudoir. Gifkendorf 1989 (zuerst ca. 1790)

Natur (6)

Natur (7) Im Grunde müßte jeder mit jedem andauernd Prozesse führen, sage ich. Hunderte von ausständigen Honoraren, sage ich, aber alle diese wohlhabenden Leute denken nicht daran, zu zahlen. Wie sie gehört haben, daß man mir die Praxis gesperrt hat, haben alle diese Leute gedacht, daß sie jetzt einen Grund haben, mich nicht zu bezahlen. Die Leute sind gemein, weil die Welt, in welcher sie leben, gemein ist. Alles ist gemein an den Menschen. Das Gemeine und die Natur als die Natur des Gemeinen ergänzen sich wechselseitig, sage ich. Man ist ab und zu vorlaut, aber es hat keinen Zweck, vorlaut zu sein. In den Köpfen ist nichts als die Gewinnsucht und die Niedertracht zum Betrug, sage ich. Nimmt man die Natur auseinander, so ist klar zu erkennen, daß ihre Konstruktion ein Betrug ist in allen Teilen. So auch der größenwahnsinnige Mensch jn seiner Naturgemeinheit. Die Linie, die einer in philosophischem Schwachsinn gegen den Horizont ziehe, erweise sich letzten Endes auch immer als Perversion, sage ich. - Thomas Bernhard, Watten. Ein Nachlaß. In: T.B., Die Erzählungen. Frankfurt am Main 1979

Natur (8) Verneuil begann: „Nehmen wir vorerst an, als unerschütterliche Grundlage aller Systeme, daß es in den Absichten der Natur liegt, daß eine Menschenklasse der anderen durch ihre Schwäche und Minderwertigkeit unterworfen sei. Wenn also das Opfer dieser schwächlichen Klasse angehört, so tut der Opfernde nichts Schlimmeres, wie der Besitzer eines Bauerngutes, der seine Schweine tötet. Wollten Sie aber an meinem obersten Grundsatz zweifeln, so bitte ich Sie, die Weltgeschichte zu durchlaufen, um zu sehen, daß jedes Volk seine verachtete Klasse besaß. Die Juden bildeten die der Ägypter, die Heloten die der Griechen, die Parias die der Brahmanen und die Neger die Europas. Nur ein Misanthrop wie Rousseau konnte behaupten, daß alle Menschen von Geburt aus an Kraft und Rechten gleich seien. Aber wie konnte der Zwerg der Pygmäe, der vier Fuß zwei Zoll hoch ist, sich mit einem Mustermenschen vergleichen, der den Wuchs eines Herkules hat? Könnte man nicht ebensogut sagen, daß die Mücke dem Elefanten ähnelt. Kraft, Schönheit, Wuchs und Beredsamkeit waren die Tugenden, die in der Kindheit der Menschheit Einfluß verschafften. Eine Familie, ein Flecken, der sich verteidigen mußte, wählte bald aus seiner Mitte das Wesen, daß die meisten eben beschriebenen Fähigkeiten besaß. Dieses erwählte Oberhaupt suchte sich unter den Schwächeren Sklaven aus und opferte sie mitleidlos seinen Interessen und Leidenschaften hin. Wer zweifelt daran, daß, als die Gesellschaften entstanden, die Nachkommen dieser Oberhäupter, obwohl ihre Kraft oder ihre moralischen Eigenschaften nicht mehr denen ihrer Väter ähnelten, die Macht dennoch weiter besaßen. Das ist der Ursprung des Todes, der schließlich einsah, daß es nötig sei, die ursprünglichen Eigenschaften weiter vorzutäuschen und schließlich notwendigerweise oder aus Ehrgeiz grausam wurde. So war es mit einem Nero, einem Tiberius, einem Heliogabal, einem Wenzeslaus, einem Ludwig XI. usw. Sie erbten eine ihren Vorfahren übertragene Macht und mißbrauchten sie für ihre Leidenschaft. Hatte jedoch dieser Mißbrauch schlimme Folgen? Zweifellos weniger, wie wenn die Macht eingeschränkt worden wäre, denn der Mißbrauch hält die Herrschaft aufrecht, während durch die Verminderung der Gewalt die Völker in einen Anarchiezustand gefallen wären." - (just)

Natur (9)   Man beschuldigt die Dichter der Übertretung, und hält ihnen ihre bildliche uneigentliche Sprache gleichsam nur zu gute, ja man begnügt sich ohne tiefere Untersuchung, ihrer Fantasie jene wunderliche Natur zuzuschreiben, die manches sieht und hört, Was andere nicht hören und sehen, und die in einem lieblichen Wahnsinn mit der wirklichen Welt nach ihrem Belieben schaltet und waltet; aber mir scheinen die Dichter noch bei weitem nicht genug zu übertreiben, nur dunkel den Zauber jener Sprache zu ahnden und mit der Fantasie nur so zu spielen, wie ein Kind mit dem Zauberstabe seines Vaters spielt. Sie wissen nicht, welche Kräfte ihnen unterthan sind, welche Welten ihnen gehorchen müssen. Ist es denn nicht wahr, daß Steine und Wälder der Musik gehorchen und, von ihr gezähmt, sich jedem Willen wie Hausthiere fügen? - Blühen nicht wirklich die schönsten Blumen um die Geliebte und freuen sich sie zu schmücken? Wird für sie der Himmel nicht heiter und das Meer nicht eben? - Drückt nicht die ganze Natur so gut, wie das Gesicht, und die Geberden, der Puls und die Farben, den Zustand eines jeden der höheren, wunderbaren Wesen aus, die wir Menschen nennen? Wird nicht der Fels ein eigenthümhches Du, eben wenn ich ihn anrede? Und was bin ich anders, als der Strom, wenn ich wehmüthig in seine Wellen hinabschaue, und die Gedanken in seinem Gleiten verliere? Nur ein ruhiges, genußvolles Gemüth wird die Pflanzenwelt, nur ein lustiges Kind oder ein Wilder die Thiere verstehn. - Ob jemand die Steine und Gestirne schon verstand, weiß ich nicht, aber gewiß muß dieser ein erhabnes Wesen gewesen seyn. In jenen Statuen, die aus einer untergegangenen Zeit der Herrlichkeit des Menschengeschlechts übrig geblieben sind, leuchtet allein so ein tiefer Geist, so ein seltsames Verständniß der Steinwelt hervor, und überzieht den sinnvollen Betrachter mit einer Steinrinde, die nach innen zu wachsen scheint. Das Erhabne wirkt versteinernd, und so dürften wir uns nicht über das Erhabne der Natur und seine Wirkungen wundern, oder nicht wissen, wo es zu suchen sey. Könnte die Natur nicht über den Anblick Gottes zu Stein geworden seyn? Oder vor Schrecken über die Ankunft des Menschen?  - Novalis, Die Lehrlinge zu Sais

Natur (10)

Natur (11)

Natur (12)  Die Himmel bedrohen uns mit ihren Kometen, Sternen, Planeten, mit großen Konjunktionen, Verfinsterungen, Oppositionen, Quadraturen und anderen unfreundlichen Erscheinungen, die Lüfte mit Meteoren, Donner und Blitz, mit unmäßiger Hitze und Kälte, gewaltigen Winden, Stürmen und Unwettern. Dürre, Hungersnöte, die Pest und alle möglichen anderen Seuchen sind die Folgen, und unzählige Menschen fallen ihnen zum Opfer. Boterus berichtet, daß im ägyptischen Kairo jedes dritte Jahr 300 000 von der Pest hingerafft werden, und jedes fünfte oder im äußersten Fall siebte Jahr fordert sie in Konstantinopel 200 000 Tote. Wie schrecken und ängstigen uns die furchtbaren Erdbeben, die in China, Japan und der östlichen Hemisphäre am häufigsten auftreten und bisweilen sechs Städte auf einmal verschlingen. Wie wütet das Wasser mit Einbrüchen und Überschwemmungen; Dörfer, Ortschaften und Städte versinken, Brücken werden fortgerissen, von Schiffbrüchen gar nicht zu reden. Manchmal gehen ganze Inseln mit ihren Bewohnern unter wie im holländischen Seeland, manchmal werden große Teile des Festlandes überflutet, wie das beim Lake Erne in Irland der Fall war, und wir erblicken nur noch die Überreste von Städten in der offenen See. In den Marschen Frieslands kam 1230 bei einer Sturmflut fast die gesamte Bevölkerung und alles Vieh ums Leben. Wie tobt endlich das Feuer, dieses erbarmungslose Element, das in einem Augenblick ganze Städte in Schutt und Asche legt. Welche ältere oder bedeutende Ansied-lung ist nicht im Verlauf ihrer Geschichte wieder und wieder ein Raub der Flammen geworden und durch dieses mitleidslose Element der Verunstaltung, Verwüstung und dem Ruin anheimgefallen. Mit einem Wort:

Wen das Feuer verschont, holt das Meer,
den im Hafen rafft der Pesthauch dahin,
nach glücklicher Heimkehr fällt die Krankheit den Krieger.

Und um in die Einzelheiten zu gehen - wie viele Geschöpfe sind nicht Todfeinde des Menschen! Löwen, Wölfe, Bären; einige mit Hufen bewehrt, andere mit Hörnern, Fang- und Stoßzähnen, Nägeln und Klauen gerüstet. Wie viele sind nicht giftig wie die Schlangen und bringen uns mit ihrem Stachel, Atem oder bloßem Anblick in Lebensgefahr! Wie viele gefährliche Fische, Pflanzen, Pflanzensäfte, Früchte, Samen, Blumen ließen sich im Handumdrehen aufzählen, deren Berührung oder Verzehr schwere Erkrankungen oder gar den Tod zur Folge hat. Einige Autoren erwähnen etliche tausend Gifte. - (bur)

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