iesin  Es war ihm, als sei er in die Eingeweide der Erde versetzt und stehe allein in einer mächtigen Höhle, umgeben von ungeheuren Säulen rauher, uralter, in unendliche Finsternis hinaufragender Felsen, durch deren ewige Nacht nie ein Strahl des Tages geblickt hatte. Zwischen diesen Säulen sah er riesenhafte Räder, die unaufhörlich mit rauschendem, donnerndem Schwung um und um sausten. Bloß am rechten und linken Ende der Höhle befand sich zwischen den Felsenpfeilern ein leerer Raum, der in Galerien überging; diese waren nicht ganz finster, sondern dämmerig erleuchtet von unsteten, irrenden Feuern, die meteorähnlich bald auf dem rauhen, feuchten Boden hinschlichen wie eine Schlange, bald wild aufschössen und in seltsamen Sprüngen durch das weite Dunkel hinhüpften, jetzt dem Auge verschwindend, jetzt wieder in zehnfachem Glanz hervorbrechend.

Während er staunend auf die Galerie zur Linken blickte, kamen dünne, nebelhafte Gestalten langsam durch dieselbe dahergewandelt und schienen, als sie die Höhle erreichten, in die Höhe zu schweben und zu verschwinden, wie der Rauch im Emporsteigen verschwindet. Erschrocken wandte er sich nach dem entgegengesetzten Ende der Höhle und siehe! aus der Nacht über ihm kamen schnell ähnliche Gestalten und schwebten eilig in die Galerie zur rechten Seite ein, als würden sie unwillkürlich von den Fluten eines unsichtbaren

Stroms getragen. Und die Gesichter dieser Schatten waren deutlicher als diejenigen, welche aus der entgegenstehenden Galerie herauskamen; einigen war Freude, andern Schmerz aufgeprägt; einige glühten von froher Hoffnung, andere schienen von Angst und Grauen gänzlich daniedergeschlagen. So zogen sie fort und fort schnell vorüber, bis die Augen des Zuschauers durch die ewig wechselnde Aufeinanderfolge von Dingen, die durch eine offenbar fremde Kraft angetrieben waren, schwindlig und geblendet wurden.

Er wandte sich ab und erblickte im Hintergrund der Höhle die mächtige Gestalt einer Riesin, die auf übereinandergetürmten Totenschädeln saß, während ihre Hände emsig an einem bleichen, schattenhaften Gewebe arbeiteten; und er sah, daß das Gewebe mit den zahllosen Rädern in Verbindung stand, als leite es den Gang ihrer Bewegungen. Es war ihm, als ob seine Füße durch eine geheime Macht gegen das Weib hingetrieben würden und immer fortschritten, bis er Stirn gegen Stirn vor ihr stehenblieb. Die Züge der Riesin waren hoheitsvoll, still und von heiterer Schönheit. Es war das Antlitz einer jener kolossalen Sphinxe seiner eigenen Vorfahren. Keine Leidenschaft, keine menschliche Bewegung störte die sinnende, faltenlose Stirn; weder Trauer noch Freude, noch Erinnerung, noch Hoffnung stand auf derselben; sie war frei von allem, wofür das unbezähmte menschliche Herz schlägt. Das Geheimnis der Geheimnisse lag auf ihrer Gestalt; sie flößte Scheu, aber nicht Schrecken ein; sie war die Verkörperung göttlicher Erhabenheit. Und Arbaces fühlte, daß eine Stimme aus seinem Mund ging, ohne, daß er selbst hätte sprechen wollen, und die Stimme fragte:

»Wer bist du, und was ist dein Geschäft?«

»Ich bin das, was du anerkannt hast«, antwortete, ohne von der Arbeit zu lassen, das mächtige Gespenst, »mein Name ist Natur! Dies sind die Räder der Welt, und meine Hand bewegt sie zum Leben aller Dinge.« - Edward George Bulwer-Lytton, Die letzten Tage von Pompeij. Frankfurt am Main 1986 (it 801, zuerst 1834)

Riesin (2)

Die Riesin

Zur Zeit, als die Natur, von wilder Kraft durchdrungen,
Gewaltge Kinder trug, hätt ich nach meinem Sinn
Bei einer Riesin gern gelebt, bei einer jungen,
Wie eine Katze streicht um eine Königin.

Wie Leib und Seele ihr bei grimmem Spiel erblühten
Und wuchsen, hätt ich gern erschaut von Anbeginn,
Erspäht, wie in der Brust ihr finstre Flammen glühten
Und Nebel traumhaft zog durch ihre Augen hin.

Mit Muße hätte ich erforscht die prächtgen Glieder,
Gestiegen wäre ich die stolzen Kniee nieder,
Und oft im Sommer, wann der Sonnen kranker Strahl

Sie müde hingestreckt quer durch die weiten Wiesen,
Hätt ich geschlummert in der Brüste Schattental,
Gleich wie ein friedlich Dorf am Fuß von Bergesriesen.

- Baudelaire, übs.  Wolf von Kalckreuth

Riesin (3)

Riesin (4)  Die Riesin lag immer im Bett, durchsichtig und fett, schmollend, sobald er das Zimmer betrat. Genau deswegen, weil er sich abgewiesen fühlte, sagt der Arzt, wünschte er sich immer mehr, in ihr Leben einzutreten, sie womöglich zu heiraten, ihr Diener zu werden. Er brachte ihr Geschenke mit, Schachteln voll Pralinen, Kleider, damit sie sich umzog und nicht immer mit ihrem Turnanzug im Bett blieb. Er betrat das Zimmer mit seinem Geschenk, zeigte es ihr wortlos, sie deutete mit dem Finger auf den Stuhl, wo er es hinlegen sollte, und sofort schaute sie wieder zum Fernseher auf der Kommode. In dem Zimmer lag ein stickiger Geruch, verbrauchte Luft, Schweiß, Fleisch, schmutzige Bettwäsche, alte Blumen, aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, er sagt, dieser stickige Geruch schuf das einzige Gefühl vertrauter Nähe zur Riesin, das ihm gegönnt war. Die schwarz gekleidete Mutter überwachte stets die Bildfläche, als würde sie einen Ansturm auf ihre Tochter fürchten. Er mußte sich an sie wenden: »Wie geht es Milena?« Die Mutter antwortete knapp: »Heute war ihr übel, sie bringt nichts hinunter.« Selbstverständlich waren die Pralinen fehl am Platz, für die Kranke ungeeignet. Die aß die Mutter auf. Der Arzt tat jetzt nur noch so, als würde er die Riesin behandeln, wie es die Ärzte im Krankenhaus häufig machen, sagt er.   - Gianni Celati, Nachrichten für Seefahrer. In: G. C., Cinema naturale. Berlin 2001
 
 

Riesen

 

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