Witz   In heitern Seelen giebts keinen Witz. Witz zeigt ein gestörtes Gleichgewicht an: er ist die Folge der Störung und zugleich das Mittel der Herstellung. Den stärksten Witz hat die Leidenschaft. Der Zustand der Auflösung aller Verhältnisse, die Verzweiflung oder das geistige Sterben ist am fürchterlichsten witzig. - Novalis, Blüthenstaub (1798)

Witz (2) Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges, ein Tambour gemacht. Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigene Hand, den Krieg fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf der Landstraße alles, was ihm an Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von einem Haufen französischer Gendarmen, die ihn aufspürten, ergriffen, nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam verurtheilt ward, erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich . . . eine Gnade aus; und da der Oberst ... ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und sprach: sie mögten ihn in den ... schießen, damit das F(ell) kein L(och) bekäme. - Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß, daß der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger nicht herausging. - "x", Berliner Abendblatt, ca. 1810

Witz (3)  Der Traum ist - obwohl unkenntlich gemacht, immer noch ein Wunsch, der Witz dagegen ein entwickeltes Spiel. Der Traum behält trotz all seiner praktischen Nichtigkeit die Beziehung zu den großen Interessen des Lebens bei; er sucht die Bedürfnisse auf dem regressiven Umwege der Halluzination zu erfüllen, und er verdankt seine Zulassung dem einzig während des Nachtzustands regen Bedürfnis zu schlafen. Der Witz hingegen sucht einen kleinen Lustgewinn aus der bloßen, bedürfnisfreien Tätigkeit unseres seelischen Apparats zu ziehen, später einen solchen als Nebengewinn während der Tätigkeit desselben zu erhaschen, und gelangt so sekundär zu nicht unwichtigen, der Außenwelt zugewendeten Funktionen. Der Traum dient vorwiegend der Unlustersparnis, der Witz dem Lusterwerb; in diesen beiden Zielen treffen aber alle unsere seelischen Tätigkeiten zusammen. - S. Freud

Witz (4)  Der Witz ist die einzig erträgliche Art der Wiederholung längst vergossener Albernheiten. Wo Ernst ist, da sammeln sich die Frösche (Gesinneriche!). Je gekurbelt witziger einer ist (ein Poposten Rhum!), desto mehr hat er unter sich gelassen (einen Posten, Ruhm) . . . Witz? Sich selbst ad absurdum führen (zu Chignol): à la Gallette . . . (Charlot Chaplin: Gerh. Hauptmann - ein Waisenknabe.) . . . Humor aber? Ich sage nichts als: Kempinski (oder: die angelehnte Hintertür für blaulappige Sortiment-Sentiments) . . . O, es existiert ein derart torkeltoller Witz über sich selber, daß man sich zu seinem privatesten Vergnügen einige Monate von einem weiblichen Torso (nun ja) plündern läßt; und in Äußerungen sich hineinspreizt, die Andern das Blut in den Waden stokken machen (sozusagen). Mir machen sie freilich bloß alles sauer. Sauerst. (Die Milch der abgestandenen Denkungsart unter dem Bli- Blitz prengsten Blutes!) . . . Aber auch das ist bloß angenehm, durchaus nicht verständlich . . .- (ser)

Witz (5) Der Witz ist die Krätze des Geistes. Er juckt sich heraus. Wo ein fester Körper ist, kann eine gute Krätze wol eine Letalkrankheit curiren,- wenn sie ordentlich behandelt wird, kann aber auch ein Körperchen aufzehren und zerstören, wenn man sie vernachlässigt. So kann es der Seele mit dem Witze gehen. Ein Witzbold setzt die Tafel ins Pferdelachen, aber hält selten die ernstere Sonde. - (seume)

Witz (6) Der Witz muß über alle Verkehrtheiten des einzelnen und der Gesellschaft Richter sein. Er schützt davor, daß man sich kompromittiert. Er hilft uns, den Dingen ihren Platz anzuweisen, ohne daß wir den unsern dazu verlassen müßten. Er bestätigt unsre Überlegenheit über die Dinge und über die Menschen, die wir verspotten, und die kein Ärgernis daran nehmen dürfen, wenn ihnen nicht Heiterkeit oder Haltung abgeht. Der Ruf, die Waffe des Spottes gut führen zu können, verschafft auch dem geringen Mann in der Welt und in der guten Gesellschaft das Ansehen, das beim Militär die guten Fechter genießen. Einen geistreichen Mann hörte ich einmal sagen: »Entzieht dem Witz sein Recht, und ich komme morgen in keine Gesellschaft mehr.« Es ist eine Art unblutigen Zweikampfes; wie der Zweikampf selbst, macht er den Menschen maßvoller und gesitteter.   - (Chamfort)

Witz (7) Witz ist ein Feuerwerk des Geistes; Gedächtnis und schneller Beobachtungsgeist sammeln die brennbaren Materialien, der Verstand verarbeitet sie, und die muntere Laune zündet sie an zu Ehren der Freude. Das Talent des Witzes wird in der großen Welt wo nicht höher, so doch wenigstens ebenso hoch geschätzt als verschleierte — Unmoralität. Nur schade, daß die Werke des Witzes meist ein Verwesliches und Unverwesliches vereinen wie beim Menschen, und ersteres, oft das Beste, für die Nachwelt verlorengeht. - (kjw)

Witz (8)  Witz ist noch lange kein Genie, wofür viele Witzköpfe ihn halten. Das Genie erfindet, der Witz findet bloß und kann übrigens sehr talentlos sein. Ihm ist alles gleich und frei, das Heilige und Hohe wie das Gemeine, er will nichts als sich und spielt bloß um das Spiel. - (kjw)

Witz (9) Ohne Witz wäre eigentlich der Mensch gar nichts, denn Ähnlichkeit in den Umständen ist ja alles was uns zur wissenschaftlichen Erkenntnis bringt, wir können ja bloß nach Ähnlichkeiten ordnen und behalten. Die Ähnlichkeiten liegen nicht in [den] Dingen, vor Gott gibt es keine Ähnlichkeiten. Hieraus folgt freilich der Schluß, je vollkommener der Verstand ist, desto geringer ist der Witz, oder es muß Seeleneinrichtungen geben, die so gespannt werden können, wie manche Waagen (wieder Witz) daß man sie sowohl zum genau als roher Wiegen gebrauchen kann. - (licht)

Witz (10) In einem Gespräch mit Napoléon Murat (Cahiers de l‘Herne, 1964) sagte Borges: »Wir haben ein wenig für uns selbst geschrieben, und weil das in einer von Witzen bestimmten Atmosphäre geschah, wurden die Geschichten so verwickelt und so barock, daß sie nur noch sehr schwierig zu verstehen waren. Am Anfang haben wir Witze gemacht, und dann Witze zu Witzen, das war wie in der Algebra: Witze zum Quadrat, Witze hoch drei ... Deshalb haben wir mit dem Schreiben aufgehört, weil uns klar wurde, daß es für uns schwierig oder sogar unmöglich war, anders zu schreiben, und daß diese Art des Schreibens reichlich mühsam war, jedenfalls für den Leser.«

Als Beispiel für diese Algebra der Witze können die Pseudonyme, der erfundene Verlag und einige Implikationen stehen. Privates, Halböffentliches und Gelehrtes gehen hier ineinander über, unauflöslich wie die Dreifaltigkeit im Keller von Alejandro Meinong. Bustos Domecq und Suárez Lynch sind zunächst einmal Urgroßväter — Bustos und Suárez sind Vorfahren von Borges, Domecq und Lynch Ahnen von Bioy. Domecq ist auch der Name einer großen Bodega im spanischen Jerez de la Frontera, die neben Brandies wie Fundador vor allem Jerez-Wein (Sherry) herstellt. Gerüchten zufolge haben Borges und Bioy während ihrer Kollaboration gelegentlich munter gezecht — Borges, heißt es, habe Portwein getrunken, Bioy Sherry. Ein Port-Hersteller, Exporteur oder Importeur (in Buenos Aires?) namens Bustos ließ sich nicht feststellen, darf aber möglicherweise angenommen werden. Port ist Oporto, Sherry ist Jerez; wenn man die Reihen Borges — Bustos — Oporto und Bioy — Domecq — Jerez annimmt, gerät man von den letzteren Begriffen einigermaßen mühelos zum Namen des erfundenen Verlags Oportet & Haereses. Die frei als »Gebührlich & Ketzer« o. ä. zu übersetzenden Herren Verleger stammen aus einem Paulus-Brief; 1 Korinther 11:19 lautet in der Vulgata: »Nam oportet et haereses esse, ut et qui probati sunt, manifesti fiant in vobis.« Dieser paulinische Verlag entstand, um Zwei denkwürdige Phantasien in Umlauf zu bringen; beide Geschichten handeln von Offenbarungen, beiden sind Bibelzitate bzw. -verweise vorangestellt. In ›Das Zeichen‹ erfahren wir, daß einer der Verleger tatsächlich Paul(us) heißt: Don Pablo Oportet; und daß er, was Wunder, vor allem Pornographie vertreibt. (Nicht unberücksichtigt soll hier der Besitzer des Dreifaltigkeits-Kellers aus ›Der Zeuge‹ bleiben; laut Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, entwickelte der Philosoph Alexius Meinong »eine Gegenstandtstheorie, d. h. eine Lehre vom Gegenständlichen, ohne Rücksicht auf seine jeweilige Seinsweise, jedoch unter besonderer Berücksichtigung seiner vier qualitativ gesonderten Hauptklassen. Entsprechend den vier Erlebnis-Hauptklassen: Vorstellen, Denken, Fühlen, Begehren unterscheidet M. vier Gegenstandsklassen: Objekte, Objektive, Dignitative und Desiderative. Zu den Dignitativen gehören das Wahre, Gute und Schöne, zu den Desiderativen die ›Gegenstände‹ des Sollens und des Zweckes . . . « Daß Alejandro Meinong den keiner dieser Klassen angehörenden »Gegenstand« Dreifaltigkeit beherbergt, dessen Anblick Wahnsinn und Tod eines kleinen Mädchens auslöst, ist zumindest eine feine Pointe.)

Die genannten Reihen von Borges zu Oportet und von Bioy zu Haereses sind ohne Kenntnis von Biographien, Alkohol und Bibel nicht nachzuvollziehen; im Deutschen ist die akustische Assoziation von Portwein zu Oportet, von Sherry zu Haereses nicht möglich. Vollends hoffnungslos wird alles, wenn man Übersetzungen verfertigt oder konsultiert. Die alles bergende Paulus-Stelle ließe sich frei wiedergeben etwa so, daß es auch Ketzereien geben müsse, damit die Wahrheit durch den Kontrast besonders klar werde. »Es muß auch Ketzereien geben« ist natürlich ein guter Name für einen Verlag, der Pornographie und scheußliche Offenbarungen veröffentlicht. Bei Luther lautet die Stelle, wenig hilfreich: »Denn es müssen Parteien unter euch sein, auf daß die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden«, in der Einheitsübersetzung: »Denn es muß Parteiungen geben unter euch; nur so wird sichtbar, wer unter euch treu und zuverlässig ist.« Die deutsche Bibelfassung führt ebensowenig zu Oportet & Haereses wie die deutschen Entsprechungen von Oporto und Jerez. - Aus: Nachwort zu Jorge Luis Borges, Adolfo Bioy Casares, Mord nach Modell. Frankfurt am Main 1993 (zuerst 1942, 1946)

Witz (11) Man muß schon jeglichen Geistes bar sein, wenn Liebe, Bosheit und Not ihn nicht wecken.  - (bru)

Witz (12) Die echten Witze überraschen den Sprecher wie den Hörer; sie entstehen gleichsam wider Willen oder ohne unsre Mitwirkung wie alles, was Inspiration ist. - (jou)

Witz (13)  Der Witz ist das Epigramm auf den Tod eines Gefühls. - Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches (zuerst 1878)

Witz (14)   Der Witz allein  erfindet, und zwar unvermittelt; daher nennt ihn Schlegel mit Recht fragmentarische Genialität; daher kommt das Wort Witz, als die Kraft zu wissen, daher »witzigen«, daher bedeutete er sonst das ganze Genie; daher kommen in mehren Sprachen dessen Ich-Mitnamen Geist, esprit, spirit, ingeniosus. - Jean Paul, Vorschule der Ästhetik. München 1974 (zuerst 1804 ff.)

Witz (15)   Ein ziemlich berühmter Autor fragte mich einmal, warum wir über Witz lachen. Ich antwortete: ›Tun wir ja gar nicht - jedenfalls die von uns nicht, die Witz verstehen.‹ Vielleicht bringt Witz uns zum Lächeln oder läßt uns zusammenzucken, aber Lachen — Lachen ist der billigere Preis, den wir für eine minderwertige Unterhaltung entrichten, nämlich für Humor. Es gibt Leute, die über alles lachen, wenn sie nur das Gefühl haben, man erwarte es von ihnen. Da man ihnen beigebracht hat, alles Lustige sei Witz, glauben diese umnachteten Personen, aller Witz sei lustig... Humor ist tolerant, sanft; sein Spott streichelt; Witz sticht zu, bittet um Vergebung — und dreht die Waffe noch einmal in der Wunde. Humor ist süßer Wein, Witz trockener; wir wissen, welchen der Kenner vorzieht.  - Nach (bi)

Witz (16)   Mancher wird erst dann witzig, wenn er sich dick gegessen hat, wenn er müde ist - oder recht faul - oder gedankenlos behaglich - wenn der üppige Wuchs und Andrang seiner Ideen gehemmt ist - und er überhaupt körperlich gesättigt ist - wenn er so in Noth ist - daß er über die Noth ist - wenn er nichts mehr zu verlieren hat etc.    - Novalis, Teplitzer Fragmente (1798)

Witz (17)  In Fahnen lese ich Savinios Ibsen-Biographie. Stoße auf die Stelle: »Alles Gute verdanken wir dem Witz, alles Übel dem Ernst und denen, die keinen Spaß verstehen.« Dann zitiert er die Binsenweisheit, die Graf Mosca auf Seite 390 der ›Kartause von Parma‹ ausspricht: »Witz läßt sich mit Mord nicht vereinbaren.« Zum erstenmal, glaube ich, kann ich Savinio nicht zustimmen und, was noch schwerer wiegt, auch Stendhal nicht. Daß ich mit ihnen darin nicht übereinstimme, halte ich insofern für schwerwiegend, als mich ein kleiner Zweifel an ihrer Menschenkenntnis beschleicht, der Kenntnis des menschlichen Herzens, die ich bei Savinio bisher für sehr groß, und bei Stendhal für vollkommen und absolut gehalten hatte. Daß der Witz, der Kalauer, die spitze ironische Bemerkung mit dem Mord unvereinbar sind, mag für die Ausführenden gelten, nicht aber für die Auftraggeber. Im Gegenteil, ich glaube, so mancher Mordauftrag - besonders in Sizilien - wurde in Form eines Witzes erteilt.   - Leonardo Sciascia: Der Ritter und der Tod. Ein einfacher Fall. Zwei Kriminalromane. Berlin 1996

Witz (18)  

Witz (19)   Der Witz paart (assimiliert) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetze der Einbildungskraft (der Assoziation) weit auseinander liegen, und ist ein eigentümliches Verähnlichungsvermögen, welches dem Verstande (als dem Vermögen der Erkenntnis des Allgemeinen), so fern er die Gegenstände unter Gattungen bringt, angehört. Er bedarf nachher der Urteilskraft, um das Besondere unter dem Allgemeinen zu bestimmen, und das Denkungsver-mögen zum Erkennen anzuwenden. -Witzig (im Reden oder Schreiben) zu sein, kann durch den Mechanism der Schule und ihren Zwang nicht erlernt werden, sondern gehört, als ein besonderes Talent, zur Liberalität der Sinnesart in der wechselseitigen Gedankenmitteilung (veniam damus petimusque vicissim*); einer schwer zu erklärenden Eigenschaft des Verstandes überhaupt - gleichsam seiner Gefälligkeit -, die mit der Strenge der Urteilskraft (iudicium discretivum) in der Anwendung des Allgemeinen auf das Besondere (der Gattungsbegriffe auf die der Spezies) kontrastiert, als welche das Assimilationsvermögen sowohl, als auch den Hang dazu, einschränkt.  

 * Wir gewähren und erbitten wechselseitig Wohlwollen

- Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (zuerst 1798/1800)
 

  Gedanken Kombinatorik Überraschung
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  Aehnlichkeit Aberwitz Zote
VB
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