törung   Halb in einem fließenden Wasser stehend, hielt ich mit zwei schwachen Gerten ein Wesen von mir ab, in dem sich der Körper einer Ratte mit einem Schlangenkopf und Schlangenschwanz verband. Ich konnte es in der Schwebe halten, so daß die Strömung es nicht an mich trieb, doch lösten sich hin und wieder kleine schwarze Parasiten von ihm ab und glitten, mit den Beinen tastend, dicht an mir vorbei. Endlich befreite mich aus dieser Lage ein Knüppelhieb, der über meine Schulter hinweg ins Wasser klatschte und dem Wesen den Garaus machte, das nun bäuchlings stromabwärts trieb. Er rührte von einem Bauern her, der hinter mir hemdärmelig im Ufergrase saß und mir gutmütig zunickte. Statt ihm zu danken, wandte ich mich von ihm, nachdem ich ihm gerufen hatte: »Don't disturb me!«  - Ernst Jünger, Gärten und Straßen (2. Februar 1940)

Störung (2) Mache dein Angesicht hart wie Kieselstein, steht in der Bibel, sagte Margot. Ach, die Bibel, sagte Abschaffel; wie heißt das noch mal? Mache dein Angesicht hart wie Kieselstein, wiederholte sie; das soll man tun, wenn man inmitten seiner Feinde ist und nichts tun kann als warten. Ich bin nicht inmitten meiner Feinde, sagte Abschaffel, ich bin inmitten von vielen Leuten, die auf verschiedene Weise damit zurechtkommen, daß sie keine Wahl haben. Margot hielt mit der Hand sein Geschlecht umschlossen. Willst du noch einmal zu mir kommen, fragte sie. Ja, sagte Abschaffel. Diesmal machen wir fein und lang, sagte er. O ja, dann freue ich mich, sagte sie; ich brauche sehr lang, bis ich komme, das hast du ja schon bemerkt. Es ist für mich am besten, wenn ich auf dir sitze. Laß dir Zeit, sagte Abschaffel. Ich meine immer, ich hätte nie Zeit, sagte sie. Oder ich meine, wenn ich zu lange brauche, du würdest mich vielleicht schon lange nicht mehr mögen und nur noch darauf warten, bis endlich alles vorüber ist. Margot saß auf ihm. Beim zweitenmal kann ich sehr lang, sagte er. Sie stützte sich mit gestreckten Armen auf seinen Hüften ab und machte langsame Bewegungen. Geht es dir gut, fragte er. Ja, es ist gut, sagte sie; und dir, geht es dir auch gut? Ja, sagte er; laß dir Zeit. Abschaffel hatte ein Gefühl, als liege sein Unterleib in warmem Wasser. Stört dich nicht dieses Geräusch, sagte sie. Nein, überhaupt nicht, sagte er. Ich brauche nicht nur sehr lange, ich werde auch ganz und gar naß, und das geniert mich noch mehr, sagte sie. Du hast dir viele Störungen eingebaut, wenn du dich vergnügen willst, nicht wahr, sagte er. Ob ich sie mir eingebaut habe, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall sind sie da. Abschaffel griff ihr mit beiden Händen an die Brüste, und sie erschrak etwas darüber. Siehst du, sagte sie, jetzt fängt das an, was ich hasse: Ich meine, du tust alles nur noch aus Entgegenkommen, weil ich viel zu lange brauche. Du bist zwanghaft, sagte er; wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich jetzt konsequent meine Befriedigung im Auge behalten und sonst nichts, statt dessen läßt du dauernd deinen Störungen den Vortritt. Sie verkürzte ihre Bewegungen und führte sie mit größerer Regelmäßigkeit aus. Sie atmete kurz, und Schweiß von ihren Schultern tropfte auf Abschaffel herab. Tatsächlich sagte sie nichts mehr. Während sie sich heftiger bewegte, begann sie zu weinen. Ich möchte meinen Kopf auswechseln, meinen Kopf möchte ich auswechseln, sagte sie heulend, mein Kopf ist dagegen, daß ich es kriege. - (absch)

Störung (3) Noch bevor der in den Käfig geworfene Frosch in Erfahrung gebracht hat, in welcher Gesellschaft er sich befindet, ist er von einer behenden Natter bereits an einem Hinterbeine gepackt worden  und arbeitet mit den übrigen Gliedern vergeblich,  sich loszuringen, wandert vielmehr langsam und sicher weiter und weiter in den Schlund der Natter, hierbei mit kläglich erscheinenden Bewegungen seiner Vorderfüße gleichsam der schnöden Welt ade sagend.

 Im Laufe der Nacht findet gewöhnlich auch das einer Giftschlange gebotene Tier sein Ende; sehr häufig aber bemerkt man, daß die Schlange ihr Opfer nicht weiter berührte. Man darf wohl den Schluß wagen, daß das boshafte Geschöpf jenes einzig und allein aus Ingrimm und Ärger über die verursachte Störung getötet hat.  - (brehm)

Störung (4) Enrico Altavilla, Forensische Psychologie, Band I, Der psychologische Prozeß und die gerichtliche Wahrheit, Sechstes Kapitel, Die Störungen des psychischen Prozesses: 1. Das Bewußtsein und seine Störungen, 2. Störungen und Krankheiten der Sinnesorgane, 3. Illusion und Halluzination, 4. Wahrnehmungs- und Gedächtnisillusionen, 5. Gesichtsillusionen, 6. Gehörsillusionen, 7. Geschmacks- und Tastillusionen, 8. Illusionen des "Gemeingefühls" = coenästhetische Illusionen, 9. Erwartung und Illusion, 10. Der Einfluß früherer Wahrnehmungen, 11. Affekte und Illusionen, 12. Illusion und Suggestion, 13. Illusionen und Geisteskrankheiten, 14. Halbschlaf und Illusionen, 15. Illusion und Fehlbeurteilung, 16. Halluzinationen, 17. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit und Affektzustände, 18. Gesichts- und Gehörshalluzinationen, 19. Reflexhalluzinationen, 20. Pseudohalluzinationen, 21. Halluzinationen und Wahnzustände, 22. Das Delirium, 23. Die hypnagogischen Halluzinationen, 24. Die negativen Halluzinationen, 25. Bewußtseinsstörungen, 26. Störungen des Denkens, 27. Die Aufmerksamkeitsstörungen, 28. Die Dynamik des Gedächtnisses, 29. Die Störungen des Gedächtnisprozesses, 30. Die Amnesien, 31. Generelle Amnesien, 32. Partielle Amnesien, 33. Die verzögerte Amnesie, 34. Lücken im psychischen Leben, 35. Die Zweifelsucht, 36. Die Gedächtnisverfälschungen, 37. Amnesie und Erinnerungswiederherstellung, 38. Irrtümer in der Orts- und Zeitbestimmung, 39. Kryptomnesie und Paramnesie, 40. Verwechslung von Entschluß und Ausführung, 41. Einbildung und Wahrnehmung, 42. Der Eindruck des "schon erlebt" == dejà vu, 43. Die Suggestion. - Nach (net)

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