uflösung  Schmögner führt in seinem Atelier seit vielen Jahren Experimente mit sich zersetzenden Früchten durch. Er ist fasziniert von solchen biologischen Prozessen, die durch Zerfall den Nährboden für neues Leben schaffen. Dabei charakterisieren diese Themen nur einzelne Phasen im Gesamtwerk Schmögners. Auch Liebe und Tod, die zentralen Themen des Lebens, tauchen immer wieder bei ihm auf. Dabei hat der Tod nicht jenen schreckerfüllten Ausdruck, der ihm gewöhnlich zugeordnet wird. Die Verwesung der Birne läßt ja deren Kern unversehrt, die ökologische Betrachtungsweise läßt den Tod nicht als endgültigen Abschluß zu.

Die Vielfalt der Thematik verhindert eine Erstarrung von Schmögners Schaffen. Ständig oszilliert er zwischen Skizzen und Tagebüchern auf der einen Seite, genau gemalten Bildern und Objekten auf der anderen. Es "bereite ihm sinnliches Vergnügen zu sehen, wie sich Altes und Neues anhäufe, er werfe Dinge nicht weg, denn sie bekämen den gewissen Reiz erst dann, wenn man sie nicht brauchen könne", sagte Schmögner einmal im Gespräch. So ist es nicht verwunderlich, daß die Darstellung der "Auflösung" auf einer Briefmarke von einem Künstler, der solche Gedanken denkt und lebt, zu heftigen Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt hat.

Schmögner-Briefmarke

Der österreichischen Post ist es zu danken, daß sie auch umstrittenen  Werken auf ihren Briefmarken einen Platz einräumt. - Die weitere Entwicklung Schmögners? Wie immer sie verlaufen wird: Der Kunstkritiker wird es wahrscheinlich nicht leichter haben als heute, ihr zu folgen. - ©

Auflösung (2) Als die Sonne der Auflösung über mich leuchtete, verbrannte sie beide Welten so leichtlich wie ein Hirsekorn. Als ich die Strahlen dieser Sonne sah, bin ich nicht gesondert geblieben: Der Wassertropfen ist ins Meer zurückgekehrt. Ob ich auch in meinem Spiel zuweilen gewonnen und zuweilen verloren habe, zuletzt warf ich alles in das schwarze Wasser. Ich bin ausgewischt worden, ich bin verschwunden: nichts ist von mir geblieben. Ich war nur noch ein Schatten. Kein kleinstes Stäubchen war von mir da. Ich war ein Tropfen, im Ozean des Geheimnisses verloren, und jetzt finde ich auch diesen Tropfen nicht mehr. - Ferid-ed-din Attar, nach: Hans Peter Duerr, Sedna oder die Liebe zum Leben. Frankfurt am Main 1984

Auflösung (3) Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in dem gleichmäßigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren, fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich, anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern, erhielten die Traumstädter den Befehl, alle Kadaver in den Fluß zu werfen. Diese Anordnungen waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen schlug einem Leichengeruch entgegen. — Von dem Lampenbogenschen Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein großes, dreieckiges Loch konnte man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.

Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken hing er in großen weißlichen Lappen.

Das Holzhäuschen des Flußaufsehers brach unter der Last seines zu Moos gewordenen Daches.

Das Kaffeehaus starb wie eine Kokotte, die sich bemüht, den äußeren Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Außen war es scheinbar gut erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren konnte. Man sah darin ein paar weiße Knöchelchen, und zwischen beiden stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war. - Alfred Kubin, Die Andere Seite. München 1975 (zuerst 1909)

Auflösung (4)    Murger liegt im Sterben an einer Krankheit, durch die er bei lebendigem Leib verfault, an einem Senil-Gangrän, das durch Rußbrand kompliziert ist, etwas Furchtbarem, wobei man in Stücke zerfällt. Als man ihm neulich den Schnurrbart stutzen wollte, kam mit den Haaren die ganze Lippe mit. Ricord (der Arzt) meint, wenn man ihm beide Beine amputierte, könnte man sein Leben vielleicht um acht Tage verlängern.  - (gon)

Auflösung (5) Ich träumte: »am Himmel stände noch ein Mond, ferner ein FürstenBruststück. Mir war banger vor Welt-Auflösung — besondere Grau Farbe des Himmels — jetzt ein Schall — Jetzt gibts keine Naturgesetze mehr, alles wird aufgelöset und ist ein Traum.« Erwachte.  - (idg)

Auflösung (6)  Hat diese Suche, die mich über all die Straßen hin vorantreibt, immer nur ein und denselben Grund? Manchmal schien mir, als strebte ich nach der endlich gegründeten Herrschaft eines reinen Elements — Baum, Grasland, kahle, endlose Hochebene —, um mich, nach einem Wort von Eluard, das immer Unruhe in mir ausgelöst hat, in sie einzufügen und in ihr aufzulösen »wie ein Stein im Himmel«.  - (grac)

Auflösung (7)  Es war, als ob ich ganz in einer schwarzen Hitze aufgelöst wurde, das Licht des Himmels blendete mich noch hinter den geschlossenen Lidern, während der Regen in den Schlamm auf meiner Brust spritzte und rings auf dem Wasser des Sees kochte, während vertrocknete Pflanzenstrünke aufgeweicht wurden und faulig zu dünsten begannen, während der Regen im Schilf knisterte und rauschte, als wolle er es niederbrechen oder aufrichten ... und unter der Last der siedenden Dünste ringsumher schoß etwas aus meinem Körper, einem trüben Schmerz vergleichbar, ein hartes Etwas in mir, das aufgelöst und verflüssigt worden war, und das mich mit ungeheurer Leichtigkeit verließ, nur daß meine Lenden aufgeflammt waren und wieder erloschen, ein kurzes Aufbäumen und Strecken meiner gefangenen Wirbelsäule nur, und ich war wieder still, plötzlich war ich weich und gefühllos, selbst nur noch Fäulnis und Wasser, und ununterscheidbar von den Elementen um mich und über mir, mit denen ich mich vermischt hatte. - Wolfgang Hilbig, Kommen. In: W.H., Der Schlaf der Gerechten. Frankfurt am Main 2003

Auflösung (8) Die Sonne wird blass und löst sich wie bei einem Zaubertrick in eine Regenwolke auf. Danach ist es übergangslos Nacht. Zwei Ringer wälzen sich auf einem Platz im Staub. Sie werden mit Taschenlampen angeleuchtet. Fährt ein Streifenwagen vorbei, verlöschen die Lampen, und für einen Moment kehrt Ruhe ein. Eine Frau  einen Mann in einem Rollstuhl. Aus den Kanaldeckeln steigt warmer Dunst auf. - (raf)

Zerfall
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