ean-Paul-ABC

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Antikritik 

Ballonfahrt  Der Donner rollet immer lauter und voller heran, und doch stehen die weißen Wettergebürge noch so niedrig im Himmel. — O Teufel, er kommt aus einer Schlacht! - Soldatenhaufen sprengen über Hügel - Landleute rennen - ein Dorf brennt als Wachfeuer - in einem Garten seh' ich tote Pferde, und ein Kind trägt einen abgerissenen Arm fort.

Nun seh' ich die Ebene und die Rauchklumpen, die die brennende Hölle auftreibt. Wie mich hineingelüstet! Mein Wind läuft gerade über das dunkle, breite Sterbebette der Völker; und da will ich mich in den entzündeten Schwaden senken und mitschäumen wie der elende Mensch. - Ich höre nur die dumpfen Axtschläge, womit der Tod sein Schlachtvieh trifft, aber noch keine Stimme des Viehs - Ringsum im Blauen liegen die Gewitter des Himmels ruhig an der Erde und schauen gerüstet zu, bis sie aufstehen und auch in die Schlacht ziehen. — Was willst du auf meiner Kugel, schwerer niederdrückender Räuber? Hast du ein Kind von einer stillen Alpe geholt 1  und willst es hier verzehren, wie Direktoren ein Hirtenland? Fort, du bist der schwarze Hahn, der diese Nacht nach meinem Herzen grub — O wie hoch ist seit zwei Minuten der Jammer gewachsen!

Entsetzlich! — Jetzt darf ich sie recht hassen, die Menschen, diese lächerlichen Kauze und Weisheitsvögel im Hellen, die sogleich zerrupfende Raubvögel werden, sobald sie ein wenig Finsternis gewinnen. Nur mit Schießpulver tun sie alles; nur damit reinigen sie die Kerkerluft der Länder; damit machen sie die Wunde, die ihnen das wütige Laster gebissen, weiter und heil. Jahrhundertelang arbeitet die Habsucht in ihrer Silberhütte, und dann ist endlich in den Giftfängen eurer Herzen so viel Arsenik angelegt, daß mit dem Hüttenrauch alles, was lebt und blüht, fahl und kahl zu machen ist. Himmel! wie zog heute der Edelstein der zweiten Welt die Spreu von Seelen gierig an! Und unten stand der Teufel und hatte einen kleinen Markt mit Gliedern für Leute aufgeschlagen (z. B. Fürsten und Direktoren), die an ihre Heiligen gern Votivglieder hängen wollen, um für ihre salvierten zu danken.  

1 Er sieht den Lämmergeier, der in der Schweiz oft Kinder raubt. D. H.

- Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch

C                                                                                                                                                                                                                                       

Deutsche   Die Deutschen wie das Gras, erst gemäht riecht es gut.   - (idg)

Ehe

Fingerpatina

Gewitter  Städte sind unter Wolken, Gletscher voll Glut, Abgründe voll Dampf, Wälder finster, und Blitze, Abendstrahlen, Schnee, Tropfen, Wolken, Regenbogen bewohnen zugleich den unendlichen Kreis.

Jetzt gähnet ein Wolken-Rachen vor der Sonne; noch seh' ich einen Sennenhirten mit dem Alphorn, dessen Töne nicht herüberreichen, am purpurnen Abhang unter weißen Rindern, und ein Hirtenknabe trinkt an seiner Ziege den Abendtrank. — Wie lebt ihr still im Sturme des Seins! - O die schwarze Wolke frisset an der Sonne! - Das erhabene Land wird ein Kirchhof von Riesengräbern, und nur die weißen, hohen Epitaphien der Gletscher glänzen noch durch. — —

Ich bin geschieden von der Welt - die unendliche Wetterwolke überdeckt die Schweiz und alles - unter dem schwarzen Leichentuch regnet es laut unten auf der Erde - es blitzt lange nicht und zögert fürchterlich. — Sterne quellen oben heraus, und mir ist, als schwämmen ihre matten Spiegelbilder als silberne Flocken auf dem düstern Grund - Ha! der Wind kehret um und treibt mich mitten über die stumme, gefüllte Mine, deren Lunte schon glimmt. Wie düster! Ach unter der Wolke werden noch Bergspitzen in sanftem goldnen Abendscheine stehen.

Kein Blitz, nur Schwüle! - Aber ich merke, die Wolke zieht mich zu sich. Ach! jetzt wölbt sich auf einmal zusehends ein zweites Gewitter über mir; beide schlagen dann gegeneinander, und eines greift mich, jetzt versteh' ichs.-

Bis auf die letzte Schlag-Minute schreib' ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.

Nun geraten schon die Enden der Gewitter aneinander und schlagen sich. -Wie höllenschwül! - Oho! jetzt riß es meinen Charonskahn in den brauenden Qualm hinab! - Ich sehe nicht mehr - Was ist das Leben - die feigen hockenden Menschen drunten singen jetzt gewiß zu Gott, und die Erbärmlichen werden gewiß jeden vermahnen bei meinem Leichnam - Wie es hinauf- und hinabschlägt - In Wörlitz war mein letzter Tag, das ahnete ich ja - Himmel! der heutige Traum hat ja mich und mein Ende klar geträumt; er soll auch ganz wahr werden, und ich will jetzt mit meinem Posthörnchen wütig ins Wetter blasen, wie ihr Mozart drunten im Don Juan, und den Heuchlern auf dem Boden den Anbruch des Jüngsten Tages weismachen - -  - Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch

Hölle  Rothe Herzen zucken eingefroren in Eismeer — Hinter allen Welten geht ein Ton fort: Wehe — eine Sonne um die andre tropfte in das Pechmeer und zerran im kochenden Ozean — vor den Seelen stand die durchsichtige Erde in der sie ihre Gestalten modern sahen — jede Qual, die sie auf der Erde zurükgelassen hatten, fühlten sie, jede Wunde hier wurd‘  ihre und sie litten alles Fremde — der Schimmer des Elysiums streifte golden durch den Rauch ihres Qualortes — jedes Jahrtausend waren sie an die alte Marter gewöhnt, da zog aus dem Horizont, wo ein Nachtschlund über den andern drükte, ein neues Gewitter über sie und hinter jeder Wolke standen unzähliche — Horion dachte, er wäre verdamt, wil sich bessern und indem ers ist, indem er betet, erwacht er wie Abadonna — Hände ohne Körper griffen, Köpfe ohne alles grinzten, neben jedem Ohr redete fort eine unsichtbare marternde Zunge — eine Uhr ohne Weiser und Glocke gieng. (Horion war der einzige Verdamte, der Mitleiden fühlte) —alle Morgen gieng eine verfinsterte Sonne auf — die Zahl ihrer Jahre stand in 1 auf einer drehenden Kugel — an rothen Messinghänden klebte vor Kälte die andre — nach einer Jahrmillion geht ein Engel mit einer Laute vorüber, die Hölle ruht und ihre Martern, der ewige Sturmwind stokt — dan weint ein Volk um andre, alle blutende zerfressene Herzen zucken unter der Wollust, die Wolken sinken nieder, der Himmel wird blauer — vor jedem geht seine Jugend und seine hiesigen Paradiese vorüber — im durchlöcherten Busen schwilt und hängt wie Queksilber im Flor, der Wonnestrom.

— Dan vergeht die Laute und der Engel springt als höchster Teufel unter die thränende Menge — alle Qualen stürzen wieder hinein ‹hinter ihm nach›, der Sturm rent an, alles bebt und die Hölle schreiet vor Wut ‹Schmerz› und dann vernichten die sich selbst, die das höchste ‹tiefste› Maas des Wehs getrunken haben. Horion stand auf einer einsinkenden Säule, auf der er noch die halbe Sonne der andern Welt sah roth bestralt und die Säule stand mitten im Pechstrudel und wurde kürzer und die Sonne winziger — der Engel mit der Laute kam gerade — gestorbne Seelen liegen dort — werden am meisten durch Vorhersehung, durch Phantasie geplagt — Verdamte träumen, lebend aus dem Sarg zu wollen.

Alle Jahrtausende giessen Geister Blei; allemal Klumpen; jedes gelittene Jahr verdoppelt sich mit sich selbst — reden rükwärts, gehen rükwärts. - (idg)

Hochwohlgeboren

Ich  Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift überstandenl Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs, Erbosung, Entzückung, Liebe und dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so seh' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen Glaubens-idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht, ist so. Wozu dients? - Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als war' ich nichts gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an, und mir ist, als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, was daranhängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusieht; zumal unter einer, in der Liebe.

Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst: so sag' ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heißen Wogen der Gefühle höher, dann wirst du dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sie erst, und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr Geschöpf. Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wütend und zackig und schäumend aufriß und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah; — so werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.

Glaubst du, daß die Romanen- und Tragödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die alles, Gottheit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft haben, anders sind als ich? Was sie - und die Weltleute — noch reell erhält, ist der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluß-Welt und Fließ-Welt. - Die Affen sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind — nicht bloß vor höhern Wesen, wie Pope von Newton sagt - sondern auch hier unten Affen, im ästhetischen Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust und — Lustigkeit.

Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen über das höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrängt, eh' man sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts. - Titan (1800-1803)

Jugendliebe    Nieß fragte: ob er nicht in der Jugend Verse gemacht? »Pope« — gab Katzenberger zur Antwort - »entsann sich der Zeit nicht, wo er keine geschmiedet, ich erinnere mich derjenigen nicht, wo ich dergleichen geschaffen hätte. Nur einmal mag ich, als verliebter Geßners-Schäfer und Primaner, so wie in Krankheiten sogar die Venen pulsieren, in Poetasterei hineingeraten sein, vor einem dummen Ding von Mädchen — Gott weiß, wo die Göttin jetzt ihre Ziegen melkt. — Ich stellte ihr die schöne Natur vor, die schon dalag, und warf die Frage auf: sieh, Suse, blüht nicht alles vor uns wie wir, der Wiesenstorchschnabel und die große Gänseblume und das Rindsauge und die Gichtrose und das Lungenkraut bis zu den Schlehengipfeln und Birnenwipfeln hinauf? Und überall bestäuben sich die Blumen zur Ehe, die jetzt dein Vieh frißt! - Sie antwortete gerührt: wird Er immer so an mich denken, Amandus? Ich versetzte wild: Beim Henker! an uns beide; wohin ich künftig auch verschlagen und verfahren werde, und in welchen fernen Fluß und Bach ich auch einst schauen werde — es sei in die Schweina in Meiningen - oder in die Besau und die Gesau im Henneberg -oder in die wilde Sau in Böhmen — oder in die Wampfe in Lüneburg - oder in den Lumpelbach in Salzburg - oder in die Sterzel in Tirol - oder in die Kratza oder in den Galgenbach in der Oberpfalz — in welchen Bach ich, schwör' ich dir, künftig schauen werde, stets werd' ich darin mein Gesicht erblicken und dadurch auf deines kommen, das so oft an meinem gewesen, Suse. - Jetzt freilich, Herr von Nieß, sprech' ich prosaischer.«  - (katz)

Kritiker  Was hilft es mir, daß ich diese neue Auflage des Siebenkäs mit den größten Vergrößerungen und Verbesserungen, die nur in meiner Gewalt standen, ausgestattet herausgebe? Man wird sie wohl kaufen und lesen, aber nicht lange studieren und ausführlich genug beurteilen. Die kritische Pythia gab mir, wie die griechische andern Fragen, nicht gern Orakel und zerkäuete höchstens die Lorbeern, ohne sie aufzusetzen, und weissagte wenig oder nichts. So erinnert sich der Verfasser dieses noch recht gut, daß er sich z. B. über die zweite Auflage seines Hesperus gemacht mit der Baumsäge in der linken Hand und mit dem Okuliermesser in der rechten und damit außerordentlich gearbeitet am Werke; aber vergeblich sah er auf weitläuftige Anzeigen davon in gelehrten und ungelehrten Blättern auf. Und so kann er in seinen neuen Auflagen (Fixlein, die Herbstbluminen, die Vorschule, die Levana sind die Bürgen und Zeugen) wirtschaften, wie er will, neue Bilder aufhängen und alte umwenden — Gedanken ausquartieren und Gedanken einquartieren - Charaktere dort zu bessern Auftritten und Gesinnungen anhalten und hier zu schlimmem — kurz, er kann in der Auflage tausendmal gewalttätiger haushalten als wie ein Rezensent oder ein Teufel: keiner von beiden merkt es und sagt der Welt ein Wort davon; aber auf diese Weise lern' ich wenig, erfahre nicht, wo ichs recht oder schlecht gemacht habe, und büße etwaniges Lob ein.  - Vorrede zum Siebenkäs

Leser  Der allerkälteste Leser hält den Verfasser keiner kritischen Besserung für fähig, der allerwärmste keiner für bedürftig; beide kommen nur im Satze zusammen, daß ihm alles bloß so natürlich entfahre und entschieße wie den Blattläusen hinten der von Bienen so gesuchte Honigtau, daß er aber nicht wie die gedachten Bienen den Honig mit dem dazu gehörigen Wachse künstlich zubereite. - Vorrede zum Siebenkäs

Matrose  Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-journal von ihm unter dem Titel »Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten« heraus. Wahrlich, war' ich ein säkularischer Mensch wie Shakespeare: ich riebe mich vor Ärger auf, daß die Wochenmenschen, die Allermannsseelen mich nur angreifen dürften mit ihren schmutzigen Augen; die ersten Christen, die Griechen, die Ägypter hatten mit größerem Rechte Verbote der heiligen Bücher, als wir letzten Christen Verbote der unheiligen. Ich aber als ein schlechter Monatsheiliger mag mich allenfalls mit den Monatsrettichen, die unter mir grünen und feststecken, und mit den Mai-, Junius- und Juliuskäfern, über die ich hinfliege, und mit den Unterhaus-Gemeinen gemein machen und verunreinigen und kann ohne Schaden allgemein gelesen werden. Nähr' ich doch dabei die Hoffnung, daß ich die Allermannsseelen recht damit in Ärger setze. Euch, ihr Brüder meines Herzens, aber lass' ich den Matrosen-Almanach als einen Ordensbecher nach, woraus ihr den Labe-und Leichentrunk nehmen sollt, wenn ihr lange Flore aufsetzt und umbindet, bloß weil euer Giannozzo den Hals gebrochen. - Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch

iesen  Wenn man nieset, wil man ein Wort sagen.  

Ich niese gern; um aber dieß oft zu thun, muß man kein Schnupftuch nehmen

Kein Mensch hat es noch in Druk bemerkt, daß es ein Vergnügen ist, zu niesen. 

Manche halten sogar das Niesen für zu kühn und laut.

Um lange fortzuniesen — kein schwaches Vergnügen — so athme man nur sogleich nach dem Niesen durch die Nase aufwärts; überhaupt ist die Kunst und Nothwendigkeit des Niesens noch wenig bestimmt.  - (idg)

riginalität

P

Q

Rendezvous  Er schlug Theodan den Nachtgang ins rechte Nachtquartier der Menschen, in den Gottesacker vor. Sie nahm es ohne Umstände und Ausflüchte an; so gern sie lieber ihre heutige Herz-Enge nur einsam ins Weite getragen hätte; Furcht vor bösen Männern vorher und vor bösen Zungen nachher war ihr ungewohnt. Als nun beide im Mond-Helldunkel und im Kirchhofe waren, und Theoda heute beklommener als je fortschritt, und sie vor ihm mit dem neuen Ernste (einem neuen Reize) dem alten Scherze den weichen Kranz aufsetzte, und als er den Mond als eine Leuchtkugel in ihre Seelen-Feste warf, um zu ersehen und zu erobern: so hört' ich deutlich, daß hinter ihm mit etwas anderm geworfen wurde. Er schaute sich um und sah gerade bei dem Gitter-Pförtchen einige Totenköpfe sitzen und gaffen, die er gar nicht beim Eintritte bemerkt zu haben sich entsinnen konnte. Inzwischen je öfter er sich umkehrte, desto mehr erhob sich die Schädelstätte empor. Sehr gleichgültige und verdrießliche Gespenster-Gedanken wie diese bringen um den halben Flug, und Nieß senkte sich.

Katzenberger — von dem kam alles — hatte sich nämlich längst in unschuldiger Absicht auf den Gottesacker geschlichen, weniger um Gefühle als um Knochen einzusammeln, das einzige, was der Menschenfresser, der Tod, ihm zuwarf unter den Tisch. Zufällig war das Beinhäuschen, worin er aus einer Knochen-Ährenlese ein vollständiges Gerippe auszuheben arbeitete, am Eingangs-Gitterpförtchen gelegen und hatte mehr den Schein eines großen Mausoleums als eines kleinen Gebeinhauses. Katzenberger hörte das dichterische Eingehen und zwei bekannte Stimmen, und er sah durch das Gitter alles und erhorchte noch mehr. Die Natur und die Toten schwiegen, nur die Liebe sprach, obwohl keine Liebe zur andern. - (katz)

Schreien  Komme nur endlich herein ins Leben, lieber Fibel, so winzig und anonym du auch noch bist! Du wirst schon mit der Zeit fünfte- oder sechst-halbe fuß hoch und bekannt und benannt genug, wie ja wir alle! Der neugeborne Zwerg bleibt stets die erste Kapsel des unsichtbaren Riesen, der später mit Bergen nach Himmel und Hölle wirft. — Mein Anruf an den ungebornen Schriftsteller, daß er endlich in die Geburt und Welt trete, kommt nur den Lesern unnütz vor, die alle nicht wissen, daß er vor dem zehnten Monate noch gar nicht geboren war.

Endlich eines Tages stand sein Vater, ein armer Vogelsteller und Invalide, eben hinter einem Finkenkloben, den er zum Fenster hinaushielt, und lauerte auf den anhüpfenden Finken, um ihn an der Fanggabel hereinzuziehen, als ihm die Wehmutter aus der Klage-Kammer die frohe Botschaft brachte, es komme ein lebendiges Kind; dies veranlaßte ihn, den Kopf langsam umzudrehen und leise zu sagen: »Still!« Aber eben da er den Finken am Fangholze hereinzog, stand die Hebamme schon mit Fibeln auf beiden Armen vor ihm und hielt ihm ihn hin; er gab (Fibel und der Finke schrien erbärmlich, und jeder anders) bloß die Worte von sich — und griff nach dem Vogel und sah den Kleinen an —: »Hab' ich ihn?«. - (fibel)

Teufelsbeichte

mstände, gesegnete

erb    Der Verfasser hat schon vor vielen Jahren ein kleines Wurzel-Register der sinnlichen und ein größeres aller Zeitwörter verfasset zum allgemeinen Besten seiner selber; die Haupteinteilung ist in die intransitiven und in die handelnden Verba. Der intransitiven der Bewegung nach einem Orte z. B. sind über 80 (gehen, schreiten, rennen, stürzen etc.), der handelnden über 70 (legen, stellen, werfen etc.); jetzo diese unendlich fortgepflanzt durch: be, an, ein, auf, ver etc. etc. Für den Schall haben wir 100; vom allgemeinen an: rauschen, hallen etc. zum bestimmtem: knallen, schmettern etc.; dann zum musikalischen: klingen, tönen etc.; dann zum menschlichen: flüstern, lallen, plärren etc.; dann zum reichen tierischen: schnattern, piepen, zirpen etc. - Als kürzeste Probe setz' ich die Verba einer gewissen Bewegung im Orte, nämlich der zitternden, her: zittern, wirbeln, wanken, schwanken, nicken, zappeln, flattern, zucken, tanzen, taumeln, gaukeln, schaukeln, beben, wogen, wallen, schwindeln, wedeln, wackeln, schweppern, schlottern, bammeln; jetzo noch enger: runzeln, kräuseln, fluten, gären, kochen, wirbeln, sprudeln, brudeln, strudeln, sieden, ringeln, perlen, flackern; — dann handelnd: regen, rühren, schwenken, wiegen, rütteln, gurgeln, schütteln, schüttem, schaukeln, schwanken, kräuseln, fächern, quirlen, wirbeln, ringeln, fälbeln, lockern. — Ungeheuer ist der Reichtum an den Wörtern a) des Sterbens b) und des Tötens; aber am meisten des Hassens und Trennens. Nicht halb so reich ist die Sprache für paaren, gatten etc.; ganz arm für Wörter der  Freude. - Vorschule der Ästhetik. München 1974 (zuerst 1804)

elt, ideale

Wesen  Ich hörte (träumte mir) ein weites Stöhnen im Finstern, aber wohin ich mich kehrte, von daher schien es mir zu kommen. Endlich ging es lauter aus der Pforte eines Tals heraus, vor der eine Sphinx lag, welche ihre Löwentatzen in ihr Mädchengesicht schreiend eingrub, und sich die Augen auszog, die noch in den Krallen fortweinten und funkelten. Da füllte sich der Tal-Eingang mit einem seltsamen Wesen, das eine griechische Furienmaske mit vorgewölbten gläsernen Augen auf dem Gesichte trug, und zwischen dessen Gliedern überall Spinnen emsig spannen, um Gewebe anzulegen. Das Wesen verbeugte sich ungemein demütig vor mir, und küßte sich die Hand, deren Finger halb so lang waren als die Ellenbogen. Die Sphinx winselte sehr, aber das Wesen riß ihr den Jungfrauenkopf ab und warf ihn über einen Baum hinüber. »Der werte Herr«, fing das Wesen an, »kann nun in den Talgang eintreten; das Vieh läuft jetzo herum nach seinem Kopfe und hauet und beißt also den werten Herrn nicht. Scheuet derselbe sich nur nicht vor meiner Maske — mein Gesicht sieht viel anders aus — so kann ich ihn durch die Talstraße vor eines der artigsten und frischesten Schlachtfelder und Schlachtäckerchen führen, erst seit gestern angesäet. Nur ist leider noch wenig mehr lebendig für den Liebhaber, und ich ließe gerne Manchen aufleben und noch einmal verbluten für den werten Herrn, wenn ich damit nicht den Tod, der ein hitziger Mann ist, aufbrächte.

Es trat höflich rückwärts über die Pforte ein, und ich folgte ihm in ein langes, von zwei schwarzen Felsenrücken gezogenes düsteres Tal. Der Himmel leuchtete mit nichts in die Finsternis hinunter, als mit einem roten Kometen, welchem sein einziges Auge funkelte, und dem vor Mordlust der Schweif sich heftig bewegte, wie bei einem Tiger. Verschiedne Wagen mit abgenommenen Händen, die einander anfaßten entweder zum Gebet, oder zum Zerreißen, kamen uns auf unbeweglichen Rädern leise entgegen, und ein kleiner Wagen voll offner Augen ohne Augenlider, die einander grimmig ansahen und abspiegelten. Ein langer metallner Sarg auf Kanonenrädern wurde von eisernen Elefanten schwer geschleppt, mit weißen Buchstaben stand darauf: Asche des zehnten Heers; er wurde um die enge felsige Talkrümme wie ein gefällter langer Baum mit entsetzlicher Kraft gezogen, und mußte, zu schwer vollgedrückt, sich krummen, und sein Ende wollte lange gar nicht kommen, und nachschleifen.

»Werter Herr, die Talstraße ist lang, und wir haben noch fünf Ecken oder Leiden-Stationen nach dieser zu passieren, eh‘ wir an die eigentlichen Schlachtfeldereien kommen. Etwas flinker! Droben schlägt‘s schon zwischen elf und zwölf Uhr«, sagte das Wesen, und zeigte auf einen brennenden Turm, in welchem die glühenden Uhrräder sprühten, und der Stundenhammer mit jedem Schlag an der schmelzenden Glocke widrig dumpfe Tropftöne, oder Klingtropfen abschlug. »Ich beteure, Teurer«, fuhr es fort, »man weiß auf Erden kaum, welche Zeit es ist, so sehr mengt die Ewigkeit sich immer zur Unzeit in die Zeit, und Glockentürme sind mir ohnehin äußerst fatal.« Jetzt waren seine Spinnen zu Taranteln geschwollen, und stachen alle seine Glieder; aber gemütlich tanzte das Wesen den Sturmtanz, und die abspringenden Taranteln tanzten ihm unten in guten englischen Tänzen entgegen. Darüber zersprangen dem Wesen die zwei Glasaugen der Furienlarve, hinter welchen ein grausend aufgedrehtes Augenweiß seellos starrte. - Ein Traum von einem Schlachtfelde

X   

 

- (fibel)

Y

unehmen  Er warf mir neulich ein, daß er wol nicht tod sein könte, seine Selenlosigkeit ungeachtet, denn er nehme immer zu: allein ich versezte, daß die, welche vom Gifte getödtet worden, auch aufschwellen.    - (idg)

 

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Verwandte Begriffe
Synonyme
Xanthippe